Die Zerstörung der Erinnerung an das Vorhandensein von Juden in Osteuropa

12. Dezember 2011 um 15:38 | Veröffentlicht in Geschichte | 2 Kommentare
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Eine Fallstudie: Das ehemalige Jugoslawien

Interview von Manfred Gerstenfeld mit Ivan Ceresnjes, 12. Dezember 2011 (direkt vom Autor)

„Die Erinnerung an die vielen Juden in Osteuropa vor dem Zweiten Weltkrieg wird zunehmend zerstört. Dieser Prozess ist zum Teil gewollt; teilweise geschieht er aus der Vernachlässigung jüdischer Stätten und Gedenkstätten. Um die verschiedenen daran beteiligten Faktoren verstehen zu können, wirft man am besten einen Blick auf die ehemalige Bundesrepublik Jugoslawien. Ihr Auseinanderfallen im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte hat den Prozess beschleunigt, der andernorts langsamer vonstatten geht. Das betrifft sowohl Versuche die kollektive Erinnerung der Bürger, wie auch den physischen Verfall jüdischer Stätten, Mahnmale und Denkmäler. Mahnmale werden in der Regel gebaut, um die Erinnerung an eine bedeutende Person, ein Ereignis der Geschichte oder eine Zeitspanne zu bewahren. Denkmäler stehen in der Regel mit Tod und Zerstörung in Zusammenhang.“

Ivan Ceresnjes

Ivan Ceresnjes

Ivan Ceresnjes war Leiter der jüdischen Gemeinde von Bosnien-Herzegowina und stellvertretender Vorsitzender des Jugoslawischen Verbandes jüdischer Gemeinden, bis er 1996 nach Israel emigrierte. Er hilft der US-Kongresskommission zum Schutz und Erhalt amerikanischen Eigentums im Ausland. Diese Kommission wurde 1985 geschaffen, um einen Überblick über jüdische Friedhöfe, Mahnmale und Denkmäler zu bekommen und zu diese erforschen. Der Schwerpunkt liegt fast komplett in Osteuropa, denn hauptsächlich dort verschwindet diese Infrastruktur rapide.

„Ähnlich wie in anderen einst kommunistischen Ländern hat das ehemalige Jugoslawien sich von dem politisch korrekten, allgemeinen Ansatz des Gedenkens der Vergangenheit in neue Richtungen entwickelt. Aus kommunistischer Sicht konnte das Leiden einer Gruppe von Staatsbürgern unter Nazideutschland und seinen Verbündeten nicht von dem anderer getrennt werden. Den Menschen wurde gesagt, dass all ihre Bürger unter Feinden sowohl von außen wie von innen gelitten hatten.

Viele Europäer kollaborierten mit den Deutschen. In den meisten Gebieten Jugoslawiens wurden Angehörige bestimmter Menschengruppen zur gleichen Zeit ermordet. In der Regel war das ein ethnischer Mix aus Menschen, zu denen auch – nach Angaben der örtlichen Bevölkerungszusammensetzung – Muslime, andere Feinde der Nazis wie auch Faschisten gehören konnten.

Nach dem Holocaust kam langsam eine neue Art des jüdischen Gedenkens auf. Es fand ausschließlich Zuhause, innerhalb der Familie statt. Der nächste Schritt bestand darin, allmählich an Orten, die Juden gehörten und von ihnen genutzt wurden (wie Synagogen und jüdische Friedhöfe), Denkmäler und Mahnmale zu errichten. Eine Gedenkplatte anzubringen wurde sogar als eine Art Protest gegen die Kommunisten betrachtet, da die Sowjetunion das in der Regel nicht erlaubte.

Ganz langsam begannen in den frühen 1950-er Jahren besondere Mahnmale für Juden an öffentlichen Orten aufzukommen, ebenso Gedenktafeln an Institutionen, die nicht ausdrücklich in Verbindung zu Juden standen. Damit wurde den Juden ein Platz in der nationalen Geschichte gegeben. Denkmäler in osteuropäischen Ländern sind eng mit Nationalismus verbunden, der unter der kommunistischen Herrschaft stark unterdrückt worden war.

