Die Bürokratie des Teufels

1. Dezember 2012 um 8:49 | Veröffentlicht in Deutschland, Geschichte | 10 Kommentare
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Bad Arolsen ist eine hessische Kleinstadt, knapp 50km nordwestlich von Kassel. Dort befindet sich ein Archiv, das gerade erst zugänglich gemacht wird, obwohl es zu den wichtigsten Archiven überhaupt gehört: ein Archiv mit 50 Millionen (50.000.000) Aktenseiten über 17,5 Millionen Holocaustopfer.Esist die größte Sammlung von Originaldokumenten des NS-Regimes über KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und andere Verfolgte.

Das Archiv war bis 2008 nicht zugänglich. Der hauptsächlich vorgeschobene Grund: die Privatsphäre der Opfer zu schützen. Das ist lächerlich, denn solche Opfer hatten zuhauf beantragt, dass ihre Akten öffentlich einsehbar gemacht werden. Lediglich der Internationale Suchdienst (ITS – International Tracing Service) und Holocaustopfer selbst hatten die Möglichkeit die Akten einzusehen. Man kann sich beim ITS durch die 26km Akten führen lassen (jeden ersten Mittwoch im Monat, Anmeldung erforderlich) – das war’s dann aber auch.

Die Nazis waren gute deutsche Bürokraten – es wurden Akten und Aktenvermerke über alles und jedes angelegt, z.B. über den Läusebefall von KZ-Insassen (da wurden nicht nur die Personen mit Läusen vermerkt, sondern auch wie viele und wie große Läuse bei ihnen gefunden wurden) oder eine Postverkehr-Karte für einen  Jungen, dessen gesamte Verwandtschaft bei Ankunft im KZ ins Gas geschickt wurde, nur er nicht – wer hätte ihm schreiben sollen?

Dieses Archiv zeigt die ganze Perversität dieses Systems und dessen, was mit den Menschen gemacht wurde. Dennoch wurde 63 Jahre lang jeder Zugang verweigert. Erst jetzt wird seine Öffnung betrieben; seine Akten werden digitalisiert und nach Abschluss dieser Arbeit Forschungsinstitutionen zur Verfügung gestellt – Gedenkstätten, Universitäten, Museen. In guter deutscher Manier wird damit der Zugang weiter beschränkt, statt ihn wirklich zu öffnen, statt – wie in anderen Ländern durchaus nicht unüblich – die Akten ins Internet zu stellen.

Der Focus schrieb Ende April 2008 in einer Zwischenüberschrift von einer „Bastion gegen das Vergessen“. Eine Menge Honoratioren nahmen an der Eröffnungsfeier für das Archiv teil und die Vizepräsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Christine Beerli, bezeichnete das als wichtigen Schritt: Ohne Zweifel wird nun eine breite Öffentlichkeit vom ungeheuren Wert der historischen Dokumente in Bad Arolsen erfahren.“

Es ist sicherlich ein wichtiger Schritt – aber kein ausreichender. Denn die breite Öffentlichkeit hat nichts davon, weiß nichts davon. Die von Frau Beerli erhoffte Öffentlichkeit gibt es nicht. Kann, wer sich als Privatperson interessiert, das Archiv nutzen? (Mal ganz davon abgesehen, dass man jede Menge Zeit dafür verwenden muss.) Wie soll etwas in die Öffentlichkeit transportiert werden, wenn lediglich Forschungsinstitutionen Zugang haben und irgendwann mal wissenschaftliche Veröffentlichungen erfolgen, die niemand außerhalb dieser eng begrenzten Kreise liest – also nur eine Art „In-Club“, der zahlenmäßig so übersichtlich ist, dass von echter Öffentlichkeit gar nicht geredet werden kann?

Die Dokumentationssendung 60 Minutes des US-Fernsehsenders hat im Sommer 2007 einen knapp 13 Minuten langen Beitrag über das Archiv und seine – damals – anstehende Öffnung gedreht, den man sich ansehen sollte, um einen Eindruck von dem zu bekommen, was die Welt wissen müsste, aber nicht wirklich erfährt. Eine massive Publikation der Akten, des Grauens, könnte den Holocaust-Leugnern endlich Wind aus den Segeln nehmen. Diese Leugner wird man durch nichts überzeugen können, aber sie werden weniger Ahnungslose finden, die ihren Lügen glauben, wenn man ihnen zeigen kann, dass z.B. am 20. April 1942 über einen Zeitraum von etwa eineinhalb Stunden alle zwei Minuten ein KZ-Insasse exekutiert wurde – als „Geschenk an den Führer zu seinem Geburtstag“! Auch die Protokolle medizinischer Versuchsreihen sind vorhanden. Der Archivleiter bezeichnete das alles als „die Bürokratie des Teufels“. Vielleicht ist das noch zu tief gegriffen.

