Die französische Gesellschaft betrachtet die Juden durch das Prisma der Schoah

3. Februar 2014 um 14:34 | Veröffentlicht in Europa, Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Shmuel Trigano (direkt vom Autor)

Die Position der Juden in einem Land wird weitgehend davon bestimmt, wie dessen allgemeine Bevölkerung sie sieht. Das ist oft weit wichtiger als das Verhalten der Juden selbst. Die französische Gesellschaft und die jüdische Gemeinschaft in Frankreich haben regelmäßig unterschiedliche Einstellungen. In den letzten Jahren wurde ins jüdische Leben involviert zu sein zum Synonym mit communautarisme (d.h. dem Rückzug in die eigene Gemeinschaft, die als fehlende Loyalität der französischen Republik gegenüber angesehen wird) – ein Begriff mit negativem Beiklang. Das war vorher nicht der Fall. Die französische öffentliche Meinung betrachtet die jüdische Gemeinschaft als bezüglich der nationalen Staatsbürgerschaft ambivalent.

Die Juden spielen in Frankreich eine symbolische Rolle – als Resultat ihrer langen Geschichte in der europäischen Zivilisation. Diese Rolle war im letzten Jahrhundert stark von der Schoah und seit kurzem von der Masseneinwanderung von Muslimen beeinflusst.

Shmuel Trigano ist Professor für Soziologie an der Universität Paris, Präsident des Observatoire du Monde Juif und Autor zahlreicher Bücher, die sich auf jüdische Philosophie und jüdisches politisches Denken konzentrieren.

Im Frankreich der 1980-er Jahre ersetzte der Holocaust im kollektiven Gedächtnis plötzlich fast alle sonstige Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Danach wurde das Bild des Juden als Opfer, der Person, mit der man aus Prinzip Mitleid haben sollte, dominant. Heute jedoch gibt es diese Rolle fast nicht mehr.

Während der Jahre nach dem Krieg fand eine Verschleierung der Schoah statt. Zunächst herrschte der Gaullismus, was den Mythos des „Widerstands-Frankreich“ förderte, so als ob die Mehrheit der Franzosen aktiv gegen Vichy opponiert hätte. Die Behörden und Eliten des Landes mussten die Tatsache kaschieren, dass die kollaborierende Vichy-Regierung als demokratisches Ergebnis einer Abstimmung des französischen Parlaments an die Macht kam.

Die radikal veränderte Lage machte die „jüdische Frage“ zu einer extrem sensiblen. Es begann mit einem Skandal wegen Äußerungen von Louis Darquier de Pellepoix. Er war im Vichy-Regime Kommissar für jüdische Angelegenheiten. Mit seiner Flucht nach Spanien entkam er der französischen Nachkriegs-Justiz, die ihn zum Tode verurteilte.

1978 sagte er gegenüber der Wochenzeitung L’Express, dass in Auschwitz nur Läuse vergast worden waren und dass die Juden darüber logen, was dort geschah. Dank dieses Interviews und der von ihm entfachten Reaktion wurden die Juden plötzlich Thema sowohl in den Medien als auch in der öffentlichen Diskussion.

Als Darquier sein Interview gab, hatte sich die neue Wahrnehmung des „Juden als Opfer“ noch nicht herauskristallisiert. Das geschah dann später. Dieses Bild ist – statt durch die jüdische Gemeinschaft – in staatlichen Körperschaften institutionalisiert worden, so dem Museum des Schoah-Gedenkens und der Stiftung zur Erinnerung an die Schoah.

Woran man sich heute bei diesem „Opfer-Bild“ erinnert, ist der Zustand des Menschen, wie er sich im jüdischen Leid ausdrückt. Das hat eine ambivalente Rolle. Um von der französischen Gesellschaft als ganzes anerkannt zu werden, muss das Leiden enorm entjudet werden. Viele Personen der Öffentlichkeit und Pädagogen sagen, die Schoah der heutigen Generation zu vermitteln erfordert ihren universalen Aspekt zu betonen und aufzuwerten. Das bedeutet Barbarei, Unmenschlichkeit und Leiden in allgemeinen Begriffen bloßzustellen.

