Die Wiederaufnahme der Frage der gestohlenen Holocaust-Vermögen am Ende des Jahrhunderts

31. März 2014 um 14:40 | Veröffentlicht in Europa, Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Avi Beker (direkt vom Autor)

Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts kam die Frage der Rückerstattung der während des Holocaust gestohlenen jüdischen Vermögen wieder auf. Diese späte Wiederbelebung des Interesses ist vermutlich das Ergebnis des Zusammenbruchs des Kommunismus und der Beseitigung der sowjetischen Bedrohung sowie des Aufkommens einer neuen und nicht beteiligten Generation in Europa, die begann Fragen zum nationalen Verhalten in der Vergangenheit zu stellen. Das Ende des Kalten Krieges führte zu einem Ausbruch von Emotionen und Bloßstellung der europäischen Holocaust-Erinnerung sowie unterdrückter Schuldgefühle. Dies ermöglichte einen öffentlichen Diskurs, der vorher oft durch Selbstzensur nicht stattfand.

Darüber hinaus halfen das gemeinschaftliche Selbstbewusstsein des organisierten Judentums sich für historische Gerechtigkeit einzusetzen und die wachsende Bereitschaft von Holocaust-Überlebenden ihre Rechte einzufordern, in die europäischen Erinnerung einzudringen und lange bestehende nationale Mythen kritisch zu hinterfragen.
Dr. Avi Beker ist ehemaliger Generalsekretär des World Jewish Congress. Er nahm an Verhandlungen mit mehreren europäischen Regierungen zur Rückerstattung von Holocaust-Eigentum teil. Er gab The Plunder of Jewish Property during the Holocaust (die Plünderung jüdischen Eigentums während des Holocaust) heraus. Derzeit lehrt er internationale Diplomatie an der Universität Tel Aviv.

Die ersten diplomatischen Bemühungen konzentrierten sich auf osteuropäische Länder, die erpicht darauf waren sich der westlichen Welt anzuschließen. Der wirkliche Durchbruch bei Verhandlungen und endgültigen Regelungen erfolgte aber in Westeuropa. In Österreich, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz begann man langsam nationalen Kriegserinnerungen die Stirn zu bieten, wobei die Diskussionen sich auch auf Holocaust-Vermögen verschoben. 1996 ernannte die norwegische Regierung den ersten Ermittlungsausschuss zu Holocaust-Rückerstattung; im selben Jahr veröffentlichte sie als erste Empfehlungen zu einem Kompensationspaket.

Der World Jewish Congress (WJC) initiierte die jüdische diplomatische Offensive zu Holocaust-Vermögen nach dem Fall des Kommunismus. 1992 führte er die Bemühungen zur Gründung der World Jewish Restistution Organization (WJRO). Zu deren Mitgliedern gehörten große amerikanisch-jüdische Organisationen, europäische jüdische Gemeinden und die World Zionist Organization. Der WJC war verantwortlich für die Koordinierung der Kampagne zu Holocaust-Vermögen mit europäischen jüdischen Gemeinden in Europa und der Durchführung von Verhandlungen mit Regierungen. 1992 unterzeichneten der WJC, die WJRO und die israelische Regierung außerdem ein Memorandum, das die Rolle Israels als „natürlichen Erben des jüdischen gemeinschaftlichen und erbelosen Eigentums zusammen mit der jüdischen Welt“ anerkannte.

Der erneuerte Rückerstattungsprozess wurde in Europa, den Vereinigten Staaten und andernorts stark publiziert. Der US-Kongress und die Administration setzten ausländische Regierungen und Finanzinstitutionen wie Banken und Versicherungsgesellschaften unter Druck. Der Rückerstattungsprozess führte zwischen 1996 und 2000 auch zur Gründung von etwa fünfzig nationalen Untersuchungsausschüssen. In einigen Ländern gab es mehrere Ausschüsse, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Rückerstattung beschäftigten. Sie untersuchten, wie Länder sich während des Krieges verhielten und wie nach der Befreiung mit gestohlenem Eigentum umgegangen wurde. Die Erkenntnisse der Ausschüsse wurden in den betreffenden Ländern wie auch den internationalen Medien stark publiziert.

