Holocaust-Gedenktag
27. Januar 2013 um 11:04 | Veröffentlicht in Geschichte, UNO | 5 KommentareSchlagwörter: Gedenkfeiern, Gedenkkultur, Holocaust, UNO-Generalsekretär
Vorab: Ich bin für diesen Gedenktag. Er ist wichtig, weil es solche Drecksäcke wie Ahmadineschad gibt. Und viele weitere, die nicht so „prominent“ sind.
Jetzt hatte neulich der Herr UNO-Generalsekretär etwas von sich gegeben, das mir zeigt, wie „ernst“ dieser Tag von solchen Leuten wie ihm genommen wird: Er forderte dazu auf am 27. Januar allen Menschen zu gedenken, die im Holocaust ihr Leben verloren haben.
Ihr „Leben verloren“ – nicht vergast, ermordet, vernichtet. Verloren. So, wie wenn keiner wirklich etwas dafür kann, dass 6 Millionen Menschen nicht mehr am Leben sind. Eine Naturkatastrophe. Nicht mit industriellem Herangehen ermordet. Ihr „Leben verloren“. Wie wenn man unterwegs ist und da geht etwas verloren, z.B. ein Schlüsselbund.
Für mich ist das mindestens an Verhöhnung der Opfer grenzend. Eher diese Grenze überschreitend.
Und dann frage ich mich noch etwas: Wieso soll eigentlich immer nur der Toten gedacht werden, nicht aber der Überlebenden? Warum werden Tote geehrt, aber nicht diejenigen, die dem Tod gerade noch entgangen sind? Schließlich mussten/müssen diese Überlebenden seitdem mit dem Erlebten leben und sind davon gezeichnet. Von den Erinnerungen, den Erlebnissen, den Bildern, die sie nie aus den Köpfen bekommen können?
Wäre es nicht an der Zeit, nicht nur um die toten Juden (und „Zigeuner“ usw.) zu trauern, sondern auch den Davongekommenen die Ehre zu erweisen? Sie genauso in die Erinnerung an das Grauen einzubeziehen, wie man es mit den Toten tut? Ist es nicht an der Zeit, dass man sich auch vor ihnen verbeugt wie vor den Toten?
Herrn Ban kann man wohl nicht vorwerfen, dass er daran nicht denkt. Vielleicht nicht einmal, dass er so gedankenlos ist von Menschen, die „ihr Leben verloren“ zu sprechen. Was man ihm aber vorwerfen muss: Er wirft den Juden vor, sie seien die Ursache zahlreicher Konflikte:
Die Entwicklung in der arabischen Region ist auch von langwierigem Konflikt, Ungerechtigkeit und Besatzung gebremst worden. Der Stillstand im Friedensprozess zwischen den Palästinensern und den Israelis ist besonders beunruhigend.
Was ist das? Die Araber können nicht anders, weil Israel existiert? Deshalb sind sie nicht in der Lage in ihren Ländern eine positive Entwicklung zu bewerkstelligen? Weil Israel sich nicht vernichten lässt und nicht bereit ist zu Bedingungen „Frieden“ zu schließen, die seine Vernichtung sicherstellen, haben die anderen Staaten der Region keine Chance auf wirtschaftliche, politische und demokratische Entwicklung? Die Ägypter sind in einer so katastrophalen Lage, weil Israel die „Westbank“ „besetzt“? Die Jordanier kommen wirtschaftlich nicht voran, weil sie nicht in Lage sind etwas anderes zu tun als auf Israel zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange? Und die syrischen Rebellen wie der Gewaltherrscher und seine Handlanger ermorden sich, weil Israel seine Truppen im Jordantal stehen hat?
Wie krank muss man sein, um das von sich zu geben? Wenn es so wäre, wie Ban behauptet, warum ist Israel dann so erfolgreich? Warum gibt es in Israel Demokratie, Wirtschaftswachstum, Start-ups ohne Ende und eine Unmenge nobelpreisverdächtiger Wissenschaftler? Israel ist auch von diesem langwierigen Konflikt betroffen, hat einen Militärhaushalt, der über den anderer deutlich hinaus geht, Menschen, die Jahr für Jahr Reservedienst leisten müssen und in dieser Zeit der Wirtschaft fehlen; Menschen, die drei Jahre Militärdienst leisten müssen und dazu ihre Ausbildung unterbrechen und dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Es hat nicht die Ressourcen aus Ölvorkommen, das die arabischen Staaten rundherum haben. Und dennoch blüht dieses Land, ist der Beweis dafür, dass es anders geht als bei den Nachbarn.
