Der ganz normale Wahnsinn?

Heute Nachmittag im Radio: In Köln hat es beim „Mitternachtsverkauf“ des Mediamarktes Probleme gegeben. Eine neue Version eines der beliebtesten Internetspiele war zu erstehen. Und was passiert? Es drängen sich zwischen 600 und 800 Menschen vor dem Laden, ein Vielfaches dessen, was die Marktleitung in ihren kühnsten Träumen erwartet hatte. Unter diesen Umständen lassen die Mitarbeiter immer nur fünf Personen herein. Das Ganze dauert natürlich. Die Leute draußen drängen immer stärker. Alle Aufrufe sich zu gedulden, es gibt genug Spiele, jeder wird eins bekommen, nutzen nichts; sie kommen auch nicht an, weil es keine Lautsprecheranlage gibt. Auf einmal ist der Druck so groß, dass mehrere Männer in die Glastür gedrückt werden, diese bricht und es müssen Polizei, Notarzt und Krankenwagen gerufen werden.

Was passiert? Die Rettungswagen kommen nicht durch, die Polizei kann sich erst durchsetzen, als sie per Megafon die Information der Marktleitung weiter gibt, dass es noch rund 1.700 Spiele gibt und der Laden nicht geschlossen wird, bis alle Wartenden ihr Spiel kaufen konnten.

Ein neues Phänomen? Ein deutsches Phänomen?

Auf jeden Fall eines, das die egoistische und rücksichtslose Einstellung dieser Kunden zeigt. Jeder will unbedingt und auf Teufel komm raus dran sein, egal, was dabei passiert. Verletzte müssen versorgt werden? Ein Krankenwagen soll durchkommen? Nichts da, ich muss da hin, ich will mein Spiel und ich will es jetzt und vor allem will ich meinen Platz nicht aufgeben. Sollen doch andere Platz machen.

Neu ist mir solches Verhalten nicht. Im August 1988 habe ich Vergleichbares persönlich erlebt, als in Ramstein drei italienische Kunstflieger abgestürzt waren. Amerikanische Ordnungskräfte brüllten sich die Seele aus dem Leib, damit die Rettungswege frei gehalten wurden. Erkennbar deutsche Besucher waren diejenigen, die sich an die Anweisung nicht halten wollten. „Ich muss zu meinem Auto!“, war das „Argument“ Rettungswege ohne Rücksicht auf eventuellen Verkehr zu queren. Nicht nur zu Fuß. Beim Verlassen des Fliegerhorstes wurde der Verkehr eigentlich von der Polizei reglementiert. Auf der breiten Fahrbahn durfte nur eine Reihe Privatverkehr fahren – oder stehen, Stau war angesagt. Der Rest wurde für Rettungsfahrzeuge freigehalten, die mit hoher Geschwindigkeit in beiden Richtungen fuhren. Ein Stück vor jedem Rettungswagen fuhr ein Polizist auf einem Motorrad als Eskorte. Beide Fahrzeuge waren immer mit Martinshorn und Blaulicht unterwegs. Und dann knallte es: Da war dann auch einer, der keine Rücksicht nahm, sondern sich quer über die frei zuhaltende Fahrbahn in die Autoschlange einreihen zu müssen glaubte. Den Motorradpolizisten hatte er übersehen; er fuhr dem Auto direkt in die Beifahrertür, flog über den Wagen und wurde mitsamt dem geschockten Fahrer im selben Rettungswagen abtransportiert. (In den Medien war darüber nichts zu erfahren.)

Das ist also kein neues Phänomen. Rücksichtslosigkeit und Egoismus greifen vielleicht noch mehr Raum als früher. Macht ja nichts, so lange es nicht einen selbst trifft. Sollen doch die anderen aufpassen. Sich zurückzunehmen ist Charakterschwäche.

Schöne Welt, die diese Gesellschaft. Aber das Beste kommt noch: Ausgerechnet solche Leute beschweren sich am meisten, wenn sie Opfer dieses Verhaltens werden! Der ganz normale Wahnsinn halt.

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