Das amerikanische Mädel im Bunker

6. Juli 2012 um 15:26 | Veröffentlicht in Israel | 3 Kommentare
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Für eine Freiwillige aus New York in einer IDF-Fallschirmjäger-Einheit fühlten sich die letzte Woche aus dem Gazastreifen geschossenen Raketen wie Krieg an

Talia Lefkowitz, Tablet, 29. Juni 2012

Meine Facebook-Seite ist überzogen mit Fotos und Einträgen zur letzten Runde der Raketenangriffe, die aus dem Gazastreifen nach Israel geschossen wurden. „Fünfzig Raketen treffen Israel in den letzten drei Tagen“, heißt es in der Fotobeschreibung. Die darunter folgenden Kommentare reichen von scheinheilig pro-israelischen Ansichten und Gebeten für den jüdischen Staat bis zu wütenden Tiraden gegen israelische Arroganz und Forderungen nach einem Palästinenserstaat in der Westbank.

Es ist ein wenig surreal, diese Einträge zu lesen, während ich in einem Bunker sitze, über dem genau diese Raketen kreischen. Ich bin eine freiwillige IDF-Soldatin aus New York, die in einer Fallschirmjäger-Eliteeinheit dient. Ich bin die einzige Frau in einer Einheit mit 85 Soldaten. Im Verlauf des letzten Jahres haben wir überall im Land gedient. Jetzt sind wir an der Grenze zum Gazastreifen und zum Sinai stationiert und die Lage beginnt brenzlig zu werden.

Die Raketenangriffe hören immer irgendwann auf. Ich weiß, dass es schließlich eine vorläufige Waffenruhe geben und das Leben auf der Basis wieder normal werden wird. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass die derzeitigen Angriffe es sogar bis Facebook schafften, denn außerhalb von Israel scheint niemand zu glauben, dass sie berichtenswert sind, geschweige denn eine Kriegshandlung. Keine große Sache, oder?

Innerhalb des Bunkers fühlt es sich anders an. Wenn man auf dieser Seite der Raketen ist – ihr schrilles Kreischen, wenn sie vorbeifliegen, den Raum zu spüren, wenn sie einschlagen und die ätzenden Rauchwolken riecht, die aus ihren Kratern steigen – dann fühlt sich das wie Krieg an.

Unsere Zimmer auf der Basis ähneln Wohnwagen. Die Wände sind dünn und die Decke besteht nur aus schwachem Metall. Unsere Betten sind aus dünnen Stahlstücken gefertigt und die Matratze ist ein riechender Eierkarton, auf dem wahrscheinlich seit mehr als 20 Jahren geschlafen wird. Wenn Soldaten sich nicht im Einsatz befinden, dann tun sie genau das, was die Filme zeigen: Karten spielen, Zigaretten rauchen, Hanteln heben, Kaffee auf kleinen Gasöfen kochen. Vor drei Tagen kümmerten wir uns einfach nur um unseren eigenen Kram, als wir eine enorm starke Explosion hörten, die buchstäblich den Boden wackeln ließ. Ich wusste, dass der Boden sich bewegt hatte, weil unser Kaffee verschüttet war.

Ich glaubte nicht, dass es eine Rakete oder Bombe sein konnte, weil die Warnsirene, die tzeva adom, nicht angeschlagen hatte. Wir rannten alle raus, um zu sehen, was das für ein Lärm war und in der Ferne, vielleicht 2 Kilometer weit weg, konnten wir die entlarvende Rauchwolke sehen.

Sekunden später heulte die Sirene und wir rannten alle in den nächsten Bunker. Der Bunker hat keine Fenster. Der Raum ist für 30 Menschen gebaut, aber irgendwie schafften wir es 70 hinein zu quetschen. Glücklicherweise gab es eine Klimaanlage, doch die leckte überall und egal, wo wir saßen, wurden wir bespritzt. Die Leute drückten sich an die Bunkerwände, um den spät Gekommenen Platz zu machen. In diesem Chaos war es meine Aufgabe meine gesamte Einheit zu zählen und sicherzustellen, dass jeder es herein geschafft hatte.

Nach drei Stunden wurde uns vom Geheimdienstchef der Basis gesagt, dass wir sicher hinaus gehen konnten. Das dauerte nicht lange. Bumm! Bumm! Bumm! Drei weitere Raketen schlugen ein paar Minuten später ein, diesmal noch näher bei uns. Das tzeva adom heulte, aber wir hatten nicht genug Zeit um einen sicheren Ort zu erreichen. Zwei Sekunden nach dem Sirenengeheul fühlten wir die Erde unter unseren Füßen beben. Wir waren absolut schutzlos.

Die Nächte sind die Hölle. Ich kann nicht schlafen. Ich liege im Bett, komplett angezogen, mit Stiefeln und Helm und warte darauf den Alarm zu hören, warte darauf aus dem Raum in Sicherheit zu rennen.

Stunden vergehen ohne eine Rakete und ich beginne mich zu entspannen. Vielleicht ist es vorbei. Die Medien – selbst die israelischen Zeitungen – sagen, das sei keine große Sache. Ich fange an ihnen zu glauben. Doch dann schlägt ohne Warnung eine weitere Bombe ein und diese nur wenige Meter von uns entfernt. Es ist wie ein Erdbeben. Der Raum schwankt und ich falle aus meinem Bett. Die nächsten Minuten scheinen sich in Zeitlupe zu bewegen. Kreischen, Taumel, Rauch. Jeder läuft. Hände bedecken die Ohren. Wischen die Augen. Halten Papiertaschentücher über Münder und Nasen.

Während ich renne, versuche in Sicherheit zu kommen, habe Rückblenden zur Wohnung meiner Familie in Manhattan oder zu dem Haus, in dem ich in Maryland aufwuchs. Es ist unvorstellbar, dass etwas Derartiges dort passieren könnte. Es gäbe Schock, Empörung, sogar internationale Verurteilung. Oder vielleicht eine so gewaltige amerikanische Antwort, dass die Raketenangriffe endlich aufhören würden – für immer. Stattdessen bin ich sicher, dass die Facebook-Seite morgen mit weiterer Kritik an Israel und weiteren Rechtfertigungen für die Angriffe angefüllt sein wird.

Ich bin ein Mädel aus New York, die nach Israel kam, um den jüdischen Staat zu verteidigen. Ich bin stolz auf meinen Dienst und all die bemerkenswerten jungen Männer, die ich getroffen habe, die tagtäglich ihr Leben riskieren, um dieses Land sicher zu machen. Ich bin das Mädel im Bunker und ich kann euch sagen, dass diese Raketenangriffe doch eine große Sache sind.

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3 Kommentare »

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  1. Danke für diesen Bericht. Er zeigt uns die Realität.
    Bei uns gibt es verharmlosende Bezeichnungen wie “selbstgebastelte Primitivraketen”, “Feuerwerkskörper, ohne jede Wirkung, weil ungesteuert völlig harmlos im offenen Gelände einschlagend”.
    Nun gut, ihr wurdet nicht direkt getroffen. Trotzdem bekomme ich eine Gänsehaut wenn ich mir vorstelle, dass ich in dieser Situation wäre.

  2. Warum bereitet ISRAEL diesen irregulären Angriffen aus dem Hinterhalt nicht “Ein Ende mit Schrecken” statt einen “Schrecken ohne Ende” hinzunehmen?

    • Weil Israel eben Israel ist und weder eine europäische (Ex-)Kolonialmacht) noch ein arabischer Despotenstaat.


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