Ein Lehrer mit Glaube und Vernunft


Haben Sie von dem religiösen Fundamentalisten gehört, der an der Universität in Cambridge Physik lehren wollte? Diese Möchtegern-Lehrer war nicht einfach ein Christ; er war so mit der biblischen Prophetie beschäftigt, dass er ein Buch mit dem Titel „Observations on the Prophecies of Daniel and the Apocalypse of St. John“ (Betrachtungen zu den Prophezeiungen von Daniel und der Apokalypse des Heiligen Johannes) schrieb. Auf der Grundlage seines Verständnisses des Propheten Daniel sagte er das Datum der Apokalypse voraus: nicht vor 2060. Er berechnete auch das Jahr, in dem die Welt geschaffen wurde. Wenn in 1. Mose (Genesis) 1,1 steht: „Im Anfang“, so legte er fest, bedeutete das 3.988 v.Chr.Nicht viele modernen Universitäten sind bereit einen wissenschaftlichen Professor zu beschäftigen, der sich nicht nur für „Intelligent Design“ stark macht, sondern für eine vollkommen göttliche Schöpfung. Die Schriften dieses Bewerbers über Astronomie z.B. beinhalten diese Gedanken zum Sonnensystem: „Dieses überaus schöne System von Sonne, Planeten und Kometen konnte nur aus dem Rat und der Vorherrschaft eines intelligenten und mächtigen Wesens herrühren… ER regiert alle Dinge und weiß alles, was ist oder getan werden kann.“

Sollte man jemanden mit diesen Ansichten einstellen, um Physik zu lehren? Ein baptistisches Junior College tief im amerikanischen Bible Belt vielleicht, aber der Lehrkörper würde einen Anfall bekommen, wenn man es irgendwo anders auch nur versuchen würde. Viele von ihnen würden Richard Dawkins aus Oxford nachplappern; der prominente Evolutionsbiologe schreibt in „The G-d Delusion“ (Die Täuschung Gott), er ist „fundamentalistischer Religion gegenüber feindselig eingestellt, weil sie aktiv das Unternehmen Wissenschaft korrumpiert… Sie unterwandert die Wissenschaft und untergräbt den Intellekt.“

Ebenso unverblümt ist Sam Harris, Doktorand für Neurowissenschaften und ein weiterer schonungsloser Feind der Religion. „Der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ist inhärent und hat (fast) keine Schnittmengen“, schrieb er. „Der Erfolg der Wissenschaften erfolgt oft auf Kosten des religiösen Dogmas; die Beibehaltung religiöser Dogmen erfolgt immer auf Kosten der Wissenschaften.“ Weniger elegant, aber mit mehr Einfluss klassifizieren die von der National Academy of Sciences 1895 herausgegebenen National Science Education Standards die Religion in die Kategorie der „Mythen“, „mystischen Inspiration“ und des „Aberglaubens“ – die allesamt ziemlich unkompatibel mit wissenschaftlichen Studien sind. Michael Dini, Biologe an der Texas Tech University in Lubbock, machte 2003 Schlagzeilen durch seine Politik Empfehlungsschreiben für Studenten im Hauptstudium abzulehnen, die nicht „wahrhaftig und offen die wissenschaftliche Antwort“ auf die Frage nach dem Ursprung der Menschheit beantworten können. Wissenschaft und Religion, sagte er zu dieser Zeit in einem Interview, „sollten sich nicht überlappen“.

Solche Überlegungen hielten Cambrigde aber nicht davon ab die oben beschriebene, von Theologie und der Bibel durchdrungene Person einzustellen. Tatsächlich gaben sie ihm den prestigeträchtigen Lucasian-Lehrstuhl für Mathematik – im Jahr 1668. Eine gute Sache, da Isaac Newton – ungeachtet seiner religiösen Leidenschaft und intensivem Interesse an biblischer Interpretation – dann später der berühmteste Wissenschaftler seiner Zeit wurde; und wohl der einflussreichste der Geschichte.

Newtons brennendes Interesse an Theologie, Eschatologie und den Geheimnissen der Bibel ist Thema einer neuen Ausstellung an der Hebräischen Universität in Jerusalem (online auf: http://jnul.huji.ac.il/dl/mss/Newton). Seine riesige Zahl religiöser Schriften – geschätzte drei Millionen Worte – reichen von den Dimensionen des Tempels Salomos bis zu einer Methode das Datum für Ostern entsprechend den Erklärungen biblischer Symbole zu berechnen. „Newton war einer der letzten großen Männer der Renaissance“, merken die Kuratoren an, „ein Denker, der in der Mathematik, der Physik, Optik, Alchemie, Geschichte, Theologie und der Interpretation der Propheten arbeitete und Verbindungen zwischen allen sah.“ Das Vorurteil des 21. Jahrhunderts, dass Religion ausnahmslos „die Wissenschaft untergräbt“, wird von der außergewöhnlichen Figur widerlegt, die es schaffte die Zusammensetzung des Lichts zu entdecken, die Gesetze der Bewegung zu deduzieren, die Integral- und Differentialrechnung zu erfinden, die Schallgeschwindigkeit zu berechnen und die Gravitation im Universum zu definieren – alles, während er tief an die „Beherrschung eines intelligenten und machtvollen Wesens“ glaubte. Weit entfernt davon seine wissenschaftliche Integrität zu untergraben, vermerkt die Ausstellung: „Newtons Frömmigkeit diente als eine seiner Inspirationen für das Studium der Natur und dessen, was wir heute Wissenschaften nennen.“

Für Newton war es axiomatisch, dass religiöse Forschung und wissenschaftliche Untersuchung einander ergänzen. Es gab in beiden von G-tt geschriebenen „Büchern“ Wahrheiten zu finden, dem Buch der Heiligen Schriften und dem Buch der Natur – oder wie Francis Bacon es nannte: dem „Buch des Wortes G-ttes“ und dem „Buch der Werke G-ttes“. Die Welt empirisch zu studieren bedeutete nicht, dass man den religiösen Glauben aufgab. Im Gegenteil: Je besser die Arbeitsweise der Schöpfung verstanden wurde, desto näher könnte man dem Schöpfer kommen. In der Sprache des 19. Psalms: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes[a], / und das Himmelsgewölbe verkündet seiner Hände Werk.“

Sicher, religiöses Dogma kann eine Augenbinde sein, die denen Wahrheiten versperrt, die sich weigern diese zu sehen. Wissenschaftliches Dogma kann denselben Effekt haben. Weder Glaube noch Vernunft können jede Frage beantworten. Wie Newton wusste, ist der sicherere Weg zur Weisheit der, der Raum für beides hat.

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