Aber Herr Ban macht die Israelis, nicht die Gewaltherrscher, nicht die Muslim-Extremisten, nicht die islamische bzw. totalitäre Ordnung bei den Arabern mit ihrer unsäglichen Unterdrückung verantwortlich. Auch nicht den Terror gegen die Juden. Ihn beunruhigen besonders die Besatzung und der Stillstand im „Friedensprozess“. Das ist es, was zählt. Die Juden als die Bösen.
Dafür gibt es ein Wort. Das sich der Typ mit Sicherheit verbitten wird. Wie fast alle, auf die es zutrifft.
Lese-Empfehlung zum Thema:
Bei der Audiatur-Stiftung beschreibt Manfred Gerstenfeld, wie der Holocaust-Gedenktag im Westen missbraucht wird, um Judenhass zu verbreiten und Israel zu verunglimpfen.
Die niederländischen Nachkriegsregierungen diskriminierten jüdische Überlebende: der Fall der Waisen
22. Januar 2013 um 16:19 | Veröffentlicht in Europa, Geschichte | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Holocaust, Juden in Europa, Manfred Gerstenfeld, Niederlande
Manfred Gerstenfeld interviewt Isaac Lipschits (direkt vom Autor)
Als die niederländischen Juden nach den Zweiten Weltkrieg zurückkehrten oder aus ihren Verstecken kamen, war ihre Lage derart abnormal, dass die Behörden mit ihnen anders hätten umgehen müssen. Die Juden hatten eine Katastrophe durchgemacht, die sich radikal von den Erfahrungen des Durchschnittsniederländers unterscheidet. Von den 140.000 Juden, die vor dem Krieg in den Niederlanden lebten, waren mindestens 102.000 ermordet worden. Dieser Prozentsatz war höher als in jedem anderen Land Westeuropas.
Isaac Lipschits (1930-2008) lehrte an den Universitäten von Amsterdam, Haifa, Jerusalem, Rotterdam und Leiden. 1971 wurde er Professor für Zeitgeschichte an der Universität Groningen. Er veröffentlichte auch eine ganze Reihe von Büchern.
Lipschits‘ Buch Die kleine Schoah: Juden in den Nachkriegs-Niederlanden, 2001 in den Niederlanden veröffentlicht, wurde ein Bestseller. Darin schrieb er: In den befreiten Niederlanden waren die Juden physisch nicht in Gefahr; doch wir sahen, wie andere Symptome der Schoah zurückkehrten. Verbaler Antisemitismus wurde zugespitzter. Die Plünderung der Juden ging weiter und die jüdische Gemeinde wurde herabgewürdigt. Die Deportation und die Ermordung der Juden endeten, doch die Aussonderung und Isolation der Juden setzte sich fort. Die Schoah war eine Feuersbrunst. Im Mai 1945 wurden die Flammen gelöscht, doch das Feuer schwelte weiter.
Lipschits sagt: Die Regierung machte geltend, dass während des Krieges zwischen Juden und Nichtjuden große Unterschiede gemacht wurden, dies aber nicht länger der Fall sein sollte. Dieser scheinbar egalitäre Ansatz war in Wirklichkeit hoch diskriminierend, denn während des Krieges wurden Juden als Juden verfolgt, nicht als Niederländer. Andere Regierungsmaßnahmen waren für die Juden ebenso nachteilig.
Ein Hauptthema war der Umgang mit jüdischen Waisen. Während des Krieges war es deutlich schwieriger gewesen Verstecke für erwachsene Juden zu finden als für Kinder. Ein Erwachsener musste einen Personalausweis haben, den ein kleines Kind nicht brauchte. Ein Kind konnte immer als Verwandter auf Besuch ausgegeben werden.
Eine Widerstandsgruppe, die Häuser zum Verstecken von jüdischen Kindern fand, wurde von Gesina van der Molen und Sander Baracs geführt. Van der Molen war eine reformierte Christin, überzeugt, dass die Juden Jesus anerkennen sollten, um ihre Seelen zu retten. Baracs war ein assimilierter Jude, der stolz schrieb, dass seine Großmutter mit ihren Kindern und Enkeln Weihnachten feierte. Er selbst heiratete in einer niederländisch-reformierten Kirche.
