Mit Verboten klappt alles – meistens

In den USA hat es einen Amoklauf mit mehr als 30 Toten gegeben. Das ist schon den ganzen Tag Thema in den Nachrichten, sicherlich nicht zu Unrecht. Interessant ist mal wieder der deutsche Umgang mit der Tat. Ich habe mir die Tagesthemen angesehen (den Kommentar zum Fall aber wohlweislich gar nicht erst angetan). Da wurde der Korrespondent in Washington gefragt, welche Fragen sich „Amerika“ nach der Tat stellt.

Die Antwort war vorhersehbar: Rückgriff auf Columbine (vor acht Jahren) und der Hinweis auf die „Regelmäßigkeit“ solcher Amokläufe in den USA. Und natürlich nicht die Beantwortung der Frage, welche Fragen sie „Amerika“ jetzt stellt, sondern der Hinweis, welche es sich stellen muss – nämlich den gleichen wie nach Columbine. Und die können nur in der Richtung gehen: Wie kriegt man die Waffengesetze verschärft (sprich: die Waffen verboten).

So ist er, der deutsche Michel: Verbote können alles regeln. Verbote haben ja auch verhindert, dass in Erfurt mehr passierte. Verbote haben auch verhindert, dass der Messerstecher in Berlin die Leute verletzte. Verbote verhindern Verbrechen.

Das war auch die Haltung der damaligen Behörde Post, als der Chaos Computer-Club Hamburg sich über die Lücken in deren Computernetzen aufregte. Die Post reagierte damals mit der Haltung, dass Hacken verboten sei und ließ die Lücken Lücken sein. In ihrer Verzweiflung programmierten die Chaos-Clubber kleine Bömbchen, die dann beim Auftreffen auf ein Posthorn „explodierten“.

Ähnlich sieht es mit Computerspielen aus. Ein Spiel, das Jugendliche zu Gewalt animieren könnte? Verbieten! Und schon ist die Sache geregelt. Ein Amerikaner – das konnte man im WDR Fernsehen erleben – fand es ganz toll, wie die Deutschen mit Problemen umgehen und befand, wenn der Central Park in New York in Deutschland läge, dann gäbe es weniger Tote: Die Deutschen würden nächtlichen Morde im Park einfach dadurch verhindern, dass sie überall Schilder aufstellen – „Schusswaffengebrauch zwischen 21 Uhr und 7 Uhr verboten! Schon wäre die Sache gelöst.

Die Haltung hat sich also in Deutschland in den letzten Jahren nicht wesentlich geändert. Mit Verboten soll weiter verhindert werden, was Negatives passieren oder Einfluss nehmen könnte. Die Waffen sind die Ursache, die Waffengesetze erst recht. Also muss Waffenbesitz endlich verboten werden.

Wo ist die Suche nach den Wurzeln der Taten, die sonst von diesen Journalisten so gerne angeführt wird? Ach nee, da geht es um die Amerikaner, da gibt es nur eine Ursache. Die amerikanischen Gesetze. Wenn das in Deutschland statt findet, dann muss man woanders suchen. Wir haben die besseren Gesetze.

Hey, wenn die Palästinenser unsere Waffengesetze hätten, dann würden sie untereinander sicher weniger Menschen ermorden. Ach nee, da ist ja die andere Schublade dran: die Besatzung ist Ursache.

So basteln uns unsere Ursachenvorgeber immer schön die ins Weltbild passende Ursache. Damit erübrigt sich alles andere. Sonst hätte nach der Amokfahrt eines muslimischen Jihadisten an einer US-Universität die Forderung nach einem Verbot von Autos oder zumindest von SUVs kommen müssen. Aber da war keine Schusswaffe im Spiel, also kommt das nicht in Frage. Und nach der Messerstecherei am Tag der Eröffnung des Hauptbahnhofs Berlin hätte ein Verbot von Messern kommen müssen – aber da stimmten gleich zwei Faktoren nicht: weder der Faktor „Amerika“ noch eine Schusswaffe. Also kommt das gar nicht erst in Frage. Die Schublade passt nicht.

Also soll doch nicht alles mit Verboten geregelt werden – denn es kommt halt immer darauf an, welche Vor- und Pauschalurteile da hingehören. Palästinensern oder Islamisten darf man nicht verbieten sich mitten in großen Menschengruppen umzubringen, sonst funktioniert das mit der Ursache „Verzweiflung“ nicht mehr. Es ist selektive Anwendung geboten. Verbieten muss man, wenn verantwortliches Handeln trainiert und verinnerlicht werden sollte. „Ursachenforschung“ (vor allem in Richtung Verzweiflung) ist zu betreiben, wenn wir hier bei uns mit demselben Verbotsgebot schlecht da stehen würden.

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Einen sehr passenden Kommentar zum deutschen und europäischen Umgehen mit dem Amoklauf gibt es von Burkhard Müller-Ullrich auf der Achse des Guten. Gezeichnender Titel: Die Waffenkommentare sind zum Schießen!

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