Achtzig Prozent der gestohlenen Holocaust-Vermögenswerte wurde nie zurückgegeben

21. April 2014 um 14:24 | Veröffentlicht in Deutschland, Europa, Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Sidney Zabludoff (direkt vom Autor)

Fortschritte bei der Rückerstattung gestohlenen jüdischen Vermögenswerte nach dem Krieg erfolgten extrem langsam und dauerten bis in die frühen 1970-er Jahre. In dieser Zeit verschob sich der Schwerpunkt von der Rückgabe von Eigentum in besetzten Ländern zu Druck auf ein wirtschaftlich relativ gesundes Deutschland, damit es mehr für die von den Nazis durchgeführten Plünderungen zahlte. Höchstens 15 Prozent der von 1934 bis 1945 beschlagnahmten jüdischen Vermögenswerte wurden in der ersten Runde der Rückerstattungen an frühere Eigentümer, ihre Erben und jüdische Organisationen, die erbenlose Anspruchsteller repräsentierten, zurückgegeben.

Ein weithin veröffentlichter Rückgabeversuch wurde nach Mitte der 1990-er Jahre unternommen. Mehrere internationale Konferenzen versuchten sich um die unbezahlten Verpflichtungen zu kümmern, es wurde aber wenig erreicht. Den letzten Versuch gab es 2009 in Prag. Obwohl Delegierte herzzerreißende Reden hielten und Rückgabe forderten, wurde kein effektives Mittel eingeführt, um die gestohlenen Vermögenswerte zurückzugeben oder zu vergüten.

Sidney Zabludoff ist ein Ökonom, der dreißig Jahre für das Weiße Haus, die CIA und das Finanzministerium gearbeitet hat. Nach seiner Pensionierung 1995 konzentrierte er sich hauptsächlich auf Fragen, die mit der Rückgabe während der Zeit des Holocaust gestohlenen jüdischen Vermögens zu tun haben.

Die umfangreichsten Vereinbarungen der zweiten Runde waren Zahlungen für inaktive Schweizer Bankkonten und an die 2.100 Juden, die vor dem Holocaust in Norwegen lebten. Beide Fällen repräsentierten einen kleinen Teil des gesamten gestohlenen jüdischen Vermögens. Gleichzeitig hatten die weithin öffentlich gemachten Bemühungen Lebensversicherungsansprüche der Internationalen Kommission für Ansprüche aus der Zeit des Holocaust (ICHEIC) zurückzuzahlen lediglich rund 3 Prozent Rückzahlungen zur Folge.

Am Ende wurden bis Mitte der 1990-er Jahre weniger als 5 Prozent der jüdischen Holocaust-Vermögenswerte zurückgegeben. Damit bleiben mehr als 80 Prozent des Wertes jüdischer Aktiva, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren gestohlen wurden, ungezahlt. Das beläuft sich auf mindestens $180 Milliarden nach Wert von 2013.

Am meisten wissen wir über die Entwicklungen in Deutschland. Bis 1954 war die Rückgabe unter den Gesetzen der Alliierten im Wesentlichen abgeschlossen. Ein beträchtlicher Teil der Zahlungen danach bis 1997 erfolgte unter dem BRÜG-Gesetz von 1957, das die Entschädigung für von den Nazis gestohlenes bewegliches Eigentum regelte, das der Anspruchsberechtigte identifizieren, aber nicht länger lokalisieren konnte. Dazu gehörten hauptsächlich Haushaltsgegenstände, Bankkonten, Schmuck und Wertpapiere. Sie wurden fast 750.000 Anspruchsberechtigten ausgezahlt, denen Vermögenswerte in ganz Europa gehörten.

Etwa ein Viertel der Entschädigungszahlungen infolge dieses Gesetzes wurde an Juden gezahlt, die in den späten 1930-er Jahren in Deutschland lebten. Ein unbekannter, aber beträchtlicher Anteil der Zahlungen – vielleicht ein Viertel – ging an Juden, die außerhalb von Deutschland lebten und während der 1930-er Jahre aus Deutschland entkamen. Eine weitere Hälfte wurde an Juden in besetzten Ländern Europas gezahlt.

Alle in allem wurden nicht mehr als rund 12 Prozent der in Deutschland beschlagnahmten jüdischen Vermögenswerte von vor dem Krieg zurückgegeben. Die Zahl ist infolge der Entwertung der deutschen Währung nach dem Krieg so niedrig. Für Österreich wurde etwa ein Drittel des geplünderten Gesamtwerts zurückgegeben, während es für den Rest der westeuropäischen Länder zwischen 40% und 60% waren. In Osteuropa scheint es unwahrscheinlich, dass mehr als 5 Prozent des jüdischen Eigentums zurückgegeben wurde.

Der niedrige Gesamtanteil erstatteter jüdische Holocaust-Vermögenswerte kann zwei wichtigen Aspekten zugeschrieben werden. In Deutschland – auf das rund 25% der gestohlenen jüdischen Werte entfiel – gab es wegen Währungsreformen niedrige Wertfestsetzungen. In Osteuropa – das rund 60% der beschlagnahmten jüdischen Eigentums hatte – gab es eine lange Zeit kommunistischer Herrschaft.