Experten wie Sidney Zabludoff schätzten das jüdische Vorkriegseigentum in Europa auf 10 bis 15 Milliarden US-Dollar zum Nennwert von 1938. Weniger als 20 Prozent davon wurde zurückerstattet. Ab Mitte der 1990-er Jahre beliefen sich Vergleiche mit Ländern und Finanzinstitutionen auf rund $4 Milliarden an Zusagen für eine Vielzahl von Zielen – humanitäre Mittel für bedürftige Überlebende, jüdische Gemeinden und kulturelle Erinnerungsprojekte sowie die tatsächliche Rückgabe von geplündertem Eigentum und Vermögenswerten wie Kunstobjekten. Nur die Hälfte dieser Zusagen wurde bisher eingehalten, manchmal wegen bürokratischer Verzögerungen und manchmal wegen Unstimmigkeiten bezüglich der Zuweisungsziele.

Die Schweiz und ihre Banken boten mit fast $1 Milliarde den größten finanziellen Vergleich, gefolgt von Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden. Norwegen bot das umfassendste Pro-Kopf-Paket im Verhältnis zu den 2.100 Juden, die dort vor dem Holocaust gelebt hatten.

Der erneuerte Rückerstattungsprozess hatte viele weitere Folgen. Ermittlungen zu Immobilienbesitz und finanziellen Ansprüchen zwangen Staaten sich ihrer Verantwortung für die Ausbeutung und Erpressung der Juden zu stellen, die in den Tod geführt wurden. Dieser Prozess generierte zudem in allen Ländern einen starken Anstieg akademischer Forschung zum Holocaust. Viele Offizielle, insbesondere Staatsoberhäupter, entschuldigten sich für das Verhalten ihrer jeweiligen Länder während des Krieges. Es waren mehr als 50 Jahre für die Holocaust-Erinnerung nötig, mit der sich hauptsächlich Juden beschäftigten, damit sie allgemein akzeptiert wurde.

Enthüllungen in den Medien und die Untersuchungen führten in vielen Ländern zu einer wichtigen Neubewertung der nationalen Geschichte und Erinnerung. Die Einbeziehung von Regierungsvertretern, Intellektuellen, Journalisten und Historikern schuf gemeinsam mit jüdischen Holocaust-Überlebenden Schockwellen in der internationalen öffentlichen Meinung. Staaten beteiligten sich an der Neubewertung ihrer kollektiven Erinnerung, was zu einem Prozess der Neuschreibung der Geschichts-Schulbücher führte.

Beker schließt: Erst am 27. Januar 2005, dem sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, kamen viele Führungspolitiker der Welt, einschließlich des Präsidenten der Vereinigten Staaten und europäischet Staatsoberhäupter in das Konzentrationslager, um ihre Zusage für „Nie wieder“ zu verkünden. Im selben Monat verabschiedeten die Vereinten Nationen ihre erste Resolution zum Gedenken an den Holocaust und eröffneten eine Aufstellung zum Thema in ihren Hauptsitz in New York.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war

Europa – wieder!?

1. Februar 2014 um 11:30 | Veröffentlicht in Europa+Nahost, Geschichte, Karika-Tour | 1 Kommentar
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DryBones, 31. Januar 2014

Ashton veröffentlicht zweite Erklärung zum Holocausttag

27. Januar 2014 um 17:08 | Veröffentlicht in EU-Europa, Europa+Nahost, Geschichte | 4 Kommentare
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Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 27. Januar 2014 (direkt vom Autor)

Die Außenkommissarin der EU, Catherine Ashton hat innerhalb weniger Stunden zwei Erklärungen zu Holocaust Gedenktag veröffentlicht. Juden bleiben weiterhin unerwähnt.

Aus unerklärlichen Gründen hat Ashton ihre Erklärung zum Holocaustgedenktag durch eine zweite umformulierte Version ersetzen lassen. Die erste ist unter dem Zeichen 140127/01 auf der Homepage der EU-Kommission in Brüssel veröffentlicht und von der EU Botschaft in Israel verbreitet worden. Wenig später war diese ursprüngliche Erklärung von der Homepage verschwunden und durch eine Neue mit dem Zeichen A 42/13 ersetzt worden.

