Braunschweig mit Wannsee-Blick

4. Juli 2012 um 15:33 | Veröffentlicht in Deutschland, Geistesgrößen | Hinterlasse einen Kommentar
Schlagwörter: , ,

Stefan Göpke, 03.07.2012 (Gastbeitrag)

Kaum hat sich bei den Braunschweiger Friedenskämpfern der Fakten- und Informations-Schock der letzten Veranstaltung gesetzt, da geht es schon in die nächste Runde. Diesmal ist es ein Heimspiel mit eigenen Referenten, die angetreten sind den Nahostkonflikt zu lösen. Es sollten verschiedene Meinungen zu dem Thema zu Gehör gebracht werden und dann in eine Lösung einfließen. Deswegen haben die großen Braunschweiger Friedensinitiativen, also „Kunst macht Politik“, Braunschweiger Bündnis für den Frieden, das Friedenszentrum und der Deutsch-Palästinensische Verein, eingeladen:

- Prof. Johann Galtung, Friedensforscher – hat bisher alle anderen Konflikte dieser Welt erfolgreich beilegen können,

- Prof. Norman Paech, Völkerrechtler und Ex-Seefahrer mit Sehschwäche und partiellen Wahrnehmungsschwierigkeiten,

- Felicia Langer, Menschenrechtlerin und „Überlebende des Holocaust und mein Mann sowieso“ (Zitat),

- Moderation: Pfarrer Herbert Erchinger, Ex-Studentenpfarrer und ehemaliger Berater von Kriegsdienstverweigerern.

Das geneigte Publikum wurde von der Initiatorin der Nakba-Ausstellung in Braunschweig und scheinbar örtlichen Nahost-Empörungsbeauftragten begrüßt. (Bei anderen Gelegenheiten ließ sie ihren Emotionen auch gerne mal freien Lauf, wenn es um „unfassbares Unrecht“ geht, israelisches natürlich.) Sie stellte aber gleich klar, dass das Podium nicht ausgewogen sei und auch nicht sein muss, weil man ja zu einer Perspektive für Palästina finden möchte – „ohne ein Gegeneinander von links und rechts“. (Wahrscheinlich wollte sie „gut und schlecht“ sagen.) Klar, auch die Wannseekonferenz würde heute noch ohne Ergebnis sein, hätte man die Juden mitdiskutieren lassen. Die sind ja so destruktiv, unkooperativ und sicher nicht lösungsorientiert. Die halten nur auf.

Auf dem Podium begrüßte als Moderator Pfarrer Erchinger die Referenten. (Der Begriff Diskutanten hätte ja mindestens gering von einander abweichende Meinungen bedingt.) Sichtlich gerührt, ein Podium mit gleich drei Heroen der nationalen, fast schon internationalen Israel-Basher-Szene moderieren zu dürfen. Besonders angezuckert schien er vom Marvi-Marmara-Überlebenden Norman Paechzu sein, der „bei dem Angriff der Israelis auf friedliche Unbewaffnete dabei war“. Lieber Pastor Erchinger, hätte auch nur einer ihrer KDV-Schützlinge seinerzeit Ihre Definition von „unbewaffnet“ oder „friedlich“ kund getan, so hätte dieser dadurch aber eine Express-Fahrkarte in die nächste Kaserne gelöst.
Die alte Frage, ob Gott existiert oder nicht konnte an diesem Abend leider auch nicht beantwortet werden. Nur, wenn es ihn gibt, dann hat Erchinger einen sehr guten Draht zu ihm. Wie sonst wäre es zu erklären, dass es an diesem Abend bei all den Lügen und Verdrehungen keine Frösche im Saal der Brunsviga regnete.