Nach den Krieg sagten sie: „Wir nahmen es auf uns, einen Platz für diese Kinder zu finden; jetzt, da sie Waisen sind, wollen wir mitbestimmen, was mit ihnen geschieht.“ Sie schmuggelten sogar einen Gesetzesentwurf zur niederländischen Exilregierung nach London, der absurde Vorschläge enthielt. Einer war, dass Eltern, die sich drei Monate lang nicht um ihre Kinder kümmerten, nicht länger das Sorgerecht haben sollten. Wäre dieses Gesetz umgesetzt worden, dann wäre Rückkehrern aus Auschwitz nicht erlaubt worden ihre Kinder zurückzubekommen! Hätten meine Eltern überlebt – was nicht der Fall war – hätten sie das Sorgerecht für mich verloren.
Die niederländische Regierung akzeptierte diesen radikalen Vorschlag nicht. Sie hätte aber weiter gehen und diese Leute als Extremisten betrachten sollen. Stattdessen ernannte sie Van der Molen zur Vorsitzenden des Regierungskomitees, das über das Schicksal dieser Kinder entschied. Für sie wurde ein neuer Name geprägt: Sie waren keine „Kriegswaisen“, sondern „Kriegs-Pflegekinder“. Baracs wurde zum Direktor des Büros des Komitees und hatte weitere Schlüsselpositionen darin inne.
In den Niederlanden war es vor dem Krieg für jede religiöse Gemeinde üblich, dass sie sich um Hilfe benötigende Mitglieder kümmerte, so um die Alten, Waisen, Kranken und die geistig Gestörten. Allein in Amsterdam gab es vier jüdische Waisenhäuser und mehrere jüdische Krankenhäuser. Es gab in den Niederlanden viele jüdische Altersheime. Eine wichtige, zentrale jüdische Institution kümmerte sich um die Geisteskranken. Es wäre für die niederländisch-jüdische Gemeinde normal gewesen, sich nach dem Krieg um die große Zahl jüdischer Waisen zu kümmern. Die Gemeinde hätte von der Regierung vernünftigerweise finanzielle Hilfe dafür erwarten können.
Stattdessen wurde Van der Molens Komitee, in dem die Juden nur eine Minderheit waren, geschaffen, um über das Schicksal der verbliebenen jüdischen Kriegswaisen zu bestimmen. Seine bewusst jüdischen Mitglieder wurden oft von den anderen überstimmt, von denen einige eine konkret antijüdische Agenda hatten. Mehrere Christen betrachteten dieses Komitee als Kanal zur Konvertierung jüdischer Kinder. Van der Molen beschuldigte die Juden sogar Rassisten zu sein, weil sie nach einer jüdischen Lösung für das Problem suchten. Die meisten Mitglieder des Komitees hatten das Gefühl, dass selbst dort, wo jüdische Familienmitglieder überlebt hatten, ihr Kind bei der Familie bleiben sollte, bei der es versteckt worden war. Das wurde ausdrücklich so gesagt.
Es wäre normal und anständig gewesen, hätte man gesagt: „Wir haben die jüdischen Kinder während des Kriegs gerettet und jetzt, nach dem Krieg, geben wir sie als jüdische Kinder ihrem jüdischen Milieu zurück.“ Als diese Kinder aufwuchsen, begannen viele nach ihren jüdischen Wurzeln zu suchen. Einige nahmen sogar wichtige Positionen in der jüdischen Gemeinde ein.
Dies ist die gekürzte Version eines Interviews in Manfred Gerstenfelds Buch „Europe’s Crumbling Myths; The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism“ (Europas zerfallende Mythen: Die Ursprünge des heutigen Antisemitismus nach dem Holocaust) erschien. Dieses Buch (in englischer Sprache) kann kostenlos beim JCPA heruntergeladen werden.
Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.
Erinnerung an 18.000 ermordete niederländische Kinder
14. Januar 2013 um 16:23 | Veröffentlicht in Geschichte | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Gedenken, Holocaust, Manfred Gerstenfeld, Niederlande, Zweiter Weltkrieg
Manfred Gerstenfeld interviewt Guus Luijters (direkt vom Autor)
Viele Jahre lang störte mich, dass die große Zahl während des Zweiten Weltkriegs ermordeter niederländischer Kinder vergessen worden war. Ich fragte mich, wie man die Erinnerung an sie bewahren könnte. Als ich Serge Klarsfelds Buch aus den 1990-er Jahren über ermordete französisch-jüdische Kinder aus las, hatte ich das Gefühl, dass dies eine passende Art war ihrer zu gedenken.