Manche Formulierungen sind in beiden Erklärungen identisch, andere wurden ausgetauscht. Weder in der ersten noch in der zweiten werden Juden erwähnt. In dem eher diffusen Satz „Wir ehren jeden Einzelnen, der brutal in der finstersten Periode der Geschichte Europas ermordet worden ist“ heißt in der neueren Version: „Wir ehren jeden Einzelnen der sechs Millionen…“ Offensichtlich sind Juden gemeint. Doch das steht nicht dabei.

Während in der ersten Version die noch überlebenden Opfer des Holocaust mit keinem Wort erwähnt werden, gebührt ihnen in der neueren Fassung eine besondere Anerkennung, da sie „uns an die Tragödie zu erinnern, die wir nie vergessen sollten.“

Während Ashton ursprünglich meinte, dass der Gedenktag eine „Gelegenheit“ (occasion) sei, Vorurteile und Rassismus in unserer Zeit zu bekämpfen und dass wir wachsam (vigilant) gegen die Gefahr von Hasssprüchen sein müssten, formuliert Ashton in der neuen Erklärung völlig neu. An dem Gedenktag sollten wir uns daran erinnern, dass „dieses Verbrechen“ nicht nur „von wenigen Einzelpersonen“ begangen worden sei. Viele hätten daran direkt und indirekt teilgenommen, und noch mehr hätten es einfach geschehen lassen. „Deshalb müssen wir wachsam (vigilant) bleiben.“

Weiter heißt es, dass „Genozid durch die Gewalt einiger und die Indifferenz anderer“ verursacht werde.

Die Neuformulierung spielt offensichtlich auf aktuelle politische Entwicklungen an, zum Beispiel in Syrien. Das mag der Grund sein, weshalb auch in der neuen Version die Identität jener „Sechs Millionen“ Opfer des Holocaust verschwiegen wird. Ashton wollte zudem wohl die Ehre der nicht-jüdischen Europäer retten. Sie betont die Gelegenheit, „Taten und Opfer zu zelebrieren, die Europa erleuchtet hatten: Nachbarn, die Familien geschützt, Arbeitgeber, die ihre Arbeitnehmer gerettet und all jene, die ihre Mitbürger geschützt haben“. In beiden Versionen erwähnt sie ganz neutral die „finsterste Zeit der europäischen Geschichte“, ohne die Nazis oder Deutschland beim Namen zu nennen.

Wohl wegen aktueller Rücksichten wurden auch die politisch belasteten Begriffe „Menschenrechte und Vielfalt“ durch die neutraleren Worte „fundamentale Rechte und Freiheiten“ ausgetauscht.

(C) Ulrich W. Sahm

Im Wortlaut die beiden Ashton Erklärungen:

Brussels, 27 January 2014

140127/01 S T A T E M E N T by EU High Representative Catherine Ashton on Holocaust Remembrance Day

The High Representative of the European Union for Foreign Affairs and Security Policy and Vice President of the Commission, issued the following statement today:

“Today the international community remembers the victims of the Holocaust. We honour every one of those brutally murdered in the darkest period of European history. We also want to pay a special tribute to all those who acted with courage and sacrifice to protect their fellow citizens against persecution.

On Holocaust Remembrance Day, we must keep alive the memory of this tragedy. It is an occasion to remind us all of the need to continue fighting prejudice and racism in our own time. We must remain vigilant against the dangers of hate speech and redouble our commitment to prevent any form of intolerance. The respect of human rights and diversity lies at the heart of what the European Union stands for. “

EUROPEA1 U1IO1

Brussels, 27 January 2014

A 42/13

Statement by EU High Representative Catherine Ashton on International Holocaust Remembrance Day

The High Representative of the European Union for Foreign Affairs and Security Policy and Vice-President of the Commission issued the following statement today:

“Today we remember the victims of the Holocaust. We honour every one of the six million who were brutally murdered in this darkest period of European history. I also want to pay special tribute to the survivors of the Holocaust, who remind us of this tragedy that we must never forget.

On International Holocaust Remembrance Day, we remember that this crime was not perpetrated by a few individuals. Many took part directly or indirectly and many more just let it happen. That is why we must remain vigilant. Genocide is caused by the violence of some and the indifference of others.

Today also gives us a chance to celebrate the acts of courage and sacrifice which lit up Europe: neighbours who saved families, employers who rescued their employees and all those who protected their fellow citizens.

