Sprache als Mittel gegen Juden und Israel

8. Oktober 2012 um 16:26 | Veröffentlicht in Europa+Nahost | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Georges-Elia Sarfati (direkt vom Autor)

Die meisten Menschen glauben, dass Sprache, insbesondere Gesprochenes transparent ist und dazu dient Informationen zu vermitteln. Worte haben immer eine Geschichte, die Einfluss auf ihren Gebrauch hat, selbst wenn die Menschen sich dessen nicht bewusst ist. Worte sind nicht neutral, sondern dienen zur Einführung einer bestimmten Vision des Problems, das man thematisiert.

Besonders klar ist das im Fall des Antisemitismus und seiner Erscheinungsformen, einschließlich des Antizionismus. Wenn die verschiedenen Phänomene der Judeophobie analysiert werden, entdeckt man ein Archiv an Worten, die im Verlauf der Jahrhunderte gegen die Juden verwendet wurden. Dieses zielt darauf ab alle Formen der jüdischen Identität zu kriminalisieren: spirituell als religiöser Antijudaismus, kulturell als Antisemitismus und soziopolitisch als Antizionismus.

Georges-Elia Sarfati

Georges-Elia Sarfati

Professor George-Elia Sarfati, Professor für Linguistik an der Sorbonne in Paris, hat diese Beziehung zwischen Meinung und Diskurs erforscht. Er demonstriert, wie aufgeladen Sprache sein kann, indem er beispielhaft den Ausdruck „Antizionismus“ untersucht. In seinem Buch „The Captive Nation“1 (Das gefangene Volk) widmet er viele Seiten der Frage, wie Antizionismus in der Sowjetunion entstand.

Sarfat erklärt: Es war der sowjetische Informationsminister, der nach dem Sechstage-Krieg begann den Ausdruck „Antizionismus“ systematisch zu verwenden. Aus der sowjetischen Presse wanderte er in die Medien der französischen Linksextremen. Davor wurde das Wort höchstens sporadisch verwendet. Es erschien bis in die 1970-er Jahre in keinem Wörterbuch. Man muss allerdings daran erinnern, dass Hitler in „Mein Kampf“ behauptete, der Zionismus sei der Brückenkopf der „jüdischen Verschwörung“. Die wichtigen „kanonischen“ Texte des Antizionismus sind in erster Linie sowjetische Erfindungen. Einer der obersten sowjetischen Ideologen, Trofim Kitschko, veröffentlichte von 1963 bis Anfang der 1980-er Jahre mehrere antisemitische Bücher. Sein erstes, „Judaismus ohne Schminke“ wurde von der Akademie der Wissenschaften gefördert.

Der Marxismus hat die Vorstellung einer jüdischen Eigenständigkeit negiert; der Stalinismus radikalisierte diese Auffassung. Propagandatechniken der Nazis wurden von den Sowjets recycelt. Als Teile der arabischen Welt von der Sowjetunion beeinflusst waren, eignete sich ihr Propagandaapparat den antizionistischen Diskurs an.

Auch die „Dritte-Welt-Tümelei“ hat sich den antizionistischen Diskurs angeeignet. Diese Bewegung wird von einer ideologischen und politischen Hingabe an die ärmeren Länder der Welt gekennzeichnet und unterstützt revolutionäres Handeln. Die „Dritte-Welt-Tümelei“ hat ihre eigenen linguistischen Waffen entwickelt, die aus der marxistischen Ideologie abgeleitet sind.

Das ermöglichte den Marxisten Behauptungen wiederzubeleben, die nicht länger in Mode sind und für diese ein neues Echo in Europa zu finden, wo sie von so genannten Progressiven (d.h. Maoisten und Trotzkisten) gefördert werden. In einem weiteren linguistischen Konstrukt wurden Behauptungen der Palästinenser gegen Israel über die Terminologie der „Dritte-Welt-Tümelei“ neu definiert.

