Das Vermächtnis des Yitzhak Rabin

28. Oktober 2012 um 9:13 | Veröffentlicht in Geschichte, Israel | 4 Kommentare
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Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 27. Oktober 2012 (direkt vom Autor)

Der israelische Ministerpräsident Jitzhak Rabin wurde am 4. November 1995 in Tel Aviv von dem rechtsradikalen Israeli Jigal Amir ermordet. In diesem Jahr fiel die Gedenkfeier für Rabin auf Samstagabend. 20.000 Jugendliche kamen zum Rabin-Platz in Tel Aviv, um dem „Mann des Friedens“ zu gedenken.

Einen Monat vor seinem Tod hatte Rabin dem israelischen Parlament das dritte Interimsabkommen mit den Palästinensern vorgelegt. Es sollte seine letzte politische Grundsatzrede werden. Rabin warb um die Ratifizierung des „bedeutenden Durchbruchs zur Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts.“ Jetzt, wo die Friedensverhandlungen schon seit drei Jahren ruhen, lohnt sich ein Vergleich der Standpunkte Rabins und der heutigen Regierung Israels sowie der Regierung Arafats und des Mahmoud Abbas. So werfen die Palästinenser – und mit ihnen die Europäer – Netanjahu vor, wegen dem Ausbau der Siedlungen eine Zwei-Staaten-Lösung und damit einen Frieden unmöglich zu machen.

Rabin sagte: „Im Rahmen der permanenten Lösung, streben wir einen Staat Israel als jüdischen Staat an, in dem mindestens 80% der Bürger Juden sind.“ Netanjahu redet heute vom „Staat des jüdischen Volkes“.

Rabin sah eine „dauerhafte Lösung im Rahmen des Staates Israel“ voraus, wobei es neben Israel eine „palästinensische Entität“ geben werde. Diese Entität werde „weniger als ein Staat“ sein, sagte Rabin.

Damit blieb Rabin weit hinter Netanjahu zurück, der sich schon zu einem „entmilitarisierten palästinensischen Staat“ bekannt hat.

„Wir werden nicht zu den Linien des 4. Juni 1967 zurückkehren.“ Hiermit schloss Rabin einen vollständigen Rückzug aus den besetzten Gebieten aus. Rabin skizzierte, dass Jerusalem komplett bei Israel bleiben und dass im Osten das Jordantal die Grenze zu Jordanien bilden werde. Großsiedlungen wie Ma‘aleh Adumim, Beitar und des inzwischen von Ariel Scharon geräumten „Gusch Katif“ im Gazastreifen würden laut Rabin in jedem Fall bei Israel bleiben. Das Haupthindernis für die Umsetzung des Friedensprozesses mit den Palästinensern sei der „mörderische Terrorismus der radikal-islamischen Terrororganisationen Hamas und des Islamischen Dschihad.“ Rabin zählte Übereinkommen mit Jassir Arafat zur Sicherheit an jüdischen Heiligen Stätten in den besetzten Gebieten auf. An allen Stätten in Nablus, Jericho, Hebron und am Grab Rachels bei Bethlehem kam es nach Rabins Tod zu Vertragsverstößen und viel Blutvergießen.

Rabin betonte die „Sicherheit der Siedlungen“ und „die Fortsetzung des täglichen Lebens“. Noch deutlicher fügte er hinzu: „Wir (Arafat und Rabin) kamen zur Vereinbarung, keine einzige Siedlung zu entwurzeln und die Bautätigkeit für das natürliche Wachstum (innerhalb der Siedlungen) nicht zu behindern.“ So stellt sich heraus, dass selbst Arafat damals die Siedlungen nicht für illegal hielt und ihrem Ausbau per Vertrag zugestimmt hat. Rabin erwähnte auch die heute so genannten „Siedler-Umgehungsstraßen“, denen Arafat zugestimmt habe.

Selbst die heute sogenannte „See-Blockade“ des Gazastreifens kommt bei Rabin schon vor: „Die Verantwortung für die äußere Sicherheit entlang der Grenzen mit Ägypten und Jordanien sowie die Kontrolle des Luftraums über allen Gebieten und der maritimen Zone vor dem Gazastreifen bleibt in unseren Händen.“ Seit dieser Rede sind 17 Jahre vergangen. Rabin wurde einen Monat später ermordet. Es kam zur blutigen Al-Aqksa Intifada, dem Rückzug aus dem Gazastreifen und der Aufgabe von Siedlungen im Norden des Westjordanlandes. Gleichwohl stellt sich heraus, dass Rabin damals zu weniger Konzessionen an die Palästinenser bereit war, als in seiner Nachfolge die rechtsgerichteten Ministerpräsidenten Ariel Scharon, Ehud Olmert und gar Benjamin Netanjahu!

Wer es selbst nachprüfen will, hier ist der Link zu Rabins Rede

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4 Kommentare »

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  1. [...] Das Vermächtnis des Yitzhak Rabin. [...]

  2. Ein Bekannter hat n-tv geschrieben, weil sie den Text von Sahm (bisher) nicht bringen:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich habe vorhin einen sehr interessanten Text über Yitzhak Rabin und seine Vision vom Frieden mit den Palästinensern gelesen, den Ulrich Sahm aus Jerusalem geschrieben hat. Meines Wissens ist Sahm auch Korrespondent für Sie. Daher frage ich mich, wieso der Text bei Ihnen nicht eingestellt wird. Ich denke, es ist wichtig, dass Rabin und der Friedensprozess aus vielen Richtungen beleuchtet werden und da ist es auch von Bedeutung, welche Grenzen Rabin für diesen Prozess zog, vor allem, weil er immer als jemand dargestellt wird, der anders dachte und handelte als z.B. Netanyahu. Das stimmt zwar, aber nicht so, wie uns gerne vermittelt wird.

    Es wäre sehr gut zu wissen, dass Sie sich nicht am Herunterbeten falscher Darstellungen beteilgten, sondern Herrn Sahms Bericht einstellen.

    Mit freundlichem Gruß
    XXX

    • Antwort von n-tv:

      Nur keine Aufregung. Der Beitrag kommt noch. Gerade an Wochenenden fehlt uns das Personal, immer schnell auf die Zuarbeit von Herrn Sahm zu reagieren. Unser geschätzter Kollege hat hier einen festen Platz. Wie veröffentlichen seine Artikel gern. Wenn diese nicht umgehend erscheinen, hat das nichts mit “Zensur” seiner Themen zu tun, sondern ist lediglich dem redaktionellen Ablauf geschuldet.
      Freundliche Grüße aus der n-tv.de Redaktion

      Hm – wo war denn von Zensur die Rede? Kann es sein, dass da eine ganze Reihe anderer auch geschrieben haben und die haben sich jetzt eine Standardantwort überlegt, die alle bekommen, ob sie nun passt oder nicht?

  3. Jetzt haben Sie es bei n-tv auch, garniert mit recht ansehnlichen Bildern. Und die Überschrift haben sie genauso geändert, wie ich:

    http://www.n-tv.de/politik/Das-Vermaechtnis-des-Jitzhak-Rabin-article7595016.html


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