Nobelpreise und Politik

8. Oktober 2009 at 17:09 | In Geistesgrößen, Schule + Bildung | Leave a Comment
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Die Nobelpreisträger werden derzeit wieder bekannt gegeben. Gestern (Mittwoch) gab es die für Chemie und eine Israelin gehörte zu den drei Preisträgern. Steven Plaut stellte dabei etwas Interessantes fest:

Die ganze Woche schon überschwemmten Vertreter der Universität Tel Aviv (TAU) die Medien mit Berichten, einer ihrer Professoren solle den Nobelpreis für Physik erhalten. (Hier ein Beispiel.)

Wie sich herausstellte, zählte die TAU ihre Hühner, bevor das Nobel-Ei gelegt wurde. Er bekam den Preis nicht. Die TAU, die wohl am stärksten politisierte Universität Israels, hat nie einen Nobelpreisträger hervorgebracht.

Andererseits HABEN Forscher an Israel am wenigsten politisierten Institutionen, früher dem Technion und heute dem Weizmann-Institut, Nobelpreise gewonnen. Eine Chemikerin vom Weizmann-Institut ist Teilhaberin des diesjährigen Chemie-Nobelpreis.

Es ist kein Zufall, dass es für die am stärksten politisierten Institutionen in Israel am unwahrscheinlichsten ist einen Nobelpreis zu bekommen. (Die Hebräische Universität, die ebenfalls, aber weniger politisiert ist als die TAU, hat einen Nobelpreisträger, den religiös konservativen Wirtschaftswissenschaftler Robert Aumann. Aber er ist die Ausnahme zu dieser Regel.) Die israelischen Institutionen, in denen linke politisierte antiisraelische Lehrkörper so selten sind wie vierblättrige Kleeblätter, sind die, die die Titelträger der Wissenschaften hervorbringen.

Vielleicht sollte man einmal in anderen Länder die Nobelpreisträger auf solche Muster hin untersuchen.

Können Schweine fliegen?

7. Mai 2009 at 16:34 | In Muslime, Schule + Bildung, aua | 1 Comment
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Nächste Woche bringe ich einen Trupp Viertklässler in die Pampa Eifel. Die sind natürlich mächtig aufgeregt und neugierig. Obwohl ich schon öfter in der Klasse war, um die Vorbereitungen zu besprechen, gibt es immer wieder neue Fragen. Die muslimischen Kinder hatten aber auch ein Problem (seltsam, dass sie das jetzt erst aufbringen): „Müssen wir da Schwein essen?“ Natürlich nicht. Die Herberge hat bei der Anmeldung extra abgefragt, wie viele Teilnehmer religiöse Essensvorschriften beachten. Danach richten sie sich.

Nächste Frage: „Gibt’s für euch Schwein?“ Warum nicht? Ich war schon öfter dort, da gab’s dann auch mal einen schönen Braten. „Und die Muslime?“ Die haben ein Stückchen Hähnchen bekommen. „Ah so. – Aber was ist denn mit der Schweinegrippe?“ Na, die kriegt man nicht durch den Verzehr von Schweinefleisch. Das wird gekocht und gebraten, da werden alle Viren und Bakterien abgetötet.

„Oh. Die Schweinegrippe bekommt man nicht durch Fleisch?“ Nö, die wird anders übertragen. Die meisten Übertragungen sind von Mensch zu Mensch gewesen. Von Schwein zu Schwein geht von Mexiko nach hier ja wohl nicht.
Unvollständiger Einwurf aus der letzten Reihe: „Ja, aber bei der Vogelgrippe…“
Grins: Können Schweine fliegen? Und hier die Grippe verbreiten? – Lachen.
Die Erklärung der Tröpfchenübertragung lässt Verstehen aufkommen. Aha, so ist das. Auch bei einigen anderen Krankheiten. Die Sorgen sind weg.

Bei anderen geht das offenbar nicht so „leicht“. Für die Massenkeulungen in Ägypten ist die Schweinegrippe wahrscheinlich nur ein Vorwand, um den Kopten das Leben noch schwerer zu machen. Aber in ganz Afghanistan sieht es schon etwas anders aus. Dort gibt es ein einziges Schwein. Das wurde dem Zoo von Kabul von China geschenkt, wo es normalerweise zwischen Hirschen und Ziegen grast. Jetzt ist es weggesperrt, als Quarantäne-Maßnahme, damit die besorgten Zoo-Besucher sich nicht mit der Schweinegrippe anstecken können. Wobei der Zoo-Direktor sagt, dass die Angst der Leute irrational ist; sie sind nicht genug informiert. Da handelten sie in Kabul deutlich weniger panisch als an manch anderen Orten.