Was in Bad Arolsen zu finden ist, muss tatsächlich öffentlich gemacht werden. Das darf sich nicht auf Gedenkstätten und Wissenschaftler beschränken, jeder muss die Dokumente sehen und lesen können. Denn nur dann haben die Menschen eine Möglichkeit den Holocaust-Leugnern ohne Umwege zu zeigen, was Sache ist. Mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die man sich erst teuer kaufen und durchkämmen muss, geht das nicht. Mit öffentlich und leicht zugänglichen Quellen geht das sehr wohl.

Öffentlich leicht zugänglich heißt heute: ins Internet stellen, so wie Yad Vashem das derzeit macht. Anfragen stellen, hinfahren usw. – alles gut und schön für Leute die wissenschaftlich arbeiten. Schneller Zugriff auf Daten, wenn man sie aktuell braucht, ist das nicht. Leider. Wird aber gebraucht. Man kann nicht immer warten, bis der nächste etwas veröffentlicht oder eine Anfrage beantwortet wird. Bis man das hat, ist die Diskussion erloschen und die Leugner haben keinen Gegenwind bekommen. Das können wir uns nicht mehr leisten.

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10 Kommentare »

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  1. Ich werde nie vergessen, wie mich in Yad Vaschem das Grausen packte angesichts des Bürokratendeutsch im Umgang mit Menschen!!!!
    Es wäre so wichtig die Dokumente öffentlich zu machen. Niemand könnte mehr die Shoa und die Effektivität der deutschen Mordmaschine in Abrede stellen, sie “verkleinern” oder mit heutigen Problemen gleichsetzen…. etwa die so beliebte Gaza = Ghetto / KZ / Vernichtung Gleichstellung, wie sie viele Linke und Araberfreunde betreiben….
    Kann man die Öffnung des Archivs nicht fordern – ich meine, auf juristischem Weg?

  2. In erster Instanz sollte den noch lebenden Betroffenen entsprechende Möglichkeit der Informationen möglich sein und nicht Historikern. Yad Vashem hat es vorgemacht.
    Vor Jahren habe ich insgesamt drei schriftliche (postalisch) Anfragen gestellt,
    beim letzten Mal bekam ich die Antwort; …daß sie mit Arbeit überhäuft seien,
    da aufgrund der Öffnung von Osteuropa in Forschung “ersaufen”, das wird sicher noch mindestens 10 Jahre andauern.
    Danach habe ich aufgegeben, ich unterstelle “Arolsen”, dass sie nach wie vor kein Interesse an einer “Aufarbeitung” haben.

    • Homepage des ITS zu Anfragen nach Einzelschicksalen: “Die Antwort auf Ihre Anfrage erfolgt auf dem Postweg. Die Bearbeitung dauert in der Regel acht Wochen. Ausnahmen bilden dabei Suchfälle, bei denen oft die Zusammenarbeit mit Drittstellen erforderlich ist.” So habe ich es auch erlebt. Warum sollte auch bitteschön der ITS kein Interesse an einer Aufarbeitung haben?

      • Das unterstelle ich nicht. Ich finde, dass der Zugang verbessert werden muss. Online stellen (‘tschuldigung, der letzte Absatz ist erst seit eben drin) wäre die beste Möglichkeit.
        Und wenn von Yad Vashem die Rede ist (s. Ruths Kommentar), dann muss festgehalten werden, dass dort inzwischen auch die Dokumente ins Netz gestellt werden. Daran müsste gearbeitet werden. Das würde den notwendigen raschen Zugang für Recherche ermöglichen, der dringend gebraucht wird, um die Öffentlichkeit zu schaffen, die einfach nötig ist, damit sie tatsächlich vorhanden ist.

