Disservice – ganz schlecht gemacht

Mein erstes Aha-Erlebnis mit einem ins Deutsche gebrachten Text eines (großen) Verlages hatte ich vor rund zwanzig Jahren. Es war ein richtig dicker Wälzer, eine Übersetzung eines Romans, der gerade im Fernsehen als mehrteilige Serie gelaufen war. Damals hatte ich nur ein unbestimmtes Gefühl, dass mit dem Buch etwas nicht wirklich stimmte. Bis mir dann bei einer Kusine das amerikanische Original in die Hände fiel und ich ein paar Seiten vergleichend las. Daneben strich ich dann in der deutschen Version die Stellen an, die ich nicht richtig übersetzt vorfand. Es wimmelte nur so von blauen Markierungen. Seit damals lese ich nach Möglichkeit amerikanische Bücher im Original. (Es gab zum Glück auch noch eine vernünftige Übersetzung eines anderen Verlags – es muss also kein Schund sein, den man hier bekommt.)

Hätte ich das nur auch mit der Serie getan, die ich derzeit lese. Es handelt sich um die sechs Bände der „Zion-Passion“ von Bodie Thoene. Es ist eine wunderbar geschriebene Geschichte Deutschlands, Europas und Israels (damals noch britisches Mandat Palästina)der Zeit vom Spätherbst 1936 bis Ende 1939. Eine Geschichte der Juden, entschiedenen Christen und anderer Menschen, die gegen das Nazi-Regime waren, eingebettet in die geschichtlichen Zusammenhänge. An einigen Stellen wird die Geschichte sicherlich ein wenig strapaziert und es gibt Stellen, die man nicht für bare Münzen geben sollte. Aber die Stimmung der Verdammten und Hoffenden wird in enorm einfühlsamem Maß eingefangen und weiter gegeben.

Und doch ärgere ich mich seit dem dritten Band zunehmend. Denn seit diesem dritten Band hat eien Dame die Bücher ins Deutsche gebracht, die von Tuten und Blasen nun wirklich überhaupt keine Ahnung hat! Und das anscheinend weder geschichtliche, noch allzu viel von der deutschen wie der englischen (amerikanischen) Sprache. Und das Tollste: Man kann es deutlichst erkennen, ohne die englische Version vorliegen zu haben!

Das fängt damit an, dass der amerikanische Außenminister (Secretary of State) als „Staatssekretär“ wieder gegeben wird; das sollte man eigentlich heutzutage wissen, aber wenn’s der einzige grobe Fehler wäre – Schwamm drüber. Leider ist das nur der Anfang, der sich über die drei folgenden Bände immer weiter verschlimmert. Da sucht ein Attentäter ein Gewehr – was nur eine von mehreren Übersetzungsmöglichkeiten für „gun“ ist und für diesen Attentäter, der seine Waffe verbergen muss, keinerlei Sinn macht. (Hätte der Mann ein Gewehr gesucht, hätte im Original „rifle“ gestanden.) Wie wenig Ahnung die Übersetzerin von der Materie (Waffen) hat, kann man schließlich im sechsten Band lesen, als sie „field gun“ mit „Feldgewehr“ überträgt – was es schlichtweg nicht gibt! (Richtig wäre gewesen: Feldgeschütz; leichte Artillerie; leichte Kanone.)

Die militärische Ahnungslosigkeit spiegelt sich weiter im Begriff „Junior-Offizier“, den es im Deutschen gar nicht gibt. Im Englischen bezeichnet es einen Leutnant, Oberleutnant oder Hauptmann, der in einer von einem höher gestellten Offizier befehligten Einheit eine Untereinheit kommandiert. In diesem Fall ist ein Hauptmann (Captain) der „senior officer“ und so hätte man das ohne Probleme mit „Leutnant“ ins Deutsche bringen können. Oder einfach nur mit „Offizier“.

Was ist ein Dom? Im Englischen ist dome eine Kuppel. In Berlin brannte in der „Kristallnacht“ (nicht nur) eine Synagoge, sondern ihr „Dom“ brach auch krachend ein. Hä? „Kuppel“ ist kein Wort aus dem Wortschatz der „Übersetzerin“!

Oder fragen Sie einmal einen Wiener oder Wien-Kenner, wo dort der Imperialpalast ist (war?). Das hätte selbst ein Übersetzungsprogramm besser hinbekommen! Dort wäre dann ein jüdischer Kantor auch nicht mit „Pastor“ angeredet worden.

„Setzen Sie sich, Shiva“, fährt ein Offizier einen jüdischen Kibbutznik an. Dessen Name ist aber nicht Shiva, sondern Arthur Bader, dessen Verlobte gerade von arabischen Terroristen ermordet wurde. Die englische Version muss „Sit Shiva!“ geheißen haben. Mit anderen Worten: Von jüdischen Gepflogenheiten fehlt hier der geringste Hauch einer Ahnung, denn der Offizier „befahl“ dem Kibbutznik seine Trauer- und Klagezeit zu begehen.

Mit „Körpern“ geht es weiter – der englische Offizier fordert die arabischen Dorfältesten schriftlich auf tote Terroristen zu identifizieren. Wenn sie tot sind, handelt es sich im Englischen um „bodies“ (Singular: body). Das kann „Körper“ bedeuten, aber nicht in diesem Zusammenhang – hier heißt es „Leichen“. Traurig.

Das Übersetzungs-Trauerspiel gipfelt dann in Rückübersetzungen aus dem Englischen. Statt sich eine deutsche Bibel zu schnappen und die Verse nachzuschlagen und abzuschreiben, versucht die Dame sie aus dem Englischen ins Deutsche zu übertragen. Fehlschlag hoch drei! Den Worten fehlt jegliche Kraft, die die jeweiligen Bibelverse in welcher deutschen Bibelübersetzung auch immer haben.

Gleiches gilt – und hier wird es wirklich schaurig – wenn sie einen der berüchtigtsten Redeausschnitte Adolf Hitlers selbst „übersetzt“: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.

So heißt das Original – das sich ohne Probleme im Internet finden ließe – und auch in jeder halbwegs brauchbaren Bibliothek gefunden werden könnte. Es ist so bekannt, dass eigentlich nur Geschichtsignoranten den Wortlaut nicht wenigstens im Ansatz kennen. Leute, wie die „Übersetzerin“: Falls es den jüdischen Bankiers in [sic!] und außerhalb Europas gelingen sollte, die Nationen in einen Weltkrieg zu stürzen, wird das Ergebnis auf der Erde nicht der Bolschewismus oder der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!

Herzlichen Glückwunsch!

Ich kann es mir zum Glück leisten die nur unwesentlich teureren englischsprachigen Bücher zu kaufen, weil ich sie lesen kann. Die deutschen Bände werde ich wohl dorthin zu befördern, wo sie hingehören: auf den Müll.

Zu dieser Serie gibt es Fortsetzungen; auf Deutsch laufen sie unter den Seriennamen: Die Zion-Chroniken und Die Erben Zions. Die habe ich mir gar nicht erst auf Deutsch gekauft (zumal es noch drei Bände zur ersten Serie gibt, die auf Deutsch nicht erhältlich sind). Außerdem hat das Ehepaar Thoene noch eine Reihe in Arbeit, die auf Englisch „A.D. Chronicles“ heißt. Ich werde mich hüten, diese in Deutsch anzufassen. Billige „Übersetzungen“ lassen mir nur die Halsschlagadern anschwellen. Das ist es nicht wert. Schon gar nicht bei solch tollen Büchern.

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