Ich glaubte, dass irgendjemand irgendwann ein ähnliches Buch über niederländische jüdische und Sinti-Kinder veröffentlicht, die im Holocaust deportiert und ermordet wurden. 2007 – ich war 64 Jahre alt – war es immer noch nicht geschrieben worden. Also entschied ich mich das selbst zu tun. 2012 kam mein Buch In Memoriam heraus. Es erfasst 18.000 Namen von Kindern und ihre Deportationsdatum. In ihrer großen Mehrzahl waren sie jüdisch.
Guus Luijters ist ein nichtjüdischer niederländischer Journalist, Dichter und Experte für französische Literatur. Er hat Romane, Theaterstücke und Drehbücher geschrieben.
Als ich zur Schule ging, gab es bereits einen wichtigen Anstoß für mein Interesse an diesen Kindern. Ich hatte einige jüdische Klassenkameraden. Da sie während des Krieges geboren wurden, hatte keiner von ihnen eine normale Kindheit. Ich hörte schreckliche Geschichten. Ein Mädchen, zu dem ich ein freundschaftliches Verhältnis hatte, wurde von ihrer Mutter über den Zaun des niederländischen Zwischenlagers Westerbork geworfen um sie zu retten, als sie noch ein Baby war. Jemand auf der anderen Seite nahm sie auf. Sie erzählte mir von den vielen Orten, an denen sie ihre Kindheit verbracht hatte. Ich besuchte meine jüdischen Klassenkameraden auch Zuhause, wo ich Karten spielende Damen mit KZ-Nummern auf ihren Armen sah. Sie sprachen vom Krieg, wenn auch verhalten. Das hinterließ bei mir großen Eindruck.
In den Niederlanden gibt es ein digitales Denkmal für die jüdische Gemeinschaft, das Informationen zu allen niederländischen Juden hat, die während des Holocaust getötet wurden. Das gab mir grundlegende Informationen zu den Namen der Kinder. Dann besuchte ich eine Reihe von Archiven und machte 18.000 Namen von Kindern ausfindig, die am Tag ihrer Deportation noch keine 18 Jahre alt waren.
Später hörte ich, dass die junge Historikern Aline Pennewaard 2002 bereits ein Projekt begonnen hatte, in dem sie Bilder im Holocaust ermordeter niederländischer Kinder sammelte. Als wir uns trafen, zeigte sie mir mehr als 400 eingescannte Fotos ermordeter Kinder, die sie in ihrem Laptop gespeichert hatte. Sie hat ein fotografisches Gedächtnis und erinnert sich an alle Fotos. Ich schlug meinem Verleger vor, dass sie Bildeditor des Buches werden sollte. Alles in allem sammelten wir 3.000 Bilder, die uns von Menschen aus vielen Ländern geschickt wurden.
Es dauerte fast fünf Jahre, bis das Buch Anfang 2012 veröffentlicht wurde. Fast 3.000 Exemplare sind verkauft worden, was meine Erwartungen bei weitem übertraf. Ich überzeugte das Amsterdamer Stadtarchiv mit seinen wunderschönen Einrichtungen die Bilder auszustellen. Von Februar bis Ende Mai 2012 wurden alle 3.000 Bilder gezeigt. Eines der Bilder zeigt Anne Frank. Ihr wurde trotz ihres internationalen Ruhms kein auffälliger Platz gegeben. Wir wollten vermeiden, dass die Aufmerksamkeit von den anderen ermordeten Kindern abgezogen wurde.
Die Ausstellung zog viele Besucher an und die Gefühle waren oft gemischt. Die Menschen waren getröstet, dass diesen Kindern wieder eine Identität gegeben wurde. Andererseits gab es tiefe Traurigkeit. Einige Menschen erkannten Familienmitglieder oder entdeckten die Namen von Familienmitgliedern, von denen sie nie gehört hatten. Es dauerte Wochen, bis ich selbst emotional in der Lage war mir die Ausstellung anzusehen.
Während der Ausstellung und danach erhielten wir weitere 700 Bilder. Jeden Tag wurden neue Bilder ermordeter Kinder in die Vitrinen gestellt. Wir erhielten auch viele Briefe. Im November 2012 wurde das Buch mit zusätzlichen 700 Bildern veröffentlicht.
Seit langer Zeit kannte ich den niederländisch-israelischen Filmemacher Willy Lindwer, der viele mit dem Holocaust zusammenhängende Filme drehte und für seine Dokumentation über die letzten sieben Monate von Anne Frank einen Emmy erhielt. Er machte einen beeindruckenden Film über einige der ermordeten Kinder, der im niederländisch-jüdischen Fernsehsender sowie bei unserer Ausstellung gezeigt wurde. Später wurde ich an viele Orte eingeladen, um Vorträge zu halten. Jeder einzelne von ihnen war ein sehr emotionales Ereignis und ich war danach erschöpft.
