Deutsche Medien – Verwirrungsanstalten

In der Stadt Dimona fand der erste „erfolgreiche“ Selbstmord-Anschlag seit etwas mehr als einem Jahr statt. Während in Israel klar berichtet wird, dass eine Frau von dem Attentäter ermordet und ein zweiter Attentäter von der Polizei erschossen wurde, nachdem er entdeckt wurde und versuchte seinen Sprengsatz zu zünden, ist sich die deutschen Medienlandschaft alles andere als einig. Da ist davon die Rede, dass bei einem Selbstmordanschlag 3 oder wahlweise 4 bzw. „mindestens 4“ Menschen „umgekommen“ sind; die meisten schreiben dann noch, dass zu den Toten die Attentäter gehören. In diesem Durcheinander eine noch unrühmlichere Ausnahme ist al-Reuters: Ein Selbstmordattentäter hat am Montag in einem Einkaufszentrum im Süden Israels drei Menschen mit in den Tod gerissen (aha – der/die Täter sind nicht darunter) … Die Polizei ging nach den Worten eines Sprechers von einem Terroranschlag aus. (Hallo Reuters? Wenn sogar – wie bei euch gemeldet – ein Sprengstoffgürtel gefunden wird, was anderes als ein Terroranschlag soll das sein? Ist dann die Aussage eines Polizeisprechers diesbezüglich so wichtig, dass man sie in einer Zwergmeldung bringen, aber sonst nicht recherchieren muss und Fehlinformationen verbreitet, wenn andere schon ausführlich und korrekt zum Thema berichten?)

Weiterhin herrscht Uneinigkeit, wer sich zu dem Anschlag bekannt hat: Der Palästinensische Islamische Jihad wird von der ZEIT und dem Tagesspiegel angeführt, die FAZ gibt an, dass der PIJ sich bekannt haben soll, aber auch die Al-Aksa-Märtyrerbrigaden telefonisch mitteilten, sie hätten den Anschlag ausgeführt. IsraelNationalNews.com berichtet, dass der PIJ die Tat bestritt, aber lobte und die Fatah-Terroristengruppe die Verantwortung für den Anschlag übernahm. Die Jerusalem Post schreibt, dass zuerst der PIJ die Verantwortung beansprucht habe, aber dann auch „weitere Organisationen“ dies für sich reklamierten. Dies wird von YNetNews.com weiter ausgeführt, die ein Bekennertelefonat mit dem Terrorsender Al-Manar zitieren: Abu al-Walid, hochrangiger Al-Aksa-Vertreter, sagte: „Wir übernehmen die Verantwortung dafür, gemeinsam mit den Abu Ali Mustafa-Brigaden und den Vereinigten Widerstands-Brigaden…“

Die Portale und Nachrichtenseiten der Radio- und Fernsehsender streiten sich ebenfalls über die Zahl der Opfer (tagesschau.de: mindestens 4; n-tv: 4; ZDF heute: ein Israeli und zwei Attentäter tot), zählen aber – bis auf das ZDF – die Mörder mit zu den Opfern. Das ZDF erwähnt als einziges explizit das Bekenntnis der Fatah-Terroristen, ohne dabei die Gerüchte über den PIJ aufzugreifen.

Die WDR2-Nachrichten von 13 Uhr machen weiter irritierende Angaben. Dort wird gesagt, dass mehrere Organisationen den Anschlag für sich beanspruchen, darunter auch die „Al-Aksa-Brigaden, die mit der vom Westen unterstützten Fatah in Verbindung stehen“. Der Ablauf des Anschlags wird gegenüber allen anderen Berichten – vor allem denen aus Israel – auf den Kopf gestellt: „Sicherheitskräfte“ erschossen einen Attentäter, den anderen erwischten sie nicht mehr und der sprengte sich dann.

Erstaunlich auch, dass Augenzeugenberichte von vielen Medien völlig ignoriert werden. Während Sanitäter berichten, dass einem Bewusstlosen geholfen werden sollte, an dem ein Sprengstoffgürtel gefunden und dieser dann erschossen wurde, als er aufwachte und versuchte seinen Gürtel zu zünden, schreiben einige Medien (u.a. tagesschau.de, Tagesspiegel, FAZ, ZEIT), der zweite Attentäter sei eine halbe Stunde nach der ersten Explosion aus einem Versteck gerannt gekommen, woraufhin die Polizei ihn erschoss – eine Version, die wenig Sinn macht, wenn man davon ausgeht, dass der zweite Attentäter Hilfe leistenden Israelis umbringen wollte.