Während der Studentenunruhen in Paris 1968 wurde der Wahlspruch „Wir sind alle deutsche Juden“ benutzt, um den Studentenführer Daniel Cohn-Bendit zu verteidigen, einen deutschen Juden. Indirekt bedeutete das, dass man sich mit den Opfern eines Nazistaats identifizierte. Zwanzig Jahre später bekam der Spruch eine neue Nebenbedeutung: „Wir identifizieren uns mit universalistischen, assimilierten deutschen Juden, aber nicht mit Zionisten und jüdischen communautarians.

Bereits im vorigen Jahrhundert veränderte sich die Rolle des „absoluten Opfers“ in Frankreich langsam vom Juden zum hauptsächlich muslimischen Einwanderer, dessen Lage oft öffentlich mit der der jüdischen Opfer der Vergangenheit gleichgesetzt wird. In den 1980-ern hörte man gelegentlich, dass man mit dem Kampf gegen den rechtsextremen Rassismus der Partei Front National des Jean-Marie Le Pen und allgemeinen antiarabischen Rassismus gegen Antisemitismus kämpfe.

Die so genannten Debré-Gesetze von 1997 – benannt nach Innenminister Jean Louis Debré – regelten die Einwanderung und den Status von Ausländern. Auf Demonstrationen gegen diese Gesetze verkleideten sich einige Teilnehmer als Lagerinsassen. Sie trugen gestreifte Schlafanzüge und auf dem Rücken Taschen, als würden sie zu den Zügen reisen, die sie in die Konzentrationslager deportieren. Die Demonstrierenden und ihre Unterstützer verknüpften das Schicksal dieser unter französischem Rassismus leidenden Einwanderer mit dem der Juden als Opfer der Schoah.

Trigano schließt: Es gibt viele weitere Rollen, die Juden in der französischen Gesellschaft ausfüllen. Dazu gehört, dass Juden als positives Vorbild für muslimische Einwanderer hochgehalten werden. Sie sind außerdem ein Instrument der Behörden für den Erhalt des sozialen Friedens, Zeugen der vermeintlichen Toleranz der Muslime oder Beschöniger für französische Probleme wie Antisemitismus. Vor allem werden französische Juden in die Rolle der „Repräsentanten Israels“ gesteckt, das in den französischen Medien negativ dargestellt wird.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Waffenstillstand und Friedfertigkeit? (17.-23.11.2013)

23. November 2013 um 22:45 | Veröffentlicht in Israel, Jerusalem, Nahost-Konflikt, Palästinenser | Hinterlasse einen Kommentar
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Sonntag, 17.11.2013:

Die Al-Qassam-Brigaden der Hamas verkündeten, dass weiter Terrortunnel bauen – als strategische Waffe in der nächsten Auseinandersetzung mit Israel. (Man kann nur hoffen, dass die Israelis nicht warten, bis die Dinger benutzt werden; und sie sollten sie sprengen und dabei keine Rücksicht darauf nehmen, ob gerade Terroristen drin sind oder nicht.)

Araber versuchten einen Platz für Mahnwachen im Gush Etzion zu zerstören, an dem für Maßnahmen gegen den arabischen Terror gefordert werden. Als israelische Aktivisten den Posten reparierten, wurden sie von Arabern mit einem brennenden Objekt beworfen.

So langsam entwickelt sich das zu einem echten Trend: Die PA benennt weiter Fußballmannschaften nach Terroristen.

Heckmeck:
- Ein PA-Unterhändler besteht darauf, dass Verhandlungen nicht weiter geführt werden können, solange es die aktuelle israelische Koalitionsregierung gibt und verlangt, dass diese geändert wird – man von Israel erwartet „konkrete Schritte“ nach dem Treffen mit Kerry, sagt aber nicht, welche. Angespornt werden die Terroristen anscheinend von einer Äußerung der israelischen Unterhändlerin und Justizministerin Tzipi Livni, die auch sagte, in der gegenwärtigen israelischen Koalition könnten keine Fortschritte gemacht werden.
- Benjamin Netanyahu stellt klar: Es ist an der Zeit, dass man auch über palästinensische Zugeständnisse redet.

Montag, 18.11.2013:

Fatah bezeichnet die israelischen „Siedlungen“ als „Verbrechen gegen die Menschheit“. Klar, die Menschheit besteht nur aus „Palästinensern“ und alles, was denen nicht passt, ist ein Verbrechen.

