Der norwegische Sommer, Israel und die Juden

24. August 2012 um 13:17 | Veröffentlicht in Europa | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Der kurze norwegische Sommer war dieses Jahr nicht so ruhig wie üblich. Einige Aspekte davon sind auch für Israel und die lokale jüdische Gemeinschaft von Bedeutung. Ein Teil der Probleme sind mit der Ermordung von 77 Menschen durch Andres Breivik letztes Jahr in Oslo und auf der Insel Utoya vom 22. Juli verbunden. Die gerade erst veröffentlichten Schlussfolgerungen der von der Regierung ernannten Untersuchungskommission sind für Norwegens Führung vernichtend. Der Bericht erwähnt eine lange Liste wichtiger Defizite, darunter schwacher Schutz für Regierungsgebäude, eine schwache Polizeiführung und allgemeine Unordnung.1 Die ultimative Verantwortung für dieses Versagen liegt bei Premierminister Jens Stoltenberg von der Arbeitspartei.

Seiner Regierung wurde große Inkompetenz beim Schutz seiner eigenen Bürger nachgewiesen. Dafür ist sie ein Meister der Kritik an Israel. Insbesondere der Teilzeit-Antisemit und Außenminister Jonas Gahr Støre, verurteilte regelmäßig die Regierung in Jerusalem und erzählt ihr, wie sie unendlich komplexe Herausforderungen handhaben soll, mit denen umzugehen Norwegen gar nicht in der Lage ist. Diese Arroganz wird oft von Redakteuren norwegischer Medien, NGOs, einigen lutherischen Bischöfen, Gewerkschaftsführern und anderen aus der kulturellen Elite des Landes geteilt.

Dennoch war es nicht schwierig zu begreifen, dass es in Norwegen schon vor vielen Jahren strukturelle Sicherheitsprobleme gab. In meinem Buch Behind the Humanitarian Mask, the Nordic Countries, Israel and the Jews (Hinter der humanitären Maske: Die nordischen Länder, Israel und die Juden. 2008) zitierte ich den damaligen Chef der norwegischen Armee, General Robert Mood. Er beschrieb die Fähigkeiten seiner Armee als nur in der Lage vielleicht ein Viertel in Oslo zu verteidigen, aber keinesfalls das ganze Land.2

Neben dem Bericht der Breivik-Kommission gab es weitere Gründe für einen etwas unruhigen Sommer. In den Niederlanden musste ein wichtiges Tanklager der großen norwegischen Firma Odfjell schließen. Neben regelmäßigen Sicherheits- und Umweltproblemen hatte es Lecks bei entzündlichen Gasen gegeben. Als ein niederländischer Sicherheitsexperte ein Bild der derzeitigen Anlage sah, war sein erster Gedanke, es sei vor 30 Jahren aufgenommen worden.3 Odfjells Stammhaus erklärte, dass Sicherheit sehr ernst genommen würde, konnte aber nicht erklären, warum die niederländische Filiale diesbezüglich viele Versäumnisse aufwies.

Die kulturelle Elite Norwegens ist trügerisch stolz auf ihre Ethik. Die riesigen staatlichen Rentenfonds verkauften Anteile der israelischen Firma Elbit, weil diese Komponenten für die israelischen Sicherheitskräfte fertigte. Letztere haben die Zahl der Morde an israelischen Zivilisten durch Palästinenser enorm reduziert. Eine große Explosion in der unethischen und fahrlässigen niederländischen Odfjell-Filiale hätte die Bevölkerung der Umgebung von rund einer Million Menschen gefährden können.

