Der Zug der Erinnerung

Ohne die Bahn und ihre Züge hätten die Nazis ihr Programm der „Endlösung“ nicht durchführen können. Dabei ist ihr Tun und Wirken für den Holocaust bisher wenig „aufgearbeitet“ worden (ich mag diese Vokabel eigentlich nicht). Eine Initiative hat sich zum Ziel gesetzt an die mit der Bahn verschleppten und ermordeten (aber auch der überlebenden) Kinder und Jugendlichen zu erinnern: Der Zug der Erinnerung.

Dieser Zug machte am Monatswechsel Februar/März zwei Tage Station im Bahnhof Opladen. Von diesem Aufenthalt stammen die eingearbeiteten und verlinkten Bilder, wie auch ein haarsträubender Gästebucheintrag im Zug.

Die erste Überraschung beim Betreten des Bahnhofs: Der Zug ist auch etwas für Eisenbahn-Nostalgiker, denn er wird von einer Dampflokomotive gezogen und die Waggons sind auch „nicht gerade neu“. Die moderneren tragen die Aufschrift mit der Information:
Aufschrift

Diese neueren Waggons sind so eingeteilt, dass im Gang auf der in Fahrtrichtung linken Seite Fotos vernichteter Kinder montiert sind. In den ehemaligen (vergrößerten) Abteilen finden sich die Ausstellungswände. Es beginnt mit einer Übersicht, wie der Streckenverlauf der Hauptrouten in die Vernichtung aus ganz Europa aussah,

Karte Bahnrouten in die Vernichtung

flankiert von einer kurzen Geschichte der Züge in die Vernichtung und Angaben zu den aus den einzelnen Ländern abtransportierten jüdischen Kindern sowie der Sinti und Roma.

In den nächsten Abteilen folgen Einzelschicksale, die repräsentativ für alle stehen. Dem Schicksal der Familie Katzmann aus dem Erzgebirge mit Tochter Inge (Jahrgang 1933), die über Leipzig und das KZ Theresienstadt nach Auschwitz geschickt wurde. Der Fall von Rudi Löwenstein steht als Beispiel für Jugendliche, die versuchten ihre Liebe bis zum Ende nicht aufzugeben, was mit Originaldokumenten festgehalten werden kann.

Das Schicksal von Sinti und Roma wird am Beispiel von Kindern aufgezeigt, deren Familien in Dreihausen bei Marburg überwinterten. Von 18 Personen, davon 11 Kinder und Jugendliche, überlebten nur vier.

Eine weitere „Kategorie“ für in die Vernichtung verfrachtete Kinder ist Ursula W. (geb. 1926) samt weiteren, die als „lebensunwert“ eingestuft wurden – wegen körperlicher Gebrechen, „problematischen“ Sozialverhaltens etc. Sie kamen nicht in KZs, sondern in „Vergasungsanstalten und „Kinderfachabteilungen“, was auf dasselbe hinauslief: Tötung. Dazu wird eine Karte gezeigt, auf der die Orte dieser Anstalten eingetragen sind (sie hätte größer ausfallen können):

Karte

Nach einer Abteilung über Verhältnisse in den Lagern und während des Transports mit dem Zug wird auf Kinder und Jugendliche aus anderen Ländern Europas übergegangen. Aus Norwegen wurden Juden zuerst mit dem Schiff transportiert, bevor sie in Zügen nach Auschwitz fahren mussten. Graciella steht für 58.000 vernichtete Juden aus Griechenland. In Litauen werden von August und November 1941 30.000 (jüdische und „halbjüdische“) Kinder erschossen, darunter auch Marie Holzmann (19), der bis zuletzt nicht gesagt wird, warum. Der Mutter wird in der Todesnachricht mitgeteilt, Marie sei eine gefährliche Kommunistin gewesen und ihr Vater Jude.

