Antisemitismus und Antiisraelismus in der Tschechischen Republik

25. Juni 2012 um 15:23 | Veröffentlicht in Europa+Nahost | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Ivo Cerman (direkt vom Autor)

Die gefährlichsten Bekundungen klassischen Antisemitismus in der Tschechischen Republik sind im Internet zu finden – auf Neonazi-Internetseiten wie Národní vzdělávací institut (Nationales Bildungsinstitut).1 Linksextreme Internetseiten, die Israel angreifen, gründen ihre Argumente auf die „Verteidigung der Menschenrechte“. Es gibt in dem Land keine antijüdischen Krawalle oder ähnlich gravierende Ereignisse. Von der Polizei und dem Sicherheitszentrum der jüdischen Gemeinde sind Vorfälle wie die Beleidigung von Juden oder Graffiti auf jüdischem Eigentum registriert worden.2 Hass-Graffiti an Synagogen oder jüdischen Häusern werden in der Regel rasch entfernt.

Vandalismus auf jüdischen Friedhöfen – wie der weithin publizierte Fall in Puklice dieses Jahr – haben selten mit Antisemitismus zu tun. 2008 wurden im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt bronzene Gedenktafeln gestohlen. Die Diebe wollten die Bronze verkaufen und handelten nicht aus antisemitischen Motiven heraus. Diese Tafeln sind inzwischen durch Imitate aus Kunststoff ersetzt worden.

Ivo Cerman

Ivo Cerman

Ivo Cerman ist Dozent an der Universität von Südböhmen in Budweis. Er konzentriert sich auf die Geschichte der Aufklärung und der Menschenrechte. Außerdem hat er Studien zum frühen modernen Antisemitismus veröffentlicht.

Er merkt an: Die Berichterstattung zu Israel ist in den tschechischen Mainstream-Medien sehr unausgewogen. Das entwickelte sich hauptsächlich nach dem Zweiten Libanon-Krieg 2006 und verstärkte sich nach der Operation Gegossenes Blei gegen die Hamas 2008/09. Der Vorfall mit der Gaza-Flottille im Mai 2010 wurde zu einem weiteren Wendepunkt. Das tschechische nationale Fernsehen schickte den Journalisten Petr Zavadil als offiziellen Teilnehmer mit der Flottille mit. Begleitet wurde er von Kameramann Jan Línek und den Freiberuflern Zdeněk Lokaj (ein Journalisten) und Alexandr Fojta (ein Filmemacher). Alle vier wurden später von der IDF festgenommen und abgeschoben.3

In der Veröffentlichung ihre Erlebnisse posierten sie als „Helden im Kampf für die Menschenrechte“. Línek behauptete anfangs fälschlich, israelische Soldaten hätten scharf auf ihn geschossen. Er und andere waren jedoch nicht auf der Mavi Marmara, dem einzigen Schiff, auf dem es Kämpfe gab. Die Repräsentanten des nationalen tschechischen Fernsehens gaben öffentliche Erklärungen aus, mit denen sie die IDF der Folter und unmenschlicher Behandlung beschuldigten. Zavadil informierte die Öffentlichkeit auch während der Operation Gegossenes Blei falsch, als er eine Reihe Berichte ausstrahlte, in denen er die abscheulichsten Verbrechen als „wahre Fakten“, begangen von israelischen Soldaten, verkündete.4

Das tschechische Nationalfernsehen berichtete mit einer sehr stark antiisraelischen Tendenz über die Flottille. Viele offizielle israelische Gegenbeweise wurden komplett außer Acht gelassen, während Meinungen aus der Türkei und von der Hamas als Fakten präsentiert wurden. Die Öffentlichkeit wurde mit der Ausstrahlung der Särge der toten türkischen Aktivisten und emotionalen Berichten über das Leiden ihrer Verwandten im Fernsehen zu Hass aufgestachelt. Das Leiden der Israelis in Sderot wurde lediglich in zwei Berichten von Jakub Szántó im Dezember 2008 erwähnt.5

Einige Vertreter der alten Generation des kommunistischen Propaganda-Journalismus kamen auf die Bühne zurück. Einer war der frühere Fernsehreporter und kommunistische Diplomat Ivan Brož, der dieses Jahr starb. Er veröffentlichte ein Buch über Israels Kriege, in dem er jüdische Siedler der 1930-er und 1940-er Jahre als „Terroristen“ brandmarkt.

