Ausfall-Hysterie und die Folgen

Stumtief „Kyrill“ sorgte für das absolute Chaos. Alles stand still. Die Bahnen in ganz NRW und (großen Teilen des Restes der Republik zum Beispiel). Am späten Nachmittag war bei uns der Aldi praktisch leblos – es „tummelten“ sich mehr Aldi-Mitarbeiter in der Filiale als Kunden. Und in vielen Schulen war tote Hose – die Schulleitungen hatten die Ermächtigung erhalten die Schüler ab 12 Uhr nach Hause zu schicken, damit sie nicht vom Winde verweht wurden. Und diese Chance wurde weidlich genutzt.

Und gleich am nächsten Tag konnte dann noch eine Lücke im neuen Schulgesetz des Landes genutzt werden: Um 11 Uhr machten die Schulen dicht, weil Zeugnisse ausgegeben wurden. Darauf hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aufmerksam gemacht, die für ihren Grundschultag warb und den Lehrkräften landesweit versuchte ihn dadurch früher besuchen zu können, dass man beschloss am heutigen Freitag NICHT um 11 Uhr nach Hause zu gehen, sondern die Stunden nach 11 Uhr dazu zu nutzen, sie als vorgearbeitete Zeit anrechnen zu lassen, die dann für einen früheren Unterrichtsschluss am Grundschultag rechtfertigen, damit man schon vormittags in Köln konferieren kann.

Und das im Land des „Es darf kein Unterricht ausfallen“! Was ist passiert?

Da kein Unterricht ausfallen darf, wird halt bei Ausfall von Lehrkräften – jedenfalls in Grundschulen – eine Notversorgung ausgerufen: Erst einmal wird die Klasse aufgeteilt, weil es nicht genügend Lehrkräfte gibt, die einspringen könnten. Und das bedeutet, dass bis zu 30 Kinder sich mehr oder weniger gleichmäßig auf die übrigen Klassen verteilt irgendwo mit reinsetzen, ohne richtige Sitzplätze zu haben und ohne am dortigen Unterricht aktiv teilnehmen zu können. Denn entweder sind sie in der Parallelklasse bei einem anderen Thema oder im Stoff etwas voraus (oder zurück); oder die Schüler befinden sich in einer anderen Jahrgangsstufe, wo sie entweder noch nicht viel verstehen („höhere“ Klasse) oder den Stoff längst hinter sich haben. Wenn sie Glück haben, dann gibt es in ihrem Material Arbeitshefte, in denen sie Aufgaben bearbeiten sollen. Haben sie Pech, dann sind die behandelten Themen bereits alle bearbeitet. Neue Themen eigenständig zu erarbeiten ist in der Regel etwas problematisch für 6- bis 11-jährige. So wird also nur dafür gesorgt, dass die Kinder einigermaßen ruhig bleiben, die eigene Klasse nicht allzu sehr gestört im Arbeitstempo gebremst wird. In der Praxis heißt „Kein Unterrichtsausfall“ also: Kein Ausfall von Stunden, aber Unterricht gibt’s für die betroffenen Schüler nicht wirklich.

Diese hysterische Fixierung auf Ausfallstunden und die Praxis der Wirklichkeit im Schulleben zeugt von Augenwischerei seitens der Politik. Ein vernünftiger Vertretungsplan, bei dem alle anderen Klassen ein bisschen abgeben und die Klasse der ausfallenden Lehrkraft so auch Unterricht erhält, weil zumindest in Maßen ordentlich weiter gearbeitet werden kann, wäre da allemal besser. Aber Vernunft zählt hier offensichtlich nicht. Hauptsache, die Statistik stimmt. Und damit sind „alte Gewohnheiten“ abgeschafft worden, wie der Unterrichtsschluss am letzten Schultag vor den Ferien nach der dritten Stunde.

Der Unmut der Praktiker über die ministeriell-politische Realitätsferne der rein emotional besetzen Vorgabe „kein Unterrichtsausfall“ wirkt sich dann so aus, dass jede Gelegenheit genutzt wird, sich Kürzungen zu genehmigen, ob es nun Sinn macht oder nicht. Bei Eltern beispielsweise dadurch, dass ihre Kinder auf einmal am letzten Schultag krank sind (um vor den Staus schon Strecke hinter sich zu bringen). Bei Schulleitern so, dass sie um 12 Uhr die Schule schließen, weil für den späteren Nachmittag ein Orkan angekündigt ist. (Sie dürfen sich dann wahrscheinlich seitens der Politik anhören, dass sie faule Säcke seien.)

Das mit dem Unterrichtsausfall scheint in gymnasialen Oberstufen übrigens kein Problem zu sein. Die Tochter einerFreundin (12. Klasse) traf gestern pünktlich zur ersten Stunde in der Schule ein, um dort zu erfahren, dass die ersten zwei Stunden (Philosophie) ausfielen. Sie setzte sich in die Cafeteria – um nach der Pause zu erfahren, dass auch die nächste Doppelstunde ausfiel. Na ja, wozu gibt es die Cafeteria, wenn nicht, um dort auf die nächsten Unterrichtsstunden zu warten? Dummerweise fanden die auch nicht statt, denn es wurde rechtzeitig vor der zweiten Pause verkündet, dass wegen des bevorstehenden Sturms der weitere Unterricht ebenfalls ausfiel. Sinnfreier kann man seinen Tag in der Schule sicher nicht verbringen…

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