Richtig „tolle“ Ausnahmen zu den übrigen von mir besuchten Seiten bilden SPIEGEL online und dradio.de Politik: Bei ihnen ist über den Anschlag bisher gar nichts zu finden. (Stand 12.45 Uhr, Nachtrag: beim SPIEGEL gilt das anscheinend nur für das Portal, am Abend habe ich einen Link gefunden, der schon um 10.11 Uhr eingestellt worden sein soll, also keine 45 Minuten nach dem Anschlag. Allerdings enthält er um Mitternacht noch haufenweise falsche Informationen des Vormittags.)

Es ist frappierend, wie wenig genau offenbar deutsche Medien mit diesem Anschlag umgehen. Die meisten nehmen eine Anfangsmeldung, bringen diese und verfolgen nicht, was sich in der Folge tut. Das ZDF weiß noch immer nicht, dass das israelische Todesopfer eine Frau ist; eine ganze Reihe bekommen die Zahl der (Gesamt-)Toten nicht auf die Reihe und die inzwischen als falsch bekannte Meldung, der PIJ habe für den Anschlag verantwortlich gezeichnet, wird weiter stehen gelassen (Ausnahme, wie oben angeführt, FAZ und ZDF sowie WDR2). Wo differenzierter berichtet wird, sind trotzdem seltsame Inhalte Der WDR greift anscheinend Meldungen auf, die nirgendwo bestätigt werden. Ein kurzer Blick in israelische Medien (wozu gibt es das Internet?) scheint in fast allen Fällen nicht als Idee aufzukommen. Der einzige Bericht, der sich nicht (durch die Berichte in israelischen Medien) als fehlerhaft erwiesen hat, kommt von Norbert Jessen von der WELT – und ist ausführlicher als andere sowie auch noch zeitlich als einer der ersten eingestellt!

Allen – außer der FAZ und WELT – ist gemein, dass sie die Gesamtzahl der Toten als Opfer angeben. Weiterhin gemein ist allen, dass sie herausstellen, dass dies der erste Selbstmord-Anschlag seit einem Jahr sei (die WELT schreibt allerdings leicht abgewandelt). Beides ist faktisch nicht falsch, aber irreführend. Die Mörder sind keine Opfer, sie sind Täter. Sie Betonung „erster seit einem Jahr“ suggeriert, dass es seit einem Jahr in Sachen Selbstmordanschläge Ruhe gegeben hat, während es nicht an Versuchen mangelte. Sie konnten aber von den israelischen Sicherheitsorganen verhindert werden. Das kommt bei unseren Medien nicht zur Sprache. Und so kann der Leser dann über die Anmerkungen, dass die Attentäter wahrscheinlich über die Bresche in der Grenze zwischen Gazastreifen und Ägypten kamen, die nicht ausgesprochene Verbindung zu den unterdrückerischen Verhältnissen in den „Palästinensergebieten“ ziehen. Letzten Endes wird Israel damit wieder als Ursache für den Anschlag dargestellt – auch wenn das keine ausdrücklich so schreibt.

Nachtrag: Henryk M. Broder hat auch einen kleinen Schuss in Sachen Anschlag in Dimona und Medien losgelassen – sich allerdings beschränkt er sich „nur“ auf die „Berichterstattung“ im ZDF.
Auch Ruth von „Blick auf die Welt – von Beer Sheva aus“ beschäftigt sich etwas ausführlicher mit den ZDF.

Wer Englisch lesen kann: Israellycool und Israel Matzav haben live gebloggt, was sie an Nachrichten fanden. Der Preis für die idiotischste Schlagzeile verleihen wir dann mal an AP (Israellycool hat den Screenshot): 1 killed by Israel suicide bomber (1 Person von israelischem Selbstmordbomber getötet) – es gibt einfach nichts, das es nicht gibt…

Und noch eine Kleinigkeit am Rande: Während bei uns auf den Rosenmontagszügen Kamelle und Strüssjer fliegen, tun sie das im Gazatreifen auch. Allerdings wird da nicht Karneval gefeiert, sondern erfolgreicher Judenmord.