Mönche in Zion

25. Dezember 2012 um 15:05 | Veröffentlicht in Christen+Kirchen, Israel | Hinterlasse einen Kommentar
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Die Benediktiner, die in der Auferstehungskirche in Abu Gosh dienen, verbringen Stunden und manchmal Tage in meditativem Schweigen, doch wenn sie reden, dann oft in Umgangshebräisch mit ihren muslimischen Nachbarn.

Aviva und Shmuel Bar-Am, Times of Israel, 22. Dezember 2012

Jedes Jahr strömen an Heiligabend Hunderte Christen, Juden und Muslime nach Abu Gosh und füllen die Auferstehungskirche zum Überfluss. Sie werden von den Mönchen gebeten die Heiligkeit der Kirche zu respektieren (und ihre Handys abzuschalten); dann sitzen sie und warten gespannt in gedämpftem und untypischem Schweigen. Die Bilder der brillanten Fresken der Kirche, vor fast tausend Jahren gemalt, scheinen in Erwartung den Atem anzuhalten.

Plötzlich durchzieht der kräftige Geruch von Weihrauch die Luft. Großartige Musik hallt von den hohen und antiken Decken wider, während Benediktinermönche und -nonnen ganz in Weiß gekleidet feierlich in das Heiligtum schreiten. Die Mitternachtsmesse hat begonnen.

Jahrhunderte lang gab es in dieser Kirche keine Gottesdienste. Vielmehr entdeckten die ersten Benediktiner, die in das muslimische Dorf Abu Gosh kamen, widerspenstige Gebüsch, das auf dem Dach wuchs; die inneren Wänden, das Innere der Kirche war mit vielfältigen Lagen Schmutz und Kalkablagerungen bedeckt. Das gesamte Gebäude stand am Rande des Zusammenbruchs.

Das Eigentumsrecht an der Kirche in Abu Gosh und dem Land, auf dem sie stand, war von den ottomanischen Türken 1873 der französischen Regierung übertragen worden. Es dauerte mehr als 25 Jahre eine Gruppe Mönche zu finden, die die Aufgabe übernahmen das verlassene und in der Kreuzfahrerzeit gebaute verwahrloste Heiligtum zu restaurieren, das im Zentrum eines arabisch-muslimischen Dorfes vor Jerusalem. Franziskaner, Weiße Väter, Assumptionisten – alle hatten das Angebot abgelehnt.

Doch nun waren die Benediktiner gekommen. So bald wie möglich errichteten sie ein wunderschönes Kloster an einer der verfallenden Mauern, das dieser als Stütze dienste. Dann begannen sie den Rest der Mauern zu reparieren, die nur deshalb noch standen, weil sie ungewöhnlich dick waren. Als sie fertig waren, tauften sie das Heiligtum die Auferstehungskirche.

Ein halbes Jahrhundert später gingen die Benediktiner fort und wurden von Lazaristen abgelöst, die nur bis 1974 blieben. Jetzt suchten die Franzosen nach Verwaltern mit mehr Verweildauer. Sie fanden sie in im Kloster Le Bec-Hellouin in der Normandie, einer Einrichtung deren Äbte immer starke Gefühle für das Judentum hatten und eine tief sitzende Verbindung zum jüdischen Volk empfanden.

Dom Grammont war in den 1970-ern Abt Le Bec. Als er von Abu Gosh erfuhr, fühlte er einen göttlichen Ruf einige seiner Mönche in das Dorf zu schicken. Drei von ihnen begaben sich 1976 auf die Reise; einer von ihnen diente Jahrzehnte als ihr spiritueller Vater. Ein Jahr später schloss sich Bruder Olivier, heute der Prior des Klosters, der Gemeinschaft im Heiligen Land an.

Ich baute meine frühesten Bande zu Israel auf, als ich etwa 13 Jahre alt war und den Film Exodus (die Geschichte der Gründung des Staates Israel) sah“, erzählte uns Bruder Olivier einmal. „Zum ersten Mal begriff ich, dass es Idealisten in der Welt gab, Menschen, die von einer Sache motiviert waren. Als ich dann in Le Bec eintrat und mich darauf vorbereitete Mönch zu werden, öffnete ich die Psalmen oder die Bibel und las „Zion, Jerusalem, Israel“. Und jede sMal fühlte ich einen Zug zu diesem Land. Für mich war alles zusammengekommen: Exodus, die Bibel, Judentum, Zionismus.“

Anders als andere Mönche legen Benediktiner ein Gelübde ab ihr gesamtes Leben in ihrem gewählten Kloster zu bleiben. Natürlich erfordert das Zusammenleben als Familie auf so engem Raum Disziplin und die Benediktiner werden von einem Regelsatz geleitet, der vor mehr als 1.500 Jahren geschrieben wurde und jedes Detail des gemeinschaftlichen Lebens genau beschreibt. Die Regeln des Heiligen Benedikt verlangt von den Mönchen siebenmal am Tag zu beten, weist sie an Stunden und manchmal Tage völligen Schweigens zu reservieren und erlaubt reichlich Zeit für innere Einkehr und Meditation, die den Mönchen hilft neue spirituelle Höhen zu erreichen.