Im Rückblick auf den gesamten Rückerstattungsprozess merkt Zabludoff an: Die Haager Konvention zu internationaler Kriegsführung von 1907 war ein Meilenstein, der festlegte, dass Privateigentum nicht beschlagnahmt werden kann, Plünderung verboten ist und dass religiöse, Wohlfahrts- und Bildungsinstitutionen, die Künste und Wissenschaften als Privateigentum behandelt werden müssen.

Bald nach dem Wiedergewinn ihrer Unabhängigkeit setzten alle besetzten Länder Rückerstattungsverordnungen in Kraft. Die Alliierten kamen bei der Pariser Konferenz von 1945 überein, dass der Nazikrieg gegen die Juden diese zu einer für Entschädigung berechtigte besondere Gruppe machte. Als solche hatten individuelle Juden das Recht von Deutschland Zahlungen für verlorenes Eigentum und andere Schäden fordern.

Holocaust-Rückerstattung blieb nach dem Zweiten Weltkrieg wegen nationaler Interessen von geringer Priorität. Zusätzlich wurde sie höchst kompliziert, da so viele Juden und ihre Erben tot waren. Man könnte das schlechte Ergebnis während beider Zeiten der Rückerstattung damit zusammenfassen, dass man sagt, es war ein Versäumnis eine einzigartige, umfassende und angemessene Anstrengung zu unternehmen, mit einem in den Annalen der modernen Geschichte beispiellosen Ereignis umzugehen – der Auslöschung von mehr als zwei Drittel der Juden des europäischen Kontinents und der Beschlagnahme fast all ihrer Vermögenswerte.

Die Notwendigkeit einzigartiger Lösungen wurde von Nahum Goldmann, dem Vorsitzenden des World Jewish Congress, bei seinem ersten Treffen mit Kanzler Konrad Adenauer betont; eine breite Regelung zu Rückerstattung sollte vorgeschlagen werden. Er erklärte: „Ich weiß, dass ich etwas Ungewöhnliches verlangte. Aber das war ein einzigartiger Fall… Ich kann von Ihnen erwarten, dass sie herkömmliche Regularien außer Kraft setzen.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Die niederländischen Nachkriegsregierungen diskriminierten jüdische Überlebende: der Fall der Waisen

22. Januar 2013 um 16:19 | Veröffentlicht in Europa, Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Isaac Lipschits (direkt vom Autor)

Als die niederländischen Juden nach den Zweiten Weltkrieg zurückkehrten oder aus ihren Verstecken kamen, war ihre Lage derart abnormal, dass die Behörden mit ihnen anders hätten umgehen müssen. Die Juden hatten eine Katastrophe durchgemacht, die sich radikal von den Erfahrungen des Durchschnittsniederländers unterscheidet. Von den 140.000 Juden, die vor dem Krieg in den Niederlanden lebten, waren mindestens 102.000 ermordet worden. Dieser Prozentsatz war höher als in jedem anderen Land Westeuropas.

Isaac Lipschits

Isaac Lipschits

Isaac Lipschits (1930-2008) lehrte an den Universitäten von Amsterdam, Haifa, Jerusalem, Rotterdam und Leiden. 1971 wurde er Professor für Zeitgeschichte an der Universität Groningen. Er veröffentlichte auch eine ganze Reihe von Büchern.

Lipschits‘ Buch Die kleine Schoah: Juden in den Nachkriegs-Niederlanden, 2001 in den Niederlanden veröffentlicht, wurde ein Bestseller. Darin schrieb er: In den befreiten Niederlanden waren die Juden physisch nicht in Gefahr; doch wir sahen, wie andere Symptome der Schoah zurückkehrten. Verbaler Antisemitismus wurde zugespitzter. Die Plünderung der Juden ging weiter und die jüdische Gemeinde wurde herabgewürdigt. Die Deportation und die Ermordung der Juden endeten, doch die Aussonderung und Isolation der Juden setzte sich fort. Die Schoah war eine Feuersbrunst. Im Mai 1945 wurden die Flammen gelöscht, doch das Feuer schwelte weiter.

Lipschits sagt: Die Regierung machte geltend, dass während des Krieges zwischen Juden und Nichtjuden große Unterschiede gemacht wurden, dies aber nicht länger der Fall sein sollte. Dieser scheinbar egalitäre Ansatz war in Wirklichkeit hoch diskriminierend, denn während des Krieges wurden Juden als Juden verfolgt, nicht als Niederländer. Andere Regierungsmaßnahmen waren für die Juden ebenso nachteilig.

Ein Hauptthema war der Umgang mit jüdischen Waisen. Während des Krieges war es deutlich schwieriger gewesen Verstecke für erwachsene Juden zu finden als für Kinder. Ein Erwachsener musste einen Personalausweis haben, den ein kleines Kind nicht brauchte. Ein Kind konnte immer als Verwandter auf Besuch ausgegeben werden.

Eine Widerstandsgruppe, die Häuser zum Verstecken von jüdischen Kindern fand, wurde von Gesina van der Molen und Sander Baracs geführt. Van der Molen war eine reformierte Christin, überzeugt, dass die Juden Jesus anerkennen sollten, um ihre Seelen zu retten. Baracs war ein assimilierter Jude, der stolz schrieb, dass seine Großmutter mit ihren Kindern und Enkeln Weihnachten feierte. Er selbst heiratete in einer niederländisch-reformierten Kirche.

