Die permanente Neuerfindung des Rades

3. April 2008 at 22:11 | In Schule + Bildung | Leave a Comment

…wird vor allem im pädagogischen Bereich (sprich: Schule) immer wieder gerne vorangetrieben. Und so finden sich in neuen Lehrplänen neue Begrifflichkeiten, die eigentlich nur alte Begriffe ersetzen, aber als pädagogische Neuerungen und Wertungen gelten sollen – im konkreten Fall wurde der Begriff des „Leitziels“ ersetzt. Das heißt jetzt „Kernanliegen“ und ist natürlich überhaupt ganz anders zu verstehen.

Solche Umwidmungen sind allerdings noch der harmlosere Teil der Neuerfindung des Rades im Bildungsbereich. Seit Jahren werden immer wieder Moden ausprobiert, teilweise auch recht erfolgreich. Andernorts wird dann mit Stielaugen geguckt, das Konzept als das Ei des Kolumbus gewertet und im eigenen Bundesland „eingeführt“ – ohne allerdings die Grundlagen und Voraussetzungen mit zu importieren. In Nordrhein-Westfalen wurde so ein „integrierte Eingangsstufe“ eingeführt und beworben. So einige Schulen führten das Jahrgangsstufen übergreifende Konzept für die ersten zwei Klassen ein. Und verließen sich z.B. darauf, dass die „Klassenfrequenz“ (das Schüler-Lehrer-Verhältnis) für diese Schulen auf einem relativ niedrigen Niveau blieb. Inzwischen haben viele dieser Schulen das wieder rückgängig gemacht.

Der Grund? Die „Realität vor Ort“ führt das Konzept ad absurdum. Statt die Schulen personell (und finanziell) entsprechend auszustatten, ändert sich an den äußeren Gegebenheiten nichts. Das Ganze entpuppt sich – wie so oft im Fall des pädagogischen Bildungsfortschritts – als reines Geldeinspar-Programm. Weiter karikiert wird es dann von den lokalen Bildungsverwaltungs-Institutionen, die sich meist Schulamt und Schulverwaltungsamt nennen (letzteres im Fall meines Wohnortes auch neudeutsch „Fachbereich Schulen“). Denn dort wird – entsprechend der Vorgaben von Ministerium, Ministerialverwaltung und Bezirksregierung – schlicht darauf bestanden, dass eine zweite Klasse (mit entsprechender Lehrkraft-Ausstattung) erst bei Überschreitung der Zahl von 35 Schülern erfolgt – was für jahrgangsübergreifende Klassen pädagogischer Irrsinn ist.

Wenn dann noch dazu kommt, dass Schulverwaltung (Fachbereich Schulen) praktisch nur in verwaltungstechnischen Kategorien denkt, dann kann es ganz schnell passieren, dass einer Schule die Räumlichkeiten ausgehen, um von der Landesregierung vorgegebenen pädagogischen Konzepten nachzukommen.

Weil sich alles darum geht Kosten zu reduzieren (kein an sich falsches Anliegen), werden Pädagogik und Anforderungen an Unterricht ad absurdum geführt. Da hilft kein Schielen auf das Bildungssystem anderer Staaten – weil nicht alles übernommen wird, sondern nur das, was zu weniger Ausgaben führt. Und selbst, wenn von „oben“ (Bildungsministerium) hervorragende Arbeit geleistet würde, vollständige und wohl überlegte und erprobte Konzepte vorgegeben würden, gibt es an der Basis seitens der Schulträger auch in erster Linie das Anliegen der Kosteneinsparung, das eine vernünftige Umsetzung verhindert.

Die Formulierung „selbst, wenn“ ist übrigens sehr bewusst gewählt. Denn „wohl überlegte und erprobte Konzepte“ gibt es nur in der Theorie. Gerade der jüngste Lehrplan für die Grundschule in NRW wurde mit dem expliziten „Auftrag“ in die Schulen katapultiert ihn „zu erproben“. Schulen und Lehrer sind in den letzten etwa zehn Jahren ständig damit beschäftigt Konzepte zu entwickeln und zu evaluieren, die nur allzu oft einfach in die Tonne gekloppt werden konnten, weil neue Konzeptions-Vorgaben kamen und alles wieder anders wurde. Diesbezüglich hat sich durch den Machtwechsel in Nordrhein-Westfalen auch nichts geändert. Aus der freien Wirtschaft bekanntes Vokabular wie „Qualitätssicherung“ wird eingeführt und über ein (teures) Gremium, das in die Schulen geht und Tage lang beobachtet und auswertet betrieben. Früher kam der Schulrat. Das reicht offenbar nicht mehr.

Auch hier also die Neuerfindung des Rades. Oder so: Früher wurde per „Probeunterricht“ darüber entschieden, ob beim Übergang ins fünfte Schuljahr der Empfehlung der Grundschule oder dem Wunsch der Eltern gefolgt wird – heute ist das der „Perspektivunterricht“. Wenn’s bei den Auswirkungen in der Praxis nicht so traurig wäre, könnte man drüber lachen. Auch über die neuen Räder mit den alten Plattfüßen.

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