Linksextreme Bewegungen infiltrieren mit Leichtigkeit die akademische Welt und die politischen Parteien. Der Politikwissenschaftler Marek Čejka von der Universität Brno schrieb mehrere einseitige Bücher über israelische Geschichte. Der Politikwissenschaftler Pavel Barša von der Karlsuniversität in Prag organisierte einen Vortrag des Holocaustleugners Norman Finkelstein.

Mehrere antiisraelische Demonstrationen und Kampagnen sind vom tschechischen Zweig der International Solidarity Movement (ISM) organisiert worden, der vermutlich aus einer einzelnen Person besteht. Die ISM hat jedoch einen Kreis von Kollaborateuren, die sich diesen Demonstrationen anschlossen und Petitionen gegen Israel unterschrieben. Dasselbe machten einige signifikant linken Politiker.

Entweder unterstützten in der Vergangenheit die großen tschechischen Parteien Israel oder sie vermieden das Thema. In jüngerer Zeit haben aber einige Vertreter der tschechischen sozialdemokratischen Partei öffentlich die Palästinenser unterstützt und Israel attackiert.

Die Bedeutung der arabischen Diplomatie sollte nicht unterschätzt werden. Der palästinensische Botschafter Mohammed Salaymeh nahm an antiisraelischen Demonstrationen teil und hielt Vorträge an Universitäten. Saudi-Arabien hat wegen seiner finanziellen Macht großen Einfluss in der tschechischen muslimischen Gemeinschaft. Eine von den Saudis gesponserte Organisation ist die Islamische Stiftung in Brno, die für einen radikalen Islam wirbt.

Lukáš Větrovec ist ein junger tschechischer Islam-Konvertit und Prediger in Brno. Im Dezember 2011 wurde die Aufzeichnung einer seiner Predigten den Medien zugespielt. Er beschuldigte Israel des Völkermords am palästinensischen Volk, verglich den Gazastreifen mit „einem riesigen Konzentrationslager“ und stachelte zu Hass gegen Juden auf. Seine Predigt erhielt scharfe Kritik seitens der Föderation jüdischer Gemeinden, die die 3.000 organisierten Juden der Tschechischen Republik vertritt.

Es gibt rund 11.000 Muslime, ein neues Phänomen. Bei der Volkszählung erklärten sich nur 3.600 als solche. Eine beträchtliche Zahl tschechischer Islam-Konvertiten verbreitet aktiv radikalen Islamismus. Die Islamische Stiftung und ihre kollaborierenden Organisationen fördern in Schulen, auf öffentlichen Demonstrationen, im Internet und in ihren Publikationen Judenhass.

Es gibt rund 3.000 bis 5.000 Unterstützer der Neonazi-Bewegung. Sie organisierten zwei große antiisraelische Kampagnen und sind im Internet aktiv. Sie hoffen, dass Anti-Roma-Gefühle ihnen helfen werden öffentliche Unterstützung zu gewinnen. Die Neonazis sind noch keine signifikante Bedrohung, da sie von keiner der bedeutenden politischen Parteien unterstützt werden.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre war.

 

1 Siehe http://www.vzdelavaci-institut.info oder cz.altermedia.info und http://www.altermedia.info.

2 Výroční zpráva o projevech antisemitismu v ČR za rok 2011 (Jahresbericht zu Ausdruck von Antisemitismus in der Tschechischen Republik 2011), Židovská obec v Praze 2012.

3 Siehe Ausgaben von Události ČT vom 31. Mai bis 5. June 2010, 23. September 2010; Äußerungen, veröffentlicht vom Tschechischen Nationalfernsehen für die Presse: „Český novinář z flotily: Izraelci nám odepřeli veškerá základní práva.“ (zpravy.ihned.cz., 1. Juni 2010); “ČT: naši novináři byli v Izraeli mučeni“ (http://www.parlamentnilisty.cz, 3. Juni 2010);. Jan Línek, „Nadávali mi do teroristů…“, (http://zpravy.idnes.cz, 1. Juni 2010).

4 Ausgaben von Události ČT vom 7. und 8. Februar 2009.

5 Ausgaben von Události ČT vom 30. Dezember 2008 und 6. Januar 2009.

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