Nach den Krieg sagten sie: „Wir nahmen es auf uns, einen Platz für diese Kinder zu finden; jetzt, da sie Waisen sind, wollen wir mitbestimmen, was mit ihnen geschieht.“ Sie schmuggelten sogar einen Gesetzesentwurf zur niederländischen Exilregierung nach London, der absurde Vorschläge enthielt. Einer war, dass Eltern, die sich drei Monate lang nicht um ihre Kinder kümmerten, nicht länger das Sorgerecht haben sollten. Wäre dieses Gesetz umgesetzt worden, dann wäre Rückkehrern aus Auschwitz nicht erlaubt worden ihre Kinder zurückzubekommen! Hätten meine Eltern überlebt – was nicht der Fall war – hätten sie das Sorgerecht für mich verloren.

Die niederländische Regierung akzeptierte diesen radikalen Vorschlag nicht. Sie hätte aber weiter gehen und diese Leute als Extremisten betrachten sollen. Stattdessen ernannte sie Van der Molen zur Vorsitzenden des Regierungskomitees, das über das Schicksal dieser Kinder entschied. Für sie wurde ein neuer Name geprägt: Sie waren keine „Kriegswaisen“, sondern „Kriegs-Pflegekinder“. Baracs wurde zum Direktor des Büros des Komitees und hatte weitere Schlüsselpositionen darin inne.

In den Niederlanden war es vor dem Krieg für jede religiöse Gemeinde üblich, dass sie sich um Hilfe benötigende Mitglieder kümmerte, so um die Alten, Waisen, Kranken und die geistig Gestörten. Allein in Amsterdam gab es vier jüdische Waisenhäuser und mehrere jüdische Krankenhäuser. Es gab in den Niederlanden viele jüdische Altersheime. Eine wichtige, zentrale jüdische Institution kümmerte sich um die Geisteskranken. Es wäre für die niederländisch-jüdische Gemeinde normal gewesen, sich nach dem Krieg um die große Zahl jüdischer Waisen zu kümmern. Die Gemeinde hätte von der Regierung vernünftigerweise finanzielle Hilfe dafür erwarten können.

Stattdessen wurde Van der Molens Komitee, in dem die Juden nur eine Minderheit waren, geschaffen, um über das Schicksal der verbliebenen jüdischen Kriegswaisen zu bestimmen. Seine bewusst jüdischen Mitglieder wurden oft von den anderen überstimmt, von denen einige eine konkret antijüdische Agenda hatten. Mehrere Christen betrachteten dieses Komitee als Kanal zur Konvertierung jüdischer Kinder. Van der Molen beschuldigte die Juden sogar Rassisten zu sein, weil sie nach einer jüdischen Lösung für das Problem suchten. Die meisten Mitglieder des Komitees hatten das Gefühl, dass selbst dort, wo jüdische Familienmitglieder überlebt hatten, ihr Kind bei der Familie bleiben sollte, bei der es versteckt worden war. Das wurde ausdrücklich so gesagt.

Es wäre normal und anständig gewesen, hätte man gesagt: „Wir haben die jüdischen Kinder während des Kriegs gerettet und jetzt, nach dem Krieg, geben wir sie als jüdische Kinder ihrem jüdischen Milieu zurück.“ Als diese Kinder aufwuchsen, begannen viele nach ihren jüdischen Wurzeln zu suchen. Einige nahmen sogar wichtige Positionen in der jüdischen Gemeinde ein.

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews in Manfred Gerstenfelds Buch „Europe’s Crumbling Myths; The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism“ (Europas zerfallende Mythen: Die Ursprünge des heutigen Antisemitismus nach dem Holocaust) erschien. Dieses Buch (in englischer Sprache) kann kostenlos beim JCPA heruntergeladen werden.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Das niederländische Nachkriegs-Judentum – Lehren für Europa

10. Dezember 2012 um 16:38 | Veröffentlicht in Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Bart Wallet (direkt vom Autor)

Wenn man die Entwicklungen im niederländischen Judentum nach dem Krieg analysiert, kann man viel von der Geschichte anderer europäischer jüdischer Gemeinschaften in diesem Zeitraum verstehen. Während einige der Aspekte dieser Geschichte spezifisch niederländisch sind, spiegeln andere auch die Realitäten an anderen Orten Westeuropas wider.

Amsterdam, 28 februari 2012, Bart WalletBart Wallet ist ein nicht jüdischer Historiker an der Universität von Amsterdam; sein Spezialgebiet ist die Nachkriegsgeschichte des niederländischen Judentums. Gemeinsam mit anderen hat er das Buch „Shehecheyanu“ geschrieben, das die Nachkriegsgeschichte der aschkenasischen jüdischen Gemeinde in Amsterdam beschreibt.

Wallet sagt: Mehr als 100.000 der 140.000 Juden, die zu Beginn der deutschen Besatzung 1940 in den Niederlanden lebten, wurden ermordet. Als sich die niederländische jüdische Gemeinschaft nach dem Krieg neu gründete, wurde sie von dieser tragischen Realität enorm beeinflusst.

