Christliche Freunde und Feinde Israels

15. Oktober 2012 um 13:52 | Veröffentlicht in Christen+Kirchen, die Welt+Nahost, Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt David R. Parsons (direkt vom Autor)

Der Holocaust brachte in vielen christlichen Kreisen eine wichtige Veränderung im Denken zum jüdischen Volk. Es war ein riesiger moralischer Schock, dass im Herzen des christlichen Europa ein Völkermord stattgefunden hatte, der die Juden auslöschen sehen sollte. Für viele war klar, dass Jahrhunderte christlicher antisemitischer Lehre den Weg für den Massenmord durch die Nazis und ihre Unterstützer geebnet hatten. Diese Verbrechen alleine hätten jedoch nicht das theologische Denken vieler Christen in einem so großen Ausmaß ändern können. Viele sagten immer noch: „Die Schoah ist nur ein weiteres Beispiel, dass die Juden auf ewig verflucht sind.“

David Parsons

David Parsons

David R. Parsons ist Mediendirektor der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem, Produzent des wöchentlichen Programms Front Page Jerusalem und freier Redakteur bei der Jerusalem Post Christian Edition. Von 1991 bis 1995 diente er als Generalkonsul für CIPAC, einer christlichen, beim US-Kongress registrierten, pro-Israel-Lobby, die dort für starke Beziehungen zwischen den USA und Israel eintritt.

Er stellt fest: Es war der theologische Schock der Gründung des Staates Israel 1948, der fundamentale Kirchenlehren und Doktrin zum jüdischen Volk infrage stellte. Jahrhunderte lang glaubte der christliche Mainstream, dass die Juden, die für die Tötung Christi verantwortlich gemacht wurden, zum endlosen Wandern verdammt waren. Entsprechend waren sie in der ganzen Welt zerstreut und sollten nie in das Land Israel zurückkehren oder eine wichtige Rolle in Gottes Erlösungsplan für die Menschheit spielen. Mit der Geburt der Kirche hatten die Juden ihren Zweck ein für allemal erfüllt.

Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde ziemlich plötzlich die jüdische Hoheit über das Land Israel wiederhergestellt. Diese Entwicklung stimmte mit den christlichen Mainstream-Lehren nicht überein. Daraufhin steuerten mehrere christliche Kirchen, die große katholische Kirche ein gutes Beispiel dafür, ihre Institutionen hin zu neuen Einstellungen zum jüdischen Volk.

Es verbleiben jedoch auch noch Christen, die es abgelehnt haben, ihre Lehren zu ändern, damit sie in diese neue Realität eines wiederhergestellten Israel passten. Sie versuchten vielmehr die Fakten ihrer klassischen Theologie eines verworfenen Israel anzupassen. Das ist ein vielleicht wenig bekannter, aber starker Motivationsfaktor für viele pro-palästinensische Christen in der westlichen Welt. Sie würden Israel gerne auf einen binationalen Staat zurückführen, einen für zwei Völker – Juden und Araber – und für drei Religionen: Islam, Judentum und Christentum. Das ist eine wichtige Quelle der christlichen Involvierung in De-Investionskampagnen, die Brandmarkung Israels als Apartheidstaat und anderer antiisraelischer Anstrengungen. Obwohl dieser Aktivismus eine zugrundeliegende theologische Basis hat, ist er auch Teil der breiteren „Kulturkriege“ zwischen Linken und Rechten.

Die Ersetzungstheologie, auch Supersessionismus genannt, ist die Haupttheologie der christlichen Feinde Israels. Sie gründet auf der Vorstellung, dass Gottes einzigartige Beziehung zur Kirche die Ersetzung oder Erfüllung der dem jüdischen Volk gegebenen Verheißungen ist und damit Israels „Erwähltheit“ nicht länger gilt. Die palästinensische Befreiungstheologie nutzt Jesus als historisches Vorbild und identifiziert ihn als den „ersten palästinensischen Revolutionär“. So rechtfertigt sie palästinensische Gewalt gegen Israelis als akzeptables Handeln der Unterdrückten gegen den Unterdrücker.

Innerhalb des pro-israelischen protestantischen Lagers gibt es hauptsächlich zwei theologische Schulen. Die erste ist christliche Bündnistheologie, die auf dem Glauben gründet, dass Gott seine durch Abraham, Moses, David und Jesus gemachten Verheißungen ewig hält. Wir glauben, dass die hebräischen Propheten Diener des Bundes waren und uns etwas darüber sagen, wie Gott seine Bundesverheißungen halten wird. Die Grundlage unserer pro-israelischen Haltung ist allerdings der Abraham-Bund. Die Menschen in der Internationalen Christlichen Botschaft gehören zu dieser theologischen Schule. Die zweite ist der Dispensationalismus, der sagt, dass Israel zeitweise durch die Kirche ersetzt wurde, aber – am Ende der Tage – Israel wieder der hauptsächliche Repräsentant von Gottes Erlösung in der Welt ist.

Heute gibt es mehr christliche Zionisten als je zuvor. Die protestantischen Evangelikalen zählen heute vielleicht an die 600 Millionen – das sind Menschen, die von sich sagen eine Erfahrung der „Wiedergeburt“ gemacht zu haben und die die Bibel als das inspirierte Wort Gottes betrachten. Die evangelikale Strömung ist die am schnellsten wachsende religiöse Bewegung der Welt. Die chinesische Regierung gab vor kurzem zu, dass es bis zu 120 Millionen evangelikale Christen in ihrem Land gibt, mehr als die Zahl der Mitglieder der Kommunistischen Partei. Viele Millionen evangelikale Christen haben eine unwiderstehliche Liebe zu Israel und dem jüdischen Volk. Jedes Jahr kommen Tausende Christen aus aller Welt, um an den Feiern zum biblischen Laubhüttenfest in Jerusalem teilzunehmen.

Parsons schließt: Juden können christliche Widersacher mit Fakten, mit Geschichte und so weiter hinterfragen. Doch Israel und das Weltjudentum wären  gut beraten sein sich aus den theologischen Diskussionen unter Christen herauszuhalten, da einige die Juden nicht ernst nehmen werden, weil sie das Neue Testament nicht als heilige Schrift annehmen. Die theologischen Schlachten um Israel werden innerhalb der christlichen Welt und nirgendwo anders ausgetragen werden müssen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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