These acts are proof that we are not powerless against evil. That is a lesson which must guide us today; not just to remember the crimes of the past, but to dedicate ourselves to preventing all acts of hatred and standing up for fundamental rights and freedoms in our own time.

Ashton gedenkt der Holocaust-Opfer – ohne Juden zu erwähnen

27. Januar 2014 um 16:52 | Veröffentlicht in EU-Europa, Europa+Nahost | Hinterlasse einen Kommentar
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Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 27. Januar 2014 (direkt vom Autor)

In einer Erklärung der EU Außenkommissarin zum Holocaust Gedenktag werden zwischen diplomatischen Formeln weder Juden noch Antisemitismus erwähnt. Die hohe Kommissarin der EU Außenpolitik, Catherine Ashton, hat eine offizielle Erklärung zum internationalen Holocausttag veröffentlicht. Darin gedenkt sie den Opfern des Holocaust, die „in der finstersten Periode europäischer Geschichte brutal ermordet“ worden seien. Der Gedenktag müsse uns erinnern, „Vorurteile und Rassismus zu bekämpfen“, heißt es weiter in der Erklärung. „Der Respekt für Menschenrechte und Vielfalt befindet sich im Herzen (der Werte) wofür die Europäische Union steht.“

Im Mittelpunkt des Holocaust stand vor allem die Ausrottung des jüdischen Volkes, obgleich neben 6 Millionen Juden auch polnische Intellektuelle, politische Gegner der Nazis, Geistliche, Sinti und Roma, Schwule und andere von den Nazis ermordet worden sind. Gleichwohl vermeidet Ashton in ihrer Erklärung die Erwähnung von Juden oder der Identität anderer Opfer.

Michael Mann, ein Sprecher Ashtons, erklärte auf Anfrage, dass doch jeder wisse, wer die Opfer des Holocaust gewesen seien: „überwiegend Juden aber auch andere“. Die Erklärung solle der Welt zeigen, dass „wir weiterhin wachsam sind“. Der Sprecher äußerte sich nicht auf die Anmerkung, dass die EU zwar gegen Vorurteile, Intoleranz und Hass-Sprüche ankämpfe, jedoch Antisemitismus in der Erklärung auch nicht erwähne.

Der Sprecher des israelischen Amtes wollte sich zu Ashtons Erklärung nicht äußern, reagierte aber auf Michael Manns Erklärung: „It goes without saying, but goes better mentioning it.“ (Selbstverständlich geht es ohne Erwähnung (der Juden), aber es wäre besser gewesen, sie zu erwähnen.“

(c) Ulrich W. Sahm

Holocaust-Bewusstsein kam im westlichen Europa erst spät an

6. Januar 2014 um 16:11 | Veröffentlicht in Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Johannes Houwink ten Cate (direkt vom Autor)

Es dauerte sehr lange, bis sich in Westeuropa ein Holocaust-Bewusstsein entwickelte. Akademische Studien zu diesem Themas stellten fest, dass in diesen Gesellschaften während der ersten Nachkriegsjahrzehnte vieles furchtbar falsch lief. Das zeigt sich auf mehrere Arten. Eine war, dass prominente europäische Politiker Selbstbilder heldenhaften Widerstands gegen die Nazis förderten. Eine weitere, dass diese Politiker nicht bereit waren jüdischen Überlebenden finanziell zu helfen. Sie schoben die Verantwortung für die Verfolgung und Auslöschung der Juden so weit wie möglich den Deutschen zu. Das bedeutete, dass die riesige Mitarbeit ignoriert wurde, die die Deutschen von vielen Mitgliedern der besetzten Nationen bei der Enteignung und Deportation der Juden erhielten.

Johannes Houwink ten Cate

Johannes Houwink ten Cate ist Professor für Holocaust- und Völkermordstudien an der Universität Amsterdam. Er hat sich auf antijüdische Politik Nazideutschlands in den besetzten Niederlanden spezialisiert.