Es wurde eine stärkere Zentralisation als vorher notwendig. Viele jüdische Gemeinden konnten nicht länger die Dienste für ein integrales jüdisches Leben bieten. Daher gründete z.B. die NIK, der Dachverband der aschkenasischen Juden, eine zentrale Bildungskommission, um jüdischen Kindern in kleinen Städten eine jüdische Bildung zu ermöglichen.

Eine zweite Entwicklung war, dass die Gemeinschaft inklusiver wurde. Vor dem Krieg erhielten diejenigen, die ihre Gemeindemitgliedschaft nicht bezahlen konnten, keine vollen Rechte. Dasselbe galt für Auslandsjuden ohne niederländischen Pass. Das veränderte sich. In verschiedenen jüdischen Gemeinden wurde Frauen das Stimmrecht gewährt.

Dieser verstärkte Akzent auf der Inklusivität war auch mit der Stärkung des Zionismus unter den niederländischen Juden verbunden. Die Zionisten sagten, wer immer während der Schoah als Jude verfolgt wurde müsse in der Lage sein einen Platz in der jüdischen Gemeinschaft zu finden. Dieser Schwerpunkt verschob die Definition der jüdischen Identität von der vor dem Krieg religiösen hin zur national-ethischen.

Die anfängliche prozentuale Zunahme des organisierten Judentums nach dem Krieg war Folge der Tatsache, dass viele Juden wenig bis keine Familie mehr hatten. Sie wollten Kontakt zu anderen Juden haben. Andere wollten als Juden beerdigt werden. Gleichzeitig wollten viele Juden in keiner Weise an jüdischen Fragen beteiligt sein. Einige wurden getauft, während Hunderte andere ihre jüdisch klingenden Nachnamen änderten. Überraschenderweise kehrten einige davon viele Jahre später zum jüdischen Leben zurück. Israels Sechstagekrieg von 1967 löste für einige diese Gefühle aus, so dass sie sich nun mit Israel identifizierten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 500 jüdische Kinder, deren Eltern ermordet worden waren, von den Behörden nichtjüdischen Pflegeeltern übergeben, die sie während des Krieges versteckt hatten. Viele wurden als Christen aufgezogen. Die jüdische Gemeinschaft betrachtete sie als für das Judentum „verloren“. Als Erwachsene suchten allerdings viele nach ihren jüdischen Wurzeln und ihrer jüdischen Identität. Es kamen sogar einige führende Persönlichkeiten der niederländischen Juden aus dieser Gruppe hervor.

Der internationale jüdische Einfluss auf das niederländische Judentum nahm ebenfalls zu, wenn auch langsam. Ursprünglich galt das hauptsächlich für Israel, das Jugendleiter in die Niederlande schickte. Auch die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten hatten Einfluss. Das drückte sich in verschiedenen Richtungen aus, so dem Wachstum der liberalen Gemeinden wie auch dem Aufkommen der chassidischen Chabad-Bewegung.

Wallet merkt an: Jede Einteilung der Geschichte in Zeitabschnitte ist ein Konstrukt der Historiker, doch sie hilft die Vergangenheit besser zu verstehen. Der Zeitraum von 1945 bis 1955/1960 war der der Wiedergründung der jüdischen Infrastruktur und ihrer Adaption an die neuen Umstände. Während dieser Jahre gab es Spannungen zwischen der jüdischen Gemeinschaft, den niederländischen Behörden und der Gesellschaft im Allgemeinen. Das war zum Teil durch die Tatsache verursacht, dass die Behörden die besonderen Bedürfnisse der dezimierten jüdischen Gemeinschaft ignorierten.

Der Zeitraum von 1955 bis 1967 war von mehr Stabilität gekennzeichnet. Amsterdam, wo rund die Hälfte der niederländischen Juden lebte, baute zunehmend seine jüdische Infrastruktur auf. Andere Gemeinden nahmen an Zahl ab. Von 1967 bis 1990 wurde die Schoah zur zentralen Kultgeschichte des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden. Die jüdischen Gemeinden verwandelten sich in eine Art moralisches Gewissen der niederländischen Gesellschaft, in der sie eine wichtige Rolle erlangte.

Gleichzeitig nahm die interne Polarisation zu. In Amsterdam kam eine Gruppe ultraorthodoxer Juden auf. Auf der progressiven Seite gab es Forderungen nach mehr Demokratisierung, Frauenrechten und der Emanzipation von Homosexuellen. Diese allgemeinen Themen der niederländischen Gesellschaft ragten auch bei den Juden heraus. Die liberale jüdische Gemeinde übernahm sie, was zu Spannungen mit der nominell orthodoxen aschkenasischen Gemeinde führte.

Es gab auch Polarisation bezüglich Israel. Kleine Gruppen, die Israel kritisch gegenüber standen, warben für das palästinensische Narrativ. Wichtiger war, dass die große, nicht westliche Einwanderung – hauptsächlich durch Muslime – zu einer holländischen Weltsicht führte, die Niederlande sollten als multikulturelle Gesellschaft gesehen werden. Die integrierte jüdische Gemeinschaft wurde nun auch als kulturelle Minderheit gesehen.

