Obamania

24. Juli 2008 at 9:43 | In Europa-USA | Leave a Comment
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WDR5 macht eine Sendung über Obama in Berlin – morgens früh, als er noch gar nicht da ist. Wie toll, wie gut. Was ist die Meinung der Hörer, wie kann Obama die USA wieder näher an Europa bringen? Klar wird, Obamas Besuch und Rede „hier“ weckt große Erwartungen, die Hoffnungsfigur der Demokraten ist für die auch hier der Messias.

Melinda Crane erzählt etwas von den Erwartungen an den heutigen Tag; auch, wie er ablaufen soll und wie das mit den Leuten heute Abend sein wird. „Ganz große Show also“, fällt der Moderator ein – und meint das absolut ernst. War das nicht immer anders? War es nicht immer so, dass die „große Show“ der Amerikaner etwas Negatives ist, ein Igittigitt, das bloß nicht nach Europa schwappen darf, weil es eben Show ist und nicht Substanz?

Wirklich kritische Stimmen sind in der Sendung kaum zu erwarten. Eine Frau, die moniert, dass der Mann hier in Deutschland Wahlkampf macht, wird zwar nett, aber deutlich abgebügelt: Darauf sollten wir stolz sein, dass Deutschland so eine große Bedeutung für ihn hat.

Die nächste Hörerin findet Obama „unbescheiden“, aus ihrem Erleben des Mannes im Fernsehen. Das hätte bescheidener aufgezogen werden können, es war völlig überzogen. Moderator daraufhin: Wenn Sie das alles mal ausblenden, wenn Sie Mimik und Gestik weglassen, horchen Sie denn darauf, was er sagt? Da kann sie nichts zu sagen; sie weiß nur, dass der Mann „eine große Hoffnung des amerikanischen Volkes ist“. Und Frau Crane erklärt: Er wird heute eine außenpolitische Rede halten (huch, seine Berater sagten, er würde keine politische Rede halten) usw., eine Rede „mit Inhalt“, denn er will nach USA signalisieren, dass er das nicht alles aus Opportunismus macht. Zum Thema Bescheidenheit: Wir haben in den USA eine etwas andere Erwartung als hier. (Aha, das ist dann die politische Sensibilität anderen gegenüber, nicht wahr? Wenn John McCain oder Bush so agieren würden, hätten wir nicht diese Einforderung von Verständnis für die amerikanische Haltung.) Da gelten halt andere Maßstäbe. Und McCain ist auch überhaupt nicht bescheiden. Hillary war das auch nicht.

Obama ist sympathisch, stimmt die Hörerin der Amerikanerin zu, die ihn sonst unbescheiden findet.

Der dritte Hörer findet ihn auch sympathisch und gut, dass er Kandidat ist. Aber wir dürfen nicht glauben, dass er persönlich entscheidet, welche Punkte wichtig sind, um in Amerika zu punkten. Sein Stab weiß das genau einzuschätzen. Der Moderator unterbricht: Bevor wir in der Produktion von Bildern stecken bleiben, was macht es wünschenswert, dass er Präsident wird. Und schon geht das Bush-Bashing durch Vorurteile, Halb- und Unwissen los, dass der Bush so furchtbar ist und sich von Bin Laden finanzieren ließ vor 20, 25 Jahren und auf jeden Fall der McCain nicht Präsident werden darf, weil der aus dem Bush-Lager ist. Aber er hat Angst, dass mit dem Schwarzen Präsidenten schlecht umgangen, dass ein schmutziger Wahlkampf geführt wird.

Das Problem der Rasse wird von Frau Crane „erklärt“: Erst am Wahltag werden wir wissen, welche Rolle die Rassenfrage spielen wird, weil die Rassisten ihren Rassismus nicht zugeben und die Umfragen deshalb nicht repräsentativ sind.