Gute Lehrer sind…

6. November 2008 at 20:57 | In Gesellschaftspolitik, Schule + Bildung | 1 Comment
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solche, bei denen die Schüler gar nicht merken, dass ihnen etwas beigebracht wird.

Sechs von zehn ist nicht schlecht, oder?

Eine Klasse apathischer Schülerinnen begreift den Irrtum des moralischen Relativismus

Rybbi Yonason Goldon, Jewish World Review, 6. November 2008

Lehrer können mit ihrer ersten Stelle nicht wählerisch sein. Und so landeten meine Frau und ich im ungarischen Budapest.

Natürlich kamen wir mit zahllosen Geschichten und Anekdoten zurück, von denen viele amüsant, erstaunlich oder buchstäblich unglaublich sind, wenn man sie anderen erzählt. Trotzdem sticht aus einem Jahr, das angefüllt war mit Kulturschock, Frust, Hochstimmung, inspirierenden Erfolgen und die Seele zerreißenden Fehlschlägen eine 40-minütige Unterrichtsstunde stark aus dem Rest hervor.

Es handelte sich noch nicht einmal um meine Klasse. Ich vertrat eine Frau und übernahm eine Klasse, über die sie sich seit dem ersten Schultag beschwerte: ein Dutzend Zehntklässlerinnen, von denen jede einzelne dem Judentum, Bildung und dem Leben überhaupt nicht nur gleichgültig, sondern offen feindselig gegenüber stand. Darüber hinaus sprachen sie fast kein Englisch und hatten wenig Interesse am Lernen.

Ich betrat das Klassenzimmer zu einem allgemeinen Gesichtsverziehen. Ganz links saß Dora, die einzige der Truppe, die passables Englisch sprach. Ihr Freund, sagte sie, machte eine Ausbildung zum Rabbi. Dora wusste alles.

Mitten in der Klasse saß Andrea: frech, arrogant, kokett, die ihre Einstellung zum Triefen ausstrahlte. Ihr Blick warnte mich, ich solle sie nur ja nichts lehren wollen.

Ich warf einen Blick in den Halbkreis verlorener Seelen und fragte mich, welche Chancen ich wohl hätte ihnen irgendetwas zu vermitteln. Aber ich hatte meinen Angriff bereits geplant. Ich drehte mich ohne ein Wort gesagt zu haben um und schrieb auf die Tafel: „Stehlen ist in Ordnung, so lange niemand dabei verletzt wird.“

Es dauerte etwa fünf Minuten, bis jede im Raum verstand, was ich geschrieben hatte. Nachdem die Sprachbarriere schließlich gebrochen war, fragte ich die Klasse: „Stimmt ihr dieser Äußerung zu oder nicht?“

Ich war nicht sicher, was ich erwarten sollte. Überraschenderweise war es Andrea, die die Führung übernahm. „Nein“, sagte sie voller Überzeugung. „Es ist falsch.“
„Warum?“, fragte ich.
Ihre Antwort überraschte und erfreute mich: „Es steht in den Zehn Geboten.“
“Oh“, sagte ich mit großen Augen. „Du glaubst an die Zehn Gebote?“
“Natürlich“, sagte sich ohne zu zögern.
An alle?“, fragte ich.
Diesmal zögerte sie. „Nein“, sagte sie schließlich. „Nicht an alle.“
“An welche glaubt ihr?“

Es stellte sich heraus, dass die Klasse nur zwei der zehn nennen konnte, also schrieb ich die Liste auf die Tafel. „Okay“, sagte ich den Mädchen, die trotz ihrer Haltung jetzt engagiert dabei waren. „Welchen stimmt ihr zu?“

Nach einigem Hin und Her kam die Klasse zu einem Konsens von sechsen der zehn: die Verbote der Götzenanbetung, des Mordes, Diebstahls, Ehebruchs, falsches Zeugnis zu reden und dem Gebot seine Eltern zu ehren. Ich machte große Haken links von jedem, das sie auswählten.

„Mit diesen sechsen seid ihr einverstanden?“, fragte ich und alle nickten. „Die seid ihr bereit einzuhalten?“ Sie nickten wieder. „Und die anderen?“, fragte ich. Jede schüttelte mit gleicher Gewissheit den Kopf.