Luijters erzählt von seinen Plänen. Ich schreibe jetzt eine „Kinderchronik“: Das ist ein Buch mit Zeugenaussagen über während des Holocaust ermordete Kinder. Wir bitten jetzt die Leute, die uns die Bilder schicken, um Erlaubnis diese digital zugänglich zu machen. Wir wollen dies über das Digitale Denkmal der niederländisch-jüdischen Gemeinschaft, das Museum für Jüdische Geschichte in Amsterdam, Yad Vashem und das Erinnerungszentrum im Lager Westerbork tun.
Wir versuchen auch zusammen mit dem Museum für Jüdische Geschichte eine Dauerausstellung der Bilder zu schaffen. Das würde allerdings viel Platz benötigen. Ich hoffen auch, dass die Bilder eines Tages in Israel ausgestellt werden.
Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.
Die Bürokratie des Teufels
1. Dezember 2012 um 8:49 | Veröffentlicht in Deutschland, Geschichte | 10 KommentareSchlagwörter: Gedenken, Holocaust
Bad Arolsen ist eine hessische Kleinstadt, knapp 50km nordwestlich von Kassel. Dort befindet sich ein Archiv, das gerade erst zugänglich gemacht wird, obwohl es zu den wichtigsten Archiven überhaupt gehört: ein Archiv mit 50 Millionen (50.000.000) Aktenseiten über 17,5 Millionen Holocaustopfer.Esist die größte Sammlung von Originaldokumenten des NS-Regimes über KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und andere Verfolgte.
Das Archiv war bis 2008 nicht zugänglich. Der hauptsächlich vorgeschobene Grund: die Privatsphäre der Opfer zu schützen. Das ist lächerlich, denn solche Opfer hatten zuhauf beantragt, dass ihre Akten öffentlich einsehbar gemacht werden. Lediglich der Internationale Suchdienst (ITS – International Tracing Service) und Holocaustopfer selbst hatten die Möglichkeit die Akten einzusehen. Man kann sich beim ITS durch die 26km Akten führen lassen (jeden ersten Mittwoch im Monat, Anmeldung erforderlich) – das war’s dann aber auch.
Die Nazis waren gute deutsche Bürokraten – es wurden Akten und Aktenvermerke über alles und jedes angelegt, z.B. über den Läusebefall von KZ-Insassen (da wurden nicht nur die Personen mit Läusen vermerkt, sondern auch wie viele und wie große Läuse bei ihnen gefunden wurden) oder eine Postverkehr-Karte für einen Jungen, dessen gesamte Verwandtschaft bei Ankunft im KZ ins Gas geschickt wurde, nur er nicht – wer hätte ihm schreiben sollen?
Dieses Archiv zeigt die ganze Perversität dieses Systems und dessen, was mit den Menschen gemacht wurde. Dennoch wurde 63 Jahre lang jeder Zugang verweigert. Erst jetzt wird seine Öffnung betrieben; seine Akten werden digitalisiert und nach Abschluss dieser Arbeit Forschungsinstitutionen zur Verfügung gestellt – Gedenkstätten, Universitäten, Museen. In guter deutscher Manier wird damit der Zugang weiter beschränkt, statt ihn wirklich zu öffnen, statt – wie in anderen Ländern durchaus nicht unüblich – die Akten ins Internet zu stellen.
Der Focus schrieb Ende April 2008 in einer Zwischenüberschrift von einer „Bastion gegen das Vergessen“. Eine Menge Honoratioren nahmen an der Eröffnungsfeier für das Archiv teil und die Vizepräsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Christine Beerli, bezeichnete das als wichtigen Schritt: Ohne Zweifel wird nun eine breite Öffentlichkeit vom ungeheuren Wert der historischen Dokumente in Bad Arolsen erfahren.“
Es ist sicherlich ein wichtiger Schritt – aber kein ausreichender. Denn die breite Öffentlichkeit hat nichts davon, weiß nichts davon. Die von Frau Beerli erhoffte Öffentlichkeit gibt es nicht. Kann, wer sich als Privatperson interessiert, das Archiv nutzen? (Mal ganz davon abgesehen, dass man jede Menge Zeit dafür verwenden muss.) Wie soll etwas in die Öffentlichkeit transportiert werden, wenn lediglich Forschungsinstitutionen Zugang haben und irgendwann mal wissenschaftliche Veröffentlichungen erfolgen, die niemand außerhalb dieser eng begrenzten Kreise liest – also nur eine Art „In-Club“, der zahlenmäßig so übersichtlich ist, dass von echter Öffentlichkeit gar nicht geredet werden kann?
