Schatten (über) der Vergangenheit

12. April 2008 at 22:01 | In Geistesgrößen, Israel, Medien+Nahost | Leave a Comment
Tags: ,

Der sechzigste Jahrestag der Gründung Israels steht an und überall wetzen sie die Messer. 1988 hatte ich meinen ersten Videorekorder und nahm eine Reihe Fernsehsendungen zum 40. Jahrestag auf. Damals waren sich die Korrespondenten noch nicht so ganz sicher, wen sie mehr mögen sollten und wen weniger. Es war immer noch etwas von der positiven Sicht des jüdischen Staates übrig, der sich gegen eine ganze Phalanx arabischer Staaten seines Lebens erwehren musste. Gleichzeitig zeichnete sich ab, was in den nächsten Jahren an Gülle über diesen Staat ausgekippt werden würde – die Ansätze der ganzen verdrehten Umkehrung der Realität war in ihren sämtlichen Ansätzen vorhanden und wurde schon sichtbar.

Zehn Jahre später war die Verteufelung Israels – trotz oder gerade wegen – des Oslo-Prozesses richtig gut im Gang. Die Montage von Bildern unter geschichtlich fragwürdige Texte sorgte dafür, dass das 50-jährige Bestehen des Staates Israel zu einer Abrechnung zugunsten der PalAraber wurde. Das war teilweise noch recht grob und ungeschickt, aber man hatte schon gut gelernt Stimmungen zu erzeugen. Die ganze heutige Bandbreite der Vorwürfe gegen Israel war so gut wie vorhanden.

Seitdem wurden die Methoden verfeinert, die Berieselung der Öffentlichkeit mit israelfeindlichen Tiraden und Verdrehungen weiter hoch gefahren und die Umkehrung der Realität perfektioniert. Außerdem beschränkt sich die „Erinnerung“ an die Gründung des „zionistischen Gebildes“ nicht auf die Tage oder Wochen rund um den Termin; der Beschuss fängt schon Monate vorher an. Die Verwendung von israelischen Alibijuden war vor 10 Jahren noch eingeschränkt – heute stellt sie anscheinend einen besonders wichtigen Teil der Propagandashow dar. Die „israelische Seite“ des Konflikts wird nur allzu gerne mit Typen wie Uri Avnery, Mosche Zimmermann, Ilan Pappé und anderen antiisraelischen Israelis bestückt, die die Munition liefern, die die Verleumder dann um so effektiver einsetzen können. Schließlich verbreitet man ja nur, was Leute sagen, die man dann das „Gewissen Israels“ nennt. Andere, die nicht so reden, wie man es seitens der Terroristen-Freunde hören will, sind „rechts“ und „extrem“ – und damit kann die große Mehrheit der Israelis als zum Extremismus neigend abgeschrieben werden. Wahlweise stellt sie die „schweigende Mehrheit“ dar, die sich gegen die Extremisten nicht wehrt.

Ein mir bisher unbekannter, aber bei der Baseler Zeitung (11.04.2008, S. 10) inzwischen weltberühmter Alibijude ist der israelische Publizist Ari Rath. Der kann mit Leistungen prahlen: Er war 1948 Waffeneinkäufer Israels in den USA, dann persönlicher Sekretär von David Ben Gurion und von 1975-1989 Chefredakteur der „Jerusalem Post“ (einer „damals international beachteten Pressestimm“ – heute nur noch ein unbedeutendes Provinzblatt?); „erst später kämpfte er im Sechstage-Krieg und im Yom Kippur-Krieg als Soldat gegen arabische Armeen“ – aufgemerkt, nicht gegen Palästinenser, schließlich ist dieser Mann ein guter Jude. (Welche Rolle als Soldat er im Alter von 42 bzw. 48 Jahren in den beiden Kriegen spielte, wäre sicherlich auch interssant…)

Der arme Kerl wurde von Hitler zum Zionisten gemacht. Soll man ihn deswegen bedauern? Immerhin hatte er es im Alter von 13 Jahren geschafft dem „Führer“ zu entkommen und fand im Mandat Palästina Aufnahme. Das klingt, als wäre Zionist zu sein etwas Unbotmäßiges. Er „wollte an einen Ort gehen, von dem ich nie mehr vertrieben werden könnte“ – das zeigt ein einigermaßen gesundes Verständnis für die Lage der Juden und den einzigen Ort, wo diese Möglichkeit eine Chance hatte bestehen zu bleiben. Wie er es sagt (oder die Baseler Zeitung es abdruckt), klingt es eher verbrecherisch. Aber das sind noch die harmloseren Dinge in dem Porträt der Zeitung.

