Das Zeitalter der Unvernunft

Vorbemerkung:
Innerhalb des heutigen Westens (dem außerhalb der islamischen Parallel- und Nichtparallel-Gesellschaften) werden „Glaubenskriege“ im Namen der Wissenschaft ausgetragen. Das bedeutet allerdings, dass vor allem Wissenschaftler gegen jeden toben, der sich als an einen Gott (den jüdischen/christlichen, Allah) glauben. Als Begründung wird angegeben, dass Wissenschaft per Definition unreligiös ist, Göttliches jeglicher Art darin nichts zu suchen hat und Glaube schlicht unwissenschaftlich ist sowie dazu führt, dass wissenschaftliche Arbeit nicht möglich ist.
Abgesehen davon, dass sich unsere Wissenschaften von heute von einigen der entscheidenden Erkenntnisse trennen müssten, weil die Leute, die diese Dinge heraus gefunden haben, tief gläubige Christen waren (Isaac Newton zum Beispiel) und ihre Arbeit also als unwissenschaftlich gewertet werden müsste, verträgt sich diese Kampfbehauptung atheistischer Wissenschaftler nicht mit ihrem Anspruch der Wissenschaftlichkeit. Melanie Philipps hat das hervorragend herausgearbeitet:

Melanie Philipps, Daily Mail, 6. August 2007

Unser meist gefeierter Atheist, der Biologe Prof. Richard Dawkins, hat kürzlich seine Aufmerksamkeit vom Einschlagen auf Menschen, die an Gott glauben, abgewendet. Statt dessen ist er drauf und dran auf Menschen einzuprügeln, die sich „New Age“-Therapien verschreiben, von denen er sagt, dass sie auf „irrationalem Aberglauben“ gründen.

In einer Fernsehsendung, die im Verlauf dieses Monats ausgestrahlt werden soll, betrachtet Dawkins eine Reihe absurder Therapien und Gurus, darunter Glaubensheiler, psychische Medien, „Engel-Therapeuten“, „Aura-Fotografen“, Astrologen und andere. Es überrascht nicht, dass ihn solch weit verbreiteter Irrationalität entsetzt, ganz zu schweigen von der das ausnutzenden Industrie, die die Menschen schröpft, während sie sie ermutigt vor der Wirklichkeit davon zu laufen.

Er hat Recht alarmiert zu sein. Was früher in den Bereich der Kurpfuscher und Scharlatane gehörte, ist zum Mainstream geworden. Der NHS [der nationale Gesundheitsdienst in Großbritannien] finanziert Schamanen, während der „NHS-Direktor für Alternative und Ergänzende Medizin“ wirbt für „Wünschelrutengänger“, „Blumentherapeuten“ und „Kristall-Heiler“.

Solche Therapien sind nicht einmal die Hälfte des Ganzen. Millionen von uns sind nur allzu bereit zu glauben, dass die Welt von Verschwörungen und verdeckten Kräften kontrolliert ist, für die es nicht eine Spur von Beweisen gibt, weil solche Theorien schlicht verrückt sind.

So treiben Artikel in der Presse und Fernseh-Dokumentationen den Glauben an, dass die Anschläge auf Amerika vom 11. September von der US-Regierung selbst aufgezogen wurde. Gleichermaßen glauben Tausende, dass Prinzessin Diana durch eine Verschwörung des Duke of Edinburgh, Prinz Charles und das MI5 ermordet wurde.

Der ehemalige TV-Sportreporters David Icke, der verkündete, dass er „der Sohn Gottes“ ist, argumentiert in Bestseller-Büchern, dass Großbritannien von Flutwellen und Erdbeben vernichtet werden wird und dass die Welt von einer geheimen Gruppe namens „Globale Elite“ oder „Illuminati“ beherrscht wird, die für den Holocaust, den Bombenanschlag von Oklahoma City und den 11. September verantwortlich war.

Diese Trends sind nicht nur einfach bescheuert, sondern unheimlich. Tausende von Kulten kombinieren jetzt ähnlich verrückten Glauben mit Programmen zur Kontrolle des Denkens und Verhaltens der Menschen. Zu ihren Techniken gehören Entzug von Essen und Schlaf; die Herbeiführung von Trancezuständen durch Hypnose und ausgedehntes rhythmisches Skandieren; und „Bombardement mit Liebe“, bei dem Mitglieder des Kultes von an Bedingungen geknüpfter Liebe bombardiert werden, die immer dann entzogen wird, wenn eine Abweichung von den Diktaten des Führers vorliegt.

In der Tat verstörend. Aber Dawkins rennt mit seiner Annahme in die falsche Richtung, dass all das genauso irrational ist wie der Glaube an Gott. Die Wahrheit ist, das es der Zusammenbruch des religiösen Glaubens ist, der das Aufkommen solcher Irrationalität hervor gerufen hat.

Wir leben in einem wissenschaftlichen, weitgehend postreligiösen Zeitalter, in dem Glaube als unwissenschaftlicher Aberglaube dargestellt wird. Doch haben wir paradoxerweise solchen Galuben durch Glaube an erwiesenen Unsinn ersetzt. Es war G. K. Chesterton, der berühmt spottete: „Wenn die Menschen aufhören an Gott zu glauben, glauben sie nicht an nichts – sie glauben an alles.“ Das hat sich als wahr erwiesen. Aber wie lief das ab?

Der große Fehler ist es, die Religion und die Vernunft als diametrale Gegensätze zu betrachten. Sie sind es nicht. Tatsächlich ist die Vernunft wesentlich für die jüdisch-christlichen Tradition.