Die einzige vergleichende Studie dazu, wie Eliten in Westeuropa mit der Erinnerung an die Besatzung durch die Nazis – einschließlich des Holocaust – umgingen, wurde von dem angesehenen belgischen Historiker Pieter Lagrou geschrieben. In seinem Buch Das Erbe der Nazi-Besatzung: Patriotische Erinnerung und nationale Erholung in Westeuropa 1945-1965 vermerkte Lagrou, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen den Niederlanden einerseits und Belgien und Frankreich andererseits gab. Im Fall der Niederlande war die Besatzung „eine Erfahrung kollektiver Heimsuchung der Gesamtgesellschaft, einer Aggression von außen und eine moralische Gräueltat an einem Land, das sich als vorbildlicher Schüler in der Schule der Nationen betrachtete“.1

Houwink ten Cate fügt hinzu: Diese letzte Auffassung hat sich nicht geändert. Die Niederländer betrachten sich selbst immer noch als „vorbildlicher Schüler in der Schule der Nationen“, selbst wenn der Rest der Welt dem nicht zustimmt.

Lagrou schrieb weiter: „In der nüchternen Wiederaufbau-Ethik, die die niederländische Gesellschaft in den ersten beiden Nachkriegs-Jahrzehnten bestimmte, wurde der Krieg als Tortur präsentiert, die den sozialen Zusammenhalt und die nationale Identität gestärkt hatte.“2 Diese nationale Erinnerung war – um Lagrou weiter zu zitieren – „rau“ denen gegenüber, die mehr als andere gelitten hatten. „Besonders die jüdischen Überlebenden des Völkermords litten unter mangelnder Anerkennung (…), unter fehlender Unterstützung“, sowohl materiell als auch bezüglich „ihres Verlangens nach Integration“.3 Damit machten die wenigen jüdischen Überlebenden – 75% der niederländischen Juden wurden nach Osteuropa deportiert, um ermordet zu werden – nach Angaben des unparteiischen Lagrou „einen schlechten Handel“: „Für sie gab es keine Solidarität, keinen Trost.“4

Lagrou stellte die niederländische Wahrnehmung der Nazibesatzung ihrem belgischen und französischen Gegenpart gegenüber. In diesen Staaten stellte „der Missklang“ der Erinnerungsschilderungen unterschiedliche Opfergruppen „in makabre Rivalität und Gegnerschaft“. Dennoch bot dies den jüdischen Opfern mehr Anerkennung und mehr Trost als der „nüchterne Konsens“ in den Niederlanden.5

In den 1950-er Jahren stellten sich die Niederländer als eine Nation dar, die im Widerstand gegen die Nazis geeint war – eine Sicht, die vom Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation (damals RIOD genannt, heut NIOD) aktiv unterstützt wurde; das Institut konzentrierte seine Forschung auf die drei Streiks während des Krieges.

In Frankreich prägte der angesehene Historiker Henry Rousso 1987 den Neologismus „Résistancialisme“, um die gaullistische Bemühung zu beschreiben Résistance, Nation und Staat in einen Topf zu werfen,6 doch dieses Bestreben war nicht so dominant wie beim niederländischen Pendant. Dennoch ignorierten französische Historiker 35 Jahre lang die Mitverantwortung der Vichy-Regierung bei der Verfolgung der Juden. Erst 1981 beschrieben der amerikanische Historiker Robert O. Paxton und sein kanadischer Kollege Michael R. Marrus diese Mitverantwortung in vollem Umfang.7

Die Lage war in Westdeutschland nicht grundsätzlich anders. Zuerst wurde es in verschiedenen Staaten des Ostblocks und später in der deutschen Linken zur Gewohnheit, richtigerweise zu proklamieren, dass die Erfolgsbilanz der Bundesrepublik Deutschland dabei, Holocaust-Täter der Gerechtigkeit zuzuführen, mager war.8 Sie war so armselig wie sie tatsächlich auch in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, wenn es darum ging ihre Bürokraten vor Gericht zu bringen, die den Deutschen geholfen hatten. Diese öffentlichen Bediensteten blieben als Gruppe ohne Strafe.

Heute sind ironische Beschreibungen von Staaten, die sich selbst als „heldenhafte Nationen“ darstellen – ob das nun die Niederländer sind, die Franzosen oder die Deutschen – eine Art Genre geworden. Doch Roussos Buch kennzeichnet die Geburt von Nach-Holocaust-Studien als eigenes akademisches Feld.

Nach-Holocaust-Studien als Forschungsbereich sind rasch ausgeweitet und akademischer geworden. Jüngere Veröffentlichungen – wie das Buch von Lagrou – gründen oft auf vielen Jahren Forschungsarbeit in Staatsarchiven und Archiven von Bürgerrechts-Organisationen.

