Protestanten und Israel – die Diskussion um das Kairos-Dokument

17. Dezember 2012 um 16:06 | Veröffentlicht in Christen+Kirchen | 3 Kommentare
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Manfred Gerstenfeld interviewt Hans Jansen (direkt vom Autor)

Die protestantische Welt ist bezüglich Israels stark geteilt. Einerseits gibt es hier viel Unterstützung des Hasses gegen Israel, andererseits gibt es viele Unterstützer Israels, insbesondere unter Evangelikalen und orthodoxen Protestanten.

Ein wichtiges Ereignis, bei dem man beide erleben konnte, war die Debatte zu einem Text, der als Kairos-Dokument bekannt wurde. Es wurde 2009 von palästinensischen Christen veröffentlicht. Der offizielle Titel lautet „Stunde der Wahrheit: Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenser und Palästinenserinnen“.

Prof. Hans Jansen

Prof. Hans Jansen

Prof. Hans Jansen ist Autor eines wichtigen und regelmäßig neu aufgelegten Werks in Niederländisch mit dem Titel „Christliche Theologie nach Auschwitz“.1 Der Untertitel seines ersten Bandes lautet „Die Geschichte von 2000 Jahren kirchlichem Antisemitismus“. Der zweite Band der beiden Bände trägt den Untertitel „Die Wurzeln des Antisemitismus im Neuen Testament“. Der niederländische Protestant Jansen lehrte Geschichte an der Flämischen Freien Universität in Brüssel (1990 – 2000); seit 2002 lehrt er am Simon Wiesenthal-Institut derselben Stadt.

Das zentrale Argument des Kairos-Dokuments lautet, dass allein Israel für die Probleme der Region verantwortlich ist. Das Dokument fordert, die israelische Besatzungspolitik als „Sünde“ anzusehen. Das Hauptziel des Dokuments ist die Forderung eines internationalen Wirtschaftsboykotts gegen Israel.

Später wurde bekannt, dass das Kairos-Dokument in verschiedenen Ländern als Erklärung der prominentesten palästinensisch-christlichen Führer wie den Griechisch-Orthodoxen, den Römisch-Katholischen, den Lutheranern, den Anglikanern und den Baptisten beworben wurde. Das war völlig falsch – nicht ein einziger Leiter dieser Kirchen unterzeichnete es.

Das Dokument wurde nur von einem einzigen Kirchenleiter unterschrieben: Monib Younan, dem Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land. Diese Kirche hat in den Gebieten unter der Autorität des Bischofs ein paar Hundert Mitglieder und wurde 1959 von deutschen lutherischen Missionaren gegründet. Ihre Mitgliederzahl ist im Vergleich zu  den 400.000 in diesen Gebieten lebenden Christen unbedeutend. Später zog Younan seine Unterschrift zurück.

Ein weiterer Initiator des Dokuments ist Yusef Dahan, örtlicher Repräsentant des Ökumenischen Rats der Kirchen (Weltkirchenrat). Alle anderen Unterzeichner sind örtliche Pastoren, Laien oder religiöse Funktionäre, die nur sich selbst repräsentieren. Einer von ihnen ist der römisch-katholische Patriarch von Jerusalem a.D. Michel Sabbah. Sein Nachfolger, der jetzige Patriarch, unterschrieb nicht. Ein weiterer Unterzeichner ist der griechisch-orthodoxe Funktionär Atallah Hanah, der sich mit dem Patriarchen seiner Kirche überworfen hat.

In vielen Ländern haben die Medien die Bedeutung der Unterzeichner in hohem Maße übertrieben. Sie haben außerdem die Bedeutung der wichtigen Opposition gegen das Dokument heruntergespielt.

Ich habe besonders die Debatte in den Niederlanden verfolgt. Das Kairos-Dokument wurde von verschiedenen wichtigen christlichen Organisationen kritisiert. Ein paar Tage nachdem es den Leitern der niederländischen Kirchen im Dezember 2009 vorgestellt wurde, griffen zwölf prominente Theologen das Dokument heftig an. Die niederländischen Medien vermittelten jedoch den falschen Eindruck, dass die Kirchen dadurch, dass sie das Dokument entgegen nahmen, seinem Inhalt zustimmten. Das war unwahr, denn wie kann man einem Dokument von 70 Seiten zustimmen, das man nicht einmal gelesen hat? Es entgegenzunehmen bedeutete lediglich, dass man bereit war dem zuzuhören, was hilfsbedürftige Christen zu sagen hatten. Bereits beim Treffen zur Entgegennahme gab es Kritik vom Sekretär der bei weitem größten protestantischen Gemeinschaft, den Protestantischen Kirchen der Niederlande.