Auch ein Verbrechen: Wenn Juden beten. Jedenfalls wurden vier minderjährige Frauen festgenommen, die nahe dem Goldenen Tor beteten. Die Polizei sagt, die Mädchen hätten bei Arabern Wut auslösen können. (Ihr Anwalt verweist auf viele Gerichtsurteile, die solche Verhaftungen für illegal erklärten, was die Polizei aber nicht anficht.)

Friedenspartner – Der „palästinensische“ „Botschafter“ in Libyen tönte ganz stolz: Die meisten Terroranschläge der „Zweiten Intifada“ wurden von den „Sicherheitskräften“ der PA verübt.

Heckmeck:
- Abbas sagte, seine zurückgetretenen Unterhändler würden weiter verhandeln.
- François Hollande ist in Israel. Er hat sich gleich mächtig ins Zeug gelegt: Israel muss jegliche Bautätigkeit in den „Siedlungen“ einstellen, das mache Verhandlungen kompliziert und erschwere eine Zweistaatenlösung. Er forderte auch die „Palästinenser“ auf sich zu bemühen – aber Konkretes sagte er nicht.

Dienstag, 19.11.2013:

Die Hamas hat zwei im Gazastreifen geborene junge Löwen nach Hamas-Raketen und dem „arabischen Sieg“ über Israel 2012 (Operation Wolkensäule) benannt.

Wieder die Hamas (während die Enkelin ihres Gaza-Oberbosses in Israel im Krankenhaus behandelt wird!): Waffenstillstand ist die beste Zeit Terrortunnel zu bauen – wir kommen in eure Häuser, in eure Schulen (um euch zu ermorden).

Arbeitsunfall: Bei einer Explosion in Tal al-Hawa (in Gaza Stadt) wurde ein Terrorist getötet, vier weitere verletzt. Sicherheitskräfte der Terroristen bestätigen, dass es ein Unfall war. Der Tote soll ein Bodyguard des Hamas-Granden Mahmud Zahar gewesen sein.

Mittwoch, 20.11.2013:

Einem israelischen Soldaten wurden „price tag“- Aktionen vorgeworfen; die Vorwürfe konnten nicht substantiiert werden, der Soldat wurde aber nicht freigelassen, er steht unter Hausarrest.

Donnerstag, 21.11.2013:

Der ehemalige israelische Botschafter in den USA Meir Rosenne empfiehlt, dass Israel nicht weiter mit den „Palästinensern“ verhandelt, solange es die einseitige Anerkennung durch die UNO anstrebt.

Die Israelis, die an eine Zweistaatenlösung glauben, passen nach Aussage von Mordechai Kedar „in zwei Telefonzellen“.

Diese Woche nahm die IDF insgesamt 21 Araber fest, die verdächtigt sind Steinwurf- und Molotowocktail-Anschläge auf Verkehrsteilnehmer in Judäa und Samaria verübt zu haben. 16 wurden in Untersuchungshaft genommen.

Ein offizieller Fatah-Vertreter im Libanon: Israel ist der „rassistische Feind aller Nationen“.

Freitag, 22.11.2013:

Die Hamas tönt wieder kriegerischer: „Nächstes Mal werden unsere Raketen den Norden von Tel Aviv erreichen.“

Zur Erinnerung: die „täglichen Vorkommnisse“ (verhinderte Terroranschläge, versuchte Morde usw.) finden sich auf der Seite „Friedfertigkeiten 2013“; die humanitären Lieferungen und Maßnahmen Israels unter „Humanitäres“ (beides in der Sidebar zu finden).

Frankreich und die EU schmeicheln sich bei der Hisbollah ein

7. November 2013 um 14:50 | Veröffentlicht in Europa+Nahost | Hinterlasse einen Kommentar
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Elder of Ziyon, 31. Oktober 2013

Al-Monitor hat einen sehr ernüchternden Artikel:

Am 22. Juli 2013 einigten sich alle 28 EU-Länder einstimmig darauf den militärischen Arm der Hisbollah auf die Liste der Terrororganisationen der EU zu setzen. Doch weniger als drei Monate später hat Europa der Hisbollah als besonderem Gast seine Türen geöffnet. Vom 12.-14. Oktober empfing das französische Außenministerium den Hisbollah-Abgeordneten im libanesischen Parlament, Ali Fayyad, als Gastredner für französische Diplomaten, Analysten und Experten eingeladen; er erklärte, dass Paris falsch liegt und die Hisbollah richtig.

