Nochmal Yaacov Lozowick: Israels Existenzkampf

20. August 2009 um 17:13 | Veröffentlicht in Lesen! | 2 Kommentare

Vorab:
1.) Das Buch, das man bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellen kann, ist komplett das gleiche, das im Buchhandel erhältlich ist; einzige Unterschiede sind die Papierqualität, der Einband und der Preis.
2.) Ich bleibe dabei, es ist ein gewaltiges Buch. Aber es gibt auch etwas kritisch anzumerken.

Einerseits an Lozowick selbst: Das sechste Kapitel (“Die 1980er Jahre: Fehlentscheidungen”) fällt gegenüber sämtlichen anderen deutlich ab. Hier hat Lozowick wahrscheinlich nicht so intensiv recherchiert wie zu den übrigen Teilen, sondern sich auf sein Wissen und sein Empfinden verlassen, die er als Zeitzeuge und direkt Betroffener und Linker hatte. Das wäre für diesen Zeitraum verständlich, denn dazu musste er nichts rechtfertigen – ganz im Gegensatz zu dem, was sich in seinen Einschätzungen der Vorgänge ab etwa 1990 ergab. Aber den Namen der Operation “Frieden für Galiläa” nicht einmal zu erwähnen ist schon ein Schwachpunkt.

Wozu es weiterer Klärung bedarf sind die etwas wirren Jahresangaben aus dieser Zeit. Der Libanon-Krieg fand 1982 statt – im Buch gibt es Angaben dazu, die von 1981 auf 1983 und wieder zurück und auch mal nach 1982 springen. Sollte das kein Fehler der deutschen Ausgabe sein, dann hat Lozowick hier tatsächlich geschludert.

Die Bemerkung “Fehler der deutschen Ausgabe” ist allerdings leider sehr berechtigt, denn solche kommen vor und können eigentlich nicht aus dem Original stammen. Auf Seite 292 z.B. wird Hanan Aschrawi als “der Vertreter der Palästinenser…” bezeichnet. Englische Formulierungen unterscheiden dabei nicht nach Geschlecht, also ist dieser Fehler der Übersetzerin und dem Lektorat zuzuschreiben. Ich könnte es zwar teilweise verstehen, wenn jemand angesichts eines Porträt-Fotos von Aschrawi vertut, aber wer Grundkenntnisse über den Nahen Osten hat, weiß, wer Hanan Aschrawi ist.

Deutlich schwerwiegender ist ein Eintrag auf der schematischen Karte Jersualems auf Seite 316. Dort heißt es: “Der Ölberg war von 1948-1967 eine israelische Enklave auf jordanischem Gebiet.” Dazu wird der Ölberg falsch verortet. Es handelt sich geschichtlich wie von der Kennzeichnung in der Karte her um den Skopus-Berg. Ein solcher Fehler dürfte nun wirklich nicht passieren, das ist Stümperei.

Von daher interessiert mich, was im Original steht und wo die Übersetzung so richtig falsch liegt. (Langsam traue ich deutschen Übersetzungen so ziemlich alles zu…)

Zu den Aussichten für Israel (Kapitel 10 und 11) sollte man noch ein weiteres Buch lesen, das es allerdings nicht auf Deutsch gibt (und das wohl auch nicht übersetzt werden wird):
Daniel Gordis: Saving Israel. How the Jewish People Can Win a War That May Never End.
Gordis hat sich Gedanken gemacht, was sich in der israelischen Gesellschaft tun muss, damit der Staat Israel lebt und überlebt. Ein paar seiner auch in dem Buch enthaltenen Texte waren auf seiner Internetseite zu lesen. Ein paar sind auch in Übersetzung zu haben.

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2 Kommentare »

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  1. Also, ich finde nicht, dass Lozowicks sechstes Kapitel (“Die 1980er Jahre: Fehlentscheidungen”) gegenüber sämtlichen anderen Kapiteln “deutlich” abfällt.
    Mag sein, dass einige Jahresangaben etwas durcheinander stehen. Aber ansonsten ist es ja so, dass Lozowick ganz besonders den Libanon-Krieg 1982 für eine Fehlentscheidung hält. Das begründe er auch sehr gut, und seine Argumente kann ich prima nachvollziehen.

    Ich halte sein Buch nach wie vor für eines der besten, die es zum Nahostkonflikt gibt (ich kann es mittlerweile fast auswendig). :-) Lozowick verfügt m.E. über unschlagbare Argumente und klärt fantastisch auf.

    Ich habe noch einen Super-Buchtipp für dich: Das sind die ersten Bücher von Matt Beynon Rees (lebt mit Familie in Jerusalem und war lange Zeit Jerusalemer Bürochef der “Time”):
    1. “Der Verräter von Bethlehem”
    2. “Ein Grab in Gaza”

    Die Bücher klingen vom Klappentext her zunächst ein bisschen wie Krimis, aber es sind keine. Rees benutzt den jeweiligen (übrigens authentischen) Kriminalfall nur als Aufhänger, um das Leben der Palästinenser im Gazastreifen und in der Westbank in aller Deutlichkeit zu zeigen. Er beschreibt schonungslos und offen den Sumpf von Korruption, Ideologien, Fundamentalismus, Fanatismus, die blutigen und haarsträubenden Kämpfe zwischen Fatah, Hamas, den Al-Aksa-Märtyrerbrigaden, anderen radikalen Terrorgruppen, den Palästinensern usw. usw.

    Rees verzichtet vollständig auf Schwarz-Weiß-Malerei. Er zeigt dem Leser anhand einer sehr beeindruckenden und unglaublich spannenden Geschichte, was seinem palästinensischen Protagonisten Omar Jussuf (Lehrer an einer UNO-Schule) im Zusammenleben mit anderen Palästinensern, Terroristen und Israelis so alles widerfährt.

    Ich hoffe, Rees bleibt bei seiner Linie. Auch seine Bücher klären unheimlich gut auf, hier wirklichkeitsgetreu über das tatsächliche Leben der Palästinenser.
    Die Bücher sollten unbedingt von all den sogenannten “Israel-Kritikern” gelesen werden, für die natürlich immer “der Jud schuld ist” …

  2. Das Problem ist m.E. nicht, dass er diese Zeit und was in dieser von Israels Regierung gemacht wurde, für völlig falsch und misslungen hält. Das ist ihm unbenommen. Aber er hat von dem her, wie er in den übrigen Kapiteln recherchiert und argumentiert, in diesem Kapitel nicht die Qualität geliefert wie in den übrigen – völlig unabhängig von dem, was er inhaltlich dazu zu sagen hat. (Und die Jahresangaben – wie gesagt, da weiß ich jetzt noch nicht, auf wessen Konto das geht.)

    Wenn ich das Buch nicht trotzdem insgesamt für absolut empfehlenswert halten würde, hätte ich mir jetzt nicht auch noch das Original bestellt, um die aus meiner Sicht problematischen Angabe zu prüfen. Ich werde das Teil “massenhaft” verschenken.


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