Den Anfang durfte die Dame der Runde machen: Felicia Langer. In Israel sei die Nakba verboten. Israel sei die viertgrößte Militärmacht weltweit. Und laut Aussage eines Juden aus Südafrika sei die Besatzung in Israel hundertmal schlimmer als die Apartheid. Das Wichtigste sei Druck auf Israel, damit es nicht so weiter mache. Die Revolution in Ägypten hätte eine Vision hervorgebracht. Und sie hätte mit Liebe den Palästinensern das andere Gesicht des israelischen Volkes gezeigt, was zur Folge gehabt hätte, dass in Palästina sehr viele Mädchen den Namen Felicia trügen. „Wir sind beide Holocaust-Überlebende, mein Mann sowieso.“ Durch ihre Vergangenheit (Holocaust) hätten die Deutschen eine Verpflichtung: „Freundschaft zu Israel? Ja, aber eine kritische!“ mahnte Langer mit erhobenen Zeigefinger. Eine Felicia Langer lädt man sicher nicht ein um Informationen zu erhalten. Aber ihre von mir nicht weiter kommentierte Ich-habe-mein-Leben-lang-gekämpft-Show kommt beim geneigten Publikum gut an.

Interessanter war da schon ein Johann Galtung, der mit ruhiger Stimme strukturiert vortrug, wie man Konflikte beilege:

1.     Konfliktlösung,

2.     Traumata verarbeiten,

3.     mögliche Zusammenarbeit nutzen,

4.     emotionale Resonanz.

Galtung nannte zum ersten Punkt den Vertrag von Rom, in dem 1950 Deutschland als ehemaliger Angreifer Mitglied der europäischen Familie werden sollte. Das habe ja gut funktioniert. Ziel im nahen Osten sei es, dass sich die Araber das auch wünschen würden. Habe ich das richtig verstanden? Die arabischen Staaten, die nicht müde werden zu betonen, dass Israel auf die eine oder andere Art vernichtet werden soll? Wenn diese Staaten also sich wünschten, dass Israel in die Familie aufgenommen werde, dann wäre das Problem gelöst? Kein Problem. Der demokratische Staat Israel verwandelt sich mal kurz in eine beschissene, Menschen verachtende Diktatur und wird dann in die „Familie“ der anderen mindestens zweifelhaften Staaten aufgenommen. Natürlich werden die netten Nachbarn ihren Judenhass überwinden. Mensch, warum ist da nicht schon vorher jemand drauf gekommen? Eine Voraussetzung wäre natürlich auch eine Landbrücke zwischen dem Gaza-Streifen und den PA-Gebieten. Die würde ja dann nur Israel zerschneiden, aber um Israels Interessen geht es ja hier nicht – es geht ja um eine Lösung.

Galtungs Forderung ist eine OSZNO (wie die OSZE, nur für Nahost). Wobei er lieber von West-Asien sprechen würde, weil der Begriff Nahost von den Engländern geprägt sei. Aber bloß nicht den Begriff Araber ins Spiel bringen. Das könnte Gedankengänge hervorrufen, die Galtung sicher nicht beabsichtigt.

Für die in Punkt 2 geforderte Verarbeitung von Traumata sei es unerlässlich dass man ein Tabu breche. Stichworte: Juden, Israel, Amerika, Deutschland.

Weiterhin müssten die Schuldigen Abstand von ihrer Aggression nehmen aber auch sagen dürfen, warum sie das getan hätten. Wer die Schuldige sind braucht Galtung natürlich nicht explizit zu erwähnen.

Zu dem dritten Punkt stellte er nur die Frage, ob man Zusammenarbeitsprojekte für die Zukunft wirklich von Israel erwarten dürfe? „Mein Problem ist nicht Palästina!“ Der Zuhörer merkt natürlich, dass das dann wohl auch ein Punkt sein wird, woran der geniale Masterplan Galtungs scheitern wird: die Israelis werden nicht mitmachen. Selber Schuld, der unbelehrbare Jude.

Die unter dem vierten Punkt benannten Emotionen sind natürlich wichtig für die Analyse. Israel hat bisher nie eine Bereitschaft gezeigt sondern hat stattdessen Angst vor Frieden. Er befürchte, dass Israel weiter und weiter expandieren möchte. Auch bis weit in den Irak und Ägypten, wie er aus dem alten Testament ableitete.

