Negativfaktor Blogger

Es gibt immer wieder neue, erstaunliche „Argumente“ dafür, wie schlimm das mit den Bloggern ist und wie schlecht ihre Existenz für die Menschheit ist. Andere – u.a. Davids Medienkritik oder Politically Incorrect haben das schon kräftig gesammelt. Aus England kommt jetzt ein neuer Versuch mit neuen „Gedanken“. Im Guardian hat sich ein gewisser Oliver Kamm ausgelassen. Seine „Erkenntnisse“:

  • Politische Blogs verengen die zur Verfügung stehende Meinung in der Öffentlichkeit – weil die Leser in der Lage sind „selektiv das Material auszusuchen, dem sie sich aussetzen“ und „Ansichten ausfiltern, die ihnen unangenehm sind“.
  • Blogs sind „pure Parasiten“ – weil sie sich auf die Presse und andere Medien verlassen und von ihnen profitieren.
  • Und dann sind – wie überall sonst auch – die Blogger für (journalistische) Arbeit nicht qualifiziert.

Das ist doch richtig putzig: Vielfältige Meinungen lesen zu können sorgt für eine Einschränkung der Information. Klasse „Argument“. Ich stelle mir gerade vor, die Printmedien seien diejenigen, auf die man sich verlassen müsste. Da würde ich bestimmt jeden Tag drei Zeitungen kaufen (eine linke, eine rechte, eine in der „Mitte“), um mich zu informieren. Oder würde ich eher die Zeitung kaufen, in der ich meine politische Meinung am ehesten repräsentiert finde?

Wie parasitär sind eigentlich die Printmedien selbst? Verlassen sie sich nicht auch auf Agenturmeldungen? Ach ja, sie zahlen ja dafür. Und sie würden die Informationen nie, nie, nie ohne Bezahlung nehmen, nicht wahr? Und sie schreiben auch nie von anderen ab oder übernehmen deren Informationen. Aber das, was die traditionellen Medien dürfen, ist für Blogger noch lange nicht erlaubt! Schließlich muss es doch wohl Privilegien geben!

Das Kompetenz-Argument ist das beliebteste von allen. Da war neulich auf n-tv auch so eine Veranstaltung, in der eine Redakteurin ständig Kompetenz und Vertrauen der Leserschaft anführt, um aufzuzeigen, dass Blogger eigentlich gar keine Existenzberechtigung hätten. Da stellt sich aber umgekehrt die Frage, ob es denn immer nur kompetente Mitarbeiter sind, die die traditionellen Medien beschäftigen – ganz groß in die Kiste gegriffen: Wie kompetent waren denn die Propagandisten der „Hitler-Tagebücher“? Auf lokaler Ebene konnte ich auch schon feststellen, wie kompetent ein Redakteur zu schreiben in der Lage ist, als nicht nur mein Vor- wie mein Nachname in einem Bericht über den Abschluss eines Kurses an der Volkshochschule falsch geschrieben war (obwohl ich ihm beides in den Block buchstabierte!), sondern auch über die Inhalte wie das Prozedere und Ziele des Kurses wenig von dem stimmte, was er bei der Verleihung der Urkunden erfahren hatte. Komme also keiner und argumentiere mit fehlender Kompetenz bei den Bloggern. Ausbildung schützt nicht unbedingt vor Unsinn schreiben. Abgesehen davon ist nicht immer Ausbildung die Voraussetzung für Kompetenz. Sonst hätte Sebastian Haffner nie verlegt werden dürfen, weil er kein gelernter Historiker war.

Aber das erste „Argument“ finde ich immer noch am bestechendsten. Es ist doch wirklich zu gut aus der Vielfalt von Meinungen die Einschränkung der zur Verfügung stehendenden Meinungen zu konstruieren. Auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Gehen wir also hin und stellen alle großen Philosophen zum Lesen zur Verfügung. Damit sorgen wir dafür, dass die Philosophie den Bach runter geht. Herrlich!

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