Parteinahme für Lügen

Vor ein paar Monaten ist ein Buch erschienen, das heute weiter auf den amerikanischen Bestsellerlisten steht. Vielleicht hat die Aufregung und Kritik an dem Buch dazu beigetragen, dass es sich so gut verkauft. Der Titel und sein bis ins Antisemitische gehender Inhalt sicherlich auch. Vermutlich ist die heftige öffentliche Bekämpfung mit publizistischen Mitteln aber wohl einer der Hauptgründe für den Erfolg des Machwerks.

Die Rede ist von Jimmy Carters Buch „Palestine: Peace not Apartheid“. Über Carters Vernebelungsversuche zu Kritik an seinem Unsinn habe ich mich im Dezember ausgelassen. Der steht auch nicht weiter zur Debatte, sondern unsere Medien fangen an, über den armen ehemaligen Präsidenten zu schreiben, der jetzt diffamiert wird.

Beispielhaft für die sich objektiv gebenden Berichte über die Kritik an Carter ist Eva Schweitzers Artikel im Feuilleton der Berliner Zeitung, Titel: Umstrittener Bestseller. Ex-Präsident Jimmy Carter wird wegen seines Buches über Israel heftig angegriffen. Bezeichnenderweise setzt sich die Redakteurin mit den Inhalten des Buches nicht auseinander, sondern führt marginal am Anfang des Textes einige Hinweise dazu an. Inhalte, die unser Mainstream ja ganz normal findet, weil sie uns von den Medien seit Jahren eingehämmert werden: Israel behandle die Palästinenser in den besetzten Gebieten wie einst Südafrika die Schwarzen, mit Hilfe von Checkpoints, Landkonfiskationen, Straßen nur für Siedler, Ausgangssperren. Deshalb trage das Land die Hauptschuld am Nahostkonflikt. (Ursachensuche auch bei Carter ausschließlich in der Böswilligkeit der Israelis – führt Frau Schweitzer nicht mit an.) Alles ganz normal. Anders kennen wir es ja auch nicht. Das ist gängig und weil es alle sagen, die Israel nicht einfach „unkritisch“ betrachten und „alles rechtfertigen, was Israel tut“, ist diese Darstellung nicht in Frage zu stellen. Carter hat also auf jeden Fall Recht. Die Kritik an diesen Tatsachen ist nicht zu rechtfertigen. Carter ist Opfer.

Um Carters Reputation weiter zu stärken, wird im zweiten Absatz hinterhergeschoben, dass unter ihm das Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten unterzeichnet wurde, „das einzige Friedensabkommen im Nahen Osten, das bis heute gehalten hat“ – das zwischen Jordanien und Israel kennt die Dame nicht (abgesehen davon, dass dieser Friede wesentlich weniger „kalt“ ist als der mit Ägypten). Und zur Verstärkung: „Der Politiker aus Georgia hat sich auch früh gegen die Rassentrennung in den USA ausgesprochen. Seine Kritik hat daher moralisches Gewicht.“ Wie kann man etwas gegen diesen Mann sagen?

Was dann folgt, ist die umfangreiche Zerstückelung der böswilligen Kritiker. Alles schön verpackt in der Beschreibung von deren Kritik und denjenigen, die sie äußern – ausschließlich Juden: Die Absage eines Besuchs des größten Vereins von Reformrabbinern (der Central Conference of American Rabbis – weiß die Dame, was „Reformrabbiner“ sind und wo die politisch normalerweise stehen?); der Rücktritt von „14 jüdische(n) Mitglieder(n) des 200 Mitglieder starken Beirats des Carter Centers“; die Vorwürfe der Zionist Organisation of America; die Anzeigenkampagnen der Anti-Defamation League und der Republican Jewish Coalition; die Internet-Unterschriftenliste des Simon Wiesenthal Center; die Stimme erhebende „prominente(n) Juden“ wie Rabbi Shumely Boteach und Anwalt Alan Dershowitz. „Aber auch die Medien“ sind kritisch – natürlich Juden: Jeffrey Goldberg, Martin Peretz, Bloomberg News. Gibt es tatsächlich keine anderen Kritiker? Hey, jetzt wissen wir wieder mal, wie sehr die jüdische Lobby da in Amerika daran arbeitet Kritiker mundtot zu machen!

