Spieglein, Spieglein an der Propagandafront

20. Juli 2008 at 18:26 | In Medien+Nahost, WDR | Leave a Comment
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Der SPIEGEL hat den irakischen Premierminister Nouri al-Maliki interviewt. Die Hamburger fassten das in der Überschrift so zusammen: Premier Maliki unterstützt Obamas Abzugsplan.

So weit, so zu erwarten. Vom SPIEGEL, nicht von Maliki. Denn bisher hatte sich der irakische Premier zu einem Zeitplan zum Abzug der US-Truppen aus dem Irak überhaupt nicht positiv geäußert. (Weiß der SPIEGEL-Leser das?) Zitat: Iraks Premier Nuri al-Maliki unterstützt die Pläne des demokratischen US-Präsidentschaftsbewerbers, die amerikanischen Truppen binnen 16 Monaten aus dem Land abzuziehen. “Das, finden wir, wäre der richtige Zeitraum für den Abzug, geringe Abweichungen vorbehalten”, sagte er im SPIEGEL-Interview.

Im weiteren Verlauf (und in einem weiteren Artikel) wird darüber sinniert, dass sogar Präsident Bush auf Obamas Linie einschwenkt und sich erstmals für einen „allgemeinen Zeitplan“ ausgesprochen hat. Als Hintergrund „der Kehrtwende“ werden „derzeit laufende Verhandlungen über die US-Präsenz im Irak“ angegeben; die „Kehrtwende“ al-Malikis wird aber nicht beschrieben. Letztlich wirbt der Artikel dafür, dass Obamas Position sich durchgesetzt habe. Dass dem nun gar nicht so sein muss, zeigt Paul13 von No Blood for Sauerkraut auf, der zurecht darauf hinweist, dass die jetzigen Überlegungen viel mehr aus der extrem verbesserten Sicherheitslage im Irak heraus zu erklären sind.

Noch interessanter ist die Frage, weshalb der SPIEGEL nicht das Interview veröffentlicht, sondern nur eine Art Ergebnis-Darstellung; aber auf Englisch hat er es eingestellt. Und gleich ein Beispiel seiner Parteinahme und Desinformationskampagne geliefert. Aufmerksame Augen fiel nämlich auf, dass der SPIEGEL den Text veränderte; sie haben einen recht wichtigen Satz herausgenommen. Zuerst stand dort (Hervorhebung von HotAir):

SPIEGEL: Would you hazard a prediction as to when most of the US troops will finally leave Iraq?
Maliki: As soon as possible, as far as we’re concerned. US presidential candidate Barack Obama is right when he talks about 16 months. Assuming that positive developments continue, this is about the same time period that corresponds to our wishes.

Übersetzt: Würden Sie eine Vorhersage wagen, wann der Großteil der US-Truppen den Irak endgültig verlassen wird?
So bald wie möglich, was uns angeht. Der US-Präsident Barack Obama hat recht, wenn er von 16 Monaten spricht. Unter der Annahme, dass die positive Entwicklung sich fortsetzt, ist das in etwa die Zeitspanne, die unseren Wünschen entspricht.

Wer jetzt auf die Seite geht, wird den fett gedruckten Teil sowie den Rest des Satzes nicht mehr vorfinden. Warum? Könnte es sein, dass der Hinweis auf die geänderte Sicherheitslage nicht der Vorstellung entspricht, dass jetzt Obamas Position übernommen wird? Schließlich hat Obama reichlich andere Gründe für seinen Zeitplan. Ein weiterer Hinweis auf die Gründe für den „Zeitrahmen von 16 Monaten“, den auch Obama vorgeschlagen hat, kommt später noch einmal:

So far the Americans have had trouble agreeing to a concrete timetable for withdrawal, because they feel it would appear tantamount to an admission of defeat. But that isn’t the case at all. If we come to an agreement, it is not evidence of a defeat, but of a victory, of a severe blow we have inflicted on al-Qaida and the militias.

Bisher hatten die Amerikaner Probleme einem konkreten Zeitplan für den Abzug zuzustimmen, weil sie das Gefühl hatten, es käme der Zugabe einer Niederlage gleich. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Wenn wir eine Übereinkunft erzielen, ist das nicht Belege für eine Niederlage, sondern für einen Sieg, für einen schweren Schlag, den wir der Al-Qaida und den Milizen zugefügt haben.

Ganz klar: Ohne die dramatisch verbesserte Sicherheitslage würde al-Maliki nicht von einem Zeitplan für den Abzug der US-Streitkräfte reden. Den Zusammenhang mag aber der SPIEGEL offensichtlich nicht präsentieren – jedenfalls nicht direkt. Beim Leser soll hängen bleiben: „Der Plan von Obama wird unterstützt.“

Untermauert wird diese Sicht von der Reaktion aus dem Irak (hier abgekupfert); ein Sprecher Malikis korrigiert die aktuelle Darstellung des SPIEGEL: Seine Aussagen wurden „missverstanden, falsch übersetzt oder nicht korrekt weitergegeben“. Die „Möglichkeit des Truppenabzugs gründet weiterhin auf der Fortsetzung der Verbesserungen der Sicherheit“. Das entspricht den Erklärungen, die das Weiße Haus nach einem Treffen zwischen al-Maliki und Präsident Bush ausgab.

So gut kann Barack Hussein Obama in Berlin gar nicht reden und bei den Amerikanern für sich werben wie der SPIEGEL für ihn in Deutschland wahlkämpft.

Nachtrag vom 21.07.: Das ist „lustig“ – WDR2 „berichtet“ den ganzen Morgen schon von Obamas Besuch im Irak, seinen Abzugsplänen und dass der irakische Regierungschef zu „einem Interview“ klarstellen lässt, … Nicht erwähnt wird, wer dieses Interview geführt und veröffentlicht hat. Die Krähen hacken eben einander keine Augen aus!
Unser Lokalradio bringt in seinen Weltnachrichten allerdings nur, dass Obama innerhalb von 16 Monaten die Truppen abziehen will. Kein Hinweis auf das Interview, keiner auf den Widerspruch der Iraker.

Mittags sah das dann noch etwas anders aus. Hier wurde von einem Korrespondenten erklärt, wieso die Misstöne aus Bagdad zu hören waren: Mit einem Anruf aus Washington seien die Iraker zurückgepfiffen worden, weiß der gute Mann zu berichten. Dass Donnerstag (zwei Tage vor der Veröffentlichung und anschließenden Änderung des Interviewtextes im SPIEGEL) schon die gemeinsame Erklärung von Bush und al-Maliki entstand, entging ihm wohl.
Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Medienleute den Quatsch glauben, den sie da verzapfen; das würde allerdings bedeuten, das Recherche praktisch nicht mehr stattfindet und wenn doch, dann so lückenhaft, wie es das Weltbild der Reporter gerade mal erlaubt.

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