„Allerdings“ sei er „von Anfang an“ überzeugt gewesen, „dass nur eine gerechte Teilung Palästinas Israel den wahren Frieden bringen kann“. Die üblichen Juden, das wissen wir aus den Erkenntnissen der Pro-Palästinenser-Truppen, sind das nicht, die wollen nicht nur besetzen, sondern auch ethnisch säubern. Dass die Juden Israels den Palästinensern schon 1948 ihren Staat gegönnt hätten, ist hier nicht zu lesen. Und dann kommt der „dunkle Fleck in der Geschichte“, überschriftlich stark hervorgehoben, zur Sprache: das „zionistische Dogma“ vom Land ohne Volk für ein Volk ohne Land, das nie der Wirklichkeit entsprach. Ari Rath und die Baseler Zeitung haben wahrscheinlich keine Ahnung, wie wahr der Satz ist – wenn man ihn richtig liest. Denn das „zionistische Dogma“ hat es nie gegeben, somit ist die Behauptung seiner Existenz weit weg von jeder Wirklichkeit.

Aber dieser imaginäre dunkle Punkt in der Geschichte reicht nicht. „Dass Israel sich nie zur Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und der Zerstörung arabischer Dörfer und Städte im Jahre 1948 geäußert hat“ ist ein weiterer solcher. Macht nichts, dass es unzählige Israelis gibt – auch in offizieller Funktion – die sich dazu geäußert haben; auch nicht, dass es Stellungnahmen auf der Internetseite des israelischen Außenministeriums gibt. Und völlig egal, dass es diese Vertreibungen nur in extrem wenigen Fällen gegeben hat, zudem durch israelische Terrorgruppen wie die Irgun oder die Stern-Gang, nicht durch das „offizielle“ Israel (bzw. die „offizielle“ Untergrundarmee). Dass ein Israeli die Massenmorde und ethnischen Säuberungen seitens der Araber nicht aufrechnend erwähnt, ist eigentlich ein Zeichen von moralischer Größe – wenn es nicht so unangenehm aufstoßen würde, dass der Eindruck erweckt wird, dass es offizielle Politik und gezieltes Vorgehen der Israelis gewesen sei Araber zu vertreiben und ihre Dörfer und Städte zu zerstören.

Dann kommt ein Punkt, wo offenbar endgültig Raths Ansichten keinesfalls mehr durch journalistisches Editieren im Sinne der Zeitung gedreht sein kann, sondern voll seine echte und vollständige Meinung ganz klar ist: „Er sei vor 70 Jahren nicht nach Palästina gekommen,… um in einem Staat zu leben, der sich als Besatzungsmacht aufführe.“ Ja klar, die Israelis haben sich diese Rolle ja auch ausgesucht und alles dafür getan, dass es so bleibt, nicht wahr? Es war schon immer der Traum der Zionisten, die Araber unter der Knute zu halten und von ihnen terrorisiert zu werden!

„Wenn wir nicht sehr bald Frieden schließen mit den Palästinensern und ihnen ihren eigenen Staat geben, ist die Zwei-Staaten-Lösung nicht mehr möglich. Dann werden wir in absehbarer Zeit in einem binationalen Staat leben,…“ – mit allem, was das heißt: dem Untergang des jüdischen Staates. Da ist man geneigt dem Mann recht zu geben. Aber zwischen Frieden mit den Terroristen schließen und Frieden bekommen besteht im Nahen Osten ein himmelweiter Unterschied. Ari Rath unterliegt dem Kardinalfehler der Friedensbesoffenen – er glaubt, dass ein „einseitiger“ Frieden geschlossen werden kann und muss, bei dem Israel Frieden schließt und den PalArabern ihren Staat gibt. Wie das endet, zeigt der Gazastreifen, zeigt die gesamte Entwicklung seit „Oslo“. Und Rath will das nicht wahrnehmen.