Wie grausam mit Familien – auch von Seiten des Auslands – umgegangen wurde, zeigt das Beispiel der Familie Hauben aus Krakau. Die Eltern vertrauen Tochter Ruti deren Tante an, die mit ihr und dem eigenen Sohn erst auf’s Land flieht, dann ins Ghetto von Rzeszow ziehen muss. 1942 erhalten Tante und Cousin Auswanderungspapiere – Ruti muss zurückbleiben und wird 1944 bei ihrer Ankunft im Lager Auschwitz ermordet.

Ein immens wichtiger Teil der Ausstellung folgt in den älteren Waggons, die keine Abteile mehr haben. Hier sind einige der entscheidenden Organisatoren der Bahntransporte in die Vernichtung aufgeführt. Die meisten von ihnen hatten nach dem Krieg Karrieren – bei der Bahn, aber auch in der Industrie – und wurden in lange Ehren gehalten. Nur einer von ihnen wurde vor Gericht gestellt, Albert Ganzenmüller; sein Verfahren wurde 1977 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt. Seine Rolle wird nicht nur beschrieben, sondern kann auch durch einen Briefwechsel mit Heinrich Himmlers Adjutant Karl Wolff dokumentiert werden.

Noch etwas ausführlicher ist die Beschreibung von Julius Dorpmüller, der ab 1937 als Reichsverkehrsminister entscheidend an der Organisation der Todestransporte teil hatte. Er starb im Juli 1945 und wurde 1949 vom Entnazifizierungsausschuss als „entlastet“ eingestuft. Er bleibt in der Bundesrepublik hoch angesehen; nach ihm werden Säle und Räume der Bahn und Straßen verschiedenster Städte benannt (bis 1985); die Bahndirektion Hamburg bezahlt bis 1991 die Pflege seines Grabes. Bis 1995 bleibt er Ehrensenator der TH Aachen.

Eine Videoinstallation lässt die Befragung eines Bahners hören, der erklärt, dass die Bahnhöfe, zu denen die Transporte in die Vernichtung gingen, für ihn lediglich „Ziele“ waren. Wie üblich, hat der Mann nichts gewusst. Er gehört zu den vielen, die die Augen und Ohren massiv und aktiv schlossen. Aber selbst weit oben angesiedelte, aktive Täter wie Walter Stier, der an der Wannsee-Konferenz teilnahm, brauchen im Nachkriegsdeutschland nichts befürchten!

Wer noch Kraft dazu hat, kann einen „Brief an Hannelore“ schreiben. Es wird ausdrücklich dazu ermuntert, die vorhandenen Briefe zu lesen und neue zu schreiben, die den eigenen Gefühlen zum Thema Ausdruck geben.

Briefe an Hannelore

Gegenüber etwas eher Symbolisches: Trauergebräuche – Christen bringen Blumen mit ans Grab, um zu zeigen, dass sie dort waren, Juden legen einen Stein hin. Hier sind die Steine – anders als normalerweise – mit Namen und Daten (ermordeter Kinder und Jugendlicher) beschriftet.

Steine und Blumen

Im Anschluss erhält die Ausstellung so etwas wie „Lokalkolorit“. Neben der Geschichte einer Jugendlichen, die auf dem Kölner Hauptbahnhof festgenommen wurde, ist hier (vorläufig) Platz für das Schicksal zweier jüdischer Familien aus den (heutigen) Leverkusener Stadtteilen Wiesdorf und Opladen, die bei der hiesigen Ausstellungseröffnung vom Oberbürgermeister übergeben wurden.

Ebenfalls Teil der Ausstellung sind Informationen über befreite Kinder mit Aussagen, wie glücklich sie auf einmal waren und sein konnten und wie belastend das Überleben andererseits doch auch war.

Am Ende des Zuges gibt es Informationen zum Verein „Zug der Erinnerung“ und seinen Aktivitäten sowie ein Gästebuch. Und hier kann man nach dem Schrecken der Nazis noch zweimal erschrecken.