Die Bibel liefert das Bild eines rationalen Schöpfers und ein geordnetes Universum – die entsprechend die Schablone für die Ausübung der Vernunft und die Entwicklung der Wissenschaft liefert.

Dawkins schüttet seinen Hohn besonders über biblische Wunder aus, die nicht mit der wissenschaftlichen Realität korrespondieren. Aber religiöse Gläubige haben andere Arten diese Ereignisse zu betrachten, wobei viele sie entweder als Metaphern oder als natürliche Geschehnisse ansehen, die mit einer größeren Bedeutung umgeben sind.

Das Herz der jüdisch-christlichen Tradition ist der Glaube an das Konzept der Wahrheit, das die Vernunft aufkommen lässt. Aber unser postreligiöses Zeitalter hat proklamiert, dass es so etwas wie objektive Wahrheit nicht gibt, sondern nur das was „für mich wahr“ ist.

Der Grund dafür ist, dass unsere Gesellschaft nichts duldet, was dem, „was ich will“, im Weg steht. Wie wir uns bei etwas fühlen ist zum Wichtigsten überhaupt geworden. Und so ist die Vernunft von der Emotion entthront worden und das Denken wurde durch Gefühle ersetzt.

Das bedeutet, dass unsere Gesellschaft nicht länger zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann, indem sie Beweise und Logik nutzt. Und dieser Zusammenbruch der objektiven Wahrheit hat im Gegenzug dazu geführt die Gesellschaft selbst zu untergraben, die eine Rolle spielt, für die sie nicht gerüstet ist.

Als die Wissenschaft sich im Westen erstmals entwickelte, dachte sie sich selbst nur als ein Werkzeug zur Erkundung der natürlichen Welt. Sie schüttete keinen Hohn über Religion aus; in der Tat waren die Wissenschaftler überwältigend religiös Gläubige (wie es heute noch viele sind).

In modernen Zeiten hat die Wissenschaft allerdings dem „Scientismus“ zum Aufstieg verholfen – das ist der Glaube, dass die Wissenschaft alle Fragen der menschlichen Existenz beantworten kann. Das stimmt nicht. Die Wissenschaft kann nicht die Herkunft des Universums erklären. Dennoch maßt sie sich an, das tun zu können und das Ergebnis davon ist, dass sie in die Irrationalität abgeglitten ist.

Das auffälligste Beispiel dafür wird von Dawkins selbst geliefert, der die Regeln der wissenschaftlichen Beweisführung bricht, indem er zu behaupten versucht, dass Darwins Theorie der Evolution – die erklären wollte, wie sich komplexe Organismen durch zufällige natürliche Selektion entwickelten – auch für die Herkunft des Lebens selbst erklärt.

Dafür gibt es keinerlei Beweise und es ist nicht logisch. Immerhin, wenn die Leute sagen, dass Gott das Universum nicht geschaffen haben kann, weil das die Frage aufwirft wer Gott geschaffen hat, dann folgt daraus, dass Wissenschaftler, die sagen das Universum begann mit einem Urknall, eine weitere Frage aufgeworfen wird: „Was hat den Urknall geschaffen?“ Tatsächlich würde, wenn der Ursprung des Lebens wirklich spontan wäre, dies etwas darstellen, das religiöse Menschen ein Wunder nennen würden. Daher ähnelt diese Behauptung an sich weniger der Wissenschaft, als mehr dem Aberglauben, über den sich Dawkins lustig macht.

Mehr noch: Da die Wissenschaft uns im Endeffekt überall hin bringt, wohin die Beweise uns führen, haben die Erkenntnisse von mehr als 50 Jahren DNA-Forschung – die die beinahe unglaubliche Komplexität der Anordnungen, die zur Produktion des Lebens nötig sind – die Theorie in Zweifel gebracht, dass das Leben spontan in einem zufälligen Universum entstand.

Diese Theorie steht – natürlich – heftiger Gegenargumentation offen, aber Leute wie Prof. Dawkins und andere haben sich mächtig ins Zeug gelegt zu verhindern, dass sie überhaupt verbreitet wird; ihr Grund dafür: sie leugne wissenschaftliche Beweise wie die dokumentierten fossilen Funde und sei daher wertlos.

Dennoch sind angesehene Wissenschaftler gejagt und ihre Karrieren gefährdet worden, weil sie dafür eintraten, dass die fossilen Funde ein gigantisches Loch aufweisen. Vor etwa 570 Millionen Jahren, in einer Periode, die wir als kambrische Explosion kennen, entstanden die meisten Formen tierischen Lebens scheinbar ohne jegliche evolutionäre Vorgeschichte. Diese Wissenschaftler führen an, dass nur „rationale Agenten“ die Fähigkeit gehabt haben können solch komplexe und durchorganisierte Systeme zu schaffen.

Ob sie recht haben oder nicht (und ich weiß das nicht), ihre wissenschaftliche Argumentation zur Abwesenheit von Beweisen, um die Behauptung zu unterstützen, dass Leben sich selbst spontan schuf, wird unterdrückt – mit der total perversen Begründung, dass diese Argumentation den Regeln der Wissenschaft, wonach Beweise zur Stützung einer Theorie gebraucht werden, nicht entspräche.

Der Ergebnis dieser Arroganz ist, dass der Westen – der Schmelztiegel der Vernunft – die Uhr in ein vormodernes Zeitalter der Aufklärungsfeindlichkeit, der Dogmen und säkularen Hexenjagden zurückdrehen. Weit davon entfernt die Vernunft hoch zu halten, ist die Wissenschaft selbst unvernünftig geworden. Wenn also Prof. Dawkins gegen „New Age“-Irrationalität wettert, dann kommt unweigerlich das Bild vom Topf und Deckel auf.

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