Damit macht er sich zum Büttel der Gegner des Staates. Und die Baseler Zeitung bebildert das Ganze schön mit zwei Karten, eingebettet in eine „Chronologie“, die vor schiefen Darstellungen nur so strotzt. Die Karten selbst sind richtig; sie zeigen den UNO-Teilungsplan und das Ergebnis des Krieges von 1948/49, sowie des Krieges von 1967. Dass dies Ergebnisse arabischer Aggressionen war, wird allerdings nun eher ins Gegenteil verkehrt, denn die erste Karte trägt die Unterschrift „Grundlage. Der Plan legitimiert die Schaffung Israels.“ (Das ist so neutral, dass man es schon wieder negativ auslegen könnte, wenn man wollte.) Unter der zweiten Karte steht: „Expansion. Nur der Sinai blieb nicht israelisch besetzt.“

Das schlägt dem Fass den Boden aus. Jeder unbedarfte Leser muss hier meinen, dass Israel der Aggressor war, der sich diese Gebiete expansionistisch und mit der Absicht sie den anderen wegzunehmen einverleibt hat. „Expansion“ kann als neutrale Beschreibung behauptet werden, es heißt schlicht „Ausdehnung“. Mit der Ergänzung „Nur der Sinai…“ wird das aber schon gekontert. Weiterhin völlig aus dem Bewusstsein verbannt ist Israels Angebot von „Land für Frieden“ ab 1967, bevor dieser Slogan zum Wahlspruch des am stärksten in die Hose gegangenen Experiments eines (zwar mit traumtänzerischen israelischen Politikern verübten, aber weitgehend von außen aufgedrückten) Friedensschlusses wurde. Die Araber lehnten ab. Sie sprachen sich mit den „Drei Nein von Karthoum“ ausdrücklich dagegen aus. Um das Ganze auf eine andere Ebene zu stellen, wurde der Vernichtungskrieg gegen Israel „nationalisiert“ – über das 1964 erfundene Volk der Palästinenser, dem mit Hilfe der Terrororganisation PLO der Vernichtungskrieg gegen Israel als Auftrag übertragen und immer weiter übergeben wurde.

Nicht, dass die arabischen Staaten sich damit dann aus dem „Kampf“ herausgehalten hätten. Ägypten kollaborierte mit den Terroristen beim Waffenschmuggel in den Gazastreifen: Meistens, wenn Israel einen Schmuggeltunnel sprengte, quoll in ägyptischen Grenzerkasernen eine Staubwolke in den Himmel. In Damaskus residieren die Chefs bzw. Chefetagen von gut einem Dutzend Terrorgruppen, die sich ausdrücklich der Vernichtung des „zionistischen Gebildes“ verschrieben haben. Und im Libanon machte sich erst die PLO breit, um so lange gegen Israel zu schießen und Israelis zu ermorden, bis die 1982 einmarschierten. Danach war dieser Verteidigungskrieg, bei dem die Welt „natürlich“ zugunsten von Yassir Arafat eingriff und ihn nach Tunis rettete, Rechtfertigung für die Gründung der Hisbollah (offiziell 1988), um den Befreiungskampf des „palästinensischen Volkes“ „weiterzuführen“.

DAS sind Fakten der Geschichte, die ihren Schatten auf den Nahen Osten werfen. Viel stärker als die Fehler, die Israel bei seiner Begründung vermeintlich und tatsächlich gemacht hat. Und diese mächtigen Schatten sollte sich Ari Rath mehr widmen als denen von 1948. Allerdings hätte die Baseler Zeitung ihn dann nicht porträtiert.

No Comments Yet »

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

Einen Kommentar schreiben

XHTML: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Pool by Borja Fernandez.
Entries and comments feeds.