Am Ende des letzten Jahrhunderts erhielt die erneuerte Debatte um die Rückerstattungen aus dem Holocaust in den niederländischen Medien große Aufmerksamkeit. Nach der Ermordung des populistischen Politikers Pim Fortuyn im Jahr 2002 kam ein neuer niederländischer Nationalismus auf. Der Druck auf alle religiösen Gemeinschaften nahm zu. Zuletzt hat das für die Juden anhaltende Angriffe auf ihre koschere Schlachtung und die Beschneidungsriten bedeutet.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Muslimischer Antisemitismus in Frankreich

3. Dezember 2012 um 16:03 | Veröffentlicht in EU-Europa | 1 Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Richard Prasquier (direkt vom Autor)

Seit Beginn dieses Jahrhunderts ist der muslimische Antisemitismus die extremste Form des Judenhasses in Frankreich geworden. Die Ermordung eines jüdischen Lehrers und dreier Kinder an der Otzar HaTorah-Schule in Toulouse im März 2012 unterstrich dies. Der Mörder, Mohamed Merah, behauptete aus Solidarität mit den Palästinensern zu handeln. Aus seinem Hass gegen Frankreich heraus tötete er außerdem drei französische Soldaten.

Merahs älterer Bruder Abdelghani sagte mir, seine Mutter erfüllte alle ihre Kinder mit stark antisemitischer Gesinnung. Er wiederholte diese Behauptung in einem Buch, das er veröffentlichte. Seine Schwester erklärte im französischen Fernsehen, wie stolz sie auf ihren Bruder Mohamed ist. Als der vorige Präsident Nicolas Sarkozy eine Schweigeminute für die Opfer in den Schulen vorschlug, waren muslimische Schüler in einigen Schulen nicht bereit dem nachzukommen.

Seit 2007 ist Dr. Richard Prasquier Vorsitzender der CRIF, der Dachgesellschaft der französischen jüdischen Organisationen. Er ist von Beruf Kardiologe.

Wir sagten den Führern repräsentativer muslimischer Gremien, dass sie die Merah-Morde verurteilen sollten. Sie verurteilten sie zwar, aber hauptsächlich um zu beweisen, dass auch Muslime die Opfer von Mohamed Merah sind, weil seine Taten Islamophie schüren. Die meisten offiziellen Muslim-Organisationen sind schwach und genießen in der muslimischen Gemeinschaft geringe Unterstützung. Die Radikalen haben erfolgreich viele der muslimischen Moderaten zum Schweigen gebracht. Wir sehen auch, dass unter den französischen Muslimen der Einfluss aus arabischen Ländern zunimmt. Das gilt besonders für Qatar, das auch im französischen Sport Einfluss hat. Es gibt allerdings auch gute Nachrichten. Achtzehn französische Imame reisten gerade nach Israel. Ihre Bereitschaft zu diesem Besuch war mutig, da viele von ihnen starker Kritik durch andere Muslime unterworfen sind.

Die Merah-Morde hatten in Frankreich unterschiedliche Auswirkungen. Einige Medien beginnen zu begreifen, dass radikale Muslime die republikanischen Ideale gefährden, die das Wesen der französischen Werte verkörpern. In einem Op-Ed in Le Monde erklärte ich, dass der radikale Islam gemeinsame Züge mit dem Nationalsozialismus hat.

Der Antisemitismus in Frankreich ist traditionell als aus der extremen Rechten kommend identifiziert worden. Das stimmt zwar, nimmt aber ab. Es gibt zudem beträchtlichen Antisemitismus bei den Linken. Das drückt sich in erster Linie als Antizionismus aus. Man mag gegen die Idee des Zionismus sein, doch wenn Menschen unter den Ideologien den Zionismus herausstellen, dann werden sie damit zu Antisemiten.

Linker Antisemitismus hat uralte Wurzeln. Im 19. Jahrhundert gab es starken Antisemitismus bei den Vorläufern des Sozialismus. Heute vergleichen linke Antisemiten fälschlich die israelische Haltung gegenüber den Palästinensern zu der Frankreichs in seinen früheren Kolonien. Sie betrachten die Palästinenser als Opfer eines nicht existenten israelischen „Kolonialismus“ und projizieren ihre eigenen Schuldgefühle auf die Israelis.

Die Lage ist sogar noch schlimmer, da die meisten französischen Medien antiisraelisch sind. CRIF lud vor kurzem eine Gruppe von 66 Journalisten in Ausbildung nach Israel ein. Sie kamen aus der prestigeträchtigsten Journalistenschule des Landes in Lille. Wir wissen aus internen Umfragen, dass sie bei den letzten Präsidentschaftswahlen überwiegend gegen Nicolas Sarkozy stimmten und dass eine beträchtliche Zahl von ihnen eher linksextreme Kandidaten unterstützten.

Der französische Antisemitismus ist ein komplexes Phänomen. Nicht lange vor den Wahlen war der führende Kandidat der Sozialisten Dominique Strauss-Kahn, der sich öffentlich als jüdisch bezeichnet. Sein Jüdisch sein wurde nur auf  rechtsextremen Blogs thematisiert. Doch Sarkozy war überzeugt, dass ein Großteil der Opposition gegen ihn dem Antisemitismus geschuldet war, da er fälschlich als jüdisch wahrgenommen wurde, weil sein Großvater mütterlicherseits jüdischer Herkunft war.