Bis zu dieser Stelle enthält sich die Autorin jeden Kommentars. Der Text sieht nach objektiver Schilderung der Verhältnisse aus. Die Auslassungen fallen nur dem auf, der sich die Materie selbst näher angesehen hat. Das reicht aber offensichtlich nicht. Und so folgen zwei Absätze, die keinerlei Zweifel offen lassen, wer die böswilligen Idioten und wer der Gute ist in dieser Auseinandersetzung (Hervorhebungen von mir):

Carter trifft offenbar einen Nerv – aber nicht, weil sich Amerika für Palästina interessierte, sondern weil immer mehr Amerikaner eine zu israelfreundliche Linie ihrer eigenen Regierung für das Schlamassel im Nahen Osten verantwortlich machen. Carter-Kritiker fürchten nun, dass mit dem Buch eines Ex-Präsidenten Kritik an Israel hoffähig werden könnte. Unterstützt wird Carter nur von Südafrikanern wie Erzbischof Desmond Tutu oder dem Autor Breyten Breytenbach. Denn Apartheidkritiker haben Israel nicht verziehen, dass es Waffen an Pretoria lieferte.

Überraschen sollte das Buch jedoch nicht. Schon vor Jahren warnte New-York-Times-Kolumnist Thomas Friedman, dass Israel bald wie ein Apartheidstaat aussehen werde – sobald es mehr Araber gebe als Juden. Dem Verkauf schadet die Kritik übrigens nicht. Das Buch ist seit Wochen auf den Bestsellerlisten von New York Times und Amazon.

Eine entlarvende Zusammenstellung! Nicht nur, dass – wir kennen es bei uns – Kritik an Israel verboten ist und Carters Feinde verhindern wollen, dass sich das ändert. Kronzeugen für Carters Sicht der Dinge sind diejenigen, die früher unter der Apartheid gelitten haben. Das macht Carter sakrosankt und Kritik an ihm zu einem zumindest intellektuellen Verbrechen. Zuletzt wird dann noch Thomas Friedman von der New York Times als weiterer unantastbarer Zeuge ins Feld geführt – die NYT ist DIE Presse-Institution, der man einfach alles abnehmen muss, über alle Zweifel erhaben wie der Text des Koran für Muslime; jeder, der etwas anderes sagt, ist ein unwissender, vermutlich sogar böswilliger Hetzer.

Was lernen wir von Frau Schweitzer?
Dass die Amerikaner weithin Ignoranten sind (fehlendes Interesse am Schicksal der Palästinenser).
Jimmy Carter ist ein Engel, weil er für Frieden ist und gegen Apartheid. (Dass er nach Camp David „getragen“ werden musste und die Annäherung sowie der Friedensschluss zwischen Sadat und Begin nicht auf seinem Mist gewachsen sind, vergisst man nur allzu gerne, der Mann selbst natürlich erst recht.)
Wenn Carter etwas sagt und die Juden dagegen opponieren, dann ist die jüdische Lobby am Werk und die ist zwar mächtig, aber auch gegen die Freiheit. Vor allem die Freiheit zur Kritik an Israel. Sie unterdrückt die freie Meinungsäußerung. Zeugen dafür sind zum einen Opfer der südafrikanischen Apartheid. Frau Schweitzer fällt zwar auf, dass die Apartheidskritiker „Israel nicht verziehen“ haben, dass es Pretoria Waffen lieferte – aber die Frage danach, inwiefern das die Haltung dieser Leute negativ beeinflussen und ihre Objektivität verhindern könnte und sie einseitig macht, die stellt sich ihr nicht.
Weitere Zeugen sind dann ein unantastbarer Journalist und seine Zeitung, die aber seit Jahren in eklatanter Weise klar machen, wo sie stehen, indem sie Israel praktisch immer negativ und als verbrecherisch darstellen und Terroristen zu Freiheitskämpfern mit moralischem Recht zu ihrem massenmörderischen Tun erheben.

Bezeichnenderweise steht Schweitzers Artikel im Feuilleton. Sie schreibt ja über ein Buch. Und Bücher sollten auch erziehen, jedenfalls wenn sie nicht trivial sein, sondern intellektuell etwas hermachen wollen. Im Zweifelsfall eben auch so, dass ein Land dafür verteufelt wird, dass es um sein Überleben kämpft. Oder, wie in diesem Fall, um die Leute zu verdammen, die sich in diesem Kampf an der Seite Israels engagieren. Da gibt es „Argumente“, die nicht fehlen dürfen und die sich besonders im Feuilleton gut machen, weil die Literatur der höchste Ausdruck der Meinungsfreiheit ist: Israelkritik soll mundtot gemacht werden – also sind die pro-Israel-Aktivisten totalitär und freiheitsfeindlich. Israel betreibt Apartheid – also sind die pro-Israel-Aktivisten Rassisten. Womit die Fronten geklärt sind, wem die freie Meinungsäußerung im Zweifelsfall wirklich entzogen werden wird.

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