Die Dokumentationssendung 60 Minutes des US-Fernsehsenders hat im Sommer 2007 einen knapp 13 Minuten langen Beitrag über das Archiv und seine – damals – anstehende Öffnung gedreht, den man sich ansehen sollte, um einen Eindruck von dem zu bekommen, was die Welt wissen müsste, aber nicht wirklich erfährt. Eine massive Publikation der Akten, des Grauens, könnte den Holocaust-Leugnern endlich Wind aus den Segeln nehmen. Diese Leugner wird man durch nichts überzeugen können, aber sie werden weniger Ahnungslose finden, die ihren Lügen glauben, wenn man ihnen zeigen kann, dass z.B. am 20. April 1942 über einen Zeitraum von etwa eineinhalb Stunden alle zwei Minuten ein KZ-Insasse exekutiert wurde – als „Geschenk an den Führer zu seinem Geburtstag“! Auch die Protokolle medizinischer Versuchsreihen sind vorhanden. Der Archivleiter bezeichnete das alles als „die Bürokratie des Teufels“. Vielleicht ist das noch zu tief gegriffen.
Was in Bad Arolsen zu finden ist, muss tatsächlich öffentlich gemacht werden. Das darf sich nicht auf Gedenkstätten und Wissenschaftler beschränken, jeder muss die Dokumente sehen und lesen können. Denn nur dann haben die Menschen eine Möglichkeit den Holocaust-Leugnern ohne Umwege zu zeigen, was Sache ist. Mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die man sich erst teuer kaufen und durchkämmen muss, geht das nicht. Mit öffentlich und leicht zugänglichen Quellen geht das sehr wohl.
Öffentlich leicht zugänglich heißt heute: ins Internet stellen, so wie Yad Vashem das derzeit macht. Anfragen stellen, hinfahren usw. – alles gut und schön für Leute die wissenschaftlich arbeiten. Schneller Zugriff auf Daten, wenn man sie aktuell braucht, ist das nicht. Leider. Wird aber gebraucht. Man kann nicht immer warten, bis der nächste etwas veröffentlicht oder eine Anfrage beantwortet wird. Bis man das hat, ist die Diskussion erloschen und die Leugner haben keinen Gegenwind bekommen. Das können wir uns nicht mehr leisten.
Vergessene Rabbiner, die Holocaust-Überlebenden halfen
26. November 2012 um 17:25 | Veröffentlicht in Geschichte | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Holocaust, Juden in Europa, Zweiter W
Manfred Gerstenfeld interviewt Alex Grobman (direkt vom Autor)
Anerkennung für gute Taten wird oft unpassend zugeteilt. Wer an den Holocaust erinnert, ehrt oft die amerikanischen Soldaten, die an der Befreiung von Konzentrations- und Sklavenarbeitslagern beteiligt waren. Allerdings werden regelmäßig die amerikanisch-jüdischen Geistlichen übersehen, die den Holocaust-Überlebenden in den amerikanischen Zonen in Deutschland und Österreich am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Jahren danach enorm beistanden.
Viele jüdische Geistliche handelten mutig und großzügig über ihre offiziellen Aufgaben hinaus. Ihre Hauptfunktion bestand darin amerikanischen Soldaten in religiösen Dingen beizustehen. Es gab sogar einen Befehl gegen Fraternisierung in Deutschland mit dort Lebenden. Einige jüdische Geistliche gingen so weit für Überlebende Risiken auf sich zu nehmen, die sie vor ein Kriegsgericht hätten bringen können.
Dr. Alex Grobman ist Geschäftsführender Direktor der America-Israel Friendship League Inc. in New York. Eines seiner vielen Bücher ist „Rekindling the Flame: American Jewish Chaplains and the Survivors of European Jewry, 1944-1948.” (Die Flamme wiedererwecken: Amerikanisch-jüdische Geistliche und die Überlebenden des europäischen Judentums 1944-1948).
