Jüdische Flüchtlinge aus dem Nahen Osten verloren weit mehr als palästinensische Flüchtlinge

24. September 2012 um 15:33 | Veröffentlicht in Geschichte, Palästinenser | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Sidney Zabludoff (direkt vom Autor)

Etwa eine Million jüdischer Menschen wurde zu Flüchtlingen, als sie nach 1948 gezwungen wurden die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas zu verlassen. In vielen Fällen hatten ihre Vorfahren dort seit Tausenden von Jahren gelebt. Vor 1948 gab es im Nahen Osten und Nordafrika mehr als eine Million Juden außerhalb des Gebiets, das zu Israel wurde. Die Gesamtzahl fiel während der Jahre nach dem Krieg von 1948 um die Hälfte und ging dann nach dem Konflikt von 1967 auf rund 100.000 zurück. Die jüdische Bevölkerung nahm in den folgenden Jahren weiter ab und betrug 2012 ungefähr 30.000.

Die genaue Zahl der Palästinenser, die ab November 1947 bis Dezember 1948 aus Israel flohen, wird man nie kennen. Die plausibelste Zahl beträgt rund 550.000. Dieser müssen rund 100.000 neue Flüchtlinge des Krieges von 1967 hinzugezählt werden, was insgesamt 650.000 macht. Damit übertrifft die Zahl der Juden, die durch das Handeln der Länder, in denen sie lebten, zur Flucht gezwungen waren, die Originalanzahl der palästinensischen Flüchtlinge um mehr als 50 Prozent.

Sidney Zabludoff

Sidney Zabludoff

Sidney Zabludoff ist ein Ökonom, der dreißig Jahre für das Weiße Haus, die CIA und das Finanzministerium gearbeitet hat. Nach seiner Pensionierung 1995 konzentrierte er sich hauptsächlich auf Fragen, die mit der Rückgabe während der Zeit des Holocaust gestohlenen jüdischen Vermögens zu tun haben.

Der Unterschied bei individuellen Vermögenswerten war sogar noch größer. Es sollte beachtet werden, dass es unmöglich ist, den genauen Wert des verlorenen Eigentums zu bestimmen und man kann über den Wert der verschiedenen Vermögen streiten. Die solideste Schätzung für im Krieg von 1948 von den geflohenen Palästinensern aufgegebene Vermögenswerte wurde von John Measham Berncastle vorgenommen, der Anfang der 1950-er Jahre unter der Schirmherrschaft der neu gebildeten United Nations Conciliation Commission for Palestine (UNCCP – UNO-Versöhnungskommission für Palästina) die Aufgabe übernommen hatte. Seine Schätzung betrug 120 Millionen palästinensische Pfund, von denen rund 100 Millionen für Land und Gebäude und 20 Millionen für bewegliches Eigentum angesetzt waren. Man könnte weitere 5 Millionen Pfund auf Bankkonten hinzufügen.

Diese Gesamtsumme von 125 Millionen palästinensischen Pfund ergaben 1948 rund $350 Millionen. Das macht etwa $650 für jeden Flüchtling von 1948/49. Diese Zahl scheint realistisch, wenn man sie mit ähnlichen Daten vergleicht. Das Vermögen für Osteuropa Ende der 1930-er Jahre betrug z.B. zwischen $550 und $700. Dies war die beste verfügbare, gleichwertige Vermögensstatistik. Dem müssen die Vermögensverluste für die zusätzlichen 100.000 Palästinenser hinzugefügt werden, die in Folge des Kriegs von 1967 flohen, sowie die 40.000 intern Heimatlosen in Israel (IDPs – Internally Displaced Persons in Israel). Letztere werden einbezogen, obwohl ihnen oft neues Land und/oder Entschädigung gegeben wurde. Bei realistischen $700 pro Kopf würde sich das auf weitere $100 Millionen an verlorenem palästinensischem Vermögen belaufen. So betragen die verlorenen Vermögenswerte der Palästinenser eine Gesamtsumme von rund $450 Millionen. In Preisen von 2011 würden sich daraus $4,2 Milliarden ergeben.

Eine vergleichbare Schätzung der Vermögensverluste der Juden, die aus den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas flohen, beträgt in Werten von 2011 $6,5 Milliarden. Für die von jüdischen Flüchtlingen verlorenen höheren Vermögenswerte gibt es hauptsächlich zwei Gründe. Erstens liegt die Zahl der jüdischen Flüchtlinge etwa 50 Prozent höher als die der palästinensischen Flüchtlinge. Zweitens variiert die demografische Beschaffenheit der beiden Gruppen. Ein höherer Prozentsatz der jüdischen Flüchtlinge war urban, bestand hauptsächlich aus Händlern und Fachleuten, die dazu tendierten mehr Vermögenswerte anzusammeln als die palästinensische Bevölkerung, die eher ländlich war.

Es gibt weitere Erwägungen. Eine wichtige Unbekannte ist Gemeindeeigentum wie Krankenhäuser, Moscheen, Synagogen und religiöse Schulen. Eine Schätzung setzt den Wert solchen jüdischen Eigentums in Ägypten im Wert von 2011 mit $600 Millionen an. Es kann angenommen werden, dass auch hier wegen der höheren Zahl der Flüchtlinge und einer größeren Zahl an Orten die jüdischen Beträge höher liegen als die der Palästinenser.

Aus einer globalen Perspektive ist die Frage der palästinensischen Flüchtlinge einzigartig. Seit 1920 schufen alle größeren Flüchtlingskrisen, die den Austausch religiöser oder ethnischer Bevölkerungsgruppen betraf, zwar Notlagen, doch man handelte so, dass sie innerhalb von einer Generation beseitigt waren. Themen wie Rückkehrrechte und Entschädigungen wurden nie angemessen gelöst und weitgehend vergessen. Wie im Fall der jüdischen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Nordafrika wurden alle nicht palästinensischen Flüchtlinge in ihrem neuen Heimatland absorbiert. Solche Umstände gab es im Fall der Konflikte zwischen Griechenland und der Türkei, zwischen Indien und Pakistan sowie der gewaltigen Zahl der Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs.

Für die meisten Flüchtlingskrisen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Entschädigung hauptsächlich in Form von zeitlich begrenzter Unterstützung, die nur ein paar Jahre anhielt, während der sich die Flüchtlinge in ihrer neuen Umgebung assimilierten. Nur die palästinensische Flüchtlingsfrage dauert eine so lange Zeit an. Als Ergebnis davon hat die UNRWA während der vergangenen 62 Jahre rund $18 Milliarden (in heutigem Wert) zur Unterstützung der palästinensischen Flüchtlinge ausgegeben. Diese Summe ist beträchtlich höher, als die Vermögenswerte, die diese Flüchtlinge verloren.

Im Vergleich gibt es zahlreiche Beispiele für Entschädigungen, die zu kurz greifen. Weniger als 20 Prozent der Vermögensverluste der Juden im von den Nazis besetzten Europa wurden zurückgezahlt, trotz der Tatsache, dass der Holocaust ein in der modernen Geschichte beispielloses Ereignis war – die Auslöschung von mehr als zwei Dritteln des kontinentalen europäischen Judentums. Das ist die Realität, der wir gegenüber stehen.

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