Nach dem Untergang des Kommunismus, zerstörte der Ausbruch des unterdrückten Nationalismus die Bundesrepublik Jugoslawien. Sieben unabhängige Staaten entstanden, von denen jeder seine Geschichte umschreibt. Damit ist auch die Erinnerung an den Holocaust entsprechend des nationalen Kontextes zerstückelt. In der Geschichte der Menschheit ist der Holocaust ein nie da gewesenes Mega-Ereignis. Dieses breitere Verstehen geht allerdings in Gesellschaften verloren, in denen seit dem Zweiten Weltkrieg keine geschichtliche Forschung unternommen wurde.“

Ceresnjes stellt fest: „Die Ermordung von sechs Millionen Juden in Europa hat ihre Familien nicht nur dramatisch betroffen. Er bedeutete auch, dass die große Mehrzahl der jüdischen Stätten in Osteuropa vernachlässigt wurde. Dazu gehört eine große Zahl an Synagogen, Gemeindegebäuden, Friedhöfen,  und anderer Orte, die zu Denkmalen für die frühere jüdische Präsenz werden könnten. In einigen Ländern übernimmt es die nationale jüdische Gemeinschaft einige Tafeln an Gebäuden anzubringen, die früher Synagogen waren, aber das kommt eher selten vor.

Manchmal kennzeichnen Regierungen oder örtliche Behörden jüdische Orte. Sie tun das regelmäßig, um die Aufmerksamkeit der westlichen Welt zu bekommen und zu zeigen, dass die Juden Teil ihrer Geschichte waren. Oft hegen sie allerdings die Erinnerung an die ermordeten Juden und die verschwundenen Gemeinden, ohne näher auszuführen, wie und warum das geschah.

Das Aufkommen des unterdrückten Nationalismus in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens hat ein Verlangen danach geschaffen die Geschichte neu zu schreiben. Das beeinflusst die Geschichte der und Erinnerung an die Juden. Es ist ein recht verbreitetes Phänomen, dass bestimmte Nationen versuchen alle Opfer der Nazis außer denen ihrer eigenen Nation zu tilgen. In diesem Prozess verschwinden auch die Namen der jüdischen Opfer.

Die Lage in all diesen Ländern ist im Wandel begriffen. Es werden zunehmend Fragen zur Tilgung der Namen anderer Volksangehöriger durch die verschiedenen Nachfolgestaaten gestellt. Das kollektive Gedächtnis hat sich verändert und wird sich weiter verändern. Doch Mahnmale, werden sie nicht beschädigt oder verändert, bestehen weiter, während sich die Gesellschaft verändert.

Man kann sich nur Gedanken machen, wie die Rolle der Juden aussehen wird, während sich neue kollektive Erinnerungen entwickeln. Auch aus diesem Grund ist es wichtig, dass die physischen jüdischen Infrastrukturen nicht weiter abgetragen werden und dass Gedenkstätten an jüdischen Orten erhalten werden. Die Mahnmale erinnern die Menschen vor Ort an das, was den Juden geschah. Vielen gestattet die Existenz eines jüdischen Mahnmals nicht, dass sie vergessen.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs.

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2 Kommentare »

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  1. Wird tuen was dagegen. Heute lebt in der tschechischen Stadt Zatec (Saaz) nur noch 1 jüdische Familie und vor den Krieg hatte die Gemeinde fast 1000 Mitglieder. Mehr darüber auf http://www.saaz-juden.de und http://www.zatec-zide.eu in deutsche und tschechischer Sprache. Suchen noch jemanden der uns hilft diese Homepage über die Geschichte der Juden von Saaz ins englische zu übersetzen.

  2. Als Vertreter der Deutsch-Kroatischen-Geellschaft e.V. Hannover bereise ich regelmäßig ds Land Bosnien-Herzegowina. Immer wieder habe ich mich auf die Suche nach Menschen und Einrichtungen jüdischen Glaubens gemacht. Bisher leider erfolglos.
    Ich würde mich freuen, wenn mir jemand sagen könnte, wo es in Bosnien-Herzegowina noch jüdische Gemeinde gibt. Überhaupt beantworten kann, wieviel Juden vor 20 Jahren – also vor dem jüngsten Bürgerkrieg in Jugoslawien – auf dem Gebiet von Bosnien-Herzegowina lebten. Außerdem hätte ich gern gewusst, ob die Juden in diesem Land auch am interreligiösen Dialog beteiligt werden. Für weitere Informationen hinterlasse ich hier auch gern meine email-Verbindung: deutsch-kroatische-gesellschaft-hannover@web.de


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