Holocaust-Überlebende in deutschen Lagern stellten für die alliierten Streitkräfte ungewöhnliche Herausforderungen dar. Die amerikanische Militärregierung wollte den jüdischen Heimatvertriebenen (DPs) helfen, hatten aber große Schwierigkeiten deren zahlreiche Probleme zu verstehen. Jüdische Überlebende brauchten nicht nur materielle Hilfe, sondern auch psychologische und geistliche Unterstützung. Die Umstände in den meisten ihrer Lager waren beklagenswert.
Die Armee wollte alle DPs so bald wie möglich in die Länder zurückführen, aus denen sie kamen. Allerdings wollten von den mehr als 200.000 europäischen Juden in Deutschland und Österreich am Ende des Krieges viele nicht in die Länder zurückkehren, aus denen sie deportiert worden waren. Diejenigen, die das taten, sahen sich Gefahr ausgesetzt, insbesondere in Polen und Litauen.
Viele Überlebende, die zurückkehrten, wurden regelmäßig schikaniert. Das berüchtigtste Pogrom fand im Juli 1946 statt; dabei wurden im polnischen Kielce 47 Juden ermordet und mehr als 50 verletzt. Das machte klar, warum die Mehrheit der polnischen Juden die Repatriierung fürchtete. Juden aus Westeuropa, Ungarn, Rumänien und der Tschechoslowakei waren in einer besseren Position, ihr Eigentum wiederzugewinnen und ihr Leben wieder aufzubauen.
Jüdische Geistliche gehörten zu den ersten amerikanischen Juden, die Holocaust-Überlebenden begegneten. Mehr als 90 von ihnen hatten von 1944 bis 1948 Kontakt mit DPs. Sie waren keine offiziellen Repräsentanten einer amerikanisch-jüdischen Organisation. Viele Geistliche versuchten die Politik des Militärs gegenüber den jüdischen Überlebenden zu beeinflussen. Hatten sie keinen Erfolg, dann unternahmen sie oft einseitig unterschiedliche Initiativen. Das bedeutete manchmal, dass sie ihre eigene Karriere riskierten, indem sie sich an verdeckten Aktionen beteiligten, mit denen die Traumata und Zwangslagen gelindert wurden, denen sich jüdische Überlebende in Deutschland gegenüber sahen.
Jüdische Geistliche halfen Überlebenden, über illegale Nutzung von Feldpost nach ihren Familien zu suchen; sie retteten Kinder, die in Kirchen und auf Bauernhöfen versteckt waren; und sie inspirierten amerikanische Juden, Tonnen an Lebensmitteln, Kleidung und Grundgüter des täglichen Bedarfs zu schicken. Sie begleiteten Züge, die jüdische Kinder und Erwachsene aus Osteuropa transportierten und Jugendtransporte nach Palästina. Eine Reihe arbeitete mit der Brichah zusammen, der Untergrundbewegung, die Juden aus Europa heraus nach Palästina schmuggelte. Sie bauten auch Schulen, rituelle Bäder und ein Sommerlager auf. Mehrere veröffentlichten Bildungsmaterial und fungierten als Gemeinderabbiner.
Ein herausstehendes Beispiel war Chaplain Abraham Klausner, ein Reformrabbiner. Er versuchte die Armee dazu zu bringen die Einzigartigkeit der jüdischen Lage anzuerkennen. Klausner arbeitete daran die unmittelbaren Probleme und Notwendigkeiten zu lösen, aber auch daran jüdische Überlebende als Angehörige einer eigenständigen Nationalität anzuerkennen. Er half jüdische „Lager“ zum Schutz der Überlebenden vor regelmäßiger Schikane durch nicht jüdische Insassen zu gründen. Er half bei der Schaffung einer Organisation von Überlebenden, dem Zentralkomitee der befreiten Juden in Bayern, das ihre Interessen gegenüber dem amerikanischen Militär vertrat. Klausner war entscheidend an der Gründung dreier jüdischer Krankenhäuser beteiligt, in denen DPs von jüdischen Ärzten behandelt wurden. Gleichzeitig versuchte er die amerikanischen Juden auf das Leid aufmerksam zu machen.
Mit der Hilfe von Überlebenden stellte Klausner sechs Bände systematischer Listen von Überlebenden in Bayern zusammen, veröffentlichte sie und verbreitete sie weltweit. Das war der erste bedeutende Versuch mit den Juden im Westen zu kommunizieren.
Mit Hilfe des orthodoxen Rabbiners Max Braude und dem konservativen Rabbiner Judah Nadich war Klausner in der Lage Überlebenden zu helfen Unser Weg zu gründen. Dieser wurde zur größten jiddischen Wochenzeitung in Deutschland; viele Überlebende betrachteten sie als ihre nationale Zeitung.
