„Abgestempelt“

Wanderausstellung zu Juden und Antisemitismus in Deutschland
(Die Links im Text führen zu weiteren Fotos aus der Ausstellung)

Einführung zu
Die Ausstellung „Abgestempelt“ stellt die Bundeszentrale für politische Bildung zur Verfügung und wurde in deren Auftrag von Museum für Kommunikation und dem Jüdischen Museum der Stadt Frankfurt erstellt. Bis zum 21. Februar 2008 gastiert sie in der Hoffnungskirche im Leverkusener Stadtteil Rheindorf, wo sie am 28. Januar von Oberbürgermeister Küchler eröffnet wurde.

Ausstellung
Die Ausstellung ist nicht groß, aber sie beeindruckt. Große Stellwände liefern kurze, einprägsame Erklärungen der Exponate, einer Vielzahl von Postkarten, vor allem aus dem Zeitraum von etwa 1890 bis in die 1920-er Jahre und dem Zweiten Weltkrieg, durch die offenbar auch der Name der Ausstellung entstanden ist. Sie gehören zu den fast 1.000 Postkarten mit antisemitischen Motiven, die Wolfgang Haney gesammelt hat.

Postkarten-Sammelleidenschaft
Thematisch sind die Ausstellungsstücke in mehrere Themen gegliedert. Zum Einstieg gibt es eine kurze Geschichte der Postkarte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dann erfolgt der Übergang zur Nutzung dieses Kommunikationsmittels durch Antisemiten und wie einige antisemitische Motive entstanden sind. Der Rest der Geschichte vor dem Dritten Reich besteht aus Fragen, die mit erklärenden Äußerungen zu den ausgestellten Postkarten beantwortet werden:

Es ist wahrscheinlich wenig bekannt, dass während der Inflation 1922/23 das von Städten gedruckte Notgeld ebenfalls oft antisemitische Motive enthielt.
Notgeld aus der Inflationszeit 1922/23
Hier gibt es in der Ausstellung allerdings auch ein Fragezeichen: Neben dem von einzelnen Städten ausgegebenen Notgeld sind eine ganze Reihe Reichsbank-Noten ausgestellt; die darauf befindlichen antisemitischen Aufdrucke erscheinen nicht zum Originalzustand zu gehören, sondern später aufgedruckt worden zu sein. Es müsste nachgeforscht werden, von wem diese Aufdrucke zu welchem Zweck gemacht wurden.

Nazideutschland
Der vorletzte Abschnitt beschäftigt sich mit dem Thema „Wenn der Antisemitismus an die Macht kommt“ – soll heißen, mit dem systematischen Antisemitismus des Dritten Reichs. Er glieder sich wieder in Abschnitte, die die Phasen der antisemitischen „Arbeit“ der Hitler-Diktatur darstellen und zunächst erklärt werden („Antisemitismus als Staatsideologie im Nationalsozialismus“): „Machtergreifung“, „Ausstellungs-Offensive“ und „totaler Krieg“:

  • In der ersten Phase gab es „Ausschreitungen gegen Juden“.
  • Ab 1936 folgten Ausstellungen über den Charakter der Juden und ihre Beiträge gegen die Menschheit („Bolschewismus“, „Entartete Kunst“, „Der ewige Jude“)
  • Der „totale Krieg“ gegen die Juden begann mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939, als die Kriegsgegner als von den Juden geführt und beherrscht dargestellt wurden, unterstützt von Filmen wie „Jud Süß“, der „Ewige Jude“ usw. Ab etwa Mitte des Krieges gab es antisemitische Feldpostkarten, die von der Ostfront und den besetzten Gebieten im Osten von Soldaten, Angehörigen der „Einsatzgruppen“ und Zivilpersonal der Besatzungsbehörden nach Hause geschickt wurden.

Stereotype heute
Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Blick auf die Gegenwart: Wie gehen wir heute mit Stereotypen um? Wann wird die Grenze des „Erträglichen“ überschritten? Gibt es antisemitische Klischees, die bis heute überlebt haben?

Zur Verdeutlichung gibt es eine Tabelle mit „Stammtischansichten“ der Europäer über einander, zwei Comics (Asterix, Tim und Struppi), in denen Stereotype zu finden sind, ein paar Markenprodukte, die Stereotype aufzeigen (könnten), sowie die Kunstinstallation „Feinkost Adam“, die die Unkenntnis des und Umgang mit dem jüdischen Leben aufgreift und mit Vorurteilen konfrontiert. Es fällt angenehm auf, dass die Ausstellungsstücke der Markenprodukte dem Zuschauer nicht vorgibt, was daran stereotyp oder diskriminierend sein könnte, denn nicht alles muss so sein; aber Betrachter kann sich seine eigenen Gedanken machen – was sicher beabsichtigt ist.

Die letzte Stellwand führt eine problematische Entwicklung der letzten Jahre an, die zeigen, wie schief das Bild auf die Juden heute noch/wieder ist.
Israel ist eine Bedrohung!
Dazu werden Besorgnis erregende Umfrageergebnisse aus den Jahren 2002 bis 2004 zitiert, nach denen Israel als größte Bedrohung des Weltfriedens betrachtet wird; eine Mehrheit der Befragten die CIA und den Mossat als Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 ansehen; 20% der Befragten den Juden die Schuld geben, „dass wir so große Weltkonflikte haben“; 33% der Deutschen der Meinung sind, dass die Juden zu viel Einfluss in der Welt haben.