Houwink ten Cate schließt: Diese Studien zum nationalen Selbstbild sind Teil der sich entwickelnden Disziplin der Post-Holocaust-Studien. Sie wird stark durch den Input von Forschern bereichert, die entweder juristische Experten sind oder ein ausgeprägtes Gefühl und Verständnis von Rechtsfragen haben. Dieser Lernzweig deckt viele andere Bereiche mit ab, so Bildung, Psychologie, Zeitgeschichte usw. Es gibt viele verschiedene Felder der Post-Holocaust-Studien. Sie sind jedoch nicht akademisch strukturiert, d.h. es gibt keine Professuren dazu. Würden diese jedoch geschaffen, gäben sie dieser wichtigen Disziplin die nötige Unterstützung.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 Pieter Lagrou: The Legacy of Nazi Occupation: Patriotic Memory and National Recovery in Western Europa, 1945-1965. Cambridge (Cambridge University Press) 2000, S. 293.
2 ebenda
3 Lagrou, S. 293, 295.
4 Lagrou, S. 330.
5 Lagrou, S. 303-304.
6. Henry Rousso: Le Syndrom de Vichy: (1944-198..). Paris (Seuil) 1987).
7 Michael R. Marrus/Robert O. Paxton: Vichy France and the Jews. New York (Basic Books) 1981.
8 Dick de Mildt: In the Name of the People: Perpetrators of Genocide in the Reflection of their Post-War Prosecution in West Germany: The ‘Euthanasia’ and ‘Aktion Reinhard’ Trial Case. Den Haag/London/Boston (Martinus Nijhoff Publishers) 1996, S. 18-40.

Präsident Roosevelt und der Holocaust: Neue Beweise

26. August 2013 um 13:43 | Veröffentlicht in Geschichte, USA | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Rafael Medoff (direkt vom Autor)

Während meiner Forschungstätigkeit fand ich zahlreiche Beispiele für Äußerungen hinter den Kulissen, in denen US-Präsident Franklin Delano Roosevelt von der Gefahr sprach Juden in großer Zahl zu gestatten an einem bestimmten Ort zu leben oder in verschiedenen Berufen zu führend zu werden. In den 1920-er Jahren warb er auch für die Einführung einer Quote für die Zulassung von jüdischen Studenten in Harvard.

1943 drängte Roosevelt örtliche Leitungspersönlichkeiten im von den Alliierten befreiten Nordafrika, den Zugang von Juden zu vielen Berufen zu beschränken. Er machte geltend, dass „die Beschwerden, die die Deutschen gegenüber den Juden hegten, verständlich“ waren, weil es in Deutschland viele Juden in der Jurisprudenz, Medizin und anderen Feldern gab.

Dr. Rafael Medoff ist der Gründungsdirektor des David S. Wyman Institute for Holocaust Studies, einem Forschungs- und öffentlichen Bildungsinstitut mit Sitz in Washington DC. 2013 verfasste er sein vierzehntes Buch, „ FDR and the Holocaust: A Breach of Faith“ (FDR und der Holocaust: Ein Vertrauensbruch).

Er merkt an: 1943 befürwortete Roosevelt den Plan eines seiner hochrangigen Beraters „die Juden spärlich überall in die Welt zu verteilen“, damit sie sich rasch assimilieren. Er behauptete auch – 1938 – die Juden wären in der polnischen Wirtschaft zu bedeutend und legte nahe, dass dies der Grund für den dortigen Antisemitismus sei. Das hilft zu erklären, warum Roosevelt den Zuzug jüdischer Flüchtlinge in die USA bis zum Limit der bestehenden Gesetze ablehnte. Aus Angst vor jüdischer „Dominanz“ und „Überrepräsentation“ gestattete seine Vision von Amerika nicht, dass es zu viele Juden gab.

Roosevelt war bekannt dafür, dass er eher der öffentlichen Meinung folgte als selbst zu führen. Er wusste, es wäre unpopulär gewesen Amerikas Einwanderungsquoten zu lockern. Doch eine Änderung der Quoten war nicht nötig, um jüdische Flüchtlinge zu retten. Alles, was Roosevelt tun musste, war dem Außenministerium – das für die Einwanderung zuständig war – still zu sagen es solle gestatten, dass die bestehenden Quoten ausgenutzt werden. Das wäre in Übereinstimmung mit dem Recht gewesen, also wären Gegner in Verlegenheit gekommen ernsthaft dagegen zu argumentieren.

