Sechzig Jahre französische intellektuelle Einseitigkeit gegen Israel

31. Dezember 2012 um 14:37 | Veröffentlicht in die Welt+Nahost, Geschichte | 2 Kommentare
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Manfred Gerstenfeld interviewt Simon Epstein (direkt vom Autor)

Im jetzigen Jahrhundert ist Frankreich negativ aufgefallen – nicht nur wegen der vielen gewalttätigen Übergriffe auf Juden und ihre Einrichtungen, sondern auch wegen der regelmäßigen antisemitischen Angriffe auf Israel durch Intellektuelle und Medien. Die Ursprünge des französischen intellektuellen Antiisraelismus gehen fast bis zur Gründung des jüdischen Staates zurück. Um Durchblick zu den heutigen Problemen zu bekommen muss man die historische Entwicklung und das Wesen des französischen Intellektualismus besser begreifen.

Simon Epstein

Simon Epstein

Simon Epstein lehrt an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er ist ein ehemaliger Direktor von deren Vidal Sassoon International Center for the Study of anti-Semitism. Seit 1982 hat Epstein verschiedene Bücher und Artikel zu Antisemitismus und Rassismus veröffentlicht.

Im November 1947 stimmte die Sowjetunion in den Vereinten Nationen für die Schaffung des jüdischen Staates. Daher nahmen die französischen kommunistischen Intellektuellen Israel gegenüber anfangs eine positive Haltung ein. Als die Sowjetunion nach ein paar Jahren begann antizionistische und antisemitische Haltungen einzunehmen, verschoben sich auch die Ansichten vieler französischer Kommunisten.

Im Januar 1953 brachte die Zeitung Prawda die Nachricht von der Anklage gegen neun Ärzte, von denen sechs Juden waren. Sie wurden beschuldigt, durch falsche Diagnosen und Behandlungen den Tod führender Sowjets verursacht zu haben und weitere „Ermordungen“ zu planen. Gleichzeitig intensivierte die sowjetische Presse ihre Kampagne gegen „Kosmopolitismus und Zionismus“.

Französische kommunistische Intellektuelle organisierten in Paris eine große Solidaritätsdemonstration zur Unterstützung der offiziellen sowjetischen Position zur „Ärzte-Verschwörung“. Die Organisatoren sorgten dafür, dass es unter den vielen Rednern auf dem Podium genug Juden gab.

Die Botschaft der Redner war erschreckend. Viele erklärten, es sei normal Ärzte der Vergiftung von Menschen zu verdächtigen – man müsse sich nur Mengeles Rolle in Auschwitz ansehen. Wenn er zu dem fähig war, was er tat, warum sollten nicht andere Ärzte Gift verwenden? Zu denen, die öffentlich diese Meinung kundtaten, gehörte ein jüdischer Arzt. Als Mediziner bezeugte er, dass der Vorwurf nicht absurd sei. Außerdem begründete er seine Haltung mit dem Fehlverhalten deutscher Ärzte im Zweiten Weltkrieg und erklärte, es könne nicht definitiv ausgeschlossen werden, dass Juden oder Zionisten sich entschieden sowjetische Persönlichkeiten zu vergiften. Jahre später bedauerte er allerdings seine Worte. Die russischen Ärzte sind inzwischen rehabilitiert worden.

Die moralische Verirrung dieser „Zeugen“ war so groß, weil Frankreich – anders als die Sowjetunion – ein freies Land war. Die Redner sprachen aus eigenen Stücken. Kommunistische Organisationen organsierten außerdem eine große Medien-Kampagne. Intellektuelle schrieben Artikel über die „kriminellen Ärzte“ oder unterschrieben Petitionen gegen sie. Die kommunistischen Organisatoren wiederum sorgten dafür, dass zu den Unterzeichnern viele Juden gehörten.

Innerhalb der Partei gab es jüdische Organisationen, die für Proteste zur ‚Ärzteverschwörung“ mobilisiert wurden. Viele damals benutzte antisemitische Themen kamen dann in antiisraelischen Kampagnen nach dem Sechstagekrieg von 1967 wieder auf.

Die anfängliche Intensität dieser Kampagnen war weit niedriger als im Jahrzehnt vor dem Krieg. Die antizionistischen Veröffentlichungen wurden fast komplett von den Kommunisten gefüttert. Die erkannten allerdings immer – wie die Sowjetunion – das Existenzrecht Israels an. In den 1950-er Jahren dominierten die Kommunisten die französische Linke. Der Trotzkismus war unbedeutend; er  breitete sich erst zwanzig Jahre später nach den Ereignissen des Mai 1968 aus, als der Kommunismus begann an Macht zu verlieren.

Epstein erklärt: Die Faszination des Marxismus, die sich in große Teile der französischen Linken verbreitet hatte, führte dazu, dass ein viel größerer Anteil der Intellektuellen davon angezogen wurde als sonst im Westen, vielleicht mit Ausnahme Italiens. Die vielfältigen Abweichungen des französischen Intellektuellentums entstammen seinen allgemeinen Charakteristika, d.h. einer Tendenz zum Extremismus. Die Haltung der französischen Intellektuellen ist zwangsläufig eine, die die absolute Moral repräsentiert und das Gefühl vermittelt, ihre Analyse sei die einzig gerechtfertigte. Sie muss streitlustig sein und Feinde definieren; Nuancen und Zwischenpositionen sind nicht gestattet.

Ein weiteres Charakteristikum betrifft die Art, wie der Intellektuelle sich ausdrückt. Sprache, die sehr wichtig ist, muss immer komplex sein und hoch rhetorische Aspekte beinhalten. Das Denken entfernt sich von der Realität und wird in theoretischen Konstrukten verkörpert, die eine absolute Welt sein wollen. Die Kombination dieser Merkmale fördert beträchtliche intellektuelle Entstellungen.

Seit den 1970-er Jahren sind viele französische Denker an der Rolle von Worten und der Vielzahl von Konzepten interessiert. Sie haben Intellektuellenschulen entwickelt, deren Worte unbegreiflich sind. Wenn sie vor Zuhörern stehen, produzieren sie endlose Abstraktionen ohne Nutzung einfache Worter. Das führt zu einem absurden Intellektualismus, der auch andernorts in den Sozialwissenschaften existiert, aber ursprünglich in Frankreich entwickelt wurde.

Im gegenwärtigen Jahrhundert nahm der intellektuelle antisemitische Ausbruch an Intensität massiv zu. Ein anfangs ohrenbetäubendes Schweigen rund um die gewalttätigen antisemitischen Vorfälle in den ersten Jahren war begleitet von einem Strom verbaler Angriffe auf Israel, die die Argumente früherer antizionistischer Kampagnen wiederkäuen. Moderate Intellektuelle verglichen Sharon mit Milosevic; Extremisten verglichen ihn mit Hitler. Wenn heutzutage Menschen immer noch „den neuen Antisemitismus“ kommentieren, frage ich mich, ob sie sich dieser vielen Jahrzehnte der Geschichte nicht bewusst sind.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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2 Kommentare »

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  1. ‘Die Ursprünge des französischen intellektuellen Antiisraelismus gehen fast bis zur Gründung des jüdischen Staates zurück.’

    ich würde es wie folgt formulieren:

    Die Ursprünge des französischen intellektuellen Antiisraelismus gehen bis zu den französischen Frühsozialisten zurück, die von wenigen Ausnahmen abgesehen, allesamt Antisemiten und die Erfinder des Rasse-Antisemitismus waren.

    • Antiisraelismus bevor es Israel gab geht doch wohl eher schlecht, oder?


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