Diese Ausstellung zeigt vor allem den – wie ich es nennen möchte – „deutschen Alltags-Antisemitismus“ auf, dem die Bevölkerung sich ausgesetzt sah. Sie beschreibt, wie tief verankert er im Denken eines nicht unbedeutenden Teils der Deutschen war, ohne Staatspolitik zu sein – aber auch ohne systematisch bekämpft zu werden. Antisemit war man offenbar so „gleichberechtigt“, wie andere bei den Sozialdemokraten, Mitglied in Veteranenvereinen oder Kleingärtner waren (wobei das eine das andere nicht ausschloss).

Der heute grassierenden Antisemitismus wird von der Ausstellung nicht dargestellt. Angesprochen wird er lediglich im Rahmen allgemeiner Stereotypisierungen und möglicher Diskriminierungen und über die Zitierung der Israelfeindlichkeit offenbarenden Umfragen. Der heutige bei uns sichtbare rechtsradikale und muslimische (und arabische) Antisemitismus kommt überhaupt nicht zur Sprache. Das mag als Defizit angesehen werden, würde aber wohl eine Ausstellung sprengen, in der es um den „persönlichen“ Antisemitismus, seine „stilleren“ Erscheinungsformen und das Einschleichen ins (Unter-)Bewusstsein der Menschen geht, über das aufgeklärt werden soll. Dazu wäre vielleicht auch ein etwas umfangreicherer Teil über die Gegenwart wünschenswert, der aber schnell auch in politische Korrektheit hätte abgleiten können. So gesehen ist es gut, dass der Besucher sich seine eigenen Gedanken über die heutigen Zustände machen muss.

 

6 Gedanken zu “„Abgestempelt“

  1. Kannst Du bitte den Text mit den Pics neu anordnen.
    Die Pics setzen sich auf den Text und ist somit nicht ganz lesbar. Danke

  2. Guerreiro hat recht, bei mir ist es auch. Es gibt in Worpress eine lay-out option; Alignment oder so. Man muß drauf achten, das bei so breiten Fotos nich „left“ oder „right“ markiert ist, also der Text um das Bild drumrumfließt, sondern das er „top“ oder „basicline“ ist. Wenn man die Option nicht findet kann man auch mit dem Cursor solange schnackeln bis der Text unter dem Bild erscheint.

  3. Okay, ich habe jetzt jedes Foto ohne Ausrichtung drin stehen und hinter jedem Foto einen erzwungenen Zeilenumbruch. Hoffentlich reicht das, sonst weiß ich nicht, was ich noch machen könnte.

  4. Jetzt ist es prima. Danke.

    Zwei Anmerkungen: Eine von uns und unserer Webseite (anfänglich) begeisterte Internetsurferin hat unseren Kindern sämtlich Tim und Struppi DVD’s geschickt. Und unsere Kinder haben die auch auf English aus der Bücherei entliehen, mehrfach, und gelesen. Eines über die SU habe ich auch mal mitgelesen, die Filme habe ich nicht ertragenm weil die Stimmen mich wahnsinnig machten. Die Kinder aber mögen es. Insofern ist mir nie aufgefallen, das es da Antsisemitismus gibt. Muß ich doch in den nächsten Tagen gleich mal schauen.

    2. Die Ausstellung wäre natürlich vollständiger wenn man ganz konkret auf den linken Antisemitismus verweist. Beispiele gäbe es ja viele (LaFontaine, Pöttering etc. pp.)

  5. Feinkost Adam!
    Tatsächlich bin ich auch mit dem Bild aufgewachsen, eigentlich keine Ahnung wieso (von den Lehrern vermittelt??), daß Juden die „besseren und moralisch höherstehenden Menschen“ sein müßten. Ich wurde zu einem glühenden Verteidiger des JUDEN ohne es im Einzelnen tatsächlich an der Person zu überprüfen oder überprüfen zu können. Das hat, weitgehend unkritisch, in mir bis vor etwa 25 Jahren Bestand gehabt. Das hatte auch damit zu tun, daß ich nun erstmals persönlich welche kennenlernte, denn meine Kindheit in Berlin war praktisch judenfrei. Insofern waren Juden igendwie „synthetische Buchfiguren“ – Geschichtsbuchfiguren.

    Erst danach, als ich merkte welche Mieslinge es auch unter Juden gibt und besonders dann, in den letzten Jahren, wenn es um eine Beurteilung Israels ging, habe ich Juden auf „Normalmaß“ zurückgestuft. Inzwischen ist meine Haltung ausgeglichen, unaufgeregt projüdisch und proisraelisch. Das heißt an der erlebten und überprüfbaren Wirklichkeit orientiert. So wie ich auch Russen, Dänen oder Iraner mag, wenn sie, ja wenn sie so sympathisch sind, daß man sie mögen muß.
    Nur hat das dazu geführt das ich, sowie ich mich proisraelisch äußere als „Philosemit“ beschimpft werde. Sage ich etwas konservatives, also in dem Sinne, dass ich zum Beispiel Noam Chomsky oder ähnlich gestrickte Leute kritisiere, nennt man mich Nazi.
    Die einzige Lehre daraus kann nur sein, seinen Stil oder Weg unbeirrt und unbeindruckt zu verfolgen. Dem jüdischen Mitbürger in besonders freundlicher und aufgeschlossener Weise zu begegnen, ohne die Geschichte zu vergessen, ihm aber auch „die Meinung zu geigen wenn er Blödsinn verzapft“.

    Mein Solidaität für Israel ist davon völlig unbeeindruckt.

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