Niederlande: Sowohl Antisemitismus als auch Wohlwollen für Israel

19. November 2012 um 18:41 | Veröffentlicht in Europa | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Oberrabbiner Binyomin Jacobs (direkt vom Autor)

Ich werde oft in der Öffentlichkeit beleidigt. Das kann fast überall passieren, so am Bahnhof in Rotterdam oder im Zentrum von Amersfoort, der Stadt, in der ich lebe. Jemand schreit mich zum Beispiel an: „Yehud“ – ein negativer Begriff für Jude auf Arabisch. Als ich vor ein paar Jahren von der Synagoge nach Hause ging, brüllte ein etwa 10 Jahre altes Kind: „Dreckiger, stinkender Jude!“

An Bahnhöfen, wo viele Jugendliche abhängen, werde ich fast immer beleidigt. Diese Zurufe kommen nicht nur von nicht westlichen Einwanderern, sondern auch von Niederländern. Wenn ich am Samstagnachmittag zur Synagoge gehe, werde ich nicht nur an der Moschee angebrüllt, sondern auch beim Hockeyfeld.

Rabbi Binyomin Jacobs

Rabbi Binyomin Jacobs

Oberrabbiner Binyomin Jacobs ist der Leiter des IPOR – des Rabbinats für die jüdischen Gemeinden außerhalb Amsterdams – und ebenso der Rabbiner des Sinai-Zentrums, des einzigen jüdischen psychiatrischen Krankenhauses in Europa. Er wurde von verschiedenen niederländischen Medien zu dem Antisemitismus interviewt, den er erlebt.1

Ich mache eine starke Zunahme der Aggression gegen Juden aus, die durch ihre Kleidung als solche erkennbar sind. Andererseits gibt es auch eine Zunahme der Anteilnahme uns gegenüber. Wenn ich in einen Zug steige, dann kann es sein, dass mir jemand die Hand schüttelt und „Schalom“ oder etwas Positives über Juden und Israel sagt.

Die Entwicklung in den Niederlanden ist Besorgnis erregend. Wann immer in Israel etwas Dramatisches passiert, dann fangen Leute an dir „Israel“ oder „Hamas, Hamas, die Juden ins Gas“ zuzubrüllen. Ich hatte einmal ein sehr schockierendes Erlebnis. Ein nicht jüdischer Psychologe und ich stiegen in einen Zug voller Feyenoord-Fußbal.fans. Sie begannen zu skandieren: „Juden ins Gas!“ Ich hatte das Gefühl, dieser ganze Zug voller gewöhnlicher Niederländer war gegen uns.

Der Psychologe sackte vor Angst in sich zusammen. Ich glaubte, dass Anzeichen von Angst zu zeigen nicht hilfreich sein würde, daher tat sich so, als sei mit das gleichgültig, als Zeichen der Stärke. Man kann diesen Vorfall als einen Fall reinen Hooliganismus betrachten, doch wenn einer dieser Idioten uns angegriffen hätte, hätten wahrscheinlich viele mitgemacht.2

Unserem Haus gegenüber befindet sich eine Schule mit Kindern mit bunt gemischten Hintergründen. Eines Tages kam eine türkische Dame auf mich zu; sie hielt ein kleines Kind fest an der Hand. Das Kind sah zu Tode verängstigt aus. Die Frau sagte dem Kind: „Hab keine Angst, dieser Großvater wird dir nicht weh tun. Er ist ein netter Mann.“ Der Junge schien marokkanischer Herkunft und glaubte, dass ich ihn entführen würde. Ihm war offenbar gesagt worden, dass Juden gefährlich sind. Die Dame wollte ihn lehren, dass es anders war.

Solche Gefühle werden verstärkt, weil in den hiesigen Moscheen ein Film gezeigt wurde, in dem Israel fälschlich der Entführung arabischer Kinder beschuldigt wird, um ihre Augen jüdischen Kindern zu geben. Danach ist das arabische Kind blind und das jüdische Kind kann wieder sehen. Ein Kind, das das hört, hat sichtlich Angst.

In einem Kindergarten nannte mich ein Kind aus Somalia einen „dreckigen Juden“. Ich kann nicht mit einem kleinen Kind diskutieren! Die Kindergärtnerin – eine Niederländerin – wollte mit den Eltern des Kindes über diesen Vorfall sprechen. Um solches Verhalten zu verändern, muss es eine bedeutende kulturelle Veränderung geben!

Die Behörden tun viel zu wenig in Sachen Kriminalität gegen Juden. Einmal brüllten an Sylvester Hooligans vor meinem Haus: „Juden, Juden!“ Sie begannen mein Tor zu zerstören. Ich rief die Polizei, die eineinhalb Stunden später kam.

Der Rabbinatsvorstand entschied, dass ich an meinem Haus eine Alarmanlage brauchte, die direkt mit dem Polizeirevier verbunden ist. Anfangs glaubte ich, das sei Unsinn. Die Anlage wurde trotzdem installiert. Ich hatte keine Angst, aber es überraschte mich, dass ich mich mit der Alarmanlage sicherer fühlte. Dieses Gefühl an sich machte mir Angst. Ich gehe nicht mehr ins Bett ohne die Anlage einzuschalten.

Ein großes Problem der jüdischen Gemeinde besteht darin, dass auch die niederländischen Medien antiisraelisch sind. Sie nutzen Redewendungen, die ein neuer Typ des Antisemitismus sind. Ich versuche das so oft wie möglich zu korrigieren.

Ich erinnere mich an ein großes Foto eines israelischen Panzers in der örtlichen Zeitung Amersfoortse Courant. In dem Artikel hieß es, er habe einen Palästinenser überrollt und getötet. Daneben war eine kleine Meldung darüber, dass in derselben Woche in einem anderen Land 200 Hinrichtungen stattgefunden hatten. Ich fragte die Redakteure: „Warum widmet ihr eine Viertelseite einem toten Palästinenser und den 200 Toten woanders nur einen kleinen Artikel?“ Sie antworteten: „In dem Land haben wir keinen Journalisten.“ Nur um das klarzustellen: Ich glaube, dass ein getöteter Palästinenser ein Toter zu viel ist. Hinterher stellte sich allerdings heraus, dass er weder getötet worden war noch dass der Panzer ihn überrollt hatte.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

 

1 Jeroen Kanis: Rabbijnen: Steeds meer Joden zijn angstig. Reformatorisch Dagblad, 5. Mai 2011 [Niederländisch]
2 Interview mit Binyomin Jacobs: Rabbijn in een polarisierende samenleving. In: Manfred Gerstenfeld: Het Verval (Amsterdam, Van Praag, 2009), S. 175-176. [Niederländisch]

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