Die Araber wiederum hätten Angst vor einer ökonomischen Durchdringung, wie sie Deutschland auch hatte. In Deutschland wisse man ja, was passiert, wenn sich Juden in Positionen festsetzten. Klar Herr Galtung, wir erinnern uns an die Folgen der Kriege, in die uns die Juden gestürzt haben. Auch die braunen Friedenskämpfer der 30er Jahre konnten nur mahnen. Selbst eine fürsorglich Drohung einer Vernichtung der Juden, falls sie Deutschland nochmal in einen Krieg stürzten, blieben bei den Juden ungehört. Das ist ja Geschichte. Genauso überhören die Juden heute auch wieder jegliche freundschaftliche Mahnung. „Das Problem mit Israel sei, dass es nur an eines denkt: Ausdehnung Ausdehnung, Ausdehnung.“

Wie aber kommt nach einer solchen Analyse zu einer Lösung. Es gehört nicht viel Fantasie dazu um zu ahnen, dass diese Lösung eher eine Endlösung sein soll: Man muss ein klares „Nein“ zu Israel sagen. Wie? Die UNESCO hätte schon angefangen. Die UN selber wären bisher noch zu feige gewesen. Man müsse die Anerkennung Israels abbauen und gleichzeitig die Diplomatie mit Palästina aufbauen. „Besser: Man muss den Juden beibringen, dass Sicherheit durch Frieden kommt, nicht Frieden durch Sicherheit.“ Es war falsch von Israel, alle Länder jenseits der Grenze mithilfe von Diktaturen zerstören zu wollen. Jetzt finden dort ja auch Revolutionen statt. Genau, Galtung, das Volk erhebt sich gegen die Juden-Knechtschaft.

Sein Statement schloss der Friedensforscher mit der Forderung nach der Abschaffung des israelisch-amerikanischen Imperiums. Seine Aussagen sprechen weitestgehend für sich. Eine Rede, wie sie bei jeder NPD-Versammlung oder jeder Konferenz in Teheran nicht weniger anerkennenden Applaus hätte ernten können.

Als dritter Redner beglückte uns Norman Paech mit dem Hinweis, dass er keine Statements selber mehr gebe, vielmehr nur noch vornehmlich Zitate aus Israel verwende um Antisemitismus-Vorwürfen auszuweichen. Sein übliches Geschwurbel endete in der Erkenntnis, dass Israel unter Realitätsverweigerung leide und einen Friedensprozess verweigere. Welche Perspektiven hätte man trotzdem, wenn Friedensverhandlungen nutzlos seien? „Intellektuallität, Mahnung und Diskussionen werden nicht zum Ziel führen.“ Das undemokratische und kriminelle System müsse kollabieren. „Und wir können dazu beitragen.“ Applaus. Mein Vorschlag: Aus der Geschichte lernen und „Kauft nicht bei Juden“ konsequenter durchsetzen.

Im anschließenden Frageteil kamen auf Fragen und Stichworte noch interessante Statements. Hier noch kurz die absoluten Lowlights:

Paech betonte, dass die heterogene Zusammensetzung auf der Marvi Marmara geplant hatte, friedlich die Blockade zu durchbrechen. Die Vereinbarung war, dass man friedlichen Widerstand leiste. Eventuelle antisemitische Hintergründe spielten aber gar keine Rolle, da man ja ein gemeinsames Ziel hatte. Nein, terroristische Hintergründe hat er vorher und währenddessen nicht sehen können. …sehen wollen, Herr Paech! Es sei nur eine Handvoll, vielleicht ein Dutzend Menschen gewesen, die sich dann mit Knüppeln gewehrt hätten als die Israelis angegriffen hätten. Das wäre aber nicht vereinbart gewesen. Lieber Herr Paech, wem der terroristische Hintergrund vor und während der Fahrt egal war, ist im besten Falle ein Realitätsverweigerer und/oder Terror- Sympathisant. Wer jetzt aber im Nachhinein dies verleugnet ist schlicht und ergreifend ein ekelhafter Lügner. Als einzig unabhängige Quelle nannte er noch die Befragung der Passagiere durch Beauftragte des UN-Menschenrechtsrats. Unabhängig? Ja, unabhängig von Realitätsgehalt. Genau, Herr Paech. Und wer sich für das dritte Reich interessiert, der möge doch einer Befragung von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern durch ein NPD-Gremium Glauben schenken. Die Aussagen sind sicher authentisch und bilden die Realität ab.

