Die verdrehte niederländische Sicht auf die Juden

18. Juni 2012 um 15:22 | Veröffentlicht in Europa+Nahost | 3 Kommentare
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Manfred Gerstenfeld interviewt Elma Drayer (direkt vom Autor)

Der 11. September 2001 war in den Niederlanden ein Wendepunkt. In den darauf folgenden Wochen gab es Unruhen in Amsterdam West, wo viele Muslime leben. Um diese Zeit schrieb ich einen Artikel über eine kleine Synagoge in diesem Teil der Stadt. Ein paar Wochen später warfen marokkanische Jugendliche Steine auf Juden, die aus der Synagoge kamen. Ich rief die Polizei an, um herauszufinden, was geschah. Der Polizeisprecher sagte: „Ich würde es vorziehen, wenn Sie dem nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Diese Leute befanden sich immer in einer ungünstigen Situation.“ Er sprach nicht von den Juden, auf die die Steine geworfen wurden, sondern von den Muslimen, die die Steine warfen. Täter wurden so zu Opfern und Opfer wurden zu Tätern.

Elma Drayer

Elma Drayer

Elma Drayer arbeitete von 2001 bis 2010 bei der niederländischen Tageszeitung Trouw. Sie begann als Redakteurin, danach wurde sie Kolumnistin. Heute ist sie freie Journalistin.

Drayer sagt, diese Anekdote muss in einem größeren Zusammenhang gesehen werden: In den letzten Jahren hört man öffentliche Äußerungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden als sozial inakzeptabel galten. Nach dem Krieg wurde der Antisemitismus enorm niedergehalten. Heute sprechen die Leute zunehmend herablassend über die Juden. Das hat auch mit der veränderten Position Israels zu tun. Man kann die antiisraelische Stimmung nicht vom Antisemitismus trennen.

Dem muss hinzugefügt werden, dass viele Menschen die Muslime nicht ernst nehmen, sondern sie bemitleiden. Das ist eine neue Form des althergebrachten Paternalismus. Wenn man jedoch sagt, dass dieses Konstrukt eine wichtige Rolle bei der Beurteilung Israels spielt, bekommt man Reaktionen wie: „Man darf nie etwas über Israel sagen, dann wird man sofort Antisemit genannt.“

In einer Kolumne über die Konferenz der Holocaust-Leugner in Teheran 2006 schrieb ich: „Vielleicht habe ich etwas verpasst, aber ich habe auf unseren Straßen keine wütenden Juden brüllen hören, die auf die iranische Botschaft marschierten. Ich hörte sie nicht skandieren: ‚Alle Muslime sind Lügner.‘ Nirgendwo habe ich eine Ahmadinedschad-Puppe in Flammen stehen sehen.“ Dennoch war diese Konferenz eine unglaubliche Provokation. Die muslimische Welt andererseits braucht weit weniger Provokation, um zu explodieren. Man muss sich nur an die Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen erinnern.

2007 veröffentlichte das Center for Information and Documentation on Israel (CIDI) einen Bericht. Er gab eine nuancierte Sicht antisemitischer Vorfälle in den Niederlanden wieder, die 2006 um 64% zugenommen hatten. Die drei wichtigsten nationalen „Qualitäts“-Zeitungen, zu denen meine eigene gehört, veröffentlichten diese Informationen nicht. Ich schrieb eine Kolumne darüber. Einer meiner Kollegen war sehr wütend, dass ich geschrieben hatte, der Bericht sei in unserer Zeitung nicht erwähnt worden. Er sagte, das CIDI sei eine jüdische Lobby-Organisation – was ich ausdrücklich erwähnt hatte – und dass die Daten gar nicht so schlimm seien. Diese Art völlig unbegründeter Äußerungen wäre über keinen anderen Warner vor Rassismus gemacht worden. Sobald ist um Juden geht, ist der Bericht plötzlich „subjektiv und nicht zuverlässig“. Nach einem derart anstrengenden Tag musste ich die Unterstützung eines der wenigen Journalisten der Zeitung suchen, der meine Ansichten teilte. Manchmal fühlte ich mich bei der Arbeit dort sehr einsam.

Als der Baum, den Anne Frank aus ihrem Versteck heraus sah, beinahe kollabierte – 2010 fiel er dann tatsächlich um – fand eine nationale Diskussion statt. Ich schrieb, dass wir in den Niederlanden tote Juden ehren. Aber wir wollen nicht viel Kontakt zu lebenden Juden, besonders nicht zu denen in Israel.

Was ich über Israel schreibe, wird offenbar nicht als normale Haltung betrachtet. Die Leute sagen oft: „Frau Drayer, Sie müssen jüdisch sein.“ Sie glauben, nur Juden können Positionen äußern, wie ich sie vertrete. Ich würde es als Ehre betrachten jüdisch zu sein, doch ich bin es nicht. Ich bringe nur meine Sichtweise zum Ausdruck. Ich habe sogar Kollegen sagen hören, dass jüdische Journalisten über nicht westliche Einwanderer nicht schreiben sollten, denn sie seien mit Vorurteilen beladen. Ich betrachte diese Äußerung als sehr antisemitisch. Andererseits erhalte ich von Lesern viele positive Reaktionen, was einen willkommenen Ausgleich bietet.

Ich habe die Charta der Hamas gelesen; diese wirbt für die Ermordung aller Juden. Doch die Menschen kümmern sich nicht darum herauszufinden, was in dieser Charta steht. Eine in den Niederlanden oft gehörter Vergleiche ist der von Juden und Muslimen. Es wird der falsche Eindruck vermittelt, dass Muslime gleichermaßen Opfer des niederländischen Volks sind, wie es die Juden einst waren. Das wird so ausgedrückt: „Die Islamophobie ist der neue Antisemitismus.“

Ich habe jetzt seit vielen Jahren in der Nähe einer Synagoge in Amsterdam gelebt. Wenn Samstags Gottesdienste stattfinden, wird sie von der Polizei bewacht. In der Nachbarschaft schockiert das niemanden. Aber ist es ein Skandal, dass das notwendig ist.“

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews, das auf Niederländisch in Manfred Gerstenfelds Bestseller „Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland“ (Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden, 2010) erschien.

Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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3 Kommentare »

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  1. Exzellentes Interview! Dass die vermeintliche In-Schutz-Nahme von Moslems in Wirklichkeit aus Paternalismus und einer salonfähigen Form von Rassismus heraus geschieht, mag niemand hören. Wenn man Integristen bei ihren Kopftüchern und Hassparolen lässt, ohne sie herauszufordern, muss man nicht mit ihnen um Arbeitsplätze konkurrieren. So einfach ist das. Es schockiert mich immerwieder, wie selbstverständlich antisemitische “Witze” in europäischen Ländern außerhalb Deutschlands geduldet werden- allen voran in Holland und Frankreich.Es ist nicht nur die deutsche Nazivergangenheit, die unverdaut geblieben ist.

  2. Zum Glück gibt (gab) es noch andere Niederländer: Corrie ten Boom.

    • Ich denke, es wird auch heute noch solche andere geben – nur halt nicht so viele, wie es nötig wäre, um die öffentliche Meinung nachhaltig zu beeinflussen oder gar zu ändern.


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