„Nun denn“, sagte ich und drehte mich zur Tafel um. „Wenn ihr diese sechs aussucht, dann werde ich mir diese sechs aussuchen.“ Ohne jeden Sinn hakte ich rechts neben den Geboten eine andere Auswahl von sechsen ab. „Das sind die Gebote, die ich einzuhalten bereit bin.“

Genauso gut hätte ich eine Bombe zünden können. Fast jedes Mädchen im Raum begann zu schreien, als hätte ich die schlimmste Form der Ketzerei begangen.

„Was regt ihr euch so auf?“, fragte ich so unschuldig wie möglich. „Ihr habt sechs ausgesucht, die ihr einhalten wollt. Warum kann ich nicht sechs aussuchen, die ich befolgen will?“

Wieder war es Andrea, die protestierte. „Aber Sie sind ein Rabbi!“

„Das verstehe ich nicht“, antwortete ich. „Müssen nur Rabbiner die Zehn Gebote einhalten?“

Sie wirkte einen Augenblick lang verwirrt, dann gewann sie wieder die Fassung. „Ja“, sagte sie überzeugt.

„Warum?“

Diesmal blieb der verwirrte Ausdruck länger, bevor sie die Taktik wechselte. „Aber sehen Sie, welche in Ihrer Liste fehlen. Was ist mit dem Sabbath? Was ist mit Mord?“ Sie wurde recht emotional und mit ihr der Rest der Klasse.

„Ihr habt eure sechs ausgesucht“, sagte ich ruhig. „Ich suche mir meine sechs aus.“

So ging es ein paar Mal hin und her; die Mädchen bestanden darauf, dass sie mit ihre sechs Gebote völlig zu recht ausgewählt hätten, während meine Wahl von sechs Geboten irgendwie ein Verrat an allem war, das heilig ist. Sie schienen es persönlich zu nehmen, dass ich es ablehnte alle zehn Gebote anzuerkennen und sie regten sich immer mehr auf, als ich freundlich lächelte und immer wiederholte, dass, wenn sie das Recht auf hätten auszusuchen, welche Gebote sie einhielten, ich ebenfalls das Recht hätte mir meine auszusuchen.

„Wie ist denn jetzt die Antwort?“, forderte Dora schließlich.

„Was war denn die Frage?“, fragte ich höflich. Sie sah mich an, als würde sie gleich explodieren. Als das Mädchen neben ihr buchstäblich die Fingernägeln in den Tisch bohrte, gab ich schließlich ein wenig nach. „Ihr seid frei euch eure eigenen Regeln zu machen“, erklärte ich. „Aber wenn ihr das macht, dann habt ihr nicht das Recht mit einem anderen zu streiten, dessen Regeln zu euren in Widerspruch stehen.“

Es klingelte. „Danke, meine Damen“, sagte ich. „Es war ein Vergnügen euch etwas beizubringen.“

„Moment mal!“, schrie Dora. „Sie haben uns gar nichts beigebracht.“

Ich lächelte beim Rausgehen. Natürlich hatte ich ihnen etwas beigebracht. Ich hatte ihnen ihre erste Lektion über den Irrtum des moralischen Relativismus gegeben, wenn auch der Begriff noch nicht populär geworden war. Wäre es zu viel verlangt zu hoffen, dass eine von ihnen vielleicht eines Tages schätzen würde, was ich sie gelehrt hatte?

Bildungsrepublik Deutschland

12. Juni 2008 at 15:16 | In Nordrhein-Westfalen, Schule + Bildung | Leave a Comment
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Heute brachten die Kinder einen Brief aus der (Grund-)Schule der Schulleitung mit nach Hause:

Liebe Eltern,
heute erhielt ich vom Fachbereich Schulen die Nachricht, dass aufgrund von Einsparungen der Hausmeisterstellen, diese nicht mehr in der Lage sind, die Einrichtungen der Klassen mit entsprechenden Schulmöbeln vorzunehmen.
Die Stadt empfiehlt, für diese Arbeiten Elternhilfe zu erbitten. Beim Räumen sind die Eltern über die Schule versichert.
Es wäre schön, wenn sich einige Väter bereit erklären würden, Regale, Tische und Stühle von einer Klasse in die andere zu tragen. Ein genauer Plan dazu liegt vor….

Die Kontaktaufnahme mit der Schulleitung ergab: Die Stadt hat sieben Hausmeisterstellen „eingespart“, so dass die Hausmeister der Schulen sich nicht mehr gegenseitig „beim Räumen“ unterstützen können. Toll. Gestrichen haben wir schon selbst, aber wenn vom Lehrkörper mal einer einen Nagel in die Wand schlägt, um ein Bild oder etwas anderes aufzuhängen, tobt der Hausmeister im Auftrag des Fachbereichs, dass das nicht geht. Für’s Möbelschleppen sollen die Eltern aber wieder ran – das ist ja eine angeleitete Tätigkeit, die vom Hausmeister beaufsichtigt wird. Ein Teppich im Sitzkreis (so denn Platz dafür im Klassenraum ist) muss vom Lehrpersonal selbst gesaugt werden. Das Putzpersonal ist dafür nicht vorgesehen – es dauert zu lange.