Die Kritik der Theologen, die trotz ihres Ansehens wenig Berichterstattung seitens der Presse erfuhr, war sehr breit angelegt. Sie nannten das Dokument „Die Stunde der Irreführung“ und schrieben, das Kairos-Dokument erwähne die Verheißungen nicht, die Gott Israel als Volk in der hebräischen Bibel gegeben hatte. Dem Dokument fehle völlig die biblische Vision Israels als Volk. Sie kritisierten die Unterzeichner heftig, weil diese die Bibel benutzten, um ihre politisch präferierten Ziele und Visionen zu legitimieren. Die Theologen sagten, dass dieses Herangehen die Religion in eine „Menschenideologie“ verwandelt. Sie merkten weiterhin an: „Das Kairos-Dokument von so genannten Neuen Historikern des Nahen Ostens inspiriert, die seit mehreren Jahren die Geschichte der Ereigniss von 1948 zugunsten der Palästinenser umschreiben. Diese Theologen bezeichneten das Dokument als „schamlose Brutalität“.

Jansen merkt an: Weiterhin gründet das Kairos-Dokument auf der so genannten „Ersetzungstheologie“, die lehrte, dass Gottes Verheißung an die Juden auf die Christen übergegangen ist. Diese Theologie hat zu wiederholter Verfolgung der Juden im Verlauf der Jahrhunderte geführt. Es gibt immer noch viele Kirchen, besonders im Nahen Osten, die diese üble Theologie unterstützen.

Jansen schließt: Aus einer historischen Perspektive ist es wichtig, dass die Kairos-Debatte beweist, dass heute von Christen propagierter Judenhass auch eine christliche Opposition hat. Wer immer die lange Geschichte dieses Hasses studiert, stellt fest, dass starke Reaktionen dagegen in christlichen Kreisen selten waren. Aus dieser Sicht ist die Lage heute viel ermutigender.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 Hans Jansen: Christelijke theologie na Auschwitz: Theologische en kerkelijke wortels van het antisemitisme. Band 1, 6. Auflage, Amsterdam (Blaak) 1999 (in Niederländisch).

Zum Thema:
Kairos Palästina: Vom Geflunker zum Größenwahn

Kirchenkonferenz zur Dämonisierung Israels in Bethlehem

11. Januar 2012 um 15:54 | Veröffentlicht in Christen+Kirchen | 9 Kommentare
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Theologen, die einer Art der Dämonologie neues Leben einhauchen, die alle Israelis kriminalisiert, werden sich im März in Bethlehem treffen.

Giulio Meotti, Arutz-7, 10. Januar 2012

Im kommenden März wird das Bibel-Kolleg in Bethlehem Dutzende US-Theologen, Aktivisten und Geistlichkeit zur Konferenz „Christus am Checkpoint 2012“ der Gastgeber sein. Es soll ein wichtiges religiöses und politisches Ereignis werden, mit dem Israel dämonisiert werden und die palästinensische Intifada gegen den „ethnozentrischen“ jüdischen Staat unterstützt werden soll.
Die beeindruckende Bandbreite an christlichen Theologen und Pastoren aus vielen Kirchen in den USA macht den Ernst der anstehenden Konferenz klar. Samuel Rodriguez, Präsident der US National Hispanic Christian Leadership Conference ist einer der Sprecher. Außerdem nehmen der populäre US-Prediger und „spirituelle Berater“ Bill Clintons, Tony Campolo, und der Präsident der World Evangelical Alliance und der Asia Evangelical Alliance, Sang-Bok David Kim teil.

Zwei der Organisatoren der Konferenz, Stephen Sizer und Sami Awad, verteidigen hartnäckig die im Mai 2010 von der türkischen Terrorgruppe IHH geschickte Gaza-Flottille. Ein weiterer Sprecher, Ben White, teilt eine politische Plattform mit Azzam Tamimi, der in der Vergangenheit Selbstmord-Bombenanschläge gegen jüdische Zivilisten begrüßt hat.

In den letzten Monaten haben wir eine Zunahme der Angriffe auf Israel durch viele christliche Denominationen erlebt. Die Vereinigten Staaten sind zwar Heimat für Millionen christliche Unterstützer Israels ist, gibt es antijüdische Kirchen, die weit stärker der globalen öffentlichen Meinung, der europäischen Bürokratie, der Medienindustrie, den Vereinten Nationen und verschiedene Rechtsforen eng verbunden sind.