… Einmal da, traf sich Fayyad mit Vertretern der Nahost-Abteilung und dem Zentrum für Analyse und Erkundung im Ministerium, wo er eine zweistündige Einführung mit anschließender Fragestunde hielt.

Nach Angaben von Hisbollah-Quellen hatten die Franzosen sich entschieden sich für die Hisbollah, der mächtigsten schiitischen Organisation im Libanon, zu öffnen und sie sind bereit einen neue Phase des französischen und europäischen Dialogs mit der Partei zu beginnen, während die Partei behauptet, dass sie an all ihren Positionen und Entscheidungen festhält.

Was hat sich aber in diesen drei Monaten geändert? Hisbollah-Kreise bestätigten gegenüber Al-Monitor, dass der Partei seit der EU-Entscheidung im Juli klar war, dass das Thema nicht ernst zu nehmen ist und die tatsächlichen Überzeugungen Europas nicht spiegelt. Selbst bevor die Entscheidung getroffen wurde, besuchten drei europäische Botschafter in Beirut offizielle Hisbollah-Vertreter und informierten sie, dass sie von der Entscheidung persönlich nicht überzeugt seien. Sie stellten außerdem fest, dass ihre Regierungen von der anstehenden Entscheidung nicht überzeugt waren. Selbst nachdem die Entscheidung getroffen wurde, gab es eine rekordverdächtige Anzahl an Treffen zwischen Vertretern der Hisbollah und europäischen Diplomaten in der libanesischen Hauptstadt. Selbst die EU-Botschafterin im Libanon, Angeline Eichhorst, besuchte den Hisbollah-Vertreter für internationale Beziehungen Ammar Moussawi ebenso wie die Hisbollah-Minister Mohammed Fneish und Hussein Haddsch Hassan innerhalb von nur einer Woche nach der Entscheidung.

[…]

Diejenigen, die sich die Beziehung zwischen Paris und den südlichen Vororten von Beirut (der Hochburg der Hisbollah), sollten die verschiedenen Gründe hinter der Entscheidung der Franzosen und der EU für die Einladung an Fayyad vermerken. Diese Gründe können wie folgt zusammengefasst werden:

Erstens kam der Schritt der Franzosen innerhalb des Kontextes der jüngsten amerikanisch-iranischen Offenheit. Diese ist ein Faktor, der in Bezug auf die französische Initiative nicht ignoriert werden kann. Es ist so, als wollten Paris und Europa den Amerikanern sagen: „Wir sind keine bloßen Mitläufer oder Umsetzer eurer Politik. Wenn Obama Präsident mit Hassan Rouhani Kontakt aufnehmen kann, dann können wir die Hisbollah einladen und mit ihr direkt sprechen.“ Diese französischen und europäischen Kalkulationen müssen nicht negativ gesehen werden. Man kann sie positiv interpretieren: „Schön. Ihr [die Amerikaner] hat euch entschieden euch dem Iran gegenüber zu öffnen. Wir können in dieser Richtung auch etwas tun. Und dies ist ein kleines Beispiel dafür.“

Zweitens kam der Hisbollah-Besuch in der französischen Hauptstadt im Kontext der mutmaßlichen russisch-amerikanischen Vereinbarung zu Syrien und der bevorstehenden Genf II-Konferenz, an der der Iran wahrscheinlich teilnehmen wird. Es ist klar, dass jede Beilegung der syrischen Krise große Horizonte in der Levante eröffnen wird, politisch wie auch wirtschaftlich. Auf der politischen Ebene gibt es den Eindruck, dass die „syrische Lösung“ ein Modell werden wird, das kopiert werden kann, um die Landkarte der Levantine als Ganzes neu zu entwerfen und die Kriege und Krisen der meisten Länder der arabischen Region zu lösen. Dazu gehört der Libanon, um den sich Frankreich historisch gekümmert hat. Den syrischen Krieg zu beenden wird auch wichtige Investitionsmöglichkeiten beim Wiederaufbau und Energiequellen sowie Transportrouten im östlichen Becken des Mittelmeers (Syrien und dem Libanon). Die Hisbollah ist ein Schlüsselpartner in beiden Ländern und hat großen Einfluss auf die dortigen Entwicklungen.

