Der Tag, an dem die Araber Palästina entdeckten

Daniel Pipes, Jerusalem Post, 13. September 2000

Am heutigen Tag wurde beinahe der palästinensische Staat ausgerufen – zum inzwischen dritten Mal.

Am 1. Oktober 1948 stand der Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini vor dem palästinensischen Nationalrat in Gaza und erklärte die Existenz einer vollständig palästinensischen Regierung.

In der Theorie herrschte dieser Staat bereits in Gaza und sollte bald ganz Palästina kontrollieren. Entsprechend wurde er mit einem vollständigen Kabinett zu erhabenen Proklamationen über Palästinas freie, demokratische und souveräne Natur geboren. Aber das Ganze war Betrug. Gaza wurde von der ägyptischen Regierung geführt, die Minister hatten nichts zu führen und die vollständig palästinensische Regierung breitete sich nie weiter aus. Statt dessen verfiel diese Fassade schnell.

Fast genau vierzig Jahre später, am 15. November 1988, wurde wieder ein palästinensischer Staat ausgerufen, wieder auf einem Treffen des palästinensischen Nationalrats.

Diesmal rief ihn Yassir Arafat aus. Auf manche Weise war dieser Staat sogar noch sinnloser als der erste; er wurde in Algier ausgerufen, fast 3000 Kilometer und vier Staaten von Palästina entfernt und kontrollierte nicht einen einzigen Quadratzentimeter des Gebietes, das er beanspruchte. Obwohl die Erklärung von Algier damals enorme Aufmerksamkeit erhielt (die Schlagzeile der Titelseite der Washington Post hieß: „PLO ruft Palästinenserstaat aus“), ist sie nach einem Dutzend Jahren genauso vergessen wie die ihr voran gegangene Ausrufung von Gaza.

Mit anderen Worten: Die heutige Ausrufung eines palästinensischen Staates hätte ausgezehrten Boden beackert.

Wir wissen nicht, was das heutige Statement ausgesagt hätte, aber wie das Dokument von 1988 hätte es wahrscheinlich behauptet, dass „das palästinensisch-arabische Volk seine nationale Identität vor langer Zeit in der Antike schmiedete“.

In Wirklichkeit geht die palästinensische Identität nicht bis in die Antike zurück, sondern genau bis 1920. Anfang 1920 gab es kein „palästinensisch-arabisches Volk“, aber im Dezember des Jahres nahm es Formen an, die in ihrer Art der heutigen erkennbar ähnlich war.

Bis ins späte 19. Jahrhundert identifizierten sich Bewohner der Region zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer in Begrifflichkeiten der Religion: Muslime fühlten sich weit entfernt lebenden Glaubensbrüdern viel enger verbunden als den nebenan wohnenden Christen und Juden. In dieser Gegend zu leben, erforderte keine Sinn für gemeinsame politische Ziele.

Dann kam aus Europa die Ideologie des Nationalismus; sein Ideal einer Regierung, die den Geist ihres Volkes einschließt, war den Menschen im Nahen Osten fremd, sprach sie aber stark an. Wie konnte dieses Ideal also angepasst werden? Wer bildet eine Nation und wo müssen deren Grenzen liegen? Diese Fragen stießen große Debatten an.

Mancher sagte, die Bewohner der Levante seien eine Nation; andere sagten, es seien die, die östliches Arabisch sprechen; wieder andere, alle Arabisch sprechenden Menschen; oder alle Muslime.

Aber niemand schlug „Palästina“ vor – und aus gutem Grund: Palästina, damals eine säkulare Art Eretz Israel oder Terra Sancta zu sagen, drückte ein rein jüdisches und christliches Konzept aus, die Muslimen vollkommen fremd, sogar zuwider war.

Diese Abscheu wurde im April 1920 bestätigt, als die britische Besatzungsmacht ein „Palästina“ zurecht schnitt. Muslime reagierten sehr argwöhnisch und betrachteten richtigerweise diese Benennung als einen Sieg des Zionismus. Sie machten sich aber weniger korrekt Sorgen darüber, dass dies eine Wiederbelebung des Kreuzzug-Impulses signalisierte. Kein prominenter Muslim begrüßte 1920 die Formung Palästinas; alle protestierten dagegen.

Statt dessen richteten die Muslime westlich des Jordan ihre Loyalität nach Damaskus, wo der Ur-Ur-Großvater von Jordaniens König Abdullah II. damals regierte; sie betrachteten sich als Südsyrer.

Interessanterweise vertrat niemand diese Angliederung stärker als ein junger Mann namens Amin al-Husseini. Im Juli 1920 stürzten aber die Franzosen diesen Haschemitenkönig; damit starb die Vorstellung eines Südsyrien.

Isoliert durch die Ereignis im April und Juli machten die Muslime in Palästina das Beste aus der schlechten Lage. Ein prominenter Jerusalemer Einwohner kommentierte das nur Tage nach dem Sturz des haschemitischen Königreichs so: „Nach den jüngsten Ereignisse in Damaskus müssen wir eine komplette Kehrtwende in unseren hiesigen Plänen unternehmen. Südsyrien existiert nicht mehr. Wir müssen Palästina verteidigen.“

Die Führung folgte diesem Rat und übernahm im Dezember 1920 das Ziel der Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates. Innerhalb weniger Jahre wurden diese Bemühungen von Husseini angeführt.

Andere Identitäten – syrisch, arabisch und muslimisch – wetteiferten die folgenden Jahrzehnte weiterhin mit der palästinensischen, aber die Letztere hat die meisten inzwischen beiseite gefegt und herrscht fast unangetastet.

Damit legt die Tatsache, dass diese Identität so jungen und berechnenden Ursprungs ist, nahe, dass die palästinensische Identität nur oberflächlich verwurzelt ist und irgendwann enden könnte, vielleicht so schnell, wie sie entstand.

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