Ach ja, der Hörer findet, dass, so lange die Schicht der Reichen und Mächtigen zufrieden ist, braucht man um Obamas Leben keine Angst zu haben… amerikanische Mafia oder wie man das nennen will… – sagenhaft!

Hörer Nummer 4 referiert über die Bedeutung der Showeffekte des Auftritts in Berlin; Obama weiß sehr genau, wie der Dollarkurs aussieht, wie die Öl-Lage aussieht und dass der wirtschaftliche Nutzen Europas für die USA in Zukunft viel, viel größer aussieht, weil er diesen großen Wirtschaftsraum Europa braucht und Deutschland da eine große Rolle spielt. Weil ja die wirtschaftlich marode Situation der USA so schlecht ist. Und Obama vertritt eine ganz neue Generation amerikanischer Präsidenten.

Das Thema Wirtschaft greift der Moderator auf und lässt Frau Crane zu wirtschaftlichen Fragen antworten. Und jetzt geht’s richtig los mit dem Lob des Kandidaten, der von Deutschland lernen will, der die Energiefragen anders – europäisch – behandelt, der fortschrittlich ist (nicht wie McCain, ach so). Zukunftshoffnung Europa als Thema, Hinwendung, Europa ist Hilfe für die Amerikaner wieder auf die Füße zu kommen.

Der eigentliche Kernpunkt (Moderator und Hörer): Die alleinige Weltmacht der USA ist zu Ende. Und da hat der Kandidat doch ja richtig tolle Haltungen.

Hörerin 5 fiel auf, dass es anfangs darum ging, wo man den vielleicht zukünftigen Präsidenten empfängt. Das findet sie „sehr deutsch“. Sie findet das nicht so toll, dass wir in Deutschland in dem Wahlkampf so drin hängen. Wir sind noch immer in einer Art Schockzustand (Bush!) und der wird als Riesenhoffnung hingestellt.

Wie in Europa die letzten Jahre mit der Ära Bush wahrgenommen worden sind, muss Frau Crane erklären. Die große Asymmetrie der Macht zwischen Amerika und Europa greift sie auf. Es wird ihr gerne suggeriert, dass Amerika so etwas wäre wie Rom früher (Moderator: vielleicht Rom vor dem Untergang – das passt dann wieder ins Konzept des WDR; man kann die Grundhaltung eines Journalisten auch über seine „Witze“ entlarven). Vor diesem Hintergrund sieht sie es als positives Zeichen, dass Obama glaubt, er könne hier Stimmen in den USA gewinnen – weil er Deutschland so große Bedeutung zumisst. (Findet das sonst keiner widersprüchlich?)

Noch ein Hörer: Der findet das völlig in Ordnung, dass Obama hier Wahlkampf macht, weil Amerika das Schicksal nicht nur das Schicksal Europas, sondern der Welt bestimmt. Eigentlich müssten alle Menschen der Welt den US-Präsidenten mitwählen dürfen (seine amerikanische Freunde denken auch so, Professoren, Akademiker) – zumindest ein gewisses Mitspracherecht müsste die Welt bei der Wahl haben. (Der Moderator findet das unterwürfig, weil der Hörer nur ein „gewisses Maß“ an Einfluss haben will.)

Der letzte Hörer hofft, dass John McCain die Wahlen gewinnt (dass der Mann durchgeschaltet wurde ist schon verwunderlich). Das Verhalten Obamas in Berlin stärkt ihn in dieser Haltung, weil er es unverschämt findet, wie der Mann sich hier verhält. Außerdem findet er, dass der Mann in Krisensituationen versagen wird, weil er keine Erfahrung hat.

Zum Abschluss die Bemerkung, dass sie „hier“ (im WDR-Studio) eine „kleine Wunschliste“ an Herrn Obama, den vielleicht zukünftigen Präsidenten, haben und zuversichtlich sind, dass er diese erfüllen wird (sie haben schon etwas vorliegen, worüber er reden wird). Fehlte nur noch ein entsprechender Jubelgruß.