Drittens erkennen diejenigen, die mit den Fähigkeiten der Hisbollah und ihrem Einfluss als politische Kraft vertraut sind, dass die schiitische Organisation über Syrien und den Libanon hinaus präsent ist. Sie befindet sich im Irak, in allen Einzelheiten ihrer politischen Zusammensetzung. Mancher in Beirut sagt, dass Repräsentanten der politischen Kräfte im Irak sich regelmäßig in Cafés des südlichen Beiruter Vororts treffen, wo sie den Ausgang ihrer Treffen mit Hisbollah-Vertretern diskutieren. Die Hisbollah ist außerdem in Palästina präsent, wenn auch in geringerem Maß als früher, wenn man bedenkt, dass ihre Beziehungen zur Hamas sich etwas abgekühlt haben. Doch die Hisbollah hat immer noch Kontakte zur Hamas und zu anderen palästinensischen Gruppen. Hisbollah hat außerdem verschiedene Grade an Einfluss im Jemen, Bahrain, Kuwait und sogar in Saudi-Arabien und verschiedenen Golfstaaten; in jedem einzelnen dieser Länder kann Generalsekretär Hassan Nasrallah die öffentliche Meinung beeinflussen.

Die französische Eisenbahn während der Shoah und die Juden

24. Juni 2013 um 14:00 | Veröffentlicht in Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Bernard Emsellem (direkt vom Autor)

Die Rolle der staatlichen französischen Eisenbahn SNCF während des Zweiten Weltkriegs ist seit langem sowohl erforscht und gelobt als auch kritisiert worden. Ein wichtiger Aspekt ist ihre Rolle bei der Deportation der mehr als 75.000 französischen Juden, hauptsächlich aus dem Transitlager Drancy. Die meisten von ihnen wurden ermordet.

1990 entschied der damalige SNCF-Chef Jacques Fournier, dass alle ihre Archive – denen zur Kriegszeit wurde Priorität eingeräumt – an einem einzelnen Ort gelagert werden sollten. Seitdem sind sie digitalisiert worden. In den letzten Jahren wurden der Shoah-Gedenkstätte in Paris, Yad Vashem in Jerusalem und dem US-Holocaustmuseum in Washington Kopien zugänglich gemacht. Diese Archive sind jetzt im Internet einsehbar.

Bernard EmsellemBernard Emsellem ist ehemaliger Senior-Vizepräsident für Unternehmensverantwortlichkeit der SNCF. Davor war er ihr Kommunikationsdirektor.

Fournier bat außerdem das französische Institut für Zeitgeschichte einen Bericht zur Geschichte der SNCF während des Zweiten Weltkriegs zu erstellen. Christian Bachelier schrieb ihn unter der Aufsicht des Historikers Henri Rousso. Er wurde 1996 verfügbar und hat einen Umfang von 900 Seiten. Auch er ist im Internet zugänglich.

Der Bericht behandelt unter anderem die Beziehungen zwischen der SNCF und den französischen wie den deutschen Behörden. Im Waffenstillstandsabkommen vom Juni 1940 wurde die SNCF komplett der deutschen Armee zur Verfügung gestellt. Die Beschäftigten der Bahn wurden dem deutschen Kriegsrecht unterworfen.

Der Bericht präsentiert in chronologischer Reihenfolge verschiedene Abschnitte der Kriegsgeschichte der SNCF, z.B. die Beschlagnahme von Eisenbahnausrüstung, den Prozess der Entscheidungsfindung und deren Umsetzung bezüglich der Deportation, insbesondere während des Jahres 1942. Er behandelt auch die Résistance, da mehr als 2.000 Eisenbahnbedienstete bei der Deportation starben oder wurden in Frankreich hingerichtet wurden. Schließlich wird analysiert, welchen Beitrag die Eisenbahnarbeiter für die alliierten Streitkräfte vor und nach deren Landung in Frankreich leisteten.

Im Jahr 2000 initiierte Louis Gallois, zu dieser Zeit Präsident der SNCF, eine Konferenz zum Thema des Berichts. Sie fand symbolisch im französischen Parlament statt. Seitdem wurde ein Buch veröffentlicht, das die Vorträge der Konferenz enthält.

