Äquidistante Parteinahme

Wann ist ein Waffenstillstand gebrochen? Ich würde mal vermuten, wenn eine der beiden daran beteiligten Seiten anfängt zu schießen, oder? Und wenn die andere dann – in diesem Fall: irgendwann nach Wochen! – zurückschießt, dann kann sie damit doch nicht im Unrecht sein, zumal wenn sie sich auf Leute konzentriert und nur die ins Ziel nimmt, die den Waffenstillstand brechen.

Aber im Nahen Osten ist alles anders. Da gelten diese Maßstäbe nicht. Und anscheinend müssen sich deutsche Medien unter allen Umständen vermeiden, dass sie irgendwo oder irgendwie als Partei ergreifend da stehen. Wenn es um die eine Seite geht, Israel. Und so verfällt auch die DIE WELT in das Schema, jeder palästinensischen Terroraktion ein „Aber Israel auch“ hinterherzujagen, damit nur ja keine auf den Gedanken kommt, die würden etwas tun, was nicht nicht in Ordnung ist. Man liest unter der Überschrift „Hamas feuert wieder in Richtung Israel“:

Der Waffenstillstand war schon zuvor vom „Islamischen Dschihad“ gebrochen worden – und von der israelischen Armee.

Darunter wird dann erst einmal geschildert, wie die Hamas die Sache sieht: Israel habe den Waffenstillstand nicht eingehalten, also schießen wir wieder. Verantwortlich dafür, dass die Hamas schießt, ist Israel. Erst später und ganz nebenbei erfährt man, dass der Islamische Jihad sich dem Waffenstillstand nicht anschloss und weiter gefeuert hat. Auf die Idee da irgendwo eine Anmerkung zu machen, dass der Waffenstillstand damit offenbar gar nicht erst existierte, kommt der Autor nicht (auch wenn es sich bei dem Artikel um Zusammenstellungen von Meldungen von vier Agenturen handelt).

Statt dessen wird nach dieser Darstellung der „Konflikt von beiden Seiten verschärft“, denn Israel fliegt seit Anfang des Monats [=April] „auch wieder Luftangriffe im Gazastreifen. Allein seit vergangenem Samstag kamen dabei neun Palästinenser in Gaza und dem Westjordanland ums Leben. Am Montag drohte Israel mit einem Einmarsch im Gazastreifen, wenn der Raketenbeschuss nicht aufhöre.“ Schön zu lesen, wie Israel eskaliert. Der Leser merkt gar nicht, dass das Land Monate lang still hielt. (Mal abgesehen davon, dass die meisten der Toten in direkten Kämpfen zwischen Terroristen – Verzeihung: Militanten/Kämpfern/Aktivisten und Soldaten und nicht durch die Luftangriffe umkamen.)

Das Ganze gipfelt dann darin, dass „die Folge von Angriffen und Gegenangriffen“ die Waffenruhe „aushöhlte“. Ein fairer Bericht hätte festgehalten, dass es nie eine Waffenruhe gab, weil die – zwar erwähnten, aber heruntergespielten – ständigen Raketenangriffe den Begriff an sich längst ad absurdum führten. Mehrere Hundert Qassams seit Ende November sind keine Waffenruhe, auch wenn die Hamas sich nicht dazu bekannte.

Eine solche Darstellung darf es aber offensichtlich nicht geben. Der Leser muss durch eigene Kenntnisse darauf kommen, was in solchen Artikeln fehlt und seine Schlüsse daraus ziehen. Unparteiische oder neutrale Berichterstattung definiert sich heute darüber, dass man sich darauf zurückzieht, dass es „immer zwei Seiten“ gibt und dass es eine Schuldzuweisung nur geben darf, wenn sie keinesfalls zu Gunsten Israels ausfällt. Selbst bei so eindeutigen Sachlagen wie der der so genannten Waffenruhe darf nicht gesagt werden: Sie wurde von den Palästinensern gebrochen (durch die einen, die trotzdem schossen und durch die anderen, die nichts dagegen unternahmen). Die mit langer Verzögerung einsetzende, berechtigte und maßvolle Reaktion darauf wird auf die gleiche Stufe gestellt.

Solch offensichtliche Distanzierung von beiden Seiten nennt man Äquidistanz. Manchmal mag das angebracht sein. In diesem Fall ist es eine böswillige Parteinahme gegen Israel; und leider – und das ist das Perverse an dieser unschönen Sache – noch eine der wenigen „positiven“ Darstellungen im Vergleich mit der Mehrheit der deutschen Medienwelt.

Nachtrag: Melanie Philipps weist noch auf ein weiteres Phänomen der Presse hin (in diesem Fall Agenturen und britische Medien, die aber auch bei uns zu finden sind): Wie in dieser typischen Meldung von Accociated Press behaupten die Medien gerne das Vorhandensein einer palästinensischen ‚Waffenruhe’, um im selben Bericht die nie endenden palästinensischen Raketenangriffe auf Israel festzuhalten. Die unausweichliche Schlussfolgerung dieser systematischen und hirnverdrehten Leugnung palästinensischer militärischer Aggression und gleichermaßen systematischen Konzentration auf israelische Maßnahmen, diese zu kontern, ist die, dass solche palästinensischen Angriffe überhaupt nicht als Angriffe betrachtet werden, weil ihre Zielobjekte Israelis sind, deren Selbstverteidigung damit zur Aggression verfälscht wird. Damit werden die Israelis als Opfer und die Aggression der Palästinenser weiter aus der moralischen Gleichung gepustet und Israel weiterhin boshaft in den Augen der westlichen Welt dämonisiert.

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