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N24 zeigt minutenlang das in Berlin gelandete Flugzeug „Obama One“ und bejubelt den charismatischen, modernen Politiker, der sich hier außenpolitische Erfahrung holt. Der Sprecherin fällt dann auf einmal auf, dass man sich verhält, als wäre Obama schon Präsident – um dann darauf hinzuweisen, dass der andere Kandidat derzeit ganz schlecht da steht. (Und ich habe gestern erst eine Umfrage gesehen, dass McCain durchstartet und Obama zurückfällt…)

Aber „heute ist der Tag des Barack Obama“ und das wird N24 den Tag über durchziehen.

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Auch n-tv wird den ganzen Tag Sondersendungen zu Obama bringen. Ein Porträt bringt die Mär vom amerikanischen Traum des armen Jungen, der an der Eliteuniversität Harvard studiert. Dass seine Mutter nach der Enttäuschung mit dem kenianischen Muslim einen weiteren – „asiatischen“ – Muslim heiratet und der Junge nicht einfach nur „bei seiner Mutter und den weißen Großeltern“ aufwächst, sondern auch in Indonesien, erfährt man nicht. Kein kritisches Wort, kein Ansatz eines Hinweises auf Negatives – bei Bush wäre es umgekehrt, McCain ist nicht existent. Eine ganz „wichtige“ Frage: Das Rennen um die Präsidentschaft ist ja noch nicht entschieden, wie muss die Kanzlerin sich gegenüber Barack Obama geben? – Hä? Die Frage ist in Art und vor allem Ton so gestellt, dass man unwillkürlich gezwungen ist zu denken, Merkel müsse jetzt aufpassen, was sie sagt und wie sie sich verhält, um dem König nicht auf die Zehen zu treten und nicht Gefahr laufen darf nach der Wahl in Ungnade gefallen zu sein. So etwas hätte es gegenüber Bush nicht gegeben, dem hätte sie gar nicht genug zwischen die Beine treten können – da haben die Fragen gelautet: „Was muss die Kanzlerin tun, damit Bush endlich begreift…“ Mit anderen Worten: Bush hat man gefälligst vor den Kopf zu stoßen, wir sind kein Büttel der Amerikaner. Bei Obama wird der Ko-tau gefordert. Es ist halt immer eine Frage der politischen Einstellung, die der Besucher hat. Der entsprechend formuliert man in Deutschland und Europa seine Ansprüche – dem einen gegenüber so, dem anderen gegen über genau das Gegenteil. (Aber das passt dann ja auch wieder zum „vermutlichen demokratischen Präsidentschaftskandidaten“.)

Sogar der Begriff der Obamania wird aufgegriffen, positiv besetzt und als tolle Sache hingestellt. Ich sehe die Obamania anders. Sie kann nicht gut sein. Wenn ein Politiker zum Messias stilisiert wird, dann stellen sich mir die Nackenhaare auf; denn dieser Personenkult erinnert mich an andere, die der Welt nun gar nicht gut getan haben, geschweige denn ihren Staaten. Dazu kommen die hohlen Phrasen, die Unwahrheiten, die wechselnden „Meinungen“ je nach Publikum, die hinterher geleugnet werden, die den Mann einfach zu einer Figur machen, die in dem Amt nichts zu suchen hat. Obamania ist etwas für die Oberflächlichen, die sich mit Schlagworten und Parolen begnügen (in die sie viel Substanz hineinfantasieren) und von ein großes Lächeln für Politik halten.

Dass die Obamanier eigentlich noch viel hohler sind als ihr Idol jemals zu sein verspricht, zeigte sich Gideon Böss, als er ein paar Stunden vor der Rede in Richtung Siegessäule spazierte.
Und die beste Überschrift zum Verhalten von N24 in Sachen seiner Ankunft stammt von Christian Hannover von den Freunden der offenen Gesellschaft: Der Messias ist gelandet.

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