Bevor er Präsident wurde, hatte Hollande nicht viele Beziehungen zu jüdischen Organisationen. Er wurde allerdings immer als stark gegen Antisemitismus eingestellt angesehen. Seit seiner Wahl hat Hollande Wert darauf gelegt starke Unterstützung für das französische Judentum zu zeigen. Er brachte das im Juli in Paris bei einer jährlichen Gedenkfeier für deportierte Juden zum Ausdruck und machte es erneut im September bei der Einweihung eines Gedenkzentrums in Drancy. Die meisten verhafteten französischen Juden wurden von diesem Transitlager aus in den Tod deportiert. Hollande begleitete außerdem Benjamin Netanyahu nach Toulouse und erklärte, dass der israelische Premierminister Recht hatte Interesse am französischen Antisemitismus zu zeigen.

Der sozialistische Innenminister Manuel Valls hatte sich ebenfalls eindringlich gegen Antisemitismus ausgesprochen. Viele jetzt an der Macht befindliche Sozialisten haben Sympathie für Israel. In der jungen Generation ist das allerdings weit weniger der Fall.

Prasquier schließt: Einerseits hat das französische Judentum Sorge um die eigene Zukunft. Es findet einige jüdische Emigration statt, von der nur eine Minderheit das Land Richtung Israel verlässt. Andererseits bleiben wir nach internationalen Standards eine große jüdische Gemeinschaft. Es gibt Hoffnungszeichen, da mehr Franzosen die aus radikalmuslimischen Kreisen kommenden Gefahren erkennen. Juden sollten keine ungesunden Allianzen mit der populistischen extremen Rechten eingehen, die versucht auf Grundlage der gemeinsamen Angst vor dem Islamismus auf sie einzugehen. Es muss betont werden, dass sie wegen der Gefahren handeln, die die radikalen Muslime für das republikanische Wesen Frankreichs darstellen. Sie sollten nicht betonen, dass ihr Hauptmotiv die Gefahren sind, die radikale Muslime besonders für Juden darstellen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Vergessene Rabbiner, die Holocaust-Überlebenden halfen

26. November 2012 um 17:25 | Veröffentlicht in Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Alex Grobman (direkt vom Autor)

Anerkennung für gute Taten wird oft unpassend zugeteilt. Wer an den Holocaust erinnert, ehrt oft die amerikanischen Soldaten, die an der Befreiung von Konzentrations- und Sklavenarbeitslagern beteiligt waren. Allerdings werden regelmäßig die amerikanisch-jüdischen Geistlichen übersehen, die den Holocaust-Überlebenden in den amerikanischen Zonen in Deutschland und Österreich am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Jahren danach enorm beistanden.

Viele jüdische Geistliche handelten mutig und großzügig über ihre offiziellen Aufgaben hinaus. Ihre Hauptfunktion bestand darin amerikanischen Soldaten in religiösen Dingen beizustehen. Es gab sogar einen Befehl gegen Fraternisierung in Deutschland mit dort Lebenden. Einige jüdische Geistliche gingen so weit für Überlebende Risiken auf sich zu nehmen, die sie vor ein Kriegsgericht hätten bringen können.

Alex Grobman

Dr. Alex Grobman ist Geschäftsführender Direktor der America-Israel Friendship League Inc. in New York. Eines seiner vielen Bücher ist Rekindling the Flame: American Jewish Chaplains and the Survivors of European Jewry, 1944-1948.” (Die Flamme wiedererwecken: Amerikanisch-jüdische Geistliche und die Überlebenden des europäischen Judentums 1944-1948).

Holocaust-Überlebende in deutschen Lagern stellten für die alliierten Streitkräfte ungewöhnliche Herausforderungen dar. Die amerikanische Militärregierung wollte den jüdischen Heimatvertriebenen (DPs) helfen, hatten aber große Schwierigkeiten deren zahlreiche Probleme zu verstehen. Jüdische Überlebende brauchten nicht nur materielle Hilfe, sondern auch psychologische und geistliche Unterstützung. Die Umstände in den meisten ihrer Lager waren beklagenswert.

Die Armee wollte alle DPs so bald wie möglich in die Länder zurückführen, aus denen sie kamen. Allerdings wollten von den mehr als 200.000 europäischen Juden in Deutschland und Österreich am Ende des Krieges viele nicht in die Länder zurückkehren, aus denen sie deportiert worden waren. Diejenigen, die das taten, sahen sich Gefahr ausgesetzt, insbesondere in Polen und Litauen.

Viele Überlebende, die zurückkehrten, wurden regelmäßig schikaniert. Das berüchtigtste Pogrom fand im Juli 1946 statt; dabei wurden im polnischen Kielce 47 Juden ermordet und mehr als 50 verletzt. Das machte klar, warum die Mehrheit der polnischen Juden die Repatriierung fürchtete. Juden aus Westeuropa, Ungarn, Rumänien und der Tschechoslowakei waren in einer besseren Position, ihr Eigentum wiederzugewinnen und ihr Leben wieder aufzubauen.

Jüdische Geistliche gehörten zu den ersten amerikanischen Juden, die Holocaust-Überlebenden begegneten. Mehr als 90 von ihnen hatten von 1944 bis 1948 Kontakt mit DPs. Sie waren keine offiziellen Repräsentanten einer amerikanisch-jüdischen Organisation. Viele Geistliche versuchten die Politik des Militärs gegenüber den jüdischen Überlebenden zu beeinflussen. Hatten sie keinen Erfolg, dann unternahmen sie oft einseitig unterschiedliche Initiativen. Das bedeutete manchmal, dass sie ihre eigene Karriere riskierten, indem sie sich an verdeckten Aktionen beteiligten, mit denen die Traumata und Zwangslagen gelindert wurden, denen sich jüdische Überlebende in Deutschland gegenüber sahen.