So sieht also die Realität vor Bildungsort aus. Man merkt: Was in der Schule los ist und wie sie funktioniert, kann nicht nur an Landesbildungspolitik und Lehrpersonal liegen.

Apropos Lehrpersonal: Die Schule ist mit gut zwei Stellen unterbesetzt (obwohl die Schulaufsicht die nicht als Lehrerin ausgebildete Sozialpädagogin gerne als volle Stelle mitzählt). Zum neuen Schuljahr soll eine weitere Lehrerin (oder ein Lehrer) auf Vertretungsbasis eingestellt werden, um die Klassenbildung zu gewährleisten. Bewerbungen gab es eigentlich genug – nur wurde lediglich eine 18-Stunden-Stelle ausgeschrieben; die Bewerber möchten lieber eine volle Stelle (28 Wochen-Unterrichtsstunden) und entscheiden sich natürlich für Stellenangebote mit entsprechender Stundenzahl. Bisher konnte niemand eingestellt werden. Im letzten Jahr war das auch schon so. Und dann wurde zu Schuljahresbeginn doch eine – „ungelernte“ – Kraft eingestellt, mit 28 Stunden (die dann den Bereich Kunst abdeckte und haufenweise Förderunterricht gab, zum Glück recht kompetent, ohne eine entsprechende Ausbildung zu haben).

Schulpolitik auf kommunaler/regionaler Ebene vom Feinsten.

Regional sieht’s auch Klasse aus. Schulleiterstellen an kleinen Schulen sind unattraktiv. Deshalb gibt es reichlich Schulen ohne Schulleitung, die von anderen („Nachbar“-)Schulleitungen mit geführt werden müssen. Um dem entgegenzuwirken hat die Landesregierung die Möglichkeit geschaffen Schulverbünde zu gründen, bei denen zwei Schulen eine (gemeinsame) Schulleitung haben und die Kollegien sich gegenseitig personell unterstützen können, ohne dass die Schulen zusammengelegt werden, Konferenzen gemeinsam stattfinden und ähnliches. Das hat sich die CDU mit der FDP ausgedacht.

Die SPD und die Grünen wollen aber offensichtlich nach Möglichkeit Sand ins Getriebe streuen, um dieser Maßnahme den Garaus zu machen. Und so wurde im Städtetag (SPD-beherrscht) festgelegt, dass eine katholische Schule in einem solchen Verbund nicht „Stammschule“ sein kann. Was im konkreten Fall u.a. bedeutet, dass die jetzige, für beide Schulen zuständige Schulleitung, diesen Posten nicht wird übernehmen können, sollten die Schulen einen Verbund eingehen (außer sie bewirbt sich erneut gegen einen Trupp weiterer potenzieller Schulleiter, die sich die Finger nach einer attraktiv vergüteten Stelle lecken). Da der Beschluss zum Verbund in den Schulkonferenzen getroffen werden muss, kann man sich vorstellen, was die Schulkonferenz der katholischen Schule von einem solchen Verbund hält – überall ist man mit der jetzigen Schulleitung sehr zufrieden, das soll nicht gefährdet werden. Also wird der Zustand weiter der sein, dass die Schulleitung dazu verdonnert ist beide Schulen völlig unabhängig von einander leiten zu müssen.

Frau Merkel hat heute etwas davon gesagt wie: „Die Bundesrepublik muss Bildungsrepublik Deutschland werden.“ Da muss aber mehr geschehen, als dass Lehrpläne statt in 13 in 12 Jahren erfüllt werden. Und vor allem muss das auch „unten“ ankommen. Wobei „unten“ die Schulträger und die regionale Politik sind, die nicht nur mit „Einsparungen“ in die Zukunft „investieren“ dürfen!

Die permanente Neuerfindung des Rades

3. April 2008 at 22:11 | In Schule + Bildung | Leave a Comment

…wird vor allem im pädagogischen Bereich (sprich: Schule) immer wieder gerne vorangetrieben. Und so finden sich in neuen Lehrplänen neue Begrifflichkeiten, die eigentlich nur alte Begriffe ersetzen, aber als pädagogische Neuerungen und Wertungen gelten sollen – im konkreten Fall wurde der Begriff des „Leitziels“ ersetzt. Das heißt jetzt „Kernanliegen“ und ist natürlich überhaupt ganz anders zu verstehen.