  3. Die Kritik am ITS Arolsen kann ich so nicht teilen. Ich habe auf eine Anfrage nach Haftorten und -zeiten in überraschend kurzer Zeit Antwort erhalten mit Kopien und dem Hinweis, in welchen weiteren Archiven Unterlagen liegen oder liegen könnten.

    Auch sehe ich in den Benutzungsbedingungen des ITS keinen Hinweis auf ein archiv-unübliche Vorschriften, die die Forschung einschränken würden. Dass nicht alle Digitalisate ins Internet gestellt werden, das ist deutsche Archivtradition. Da sind andere Länder längst weiter; auch die Staatsarchive in Deutschland stellen in der Regel nur ihre Findbücher ins Netz. Das kann man schlecht finden, hat aber m.E. mit Verschleierung nichts zu tun. Im Falle des ITS gibt es im übrigen sicher auch ein Bedürfnis, schutzwürdige Daten zu schützen, etwa Details über Lebensbornkinder oder Euthanasieopfer.

  4. Sicherlich gab es berechtigte Kritik. Seit 2008 hat sich jedoch Einiges getan, und es wäre wünschenswert, dies in die Berichterstattung mit einzubeziehen. Vielleicht mögen Sie sich informieren auf der Website des Internationalen Suchdienstes (ITS) http://www.its-arolsen.org.

    • Das habe ich mir angesehen. Dort ist viel von Forschung und Unterricht usw. die Rede. Das ist ja alles gut und schön und richtig. Aber angesichts der um sich greifenden falschen Darstellungen des Holocaust bis hin zu seiner Leugnung reicht das m.E. nicht. Die breite Öffentlichkeit wird so nicht erreicht. Und die braucht es.
      Was nutzt es mir in einer Diskussion in einem Forum oder sonstwo im Internet, wenn ich erst Anfragen nach Bad Arolsen schicken muss – so zügig, wie es nörtig wäre, können Sie es gar nicht bearbeiten.
      Wenn irgendein Idiot wieder Müll von sich gibt und ich kann auf entsprechende Dokumente verlinken, ist das gleich etwas ganz anderes.
      Und gerade, dass es die Veränderungen seit der CBS-Sendung gibt, ziegt doch, wie dringend notwendig eine Online-Dokumentation ist. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich den Bericht angesehen haben, er steht ja nicht nur in YouTube. Aber es gibt keine Berichterstattung, die das ergänzt, die Öffentlichkeit fehlt eben doch, auch in dieser Hinsicht!

  5. “Finanztechnisch ist der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien zuständig. Der ITS ist Zuwendungsempfänger.”

    So steht’s auf der Website des ITS, und was das bedeutet, weiß ich aus Erfahrung, war selbst mal bei einem “Zuwendungsempfänger des Bundes”. Allein schon der Begriff! Der rangiert kurz vor Almosenempfänger, und so verhalten sich die Ministerialbeamten: gönnerhaft.

    Und wer hätte es gedacht, daß der Internationale Suchdienst in die Rubrik “Kultur und Medien” fällt? Wer wäre darauf gekommen? Ich habe es nicht gewußt. Dem Blogger heplev sei Dank, daß er das indirekt in die Diskussion gebracht hat.
    Jetzt weiß ich endlich noch genauer, was deutsche Kultur ist, und daß der Internationale Suchdienst als Kultureinrichtung eingestuft wird.

    Was aber auch alles in Deutschland unter Kultur abgebucht wird!

    • Na, Mahlzeit.
      Jetzt stellen sich weitere Fragen:
      – Wäre der ITS in der Lage – was den Willen angeht – seine digitalisierten Dokumente online zu stellen? Dürfte er das (was die rechtliche Seite angeht) oder würde ihm das vom Zuwendungsgeber verboten?
      – Wäre der ITS in der Lage das durch externe Geldgeber zu finanzerien?
      Sprich: Dürfte er als “Zuwendungsempfänger des Bundes” (zweckbestimmte) Drittmittel einnehmen?
      – Wie könnte dann ggf. eine Spendenkampagne aufgezogen werden?

  6. Soviel ich weiß, und wenn es sich nicht geändert hat, ist es vom Zuwendungsgeber gern gesehen, wenn Drittmittel eingeworben werden. Da hilft nur, sich gemeinsam mit dem ITS, zumindest mit Rückenwind von dort, an Staatssekretär Bernd Neumann zu wenden, oder hat jemand ‘nen anderen Vorschlag?


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