Das erwählte Volk

Es gibt da den Vorwurf, die Juden würden von sich behaupten „das erwählte Volk“ zu sein.

Es gibt weiterhin den Vorwurf, dass evangelikale Christen die Juden als „das erwählte Volk“ betrachten.

Warum Vorwurf?

Diejenigen, die diesen Vorwurf erheben, können sich ausschließlich vorstellen, dass mit „erwähltem Volk“ eine Art „Herrenvolk“ gemeint ist, das meint sich über alle anderen Völker erheben, sich als das bessere Volk mit besonderen Rechten hinstellen zu dürfen. Und von da ist der Schritt eigentlich nur logisch: auserwähltes Volk = Herrenvolk = die Nazis von heute, die mit den armen Palästinensern das tun, was die Nazis ihnen angetan haben.

Dumm nur, dass diese Vorwerfer ihre Definition des auserwählten Volkes ausschließlich ihren eigenen Vorstellungen entnehmen und nichts, aber auch gar nichts aus dem Kontext ziehen, in dem dieses „auserwähltes Volk sein“ hinein gestellt ist.

Biblisch ist „auserwähltes Volk“ nämlich überhaupt nicht so gemeint, dass diese Leute tun und lassen können, was sie wollen – und auch noch ungestraft. Ganz im Gegenteil. Dieses Volk hat leiden müssen, wenn es sich den Ansprüchen seines Gottes entgegen stellte. „Auserwählt“ heißt nicht, dass sie über alle erhaben sind, eher im Gegenteil. Biblisch bedeutet „auserwählt“ sein für dieses Volk, dass sein Gott sich an ihm verherrlichen will. An ihm, nicht durch es. „Auserwählt sein“ heißt in diesem Falle also eher, dass dieses Volk durch Tiefen geht, aus denen es von seinem Gott wieder heraus geholt wird. Das kann die Hölle auf Erden sein. Die schlimmste Form davon war die Schoah, der Holocaust. Und trotz dieses Vernichtungsversuchs auf industriellem Niveau gibt es das Volk immer noch. Trotz der Jahrtausende Anfeindungen, Massakern, Vernichtungsversuche (angefangen bei kanaanitischen Völkern, weiter über Haman im Persischen Reich, über die Kreuzzüge und Judenpogrome im Mittelalter hin zu neuzeitlichen „Aktivitäten“ in die Gegenwart des fortgesetzten arabisch-muslimischen Vernichtungsversuchs, der derzeit in den iranischen Atomplänen gipfelt gibt es dieses Volk immer noch. Wenn „auserwählt“ erklärt werden kann, dann nur auf diese Weise: Dieses Volk hat alles überlebt, was ihm angetan wurde und was zu unternehmen versucht wurde, damit es nicht mehr existiert. Die Kanaaniter haben es nicht geschaft, die Haman-Anhänger haben es nicht geschafft, die Griechen nicht, die Römer auch nicht, die Inquisition und ihre Vorläufer nicht, auch nicht die modernen Rassisten, die Nazis und nicht die Araber. Die Juden gibt es immer noch. Das ist die Variante des „Auserwähltseins“, die für die Juden gültig ist.

Wie unstimmig die andere, die vorgeworfene Variante des „Herrenvolk spielens“ ist, zeigt die Geschichte dieses Volkes. Denn wann immer es sich so aufführte, wie es ihm heute vorgeworfen wurde, erging es dem jüdischen Volk reichlich schlecht. Wann immer es nach eigenem Gutdünken handelte, kam eine gewaltige Krise oder mehr. Da mussten sie 40 weitere Jahre durch die Wüste ziehen; sie wurden von fremden Staaten bedrängt und erobert; wurden ins Exil geführt, einmal nach Assyrien und Babylon, einige Jahrhunderte später von den Römern „in alle Welt zerstreut“. War nichts mit „auserwählt = über alles Recht und Unrecht erhaben“.

Was unsere Terror-Versteher nicht anfechten wird weiter das Gegenteil zu behaupten. Fakten spielen in diesem Zusammenhang ja keine Rolle. Aber das spricht sehr deutliche Worte über diejenigen, die die Vorwürfe wegen des Auserwähltseins erheben. Denn sie gehen von sich selbst und ihrem Verständnis aus. Davon, wie sie sich verhalten würden, wenn sie „auserwählt“ wären. Und wie sie mit „ihrem“ auserwählten Volk umgehen, indem sie für alles und jedes Verständnis haben, was dieses von ihnen auserwählte Volk tut. Wie sie die Schuld für alles Unrecht wegerklären und den Israelis – wenn nicht „den Juden“ – anhängen, das von ihrem auserwählten Volk verübt wird.

Selbstmord-Attentate? Die „natürliche Folge“ von „Entrechteten“. Raketen auf Sderot und Aschkelon? Was sollen sie sonst tun, wenn sie im „Freiluftgefängnis Gazastreifen“ sitzen? (Hm, anfangen dort einen funktionierenden Staat aufzubauen? Nee, das ist zu viel verlangt, wenn nicht „das ganze historische Palästina“ befreit ist, das angeblich nur aus dem Gazastreifen und der „Westbank“ besteht…)

Wo bleiben die hehren Ziele der „Friedensbewegung“, die sonst überall und zu jeder sich bietenden Gelegenheit schreit, dass Gewalt keine Lösung ist? Überall wird das verkündet – außer wenn es Palästinenser und sonstige Araber sind, die Israel terrorisieren, da ist das auf einmal alles anders. (Die neue Ausnahme: Wenn ein Terror-Regime eine Atombombe bauen will, das ist auch gut, selbst wenn man sonst jegliches Fitzelchen Atomkraft ins Bodenlose verdammt.)

Wie ist das nun mit dem „auserwählten Volk“? Die Linken, Linksextremen, Rechtsextermen und ganz große Teile der „politischen Mitte“ und selbst der „Rechten“ behandeln die Palästinenser als ihr auserwähltes Volk, wie sie „auserwählt“ verstanden wissen wollen und den Israelis/Juden vorwerfen: Sie dürfen alles, ohne dass es ihnen krumm genommen werden darf. „Gesetze“ und Regeln, die sonst überall eingefordert werden, sind in Sachen Israel außer Kraft.

Mit anderen Worten: Die Palästinenser-Liebhaber werfen den Evangelikalen entgegen deren Vorstellungen vor mit Israel zu tun, was die Terror-Rechtfertiger selbst mit ihren korrupten Lieblingen tun. Sie werfen Israel wider die Tatsachen ein Verhalten vor, das ihre mörderischen Helden an den Tag legen. (Und immer dann, wenn Israel mal gar nicht mehr passt, kann man „USA“ einsetzen.) Ein weiteres Beispiel von Projektion: Ich darf und muss das, aber wehe ihr tut es. Und es ist egal, wenn ihr es nicht tut, denn wir sagen, dass ihr es tut, also seid ihr schuldig.

Im Vorwurf sich für auserwählt zu halten offenbaren sich die Terror-Versteher selbst. Und nicht zu ihren Gunsten. Aber mit ihrem Denken und Handeln verstärken sie die regressivsten und faschistischsten Elemente einer Kultur, die dringend das Gegenteil bräuchte: Verantwortung übernehmen, sich um die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen in ihrer Gesellschaft kümmern und vor allem Mitmenschlichkeit und Fürsorge zu erlernen. All das wird den Palästinensern vorenthalten, weil die Terror-Liebhaber des Westens sich darauf versteifen Fakten zu ignorieren und den Hass auf ihre eigenen eingebildeten Feinde zu hegen und zu pflegen und das als „Friedensarbeit“ auszugeben.

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