Solche Umwidmungen sind allerdings noch der harmlosere Teil der Neuerfindung des Rades im Bildungsbereich. Seit Jahren werden immer wieder Moden ausprobiert, teilweise auch recht erfolgreich. Andernorts wird dann mit Stielaugen geguckt, das Konzept als das Ei des Kolumbus gewertet und im eigenen Bundesland „eingeführt“ – ohne allerdings die Grundlagen und Voraussetzungen mit zu importieren. In Nordrhein-Westfalen wurde so ein „integrierte Eingangsstufe“ eingeführt und beworben. So einige Schulen führten das Jahrgangsstufen übergreifende Konzept für die ersten zwei Klassen ein. Und verließen sich z.B. darauf, dass die „Klassenfrequenz“ (das Schüler-Lehrer-Verhältnis) für diese Schulen auf einem relativ niedrigen Niveau blieb. Inzwischen haben viele dieser Schulen das wieder rückgängig gemacht.

Der Grund? Die „Realität vor Ort“ führt das Konzept ad absurdum. Statt die Schulen personell (und finanziell) entsprechend auszustatten, ändert sich an den äußeren Gegebenheiten nichts. Das Ganze entpuppt sich – wie so oft im Fall des pädagogischen Bildungsfortschritts – als reines Geldeinspar-Programm. Weiter karikiert wird es dann von den lokalen Bildungsverwaltungs-Institutionen, die sich meist Schulamt und Schulverwaltungsamt nennen (letzteres im Fall meines Wohnortes auch neudeutsch „Fachbereich Schulen“). Denn dort wird – entsprechend der Vorgaben von Ministerium, Ministerialverwaltung und Bezirksregierung – schlicht darauf bestanden, dass eine zweite Klasse (mit entsprechender Lehrkraft-Ausstattung) erst bei Überschreitung der Zahl von 35 Schülern erfolgt – was für jahrgangsübergreifende Klassen pädagogischer Irrsinn ist.

Wenn dann noch dazu kommt, dass Schulverwaltung (Fachbereich Schulen) praktisch nur in verwaltungstechnischen Kategorien denkt, dann kann es ganz schnell passieren, dass einer Schule die Räumlichkeiten ausgehen, um von der Landesregierung vorgegebenen pädagogischen Konzepten nachzukommen.

Weil sich alles darum geht Kosten zu reduzieren (kein an sich falsches Anliegen), werden Pädagogik und Anforderungen an Unterricht ad absurdum geführt. Da hilft kein Schielen auf das Bildungssystem anderer Staaten – weil nicht alles übernommen wird, sondern nur das, was zu weniger Ausgaben führt. Und selbst, wenn von „oben“ (Bildungsministerium) hervorragende Arbeit geleistet würde, vollständige und wohl überlegte und erprobte Konzepte vorgegeben würden, gibt es an der Basis seitens der Schulträger auch in erster Linie das Anliegen der Kosteneinsparung, das eine vernünftige Umsetzung verhindert.

Die Formulierung „selbst, wenn“ ist übrigens sehr bewusst gewählt. Denn „wohl überlegte und erprobte Konzepte“ gibt es nur in der Theorie. Gerade der jüngste Lehrplan für die Grundschule in NRW wurde mit dem expliziten „Auftrag“ in die Schulen katapultiert ihn „zu erproben“. Schulen und Lehrer sind in den letzten etwa zehn Jahren ständig damit beschäftigt Konzepte zu entwickeln und zu evaluieren, die nur allzu oft einfach in die Tonne gekloppt werden konnten, weil neue Konzeptions-Vorgaben kamen und alles wieder anders wurde. Diesbezüglich hat sich durch den Machtwechsel in Nordrhein-Westfalen auch nichts geändert. Aus der freien Wirtschaft bekanntes Vokabular wie „Qualitätssicherung“ wird eingeführt und über ein (teures) Gremium, das in die Schulen geht und Tage lang beobachtet und auswertet betrieben. Früher kam der Schulrat. Das reicht offenbar nicht mehr.

Auch hier also die Neuerfindung des Rades. Oder so: Früher wurde per „Probeunterricht“ darüber entschieden, ob beim Übergang ins fünfte Schuljahr der Empfehlung der Grundschule oder dem Wunsch der Eltern gefolgt wird – heute ist das der „Perspektivunterricht“. Wenn’s bei den Auswirkungen in der Praxis nicht so traurig wäre, könnte man drüber lachen. Auch über die neuen Räder mit den alten Plattfüßen.

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