Gallois entschied auch, dass von 2002 bis 2004 eine Wanderausstellung von Bildern der deportierten und ermordeten Kinder in zwanzig großen Bahnhöfen gezeigt werden sollte. Sie wurde von dem jüdischen Anwalt und Aktivisten Serge Klarsfeld vorbereitet. Die Ausstellung wurde außerdem im Hauptsitz der SNCF, dem französischen Parlament und der Stadtverwaltung von Paris gezeigt; schätzungsweise eine Million Menschen besuchten sie.

2008 entschied der damals neue SNCF-Präsident Guillaume Pepy zusätzliche Aktivitäten zu initiieren; sie hatten das Motto: „Transparenz, Geschichte, Erinnerung und Bildung“. Er erklärte öffentlich, dass dazu gehört zuzugeben, dass die SNCF ein Rädchen in der Kriegsmaschinerie der Nazis war. Pepy gab seinem Bedauern wegen der Folgen der Handlungsweise der SNCF während des Krieges Ausdruck. Der Begriff „Bedauern“ wurde gewählt, weil er in Französisch eine tiefere Verpflichtung gegenüber der Zukunft ausdrückt als „Entschuldigung“, die ein Thema zum Abschluss bringt. Pepy beendete seine Rede damit, dass er sagte: „Wir verpflichten uns, niemals zu vergessen.“

Zusätzlich wurde der Eisenbahnstandort Bobigny der Stadt überschrieben, die aus ihm eine Gedenkstätte machte. Die Züge der von Drancy aus Deportierten fuhren zwischen Sommer 1943 und Sommer 1944 von dort ab. Bei der offiziellen Übergabe des Geländes am 25. Januar 2011 – zwei Tage vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag – gab Pepy seine erwähnte öffentliche Erklärung ab. Zu den bei der Zeremonie Anwesenden gehörten Parlamentarier und örtliche Autoritäten, Repräsentanten der jüdischen Gemeinde, Überlebende sowie Manager und andere Beschäftigte der SNCF. Die Medien gaben dieser Veranstaltung große Aufmerksamkeit.

In den USA wurde die SCNF aus denselben Gründen angegriffen wie in Frankreich – wegen ihrer Rolle bei der Deportation der Juden. Ihre Hauptkritiker sind Überlebende und Nachkommen von Deportierten wie auch ihre Anwälte. Sie haben Schadensersatzansprüche gegen die SNCF gestellt. Es sind aber die französischen Behörden, die nach dem Krieg Schadensersatz für die Internierung und Deportation der Menschen zahlten. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurden zusätzliche Gelder an Waisen gezahlt, deren Eltern ermordet wurden. Auch für geplündertes jüdisches Eigentum wurden Entschädigungen gezahlt.

Einige Kritiker stellen sich in den USA den derzeitigen Aktivitäten der SCNF entgegen. Es gibt auch Opposition im US-Kongress. Doch in Frankreich stellt sich die SNCF heute ihrer Vergangenheit wie es nur wenige andere getan haben. Wir arbeiten auch mit Israel zusammen. Man fragt sich, warum die SNCF die einzige Firma ist, die angegriffen wird.

Bildung zur Schoah ist für die SNCF ein wichtiges Thema. All unsere Aktivitäten in diesem Bereich haben einen erzieherischen Zweck. Wir finanzieren zum Beispiel ein Theaterstück namens „Chaim“. Es wird von Bildungsarbeit mit Schülern aus Schulen begleitet, die sich in der Nähe der Theaterfirma befinden.

Wir haben eine wichtige Partnerschaft mit der Shoah-Gedenkstätte in Paris. Seit vier Jahren finanzieren wir Aktivitäten, die sie in Sachen Schoah-Bildung für Lehrer und Schüler haben. Wir finanzieren außerdem ein Professorat zu Völkermord in Bordeaux. All das zeigt, dass wir unser Bestes tun, um mit der Vergangenheit so weit wie möglich ins Reine zu kommen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Frankreichs empörendes zweierlei Maß zu Hisbollah und Terrorismus

6. Juni 2013 um 14:45 | Veröffentlicht in Europa+Nahost | Hinterlasse einen Kommentar
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Evelyn Gordon, Commentary Magazine, 23. Mai 2013

Für jeden, der immer noch glaubt, Europas weit verbreitete antiisraelische Stimmung sei lediglich eine Reaktion auf Israels Politik, völlig unberührt von Antisemitismus, sollte über diese schamlose Bekanntgabe des französischen Außenministers Laurent Fabius nachdenken: Frankreich, sagte er, ist jetzt bereit den militärischen Arm der Hisbollah als Terrororganisation zu führen, weil „Fakt ist, dass sie extrem hart gegen die syrische Bevölkerung gekämpft hat“; das hat Paris veranlasst seinen langjährigen Widerstand gegen den Schritt aufzugeben.