Gehorsam und Demut sind in der Welt der Benediktiner hoch angesehene Tugenden, hebt Bruder Olivier hervor. Die Regeln verbieten bitteres oder verdrossenes Verhalten, da dieses das Familiengefühl komplett stören würde. Sie erklären auch, dass ein Gast behandelt werden sollte, als wäre er der Messias.

Jeden Morgen treffen sich die Mönche des Klosters nach dem zweiten Gebet in einer Ecke der überwölbten Krypta unter der Kirche und hören dem Abt zu, der ein Kapitel aus den Regeln des Heiligen Benedikt vorliest. Hier, an diesem abgelegenen Ort, diskutieren sie auch ihre wichtigen Entscheidungen.

Nicht weit entfernt von dem Halbkreis aus Stühlen in dem, was die Mönche das „Kapitel“ nennen, gibt es im Untergrund eine Quelle. Im zweiten Jahrhundert baute die Zehnte Legion der Römer ein Fort und enorme Zisternen über dieser Quelle. Fast eintausend Jahre später bestimmten die Kreuzfahrer Abu Gosh als das biblische Emmaus (Lukas 24,13-36). Unter Nutzung des Gewölbespeichers bauten sei eine wunderschöne Kirche genau darüber und gestalteten die Wände mit überwältigenden Fresken, die gerade erst restauriert wurden. „Die Experten, die an ihnen arbeiteten, fügten nur das hinzu, von dem sie sicher waren, dass es vorher schon da war“, betont Bruder Olivier. „Was Sie also heute sehen, sind authentische Malereien der Kreuzfahrer, die man in Israel selten findet.“

Als die ersten Mönche nach Abu Gosh kamen, fühlten sie sich ziemlich einsam und isoliert. Glücklicherweise ließen in der Region lebende arabische Nonnen sie willkommen fühlen. „Sie waren für uns wie Mütter“, sagt Bruder Olivier. „Das öffnete unsere Herzen für eine andere Welt und obwohl wir nie unsere primäre und besondere Beziehung zu den Menschen Israels aufgegeben haben, haben wir auch viele Beziehungen zu Palästinensern in Bethlehem und Muslimen aus dem Dorf.“

Bruder Olivier, der in eine nicht religiöser und unverhohlen antiklerikale Familie geboren wurde, lernte sein Englisch als hipper Teenager, der zu den Rolling Stones und den Beatles abrockte. Sein unglaubliches Umgangs-Hebräisch ist das Ergebnis von Stunden, die er in Gesprächen mit Arabern aus Abu Gosh führte, die wie jeder andere in diesem standhaft freundlichen Dorf Israels Nationalsprache perfekt spricht. „Es ist das ultimative Paradoxon in einem Land vielfältiger Widersprüche: Ein Benediktinermönch in Israel lernt Hebräisch von einem muslimischen Dorfbewohner!“, ruft er aus.

Wie die anderen Mönche verbringt der umgängliche Olivier seine Morgenstunden mit Gebet und Studium. Die meisten seiner Nachmittage werden mit Einzelpersonen und Gruppen verbracht, die sich für das Christentum interessieren und von einem „richtigen“ Mönch etwas über das Leben in einem Kloster lernen wollen. Manche neugierigen Israelis kommen aus eigenen Stücken, während andere mit Gruppen der Gesellschaft für Naturschutz kommen oder an Einrichtungen studieren, die Kurse zu Jerusalem und jüdische Geschichte anbieten. Seit Jahren brachten die Israelischen Verteidigungskräfte Soldaten des Bildungsprogramms der IDF her, obwohl deren Zahl in letzter Zeit aus verschiedenen Gründen nachlässt. „Ich sage ihnen“, sagt Olivier, „allen miteinander, dass mit gegenseitigem Respekt, gutem Willen und einem offenen Herzen jeder zu Freunden werden kann.“

Olivier liebt die Erinnerung an einen jungen Israeli aus einer Küstenstadt, den er seit vielen Jahren kennt. Während seines Militärdienstes „kehrte der junge Mann zur Religion zurück“, rief aber den Mönch an, um zu sagen, dass er jetzt zwar ultraorthodox ist, sie immer noch Brüder seien.

Eines Tages kam der junge Mann nach Abu Gosh und die beiden umarmten sich bei der Begrüßung, wie sie das immer taten. „Erst hinterher erkannten wir, dass die Menschen um uns herum plötzlich angehalten hatten und uns schockiert ansahen“, lacht Olivier. „Einen schwarz gekleideten, ultraorthodoxen Juden mit langen Schläfenlocken zu sehen, der einen weiß gekleideten christlichen Mönch in einem muslimischen Dorf umarmt – sie müssen geglaubt haben, dass der Messias gekommen sei.“

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