Fakt ist: Das Manifest „Bethlehem Call“ (Bethlehem-Aufruf), das als Plattform für die Konferenz Bethlehem 2012 dient, wurde gerade erst auf der Internetseite des Ökumenischen Rats der Kirchen (Weltkirchenrat), dem Global Ministries of the United Church of Christ and the Disciples of Christ veröffentlicht.

Der Bethlehem Call definiert Israel als ein „illegales Regime“ und ein „Verbrechen gegen die Menschheit“, wirbt für „internationalen Boykott, De-Investition und Sanktions-Kampagnen“ gegen Israel, etikettieren die neutraleren Kirchen als „Komplizen bei Verbrechen gegen die Menschheit“ und greifen christlichen Zionismus als „ein Verbrechen und Sünde, das den Kern des Evangeliums die Stirn bietet“ an.

Der Bethlehem Call aktualisiert auch „Kairos Palästina“, das wichtige Dokument, das als globales Instrument für den christlichen Kampf gegen Israel genutzt wird und als „im Auftrag von uns palästinensischen Christen“ spricht. Selbst der Name des katholischen Hüters des Heiligen Landes, Pierbattista Pizzaballa, erscheint markant unter den wichtigsten Unterschriften auf dieser Internetseite: http://www.kairospalestine.ps/sites/default/Documents/English.pdf

2007 fertigte der Ökumenische Rat der Kirchen, die Dachorganisation liberaler Protestanten, die beanspruchen 580 Millionen Gläubige als Mitglieder zu haben, auch den „Amman Call“, der Israelis Recht als jüdischer Staat weiterzubestehen bestreitet, indem darauf bestanden wird, dass Millionen Palästinenser das „Recht auf Rückkehr“ nach Israel haben.

2008 berief der Ökumenische Rat der Kirchen eine Gruppe protestantischer und katholischer Theologen ein, um die Fundamente der christlichen Einstellungen zu Israel zu überdenken. Die Gruppe veröffentlichte die „Bern-Perspektive“, die unter anderem Christen anwies alle biblischen Bezüge zu Israel nur „metaphorisch“ zu verstehen.

Das Theologentreffen stellt auch die Rückkehr zur „Ersetzungstheologie“ dar, die mittelalterliche Ansicht, dass die Kirche das Volk Israel in Gottes Plan ersetzt hat und dass alle biblischen Hinweise auf Israel sich auf das „neue Israel“ beziehen – also die Christen.

Die Ersetzungsverleumdung hat ihren Sprachgebrauch geändert, ist aber grundsätzlich weiterhin ein Todesurteil für das jüdische Volk. Jetzt sind es Israelis, die wie Luzifer Gottes Erwählte waren, aber wegen ihrer rebellischen und bösen Gewohnheiten verstoßen wurden und es verdienen entsprechend dieser makabren Theologie aus dem „Heiligen Land“ getilgt zu werden.

Alles zusammengenommen scheint es, dass diese Kirchen jetzt einer Art Dämonologie neues Leben einhauchen, die alle Juden kriminalisiert, die zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben.

„Kairos Palästina“: Vom Geflunker zum Größenwahn

28. Dezember 2011 um 16:51 | Veröffentlicht in Christen+Kirchen | 5 Kommentare
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Malcolm Lowe, Hudson New York, 23. Dezember 2011

Ende 2009 tat sich eine kleine Gruppe christlicher palästinensischer Geistlicher und Laien zusammen und ersann ein Dokument mit dem Titel „Kairos Palästina“. Im Wesentlichen bewarben sie damit bekannte palästinensische Bestrebungen, verkleidet mit ein paar theologischen Floskeln. Selbst nach derzeitigen palästinensischen Standards war es eine extreme Erklärung. Zum Beispiel wurde eine Befürwortung der Zweistaaten-Lösung für Israel und die Palästinenser vermieden.

Jetzt, zwei Jahre später, hat der harte Kern der ursprünglichen Autoren in Bethlehem mit Unterstützern aus dem Ausland eine Konferenz zum Jahrestag abgehalten. Diesmal machten sie sich zum Tribunal, vor dem alle Kirchen der Welt angeklagt wurden, sie zeigten nicht genug Begeisterung für das damalige Dokument. Damit geriet es vom Geflunker zum Größenwahn.