Die führende norwegische Tageszeitung Aftenposten erwähnte in einem Kommentar, dass Odfjell das Ansehen Norwegens im Ausland gefährdete.4 Fakt ist: Dieses Ansehen hätte schon vor langem heruntergestuft werden sollen und sei es nur schon wegen der Empathie der Elite für Mord und Völkermord unterstützende Palästinenser und andere Kriminelle in muslimischen Staaten. Um dieselbe Zeit brachte die Zeitung Dagbladet zwei Artikel, die detailliert die Korruption norwegischer Firmen beim Handel mit Diktaturen beschrieben.5

Vor ein paar Wochen setzten die Universität Basel und die dort angesiedelte World Peace Academy die Zusammenarbeit mit dem norwegischen Friedensforscher „und Vater der Friedensstudien“ Johan Galtung aus. Dieser hatte einer Zuhörerschaft die antisemitische Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“ empfohlen. Galtung sagte, in diesem Buch könne man nicht lesen, ohne an Goldman Sachs zu denken. Er legte außerdem nahe, dass die Juden zum Teil Schuld dafür trugen in Auschwitz ermordet worden zu sein.6 Mancher mag sich fragen, warum in Norwegen nicht gegen ihn vorgegangen wurde. Die Antwort ist für die nicht schwierig, die sich mit der tief gehenden Heuchelei vieler Mitglieder der kulturellen Elite Norwegens auskennen.

Weit weniger auffällig, aber dennoch bemerkenswert ist die Veränderung in der Haltung der jüdischen Gemeinschaft. Viele Jahre lang spielte sie eine bedeutende Rolle bei der öffentlichen Bagatellisierung des Antisemitismus und Antiisraelismus in Norwegen. Das war für die norwegische Regierung zweckdienlich. Als Ausländer es wagten die offensichtliche norwegische Aufhetzung aufzuzeigen, war die Reaktion oft: „Wer weiß es besser – die norwegischen  Juden oder diese Leute, die nicht einmal hier leben?“

Die Beschönigung der unerfreulichen Realität des Landes durch lokale jüdische Leiter war nach früheren Erfahrungen, wenn sie den Mund aufmachten, zum Teil verständlich. Vor etwa zehn Jahren erhielten zwei Gemeindemitglieder, die öffentlich in der Diskussion von Antisemitismus involviert waren, mit der Post (Gewehr-) Kugeln zugeschickt.

Doch selbst für die kleine norwegische jüdische Gemeinde gibt es Grenzen. Die Zentrumsparte, Teil der Regierung, hat sich gerade für das Verbot der Beschneidung von Jungen ausgesprochen. Ervin Kohn, Kopf der jüdischen Gemeinde von Oslo, sagte immer noch, er wolle lieber Jude in Norwegen als in Spanien oder Ungarn sein. Im August sagte Kohn, wenn ein Gesetz zum Verbot der Beschneidung verabschiedet würde, werde es für die Juden keinen Platz mehr in Norwegen geben.7 Kein Kritiker aus dem Ausland ist je so weit gegangen.

Vor kurzem hat sich der ehemalige stellvertretende US-Außenminister Elliott Abrams der zunehmenden Zahl ausländischer Kritiker des norwegischen Antisemitismus und Antiisraelismus angeschlossen.8 Für diejenigen, die mit den vielen Anomalien der kulturellen Elite des Landes vertraut sind, gibt es nur eine Schlussfolgerung: Es wird weiteres norwegisches schlechtes Benehmen kommen, wenn der Sommer zu Ende ist.


Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre war.

1 Norway Police could have stopped Breivik sooner. BBC News Euorpe, 13. August 2012
2 Sveinung Berg Bentzr
ød: Army Forced to Sharpen Knife as Costs Cuts Loom. Aftenposten, 30. Mai 2008
3 Joost Pijpker: al dertig jaar problemen bij tankopslagbedrijf Odfjell. De Volkskrant, 4. August 2012 [niederländisch]
4 http://tundratabloids.com/2012/08/scary-norwegian-company-odfjell-still-causi…
5 http://tundratabloids.com/2012/08/norway-corruption-exposed-no-longer-the-dai…
6 Benjamin Weinthal: Swiss group suspends ‚antisemitic‘ Norway scholar. Jerusalem Post, 9. August 2012.
7 Norwegian official: Jews, Muslims should replace circumcision with ‚symbolic‘ ritual. JTA, 6. August 2012.
8 Elliott Abrams: Scandinavia and the Jews. The Weekly Standard, 6. August 2012.

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