Die Bahn ist ein Betrieb, der offensichtlich bisher weder an einer Aufarbeitung ihrer Geschichte interessiert war noch etwas dazu beizutragen bereit ist, wenn andere daran arbeiten. Wir kennen das Hickhack um die (meiner Meinung nach unsinnigen) Dauerausstellungsversuche in Bahnhöfen. Es erstreckt sich auch auf die Ausstellung „Zug der Erinnerung“. Und so sind Herr Mehdorn und seine Vorstandskollegen trotz vielfältiger Proteste hochrangigster Persönlichkeiten aus Politik und öffentlichem Leben nicht bereit, den Zug umsonst oder gegen geringeres Entgeld über ihr Streckennetz fahren oder in Bahnhöfen stehen zu lassen. Damit muss der Verein im Monat Tausende Euro aufbringen um €3,50 pro gefahrenen Kilometer und zwischen €250 und €425 pro Tag an den Standorten zu zahlen – was sich schnell mal auf fast €8.000,- (November 2007) oder mehr belaufen kann. Alleine die Standgebühren für Dezember 2007 belaufen sich auf €5.872,50 – NETTO! Dass die Deutsche Bahn AG nicht bereit ist, hier auf Kostenerstattung zu verzichten oder nur symbolische Zahlungen zu fordern, ist ein Zeichen, dass man dort offensichtlich in keinster Weise bereit ist sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Während Industriebetriebe eigens Leute damit beschäftigen die Vergangenheit im Nazireich aufzuarbeiten, verlangt die Bahn noch haufenweise Geld dafür, dass das für sie erledigt wird. Ich empfinde das als unglaubliche Sauerei und habe mir erst einmal vorgenommen, dieses Verkehrsmittel nicht mehr zu nutzen.

Manchmal nicht viel besser, wenn auch auf ganz anderer Ebene, sind Einträge in Gedenkbüchern. So auch hier. Da hatte einer hineingeschrieben (Unterschrift unkenntlich gemacht): „NIE WIEDER KRIEG. NIE WIEDER AUSCHWITZ. NIE WIEDER AUSCHWITZ ALS BEGRÜNDUNG FÜR KRIEG.“
Das ist genau die Form des „Nie wieder“, die wir nun gar nicht brauchen können. Dieser Schreiber würde sogar für Auschwitz nicht bereit sein einen Kampf zu führen. Auf solche Leute – die leider wohl eine Mehrheit in Deutschland stellen – trifft genau der Ausspruch von Dennis Prager zu, den ich in die Sidebar gestellt habe: Aus dem Nationalsozialismus habt ihr nichts gelernt. Statt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt ihr gelernt, dass es böse ist zu kämpfen. Prager hatte dem noch ein „es scheint so“ voran gestellt. Das kann man ohne weiteres streichen. Solche Leute sind die, die dem neuen Völkermordversuch an den Juden nichts entgegenzusetzen bereit sind, sondern die sich wehrenden Juden noch als Aggressoren diffamieren. Ich habe mir verkneifen müssen, selbst etwas in dieses Buch zu schreiben, es wäre unanständig geworden. Hier kann ich jetzt, nachdem ich mich abgeregt habe, einen Eintrag machen, der dort hätte stehen sollen:

NIE WIEDER
“Nie wieder“ muss heißen:
Keine Morde an Unschuldigen mehr.
Keine Morde an Juden mehr, weil sie Juden sind, egal, wo sie sind.
Man darf nicht nur die Toten der Vergangenheit betrauern,
sondern man muss auch die Judenvernichtung und
den Antisemitismus der Gegenwart bekämpfen.
Und dazu gehört aufzustehen,
wenn jüdische Kinder mit Raketen beschossen werden,
wenn sie mit Gewehren oder Artillerie beschossen werden.
Auch, wenn Terroristen die eigene Bevölkerung als Geisel nehmen,
ihre Kinder als menschliche Schutzschilde benutzen,
um Juden töten zu können.
Es gehört dazu,
dass man terroristische Propaganda zurückweist,
Terroristen Terroristen nennt statt Freiheitskämpfer
und sie aktiv daran hindert ihrem Tun nachzugehen.
Es gehört dazu,
dass man diejenigen,
die sich gegen den Terror wehren,
unterstützt statt sie zu verurteilen.
Kurz gesagt:
“Nie wieder“ heißt,
die Leute, die das Werk der Nazis fortsetzen wollen,
zu bekämpfen und notfalls zu vernichten,
wie die Herrschaft der Nazis beseitigt wurde.