Klausner sah, dass Juden in Dachau ihre Lageruniformen trugen und immer noch gezwungen wurden hinter Stacheldraht zu leben. Daraufhin schrieb er einen nicht autorisierten Bericht über die Lage der jüdischen Überlebenden in Bayern, der in der amerikanischen jüdischen Gemeinschaft für Aufregung sorgte. Klausner spielte ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Abfassung des Harrison-Berichts, der im August 1945 die Position des Beraters zu jüdischen Angelegenheiten beim Kommandierenden der US-Streitkräfte in Europa schuf, als Reaktion auf das Leid der jüdischen DPs.
Es gab keinen Unterschied im Ausmaß des Engagements der orthodoxen, konservativen und Reformrabbiner. Sie alle versuchten den Überlebenden zu zeigen, dass sie nicht länger alleine waren. Wir schulden diesen Geistlichen enorm viel Dank. Ihre vielen guten Taten verdienen, dass man sich an sie erinnert.
Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.
Der „muslimische Schindler“
6. Juni 2012 um 15:07 | Veröffentlicht in Geschichte | 1 KommentarSchlagwörter: Holocaust, Iran, Zweiter Weltkrieg
Mehdi Hasan, The New Statesman, 23. Mai 2012
Haben Sie vom „muslimischen Schindler“ gehört, der sein Leben riskierte, um während des Zweiten Weltkriegs iranische Juden in Paris zu retten? Nein? Ich auch nicht, bis vor ein paar Monaten.
Abdol-Hossein Sardari fand sich während der deutschen Besetzung Frankreichs unerwartet als Leiter der diplomatischen Mission des Iran in Paris wieder. Als ausgebildeter Anwalt hatte er sein Verhandlungsgeschick für den Versuch genutzt die Nazi-Experten für Rassereinheit zu überzeugen, dass die 1940 in der Stadt lebenden etwa 150 iranischen Juden durch die Geschichte, Kultur und Mischehen zu nicht jüdischen – und „arischen“ – Persern wurden. Damals begann der adrette Diplomat in aller Stille neue iranische Pässe an Juden auszugeben, was es ihnen leichter machte aus Frankreich zu fliehen.
Obwohl er seine diplomatische Immunität abgenommen und ihm der Befehl zur Rückkehr nach Teheran befohlen wurde, nachdem der Iran 1941 einen Vertrag mit den Alliierten schloss, blieb er in Frankreich um Juden zu helfen – und nicht nur iranischen Juden – dem Holocaust zu entkommen. Fariborz Mokhtari schätzt in seinem 2011 erschienenen Buch „Im Schatten des Löwen“, dass es in Sardaris Safe zwischen 500 und 1.000 Blanko-Pässe ab. Wenn jeder davon einer zwei- oder gar dreiköpfigen Familie gegeben wurde, „könnte das mehr als 2.000 Juden gerettet haben“.
Im April 1978, drei Jahre vor Sardaris Tod, schickte Yad Vashem, das zentrale Holocaust-Museum in Jerusalem, ihm eine Reihe von Fragen über seine Rolle im Krieg. Er antwortete: „Wie Sie vielleicht wissen, hatte ich das Vergnügen während der deutschen Besetzung Frankreichs Konsul in Paris zu sein; als solcher war es meine Pflicht alle Iraner zu retten, auch die iranischen Juden.“ Sardari, der Humanitäre, machte keinen Unterschied zwischen Muslimen und Juden.
Wie sieht seine Verbindung zu Großbritannien aus? Sardari verbrachte die letzten Jahres seines Lebens in einem möblierten Zimmer in Croydon, Südlondon; er hatte seine Pension und sein Immobilien in der iranischen Revolution verloren. Er strebte nie nach Ruhm oder Anerkennung für seine Tapferkeit, starb arm und einsam im Jahr 1981.
Es ist deprimierend, dass nur wenige Juden und noch weniger Muslime seinen Namen oder seine Lebensgeschichte kennen. Doch das Board of Deputies of British Jews and Faith Matters plant in diesem Jahr eine Ausstellung, mit der der Beitrag von Muslimen gewürdigt werden soll, die während des Holocaust Juden retteten – darunter Sardari.
Die Geste ist überfällig. Und um zu helfen die Geißel des Antisemitismus bei einigen britischen Muslimen zu bekämpfen, sollten das Muslim Council of Britain und die Islamic Society of Britain das dasselbe tun.
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