Die von dieser Konferenz kommenden Äußerungen manifestieren einen Mix aus Triumph und Wut. Triumph, denn verschiedene Kirchenbürokraten – hauptsächlich in den Nahost-Ressorts einiger protestantischer Kirchen – hatten sich viel Mühe gegeben, um für das Dokument zu werben. Wut, weil die Aufnahme in den Kirchen insgesamt zumeist nur lauwarm war. Zum Beispiel ging der Versuch, das Dokument in den Niederlanden zu bewerben, nach hinten los, da prominente Kirchenleiter seine Vorschläge ablehnten.

In der Tat hat es beträchtliche Kritik an dem Dokument durch jene ernsten christlichen Theologen gegeben, die sich die Mühe machten, sich damit auseinanderzusetzen. Der Autor dieses Textes war einer der ersten, der die Anmaßungen und Täuschungen des Dokuments offen legte.

Triumph und Wut prägten die Eröffnungserklärung der Gedenkkonferenz durch Rifat Odeh Kassis. Einerseits proklamierte er, „Kairos Palästina verwandelt sich in eine breite Dachbewegung“ und sieht das Aufkommen einer „globalen Kairos-Koalition“ voraus. Andererseits beschimpfte er die Kirchen in Bausch und Bogen: „Wir können das Schweigen der Kirchen nicht länger akzeptieren!“ „Wir können keine finanzielle Unterstützung von einer Kirche oder Organisation akzeptieren, wenn diese sich nicht verpflichtet, für die Beendigung der Besatzung zu arbeiten.“ „Wir können die Argumente, welcher Kirche auch immer, nicht akzeptieren, die in ihren Ansichten ‚ausgewogen‘ sein will.“ Und so weiter und so weiter.

Kassis verlangte außerdem Monopolrechte über christliche Pilgerfahrten. „Wir werden uns laut dagegen aussprechen, dass irgendwelche Kirchen Touren ins Heilige Land organisieren, ohne uns zu besuchen“, drohte er. Darüber hinaus berichtete die Lokalpresse – auch wenn die Online-Zusammenfassung seiner Rede das nicht erwähnt – dass er eine „Kampagne zum totalen Boykott Israels“ forderte (hamlat muqata’a shamila li-Isra’il).

Von seinem hystrischen Ton mitgerissen, übersah Kassis, dass selbst die palästinensischen Kirchen einem dieser Verbote trotzen werden. All diese Kirchen, einschließlich seiner eigenen, sind komplett von Geldspenden aus dem Ausland abhängig. In einigen Kirchen bilden diese um die 90% des Haushalts. Keine palästinensische Kirche wird diese massiven Beiträge von der Unterstützung der politischen Forderungen der Palästinenser abhängig machen.

Für Kassis ist dieses Verhalten nicht neu. Bereits im Juni 2011 machte er sich zum Oberrichter über die Erzbischöfe der Welt mit einer langatmigen Attacke auf Dr. Rowan Williams, den Erzbischof von Canterbury. Williams hatte der BBC ein Interview gegeben, in dem er ein bemerkenswert gut informiertes Verständnis dafür zeigte, wie der Aufstieg extremistischer islamischer Bewegungen sich negativ auf die christliche Bevölkerung des Nahen Ostens auswirkt.

In seinen Anmerkungen wagte sich der Erzbischof anzudeuten, dass Muslime in Bethlehem die Christen schleichend ersetzen. Er sagte damit nichts Neues, nicht einmal etwas, das nicht weithin bekannt ist, doch es reichte aus, eine lange Maßregelung seitens Kassis‘ zu provozieren. Dieser beschrieb sich selbst als durch den Erzbischof „zutiefst beunruhigt“ und „schockiert“ und beharrte darauf: „Ihre Äußerungen zu Bethlehem sind besonders falsch und beleidigend, wenn Sie sagen, dass der Zuzug von Muslimen in den Bereich Bethlehems, wo es nur begrenzt Platz gibt, die Christen zwingt wegzuziehen.“

Neben der Wut trat im Brief später auch Verzweiflung auf, als Kassis schrieb: „Wir erwarten durch die Kirchenleiter aus aller Welt keine Unterstützung mehr.“ Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis, dass der kleine Trupp der Autoren von Kairos Palästina weit davon entfernt ist, die Reaktionen zu bekommen, die sie sich wünschten.