Jüdische Geistliche halfen Überlebenden, über illegale Nutzung von Feldpost nach ihren Familien zu suchen; sie retteten Kinder, die in Kirchen und auf Bauernhöfen versteckt waren; und sie inspirierten amerikanische Juden, Tonnen an Lebensmitteln, Kleidung und Grundgüter des täglichen Bedarfs zu schicken. Sie begleiteten Züge, die jüdische Kinder und Erwachsene aus Osteuropa transportierten und Jugendtransporte nach Palästina. Eine Reihe arbeitete mit der Brichah zusammen, der Untergrundbewegung, die Juden aus Europa heraus nach Palästina schmuggelte. Sie bauten auch Schulen, rituelle Bäder und ein Sommerlager auf. Mehrere veröffentlichten Bildungsmaterial und fungierten als Gemeinderabbiner.

Ein herausstehendes Beispiel war Chaplain Abraham Klausner, ein Reformrabbiner. Er versuchte die Armee dazu zu bringen die Einzigartigkeit der jüdischen Lage anzuerkennen. Klausner arbeitete daran die unmittelbaren Probleme und Notwendigkeiten zu lösen, aber auch daran jüdische Überlebende als Angehörige einer eigenständigen Nationalität anzuerkennen. Er half jüdische „Lager“ zum Schutz der Überlebenden vor regelmäßiger Schikane durch nicht jüdische Insassen zu gründen. Er half bei der Schaffung einer Organisation von Überlebenden, dem Zentralkomitee der befreiten Juden in Bayern, das ihre Interessen gegenüber dem amerikanischen Militär vertrat. Klausner war entscheidend an der Gründung dreier jüdischer Krankenhäuser beteiligt, in denen DPs von jüdischen Ärzten behandelt wurden. Gleichzeitig versuchte er die amerikanischen Juden auf das Leid aufmerksam zu machen.

Mit der Hilfe von Überlebenden stellte Klausner sechs Bände systematischer Listen von Überlebenden in Bayern zusammen, veröffentlichte sie und verbreitete sie weltweit. Das war der erste bedeutende Versuch mit den Juden im Westen zu kommunizieren.

Mit Hilfe des orthodoxen Rabbiners Max Braude und dem konservativen Rabbiner Judah Nadich war Klausner in der Lage Überlebenden zu helfen Unser Weg zu gründen. Dieser wurde zur größten jiddischen Wochenzeitung in Deutschland; viele Überlebende betrachteten sie als ihre nationale Zeitung.

Klausner sah, dass Juden in Dachau ihre Lageruniformen trugen und immer noch gezwungen wurden hinter Stacheldraht zu leben. Daraufhin schrieb er einen nicht autorisierten Bericht über die Lage der jüdischen Überlebenden in Bayern, der in der amerikanischen jüdischen Gemeinschaft für Aufregung sorgte. Klausner spielte ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Abfassung des Harrison-Berichts, der im August 1945 die Position des Beraters zu jüdischen Angelegenheiten beim Kommandierenden der US-Streitkräfte in Europa schuf, als Reaktion auf das Leid der jüdischen DPs.

Es gab keinen Unterschied im Ausmaß des Engagements der orthodoxen, konservativen und Reformrabbiner. Sie alle versuchten den Überlebenden zu zeigen, dass sie nicht länger alleine waren. Wir schulden diesen Geistlichen enorm viel Dank. Ihre vielen guten Taten verdienen, dass man sich an sie erinnert.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Niederlande: Sowohl Antisemitismus als auch Wohlwollen für Israel

19. November 2012 um 18:41 | Veröffentlicht in Europa | Hinterlasse einen Kommentar
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Manfred Gerstenfeld interviewt Oberrabbiner Binyomin Jacobs (direkt vom Autor)

Ich werde oft in der Öffentlichkeit beleidigt. Das kann fast überall passieren, so am Bahnhof in Rotterdam oder im Zentrum von Amersfoort, der Stadt, in der ich lebe. Jemand schreit mich zum Beispiel an: „Yehud“ – ein negativer Begriff für Jude auf Arabisch. Als ich vor ein paar Jahren von der Synagoge nach Hause ging, brüllte ein etwa 10 Jahre altes Kind: „Dreckiger, stinkender Jude!“

An Bahnhöfen, wo viele Jugendliche abhängen, werde ich fast immer beleidigt. Diese Zurufe kommen nicht nur von nicht westlichen Einwanderern, sondern auch von Niederländern. Wenn ich am Samstagnachmittag zur Synagoge gehe, werde ich nicht nur an der Moschee angebrüllt, sondern auch beim Hockeyfeld.

