Bildungsbürokraten

Eine weitere Panne beim Zentralabitur: Nach dem Ding mit dem Gedicht und der Mathe-Panne ist jetzt neben der Bio-Panne von heute ein weiterer Problemfall aufgetaucht, der aber vom Ministerium heruntergespielt wird: In der Abiturklausur im Fach Sozialwissenschaffen gab es als Text eine Rede von Kofi Annan zur Rolle der UNO als peace keeping force zur Interpretation, der im letzten Jahr bereits Englisch-Grundkurslern vorgelegt wurde. Wer „damals“ schon dabei war, hatte einen deutlichen Vorteil, weil er sich mit dem Text schon beschäftigt hatte.

Das Ministerium sieht das anders. In der Englisch-Klausur ging es um Sprachkompetenz, jetzt ginge es in Deutsch um Inhalte. (WDR2-Nachrichten von 17 Uhr)

Dieser Unsinn kann nur Bildungsbürokraten einfallen. Und niemand anderem einleuchten!

Wenn ich der „Logik“ des Ministeriums folge, dann war es im Englisch-Grundkurs egal, was zum Thema inhaltlich geschrieben wurde. Es hätte auch der größte Quatsch sein können, haarsträubender Blödsinn, so lange er nur in adäquatem Englisch zu Papier gebracht worden wäre. Kann mir bitte jemand sagen, wo das tatsächlich akzeptiert wird?

Ich bin ja nicht mehr up to date, was den heutigen Oberstufen-Fremdsprachenunterricht angeht und vielleicht hat sich da alles geändert. Ich vermute trotzdem mal, dass es sich auch heute noch weit gehend um so etwas wie „Deutschunterricht in einer anderen Sprache“ handelt, in dem nicht akzeptiert wird – weder im Unterricht noch in den Bewertungen – wenn ein Schüler in einer Klausur inhaltlichen Dünnschiss von sich gibt, sondern angehende Abiturienten angehalten werden sich mit Hilfe der Inhalte in der Fremdsprache zu äußern.

Dazu würde mich interessieren, wie man sich mit einem Text einmal „rein fremdspach-kompetenzmäßig“ und losgelöst vom Inhalt und dann später rein inhaltlich-sozialwissenschaftlich auseinandersetzen können soll. Für mich gehört zu Sprachkompetenz auch immer noch, dass man sich mit den Inhalten des in einer Fremdsprache vorliegenden Textes beschäftigen, ihn verstehen und sich mit ihm auseinandersetzen kann. Zu behaupten, dass ein Schüler, der sich in einer Englisch-Klausur mit dem Text beschäftigten musste, keinen Vorteil hatte, ist einfach hanebüchen. Das ist so theoretisch, dass es mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. So etwas kann nur einem Bürokraten einfallen, der in einem Sessel abgehoben von der Unterrichts- und Schullebens-Realität sitzt und einfach nur Scheinargumente sucht, um einen gravierenden Fehler schön zu reden und keine Konsequenzen ziehen zu müssen.

Schöne neue Bildungswelt. Was mit Brachialgewalt eingeführt wird, kann nicht klappen. Etwas mehr Ruhe bei solchen Dingen wäre angebracht (gewesen). Man kann nur hoffen, dass die nächsten Jahrgänge solche vermeidbaren Pannen nicht auch noch erleben müssen.

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