Aus der Sicht der Sprache wird der Antizionismus damit zu einem Werkzeug der Vereinigung und Schaffung von Koalitionen extrem divergierender Meinungen. Dieses soziologische Phänomen, das sich im Verlauf eines halben Jahrhunderts entwickelte, ist inzwischen zu einer „Ideologie“ – einem System von Ideen – geworden, das verschiedene spezielle Gruppen der Gesellschaft durchdrungen hat.

Sarfati entwickelt dieses Konzept detailliert in seinem Buch „Antizionismus“.2 Er sagt: Der antizionistische Diskurs wird von einer Reihe Schlüsselgleichungen dominiert. Die wichtigste – die durchlaufend alle anderen beherrscht – ist „Zionismus ist Rassismus“. Die verschiedenen Typen antiisraelischer Propaganda sind endlos zirkuliert und wiederholt worden. Sie konnte die Gesellschaft nur wegen deren antisemitischer Infrastruktur durchdringen. Dann entwickelte sie sich in weitere Fälschungen weiter, so die, dass „Israel im Nahen Osten ‚die Endlösung‘ gegen die Palästinenser nutzt, die gegen die Juden in Europa angewandt wurde“ oder „Israel hat Auschwitz erfunden, um daraus Gewinn zu ziehen“.

Aus der ersten wurde eine zweite Gleichung abgeleitet: „Israel ist Rassismus.“ Das gründet auf historischen Vorstellungen zu Rassismus. Man muss in der Aussage nur das Wort „Schwarze“ durch „Palästinenser“ ersetzen: „Schwarze sind in ihrem eigenen Land Bürger zweiter Klasse.“ Andere Varianten sind: „Israel praktiziert [Rassen-] Trennung“, „Israel betreibt eine Apartheid-Politik“ oder „Die Gebiete sind Bantustans“.

Der amerikanische Linguist Noam Chomsky – ein jüdischer Judenverleumder – hat eine wichtige Rolle bei der Entwicklung dieser Terminologie gespielt. Er wünscht Israel in einen binationalen Staat aufzulösen. Sein Antizionismus ist fester Bestandteil seines Antiamerikanismus. Eine halbes Jahrhunderts lang hat er verfochten, dass Israel ein Instrument amerikanischer Politik ist. Seine pseudoradikalen Ideen gründen auf dem Konzept der „Viktimologie“, das behauptet Nichtwestler seien immerwährende Opfer des Imperialismus.

Eine dritte Gleichung, die ebenfalls aus der ersten abgeleitet ist, lautet: „Zionismus ist Kolonialismus.“ Sie wird von einer vierten begleitet: „Zionismus ist Imperialismus.“ Danach können die Gleichungen in eine einzige zusammengefasst werden: „Der „zionistische, faschistische, rassistische Kolonialstaat“.

Sarfati sagt, dass man die strategische Effektivität dieser Attacke erkennen muss. Diese Gleichungen sind so bösartig, weil sie die vier großen, negativen Charakteristika der westlichen Geschichte des letzten Jahrhunderts – Nationalsozialismus, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus – dem Staat Israel anheften.

Die antizionistische Propaganda vermittelt, dass man nur gegen z.B. den Nationalsozialismus sein muss – und wer wäre das nicht? – um antizionistisch zu sein. Die Sprache dieser Pseudogleichungen und Pseudo-Gleichsetzungen unterstützt jede dem Zionismus feindlich gegenüber stehende Initiative und dreht sie in einen Akt der Fortschrittlichkeit und des Humanismus. Viele Menschen, die das unterstützen, erkennen nicht, dass sie sich mit auf die Jahrtausende alte Liste der Antisemiten setzen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 George-Elia Sarfati: La Nation Captive, sur la question juive en URSS. Paris, Nouvelle Cité, 1985 (französisch).
2 George-Elia Sarfati: L’antisionsme, Israel/Palestine aux miroir d’Occident. Paris, Berg Interational, 2002 (französisch).

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