Rabbi Binyomin Jacobs

Rabbi Binyomin Jacobs

Oberrabbiner Binyomin Jacobs ist der Leiter des IPOR – des Rabbinats für die jüdischen Gemeinden außerhalb Amsterdams – und ebenso der Rabbiner des Sinai-Zentrums, des einzigen jüdischen psychiatrischen Krankenhauses in Europa. Er wurde von verschiedenen niederländischen Medien zu dem Antisemitismus interviewt, den er erlebt.1

Ich mache eine starke Zunahme der Aggression gegen Juden aus, die durch ihre Kleidung als solche erkennbar sind. Andererseits gibt es auch eine Zunahme der Anteilnahme uns gegenüber. Wenn ich in einen Zug steige, dann kann es sein, dass mir jemand die Hand schüttelt und „Schalom“ oder etwas Positives über Juden und Israel sagt.

Die Entwicklung in den Niederlanden ist Besorgnis erregend. Wann immer in Israel etwas Dramatisches passiert, dann fangen Leute an dir „Israel“ oder „Hamas, Hamas, die Juden ins Gas“ zuzubrüllen. Ich hatte einmal ein sehr schockierendes Erlebnis. Ein nicht jüdischer Psychologe und ich stiegen in einen Zug voller Feyenoord-Fußbal.fans. Sie begannen zu skandieren: „Juden ins Gas!“ Ich hatte das Gefühl, dieser ganze Zug voller gewöhnlicher Niederländer war gegen uns.

Der Psychologe sackte vor Angst in sich zusammen. Ich glaubte, dass Anzeichen von Angst zu zeigen nicht hilfreich sein würde, daher tat sich so, als sei mit das gleichgültig, als Zeichen der Stärke. Man kann diesen Vorfall als einen Fall reinen Hooliganismus betrachten, doch wenn einer dieser Idioten uns angegriffen hätte, hätten wahrscheinlich viele mitgemacht.2

Unserem Haus gegenüber befindet sich eine Schule mit Kindern mit bunt gemischten Hintergründen. Eines Tages kam eine türkische Dame auf mich zu; sie hielt ein kleines Kind fest an der Hand. Das Kind sah zu Tode verängstigt aus. Die Frau sagte dem Kind: „Hab keine Angst, dieser Großvater wird dir nicht weh tun. Er ist ein netter Mann.“ Der Junge schien marokkanischer Herkunft und glaubte, dass ich ihn entführen würde. Ihm war offenbar gesagt worden, dass Juden gefährlich sind. Die Dame wollte ihn lehren, dass es anders war.

Solche Gefühle werden verstärkt, weil in den hiesigen Moscheen ein Film gezeigt wurde, in dem Israel fälschlich der Entführung arabischer Kinder beschuldigt wird, um ihre Augen jüdischen Kindern zu geben. Danach ist das arabische Kind blind und das jüdische Kind kann wieder sehen. Ein Kind, das das hört, hat sichtlich Angst.

In einem Kindergarten nannte mich ein Kind aus Somalia einen „dreckigen Juden“. Ich kann nicht mit einem kleinen Kind diskutieren! Die Kindergärtnerin – eine Niederländerin – wollte mit den Eltern des Kindes über diesen Vorfall sprechen. Um solches Verhalten zu verändern, muss es eine bedeutende kulturelle Veränderung geben!

Die Behörden tun viel zu wenig in Sachen Kriminalität gegen Juden. Einmal brüllten an Sylvester Hooligans vor meinem Haus: „Juden, Juden!“ Sie begannen mein Tor zu zerstören. Ich rief die Polizei, die eineinhalb Stunden später kam.

Der Rabbinatsvorstand entschied, dass ich an meinem Haus eine Alarmanlage brauchte, die direkt mit dem Polizeirevier verbunden ist. Anfangs glaubte ich, das sei Unsinn. Die Anlage wurde trotzdem installiert. Ich hatte keine Angst, aber es überraschte mich, dass ich mich mit der Alarmanlage sicherer fühlte. Dieses Gefühl an sich machte mir Angst. Ich gehe nicht mehr ins Bett ohne die Anlage einzuschalten.

Ein großes Problem der jüdischen Gemeinde besteht darin, dass auch die niederländischen Medien antiisraelisch sind. Sie nutzen Redewendungen, die ein neuer Typ des Antisemitismus sind. Ich versuche das so oft wie möglich zu korrigieren.

Ich erinnere mich an ein großes Foto eines israelischen Panzers in der örtlichen Zeitung Amersfoortse Courant. In dem Artikel hieß es, er habe einen Palästinenser überrollt und getötet. Daneben war eine kleine Meldung darüber, dass in derselben Woche in einem anderen Land 200 Hinrichtungen stattgefunden hatten. Ich fragte die Redakteure: „Warum widmet ihr eine Viertelseite einem toten Palästinenser und den 200 Toten woanders nur einen kleinen Artikel?“ Sie antworteten: „In dem Land haben wir keinen Journalisten.“ Nur um das klarzustellen: Ich glaube, dass ein getöteter Palästinenser ein Toter zu viel ist. Hinterher stellte sich allerdings heraus, dass er weder getötet worden war noch dass der Panzer ihn überrollt hatte.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

 

1 Jeroen Kanis: Rabbijnen: Steeds meer Joden zijn angstig. Reformatorisch Dagblad, 5. Mai 2011 [Niederländisch]
2 Interview mit Binyomin Jacobs: Rabbijn in een polarisierende samenleving. In: Manfred Gerstenfeld: Het Verval (Amsterdam, Van Praag, 2009), S. 175-176. [Niederländisch]

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