Das Existenzrecht Israels sei für ihn kein Problem. Auch die PLO hätte 1988 bereits Israel anerkannt. Und die Hamas hätte nur ein Problem, nämlich dass Israel seine Grenzen nicht definiert hätte. Ach so. Hinter der Parole „Tötet alle Juden“ steht also eigentlich nur die Forderung definierter Grenzen Israels? Das muss einem doch gesagt werden.

Auf meine Frage, ob oder warum denn die Palästinenser keine Friedensbewegung bräuchten, ob sie denn per se so friedlich seien, erklärte Galtung wiederum, dass Israel an den Palästinensern keinen Genozid verübe sondern einen Soziozid. Der Hass der Palästinenser sei berechtigt. In Israel sehe er wenig Gewaltlosigkeit, aber bei den Palästinensern eine Dynamik in die richtige Richtung.

Langer warf nochmal den Riemen auf ihre Phrasen-Dreschmaschine. Energisch klopfte die Botschafterin der Liebe auf den Tisch und schimpfte etwas über Apartheid, Israels Politik ist schuld an der Situation, Völkerrechts widrige Besatzung, Recht auf Widerstand, alle Palästinenser sind Friedenskämpfer, …

Aber das Bonbon des Abends kam dann doch unerwartet vom Moderator Erchinger. Eine Araberin stellte die Frage, was den wäre, wenn Araber direkt in Europa einen Staat gegründet hätten und dann die Araber mitten unter uns wären. Unter Zustimmung des Publikums pflichtete er ihr bei „das wäre die Hölle“. Danke für diese offenen Worte.

Paech betonte, dass die die aktuelle Diskussion absolut nichts mit Antisemitismus zu tun hätte. Heftiger Applaus. Nein, natürlich nicht, Herr Paech, da wird ein Unsichtbarer während der Veranstaltung einen Riesenkübel Antisemitismus auf der Bühne ausgekippt haben, der danach über den Bühnenrand des Brunsviga-Saales in den Publikumsbereich gelaufen ist. Auf der Bühne haben ja nur kritische Israel-Freunde gesessen, nicht etwa einige der Haupt-Prediger der Israel-Hasser-Gemeinde, veritable Antisemiten.
Nein, es war sicher keine Spur von klassisch westlichem, arabischem oder neuem Antisemitismus oder jüdischem Israel-Hass zu vernehmen. Auch kein Antisemiten-Geschwurbel in wissenschaftlichen Formulierungen verpackt.

Wenn ich Ihnen allen für die Zukunft meine kritische Freundschaft zusage, dann bitte ich das nicht als physische Vernichtungsdrohung oder -ankündigung zu interpretieren. Ich bevorzuge (im Gegensatz zu ihren Saalordnern) verbale Auseinandersetzungen.

Sie haben an diesem Abend schon einiges gesagt, was an Deutlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig lässt. Vielleicht sollte jedoch mal jemand ein Wörterbuch „Friedensdeutsch → Deutsch“ schreiben, damit auch Außenstehende ihre Codierung für bestimmte Begrifflichkeiten verstehen: Lösung → Endlösung, friedlich → gewalttätig, Kritik → Hass, Freundschaft → offene Feindschaft, Widerstand → Judenmord, gerechter Frieden → Auslöschung Israels, arabische Vision → Holocaust 2.0, Demokratie → Islamismus, Realitätsverweigerung → Überlebenswille, unbewaffnet → bewaffnet, spontaner Widerstand → geplanter Lynchmord, …

Für die Fortsetzung dieser Veranstaltung jedoch sollten Sie noch Fachleute und Technokraten dazu bitten, die dann die technische Durchführung für Ihre Lösungsvorschläge ausarbeiten. Das hat sich bewährt. Und Angst vor den falschen Mitstreitern brauchen Sie nicht haben – es geht ja um ein gemeinsames Ziel. Trauen Sie sich! Kritik unter Freunden ist doch wohl noch erlaubt, oder?

About these ads

Hinterlasse einen Kommentar »

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder einen kostenlosen Blog – auf WordPress.com!. | The Pool Theme.
Entries und Kommentare feeds.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 480 Followern an

%d Bloggern gefällt das: