Was kümmern Prinzipien?

Eines der als am drängendsten eingestuften Probleme der nordrhein-westfälischen Bildungslandschaft galt schon zu Zeiten der SPD-Landesregierung Unterrichtsausfall. Deswegen durfte es keine Lehrerausflüge vor Ende der Unterrichtszeiten mehr geben, keine Fortbildungen im Vormittagsbereich (geschweige denn über mehrere Tage hinweg) usw.

Die neue Landesregierung machte dann ernst: Als erstes wurden alle Lehrer eingestellt, derer man habhaft werden konnte. Die Hysterie um den Unterrichtsausfall trieb allerdings weitere Blüten. Obwohl es mangels einstellbaren Personals keinerlei Möglichkeiten gibt Vertretungskräfte einzustellen, wenn Lehrer erkranken – und einen Vertretungspool gibt es schlichtweg nicht mehr – darf kein Unterricht ausfallen. Das führt dann dazu, dass im Grundschulbereich beispielsweise Klassen aufgeteilt werden: die Schüler werden – mit irgendwelchen Arbeiten versorgt oder auch nicht – in Kleingruppen in andere Klassen geschickt. Das ist natürlich sehr sinnvoll, weil die lehrerlosen Schüler nichts Neues lernen und die durch zusätzliche Schüler beglückten Klassen auch nicht so gut voran kommen (größere Enge, mehr Unruhe, weniger Aufmerksamkeit, mehr Störungen). Es ist immer sinnvoller, eine Menge mehr Schüler in volle Klassen zu quetschen, als einen Vertretungsplan aufzustellen, bei dem zwar Stunden ausfallen, aber dann wenigstens Unterricht für die lehrerlose Klasse wie für die übrigen statt findet.

Nun gut, das ist Ansichtssache, darüber kann man streiten oder es lassen – es geht ja auch nicht wirklich um die Vertretungsprobleme. Denn die Sahnehaube kommt ja erst, in Form der „Sprachstandsfeststellungen“ in den Kindergärten.

Für diese Sprachstandsfeststellungen werden Lehrer losgeschickt. Besonders in der „zweiten Runde“, die gerade abläuft, sind ausschließlich die Grundschulen im Einsatz. Besser gesagt, ihre Lehrer (dort, wo keine Sozialpädagogen vorhanden sind – und das sind rund 3000 der schätzungsweise 3800 Grundschulen in NRW). Und dafür fällt Unterricht aus! Es geht nicht anders, weil die Tests im Vormittagsbereich statt finden.

Auf einmal ist es also nötig, dass Unterricht ausfällt? Wie geht das? Wo bleibt die Aufregung darüber? Wo die Schelte?

Ach nein, das kommt ja von oben, das ist verordnet. Macht nichts, dass die Lehrer mehr als kurzfristig erst mit ihrem Material versorgt wurden. Macht auch nichts, dass die Ausbildung für die Tests und das Testmaterial beinahe in die Hose ging, weil kaum Zeit dafür vorhanden war.

Die Grundschulen können ca. 50 Stunden nicht auffangen. Der Unterricht findet entweder nicht statt oder es gibt eine „Aufbewahrung“ der betroffenen Schüler in anderen Klassen, die einen geregelten Unterricht in diesen anderen Klassen auch nicht möglich sein lassen.

Herzlich willkommen in der Schulwelt von heute!

Kleine Frage: Wo doch so viel privatisiert wird – warum wird die Durchführung der Tests nicht „privatisiert“? Warum wird das nicht professionell Ausgebildeten übertragen, die das im Auftrag der Schulen und der Schulaufsicht machen?

Oh, wahrscheinlich, weil das Kosten verursachen würde. Und die Bildung unserer Kinder darf nicht mehr kosten. Investitionen in die Zukunft – in die Kinder, die nächsten Generationen – werden anders definiert.

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