Vergessene Rabbiner, die Holocaust-Überlebenden halfen

26. November 2012 um 17:25 | Veröffentlicht in Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Alex Grobman (direkt vom Autor)

Anerkennung für gute Taten wird oft unpassend zugeteilt. Wer an den Holocaust erinnert, ehrt oft die amerikanischen Soldaten, die an der Befreiung von Konzentrations- und Sklavenarbeitslagern beteiligt waren. Allerdings werden regelmäßig die amerikanisch-jüdischen Geistlichen übersehen, die den Holocaust-Überlebenden in den amerikanischen Zonen in Deutschland und Österreich am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Jahren danach enorm beistanden.

Viele jüdische Geistliche handelten mutig und großzügig über ihre offiziellen Aufgaben hinaus. Ihre Hauptfunktion bestand darin amerikanischen Soldaten in religiösen Dingen beizustehen. Es gab sogar einen Befehl gegen Fraternisierung in Deutschland mit dort Lebenden. Einige jüdische Geistliche gingen so weit für Überlebende Risiken auf sich zu nehmen, die sie vor ein Kriegsgericht hätten bringen können.

Alex Grobman

Dr. Alex Grobman ist Geschäftsführender Direktor der America-Israel Friendship League Inc. in New York. Eines seiner vielen Bücher ist Rekindling the Flame: American Jewish Chaplains and the Survivors of European Jewry, 1944-1948.” (Die Flamme wiedererwecken: Amerikanisch-jüdische Geistliche und die Überlebenden des europäischen Judentums 1944-1948).

Holocaust-Überlebende in deutschen Lagern stellten für die alliierten Streitkräfte ungewöhnliche Herausforderungen dar. Die amerikanische Militärregierung wollte den jüdischen Heimatvertriebenen (DPs) helfen, hatten aber große Schwierigkeiten deren zahlreiche Probleme zu verstehen. Jüdische Überlebende brauchten nicht nur materielle Hilfe, sondern auch psychologische und geistliche Unterstützung. Die Umstände in den meisten ihrer Lager waren beklagenswert.

Die Armee wollte alle DPs so bald wie möglich in die Länder zurückführen, aus denen sie kamen. Allerdings wollten von den mehr als 200.000 europäischen Juden in Deutschland und Österreich am Ende des Krieges viele nicht in die Länder zurückkehren, aus denen sie deportiert worden waren. Diejenigen, die das taten, sahen sich Gefahr ausgesetzt, insbesondere in Polen und Litauen.

Viele Überlebende, die zurückkehrten, wurden regelmäßig schikaniert. Das berüchtigtste Pogrom fand im Juli 1946 statt; dabei wurden im polnischen Kielce 47 Juden ermordet und mehr als 50 verletzt. Das machte klar, warum die Mehrheit der polnischen Juden die Repatriierung fürchtete. Juden aus Westeuropa, Ungarn, Rumänien und der Tschechoslowakei waren in einer besseren Position, ihr Eigentum wiederzugewinnen und ihr Leben wieder aufzubauen.

Jüdische Geistliche gehörten zu den ersten amerikanischen Juden, die Holocaust-Überlebenden begegneten. Mehr als 90 von ihnen hatten von 1944 bis 1948 Kontakt mit DPs. Sie waren keine offiziellen Repräsentanten einer amerikanisch-jüdischen Organisation. Viele Geistliche versuchten die Politik des Militärs gegenüber den jüdischen Überlebenden zu beeinflussen. Hatten sie keinen Erfolg, dann unternahmen sie oft einseitig unterschiedliche Initiativen. Das bedeutete manchmal, dass sie ihre eigene Karriere riskierten, indem sie sich an verdeckten Aktionen beteiligten, mit denen die Traumata und Zwangslagen gelindert wurden, denen sich jüdische Überlebende in Deutschland gegenüber sahen.

Jüdische Geistliche halfen Überlebenden, über illegale Nutzung von Feldpost nach ihren Familien zu suchen; sie retteten Kinder, die in Kirchen und auf Bauernhöfen versteckt waren; und sie inspirierten amerikanische Juden, Tonnen an Lebensmitteln, Kleidung und Grundgüter des täglichen Bedarfs zu schicken. Sie begleiteten Züge, die jüdische Kinder und Erwachsene aus Osteuropa transportierten und Jugendtransporte nach Palästina. Eine Reihe arbeitete mit der Brichah zusammen, der Untergrundbewegung, die Juden aus Europa heraus nach Palästina schmuggelte. Sie bauten auch Schulen, rituelle Bäder und ein Sommerlager auf. Mehrere veröffentlichten Bildungsmaterial und fungierten als Gemeinderabbiner.

Ein herausstehendes Beispiel war Chaplain Abraham Klausner, ein Reformrabbiner. Er versuchte die Armee dazu zu bringen die Einzigartigkeit der jüdischen Lage anzuerkennen. Klausner arbeitete daran die unmittelbaren Probleme und Notwendigkeiten zu lösen, aber auch daran jüdische Überlebende als Angehörige einer eigenständigen Nationalität anzuerkennen. Er half jüdische „Lager“ zum Schutz der Überlebenden vor regelmäßiger Schikane durch nicht jüdische Insassen zu gründen. Er half bei der Schaffung einer Organisation von Überlebenden, dem Zentralkomitee der befreiten Juden in Bayern, das ihre Interessen gegenüber dem amerikanischen Militär vertrat. Klausner war entscheidend an der Gründung dreier jüdischer Krankenhäuser beteiligt, in denen DPs von jüdischen Ärzten behandelt wurden. Gleichzeitig versuchte er die amerikanischen Juden auf das Leid aufmerksam zu machen.

Mit der Hilfe von Überlebenden stellte Klausner sechs Bände systematischer Listen von Überlebenden in Bayern zusammen, veröffentlichte sie und verbreitete sie weltweit. Das war der erste bedeutende Versuch mit den Juden im Westen zu kommunizieren.

Mit Hilfe des orthodoxen Rabbiners Max Braude und dem konservativen Rabbiner Judah Nadich war Klausner in der Lage Überlebenden zu helfen Unser Weg zu gründen. Dieser wurde zur größten jiddischen Wochenzeitung in Deutschland; viele Überlebende betrachteten sie als ihre nationale Zeitung.

Klausner sah, dass Juden in Dachau ihre Lageruniformen trugen und immer noch gezwungen wurden hinter Stacheldraht zu leben. Daraufhin schrieb er einen nicht autorisierten Bericht über die Lage der jüdischen Überlebenden in Bayern, der in der amerikanischen jüdischen Gemeinschaft für Aufregung sorgte. Klausner spielte ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Abfassung des Harrison-Berichts, der im August 1945 die Position des Beraters zu jüdischen Angelegenheiten beim Kommandierenden der US-Streitkräfte in Europa schuf, als Reaktion auf das Leid der jüdischen DPs.

Es gab keinen Unterschied im Ausmaß des Engagements der orthodoxen, konservativen und Reformrabbiner. Sie alle versuchten den Überlebenden zu zeigen, dass sie nicht länger alleine waren. Wir schulden diesen Geistlichen enorm viel Dank. Ihre vielen guten Taten verdienen, dass man sich an sie erinnert.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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