3 Gedanken zu “Der Zug der Erinnerung

  1. „Ohne die Bahn und ihre Züge hätten die Nazis ihr Programm der „Endlösung“ nicht durchführen können. Dabei ist ihr Tun und Wirken für den Holocaust bisher wenig „aufgearbeitet“ worden (ich mag diese Vokabel eigentlich nicht).“

    Raul Hilberg hat sich umfassend mit der Rolle der Deutschen Bahn auseinandergesetzt. Dort kann man zum Beispiel nachlesen, wieviel Geld von Juden für ihre Deportation in die Vernichtungslager verlangt wurde. Ich glaube, lediglich in Deutschland möchte man nichts darüber wissen, dass das Unternehmen, von dem man täglich zur Arbeit gebracht wird, dabei geholfen hat den Massenmord an den Juden organisieren.

    „Eine Videoinstallation lässt die Befragung eines Bahners hören, der erklärt, dass die Bahnhöfe, zu denen die Transporte in die Vernichtung gingen, für ihn lediglich „Ziele“ waren. Wie üblich, hat der Mann nichts gewusst. Er gehört zu den vielen, die die Augen und Ohren massiv und aktiv schlossen.“

    An diesem „Ziel“ wurde Waggon für Waggon abgekoppelt und ins „Lager“ gebracht. Es ist einfach absurd, wenn Leute, die eine Funktion im industriellen Massenmord erfüllt haben, erklären, sie hätten von „nichts“ gewusst.

  2. „Aus dem Nationalsozialismus habt ihr nichts gelernt. Statt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt ihr gelernt, dass es böse ist zu kämpfen“

    Also haben wir was daraus gelernt. Nur nicht das, was Deiner Meinung nach richtig ist. Wenn Du der Meinung bist, daß in dem Lager der „ihr“ einige Vernünftige sind, mit denen Du reden willst, oder wenn ein politisch Erfahrener der Meinung ist, daß man auch Verbindungen in dieses Lager der „ihr“ braucht, schreibt man nicht so pauschalierend verurteilend. Es ist einfach niemals richtig.

    Ich weiß nicht, aus welchem Land Du kommst. Ich lebe in Deutschland. Sind alle Italiener Mafiaangehörige oder Pabsthörig? Sind alle Russen Säufer? Also, wer bitte sind diese ominösen „ihr“.

  3. Klar, und jeder, der „ihr Deutschen“ sagt, ist ein Rassist und Veruteiler oder was?
    „Ihr“ ist in diesem Fall „ihr Deutschen“, so voll oder weniger voll umfangreich, wie wir hier gerne von „den Amerikanern“ reden oder „Amerika“.
    Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell differenziert werden soll, wenn jemand etwas sagt oder schreibt, was den politisch Korrekten gegen den Strich geht. Nur umgekehrt, das ist das nicht nötig.
    Kritik muus man sich auch mal antun, wenn sie ein allgemeines Empfinden betrifft, aber nicht einen selbst jetzt höchst persönlich. Ich bin Deutscher, ich lebe in Deutschland und ich finde diese Kritik mehr als gerechtfertig, so wie sich Deutsche, unsere politischen Vertreter, Intellektuellen und Medien aufführen. Nicht alle. Aber es sind auch „nicht alle“ Nazis gewesen und mussten trotzdem die Verantwortung für das mit tragen, was im deutschen Namen (und ohne sonderliche Gegenwehr) angerichtet wurde. Hier jetzt Haarspaltereien einzuführen, ist nicht nur unglaubwürdig, sondern auch unaufrichtig.

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