Es gab während der Hitler-Jahre 190.000 ungenutzte Quotenplätze für Deutschland und die von den Achsenmächten besetzten Ländern. Die jährliche Quote aus Deutschland – rund 26.000 bis 1938, danach 28.000 – wurde nur während eines der zwölf Amtsjahre Roosevelts voll genutzt. In den meisten anderen Jahren wurde sie zu weniger als einem Viertel erfüllt.

Roosevelt lehnte die Unterstützung der Wagner-Rogers-Gesetzesvorlage von 1939 ab, die 20.000 deutsch-jüdischen Kindern außerhalb des Quotensystems die Einreise gestattet hätte. Diese Kinder hätten nicht viele Arbeitsplätze weggenommen – ein Argument, das oft zu hören war, wenn es darum ging mehr Einwanderer hereinzulassen. Doch nur ein Jahr später griff Roosevelt persönlich ein, damit tausende britischer Kinder nach Amerika kommen konnten, um dem deutschen „Blitzkrieg“ gegen London zu entkommen.

Roosevelt hätte anderes tun können, das Holocaust-Opfer gerettet hätte. Er hätte die Briten unter Druck setzen können die Türen Palästinas für jüdische Flüchtlinge zu öffnen. Er hätte die Nutzung leerer Truppenversorgungsschiffe genehmigen können, damit diesen Flüchtlingen der Aufenthalt auf US-Territorium wie den Jungferninseln als Touristen erlaubt worden wäre, bis es für sie nicht mehr gefährlich war nach Europa zurückzukehren. Er hätte auch die Bombardierung von Auschwitz oder der nach dort führenden Eisenbahnschienen genehmigen können, was den Prozess des Massenmordens unterbrochen hätte.

Das Thema des Versäumnisses Auschwitz zu bombardieren scheint niemals zu verschwinden, denn auf viele Weisen fasst es Amerikas Weigerung zusammen auch nur minimal etwas zu unternehmen, um den Prozess des Massenmordens zu unterbrechen. US-Flugzeuge flogen nur ein paar Kilometer entfernt von den Gaskammern Angriffe auf deutsche Öl-Betriebe. Doch die Administration befahl ihnen nie ein paar Bomben auf die Todeslager zu werfen.

Frühere Forschung deutete an, dass diese Gesuche vom Stellvertretenden Kriegsminister und Beamten auf niedrigerer Ebene abgelehnt wurden. Mein Buch zeigt zum ersten Mal, dass diese Gesuche in Wirklichkeit bis ganz nach oben zu Roosevelts wichtigsten Kabinett-Mitgliedern gingen, Außenminister Cordell Hull und Kriegsminister Henry Stimson. Doch sie handelten nicht.

Dieses Thema ist heute von Bedeutung. Jeder amerikanische Präsident sieht sich der Frage gegenüber, ob er das US-Militär im Interesse humanitärer Ziele in anderen Teilen der Welt einsetzen soll. Präsident Clinton intervenierte schließlich in Bosnien und sagt, er bereue in Ruanda nicht eingegriffen zu haben. Weder Präsident Bush noch Präsident Obama griffen in den Völkermord in Darfur ein. Obama handelte in Libyen, zögert aber bezüglich Syriens Schlachten seiner eigenen Bürger und der völkermörderischen Drohungen des Iran gegen Israel. Die Gründe für die Ablehnung einer Bombardierung von Auschwitz und die Art, in der die Roosevelt-Administration die Gruppen täuschte, die eine solche Bombardierung forderten, bieten viele wichtige Lektionen für den Umgang mit den globalen Problemen von heute.

Medoff schließt: Roosevelt verdient Anerkennung dafür, dass er Amerika aus der Weltwirtschaftskrise holte und für seine Führung im Zweiten Weltkrieg, aber er war nicht der Humanist und Verteidiger der „Vergessenen“, der er zu sein behauptete – jedenfalls dann nicht, wenn es um die Juden ging.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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