Die zugehörige „Kairos Palästina“-Internetseite führt ja eine Liste palästinensischer Christen, die ihr Dokument unterschrieben haben, außerdem eine zweite Liste von Muslimen und von ausländischen Christen, die es unterstützen. Sieht man aber genauer hin, dann stellt sich heraus, dass es sich bei den Ausländern um die üblichen Verdächtigen handelt. Ihre Zahl liegt bei zweitausend und ist in der letzten Zeit nicht sonderlich gewachsen. Nur etwa fünfzig bezeichnen sich als „Rev(erend)“ oder „F(ather)r“ (Pastor, Vater), die meisten davon unter den frühen Unterstützern. Zwei sind „Bischöfe“: der eine ist im Ruhestand, der andere führt eine Kirche, die er selbst gründete. Das bestätigt die verhaltene Reaktion der Kirchenleiter des Auslands. Was die Liste der Örtlichen angeht, so lässt sich vorstellen, dass der israelische Geheimdienst vergnügt zusieht, wie Kairos Palästina die Namen potenzieller Unruhestifter sammelt und veröffentlicht.

Bei den Organisatoren der Konferenz handelte es sich ebenfalls um dieselben alten Gesichter. Neben Kassis gehörten dazu Michel Sabbah (der ehemalige Lateinische Patriarch), Erzbischof Attalah Hanna und Rev. Naim Ateek. Hanna nimmt inzwischen nicht einmal mehr in Anspruch, im Namen des griechisch-orthodoxen Patriarchats zu sprechen. Ateek schied aus der örtlichen anglikanischen Kirche aus, nachdem er nicht es nicht schaffte, zum Bischof gewählt zu werden. Kurz gesagt: Es handelt sich um einen kleinen Klüngel, der statt der Kirchenleiter in Jerusalem lieber sich selbst als authentische Führer der lokalen Christenheit sehen würde. Es ist also kein Wunder, dass Kirchenleitungen andernorts gezögert haben sie mit offenen Armen zu begrüßen.

Das Kairos-Palästina-Phänomen findet allerdings bei anderen Möchtegern-Alternativführungen Begeisterung. Zu diesen gehören bürokratische Kerngruppen in den Kirchen, militante kirchliche NGOs wie Pax Christi und vor allem die Bürokratie des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖKR/Weltkirchenrat) in Genf. Dieses Gremium beansprucht für Hunderte Millionen Christen weltweit zu sprechen, in Wirklichkeit aber sind es nur ein paar Duzend Beamte in Genf, die einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit, Mühen und Ressourcen auf das Werben für die Sache der Palästinenser verwenden.

Es ist kein Zufall, dass die Abschlusserklärung der Kairos-Gedenkkonferenz die Anfänge von Kairos-Palästina (im Jahr 2009) ausdrücklich in den Zusammenhang des „Amman-Aufrufs von 2007“, der „Berner Perspektive von 2008“ und des „Ökumenischen Forum Palästina Israel“ (gegründet 2007) stellt. Alle drei waren Initiativen des ÖRK. So letztlich auch das Kairos-Phänomen, das mit Hilfe des ÖRK-Ablegers in Jerusalem, dem „Inter-Church Centre“, organisiert wurde. Kassis hat gelegentlich für den ÖRK gearbeitet, und seine Anprangerung von Kirchen des Auslands wurde in diese Abschlusserklärung eingearbeitet. Der ÖRK will zweifellos genauso eifrig für diese Erklärung werben wie für das frühere Kairos-Dokument selbst. Ihr Kirchen der Welt, nehmt euch in Acht: Der ÖRK hat ein Auge auf euch.

Die wahrhaft schrecklichen, mörderischen Regime in arabischen Ländern werden im Gegensatz dazu nie Gegenstand der „Aufrufe“, „Perspektiven“ oder „Foren“ des ÖRK. Konrad Raiser war in den letzten Jahren des Sowjetkommunismus ÖRK-Generalsekretär (1992 – 2003). Kurz nachdem er das Amt verließ (im Juli 2004), gab er halbherzig zu, dass der ÖRK dem Thema der sowjetischen Tyrannei in Osteuropa ausgewichen war. Noch länger überging der ÖRK jedoch Saddam Husseins Irak, das Syrien der Assad-Dynastie und alle anderen Länder des „Arabischen Frühlings“.

Stattdessen schikaniert der ÖRK Israel als problemloses Ziel. Er nimmt richtigerweise an, dass die israelischen Behörden, obwohl die Kairos Palästina-Internetseite die Namen von fast dreitausend palästinensischen Aktivisten bereitgestellt hat, diese nicht im Stil arabischer Regime zu Hunderten erschießen werden.

Kairos Palästina stellt sich selbst als spontanes örtliches Phänomen dar. Doch seine Herkunft wird genauer mit „von Genf, via Bethlehem“ beschrieben.

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