Gebrochene Tabus

Wahrscheinlich ist das ja nur ein unbedeutender und falscher Eindruck. Aber wenn ich beispielsweise die putzige Ulrike lese, wie sie von einer „Tabubrecherin“ schreibt und sich damit selbst als solche beweihräuchert, dann frage ich mich: Wieso lese ich von solchen Brechern immer nur dann, wenn es gegen Israel geht? Wieso hält sich jeder für einen Tabubrecher, nur weil er/sie den jüdischen Staat „kritisiert“ und irgendetwas zu meckern hat, was sonst nicht einmal den Weg in die Randnotizen finden würde?

Spätestens der große Tabubrecher Jürgen Möllemann (gut, der hat einige Tabus gebrochen, was aber nun wirklich keine Meisterleistung war) hat bei diesem Thema den Maßstab gelegt, als er behauptete, es müsse ja wohl erlaubt sein Israel kritisieren zu dürfen. Damit baute er die Fassade auf, die heute noch von allen Tabubrechern gestützt wird: dass Israel zu „kritisieren“ nicht erlaubt sei. Dass das mit der Wirklichkeit nun überhaupt nichts zu tun hat, spielt keine Rolle, bis heute nicht. Die selbst ernannten Tabuerkenner und –brecher haben es so definiert, also hat es so zu sein.

Angesichts des allgemeinen Konsenses, dass die Israelis der Buhmann bis das Unglück der Welt sind, hat es nichts mit Tabubruch zu tun, sich gegen diesen Staat zu äußern. Das passiert überall und jederzeit. Wer also „Kritik“ an Israel übt, der befindet sich voll im Mainstream – und zwar so mittendrin, dass er keinerlei Kritik zu fürchten braucht, weil jeder seiner Kritiker sofort vom Rest niedergewalzt wird.

Wirklicher Tabubruch ist also heute in unserer Gesellschaft die Stellungnahme für Israel. Echter Tabubruch ist die Kritik an den Palästinensern dafür zu benutzen, sich auf die Seite der Opfer in diesem Konflikt zu stellen; auf die Seite des Volkes, das in Wirklichkeit belagert ist, aber angeblich immer nur die anderen belagert; das einstecken muss, ohne sich darüber beklagen zu dürfen, von dem aber immer behauptet wird, es würde nur austeilen; dessen Lobby angeblich jegliche Kritik verhindert, während genau diese „Kritik“ in allen Medien fröhlich verbreitet wird, ohne auch nur beanstandet werden zu dürfen.

Wenn sich also jemand in Sachen Nahost zum Tabubrecher stilisiert, dann ist er wohl eher jemand, der ein Brechen verursacht, das mit Mageninhalten ausgeführt wird.