Natürlich bin ich heilfroh, dass Frankreich endlich bezüglich der Hisbollah zur Erkenntnis kommt. Doch Frankreich hatte während all der Jahre kein Problem mit der Organisation, in denen sie grenzüberschreitende Anschläge auf die israelische Bevölkerung betrieb. Damit es niemand vergisst: Diese Anschläge gingen selbst nach dem Israel von der UNO bescheinigten Rückzug von jedem Quadratzentimeter libanesischen Territoriums im Jahr 2000 weiter; es war ein solcher grenzüberschreitender Überfall, der den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah 2006 auslöste. Mit anderen Worten: Frankreich hat gerade erklärt, dass grenzüberschreitendes Eindringen, um in Israel Juden zu töten, absolut in Ordnung geht, grenzüberschreitendes Eindringen, um Muslime in Syrien zu töten aber völlig inakzeptabel sind. Wenn das kein antisemitisches zweierlei Maß ist, dann weiß ich nicht, was es sein soll.

In der Tat hat Frankreich bisher die Hisbollah als legitime politische Kraft angepriesen, die zur Stabilität in der Levante beiträgt. Das war immer widersinnig: Einen Krieg mit dem südlichen Nachbarn anzufangen, der große Bereiche des eigenen Landes verwüstet, wie es die Hisbollah 2006 machte, ist nicht unbedingt ein stabilisierender Faktor. Doch offensichtlich ist Israel zu bekämpfen aus der Sicht Frankreichs doch ein Beitrag zur Stabilität des Nahen Ostens: Denn nur, weil die Hisbollah stattdessen jetzt Syrer bekämpft, betrachtet Paris die Organisation als destabilisierende Kraft.

Wenn andere europäische Länder dasselbe denken, dann hatten sie den Anstand das nicht laut zu sagen. Deutschland z.B. sagte, es habe seinen langjährigen Widerstand gegen die Listung der Hisbollah wegen der Beweise aufgegeben, dass die Organisation hinter dem Terroranschlag vom letzten Sommer in Bulgarien steckte, bei dem fünf israelische Touristen und ein Bulgare getötet wurden, sowie dass sie auf Zypern Informationen zur Vorbereitung weiterer Terroranschläge gegen Israels und Juden auf europäischem Boden gesammelt hat. Ich bin kein Fan des deutschen Ansatzes, der praktisch sagt Terrorismus sei in Ordnung, solange sie ihn aus Europa heraushalten, aber daran ist nichts Antisemitisches; es ist absolut normal, dass Europäer sich mehr um Anschläge auf europäischem Boden sorgen als um Anschläge im Nahen Osten.

Frankreich hat im Gegensatz dazu gesagt, es mache sich enorm große Sorgen wegen Anschlägen im Nahen Osten – aber nur, wenn sie gegen (nicht israelische) Muslime gerichtet sind. Du willst Juden im Nahen Osten töten? Nur zu, sagt Frankreich: Wir werden dir sogar dabei helfen, indem wir dich von der EU-Liste der Terrororganisationen herunter halten und damit sicherstellen, dass du auf unserem Territorium ungehindert Spenden sammeln kannst. Mach nur nicht den Fehler deine Waffen stattdessen gegen Muslime zu richten.

„Wir können uns keinen terroristischen Staat vor unserer Haustür leisten“

4. Juni 2013 um 15:30 | Veröffentlicht in Europa+Nahost | Hinterlasse einen Kommentar
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Israel Matzav, 30. Mai 2013

Diese Erklärung gab der französische Verteidigungsminister auf France24, damit sie in die Welt ausgestrahlt wird:
Frankreich greift in den Krieg in Mali ein, weil es sagt: „Wir können uns keinen terroristischen Staat vor unserer Haustür leisten.“
Nur um das klar ist:
Die Entfernung zwischen Bamako und Paris: 6.266km.
Die Entfernung zwischen Gaza und Israel: gerade mal 1km.

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