Gut meinender (?) Blindfisch

Im heutigen Tagesspiegel hat Malte Lehming den Besuch von Bundeskanzlerin Merkel in Israel kommentiert. Man könnte spontan versucht sein zu fragen, wieso nur deren Besuch, schließlich hat sie einen großen Teil des Kabinetts mitgenommen. Aber es muss ja nicht jeder Kommentator auf dieselben Fakten hinweisen. Und für die Überschrift kann er vermutlich auch nichts, denn die wird oft nicht vom Autor festgelegt – was es in diesem Fall auch nicht besser macht. Was „Ehre währt am längsten“ mit dem Inhalt des Kommentars zu tun haben soll, erschließt sich wahrscheinlich nicht mal mehr dem Schreiber dieser Schlagzeile.

Wenn dann im zweiten Absatz der Zweck des Besuchs auf die Abholung des Koscherstempels zur Mundtotmachung europäischer „Kritiker“ Deutschlands als Leitmotiv der Bundesregierung definiert wird, dann wird’s allerdings schon etwas fragwürdiger. Man kann das ja vertreten, aber ich finde diese Darstellung etwas sehr einseitig.

Richtig schief wird dann die implizite Behauptung des dritten Absatzes, dass die Islamisten ohne die iranische Atombombe zu Kompromissen bereit sein könnten. Welcher Islamist ist das je gewesen? Höchstens einer, der sich von seinem Islamismus abgewandt hat. Aber das Durchhaltevermögen der Islamisten an der iranischen Bombe festzumachen, ist völlig absurd.

Der nächste Absatz impliziert dann, dass Deutschlands Zustimmung für einen Militärschlag gegen das iranische Atomprogramm gewonnen und damit die Zustimmung Europas dafür gewonnen werden könnte. Für mich spricht das höchstens für unrealistische Sandkastenspiele, die keinerlei Grundlage haben. Das ist mehr als Spekulation. Dass unsere Regierung den Israelis irgendeine Zustimmung zu einem militärischen Schlag gegen den Iran geben würde, glaubt wohl selbst Olmert nicht.

Die seltsamsten Sätze folgen allerdings im letzten Absatz. Ruth aus Beer Sheva hat sich schon dazu geäußert, aber ich möchte das gerne etwas genauer auseinandernehmen:

Die Interessenvertreter souveräner Staaten müssen stets abwägen – wie viel geben, wie viel fordern? Merkel hat, wie die Dinge liegen, enorm viel zu geben. Entsprechend offen könnte sie sein. Zumindest einmal könnte sie Olmert an Rabin erinnern, in dessen Amtszeit israelische Politiker trotz eines gesetzlichen Verbotes Gespräche mit der PLO aufnahmen, die damals die Vernichtung Israels in ihrer Charta verlangte und als Terrororganisation galt. Die PLO hat das nachhaltiger zum Positiven verändert, als es Israel geschadet hat. Nur Freunde können einem Mut machen. Und als Freundin ist Merkel schließlich gekommen.

Merkel soll also Israel maßregeln, ja? Gut, Olmert zu maßregeln, da hätte ich keine Probleme – wenn es nicht immer so wäre, dass solche Freundschaftsdienste Israel immer Bärendienste auferlegen und die derzeitige Jerusalemer Regierung nach solchen Ratschlägen alles verschlimmert. Bedenklicher ist der Vorschlag, dass offensichtlich mit der Hamas verhandelt werden soll. Und die Verhandlungen mit der Araft-PLO als Vorbild betrachtet werden.

Was, bitte, hat die PLO verändert? Sie haben ihre Ziele nicht aufgegeben, die Charta ist – entgegen den Behauptungen westlicher Scharadengläubiger – NICHT geändert, das Ziele weiter die „Befreiung des ganzen historischen Palästina“. Sollen sich die Israelis wieder so verschaukeln lassen, wie durch Arafat? Die „nachhaltigen“ Änderungen der PLO sind lediglich in einem Wechsel der Taktik zu finden: Sie braucht nicht mehr „von außen“ Krieg zu führen oder sich auf kleine Aufstände zu beschränken, sondern agieren jetzt von ihr übergebenem Territorium. Seit „Oslo“ ist der arabische Terror sukzessive verstärkt worden, ist inzwischen in einen Krieg gemündet und hat den „Friedensprozess“ nicht ansatzweise einem Frieden näher gebracht, in dem Israel am Leben gelassen würde. Wer das nicht zugibt, der ignoriert alles, was Arafat (und seine Genossen wie auch sein Nachfolger) seit 1993 auf Arabisch von sich gegeben hat; er ignoriert alles, was die Terroristen seitdem unternommen haben; er ignoriert alles, was in den Schulen der Palästinensergebiete gelehrt, in den Moscheen gepredigt, in den Zeitungen geschrieben, über Radio und Fernsehen verbreitet wurde. Vor allem aber ignoriert er die vielen toten wie verletzten und verstümmelten Terroropfer auf israelischer Seite. Wenn die PLO (bzw. jetzt die Fatah) irgendetwas Positives geschaffen haben, dann die Erkenntnis bei einem großen Teil der Bevölkerung Israels, dass mit ihr kein Frieden möglich ist, so sehr das die Blindfische des Westens wie Israels es auch anders predigen!

Und all das soll sich also jetzt wieder und weiter abspielen? Kanzlerin Merkel soll Olmert raten, den ganzen Mist zu wiederholen? Olmert und seinen Kumpanen ist zuzutrauen, dass sie diesen Rat befolgen würden. Es wäre eher eine Ermutigung, dieselben Fehler weiterhin immer und immer wieder zu begehen und sich entweder zu wundern, weshalb das nicht funktioniert oder das Scheitern zum Erfolg zu erklären. Letzteres ist eine Spezialität von Olmert, aber auch der friedensbesoffenen Realitätsleugner des Westens.

Wer so etwas schreibt, der hilft nicht Israel, der hilft den Terroristen!

Leuten, die solche Vorschläge machen, hat Melanie Phillips etwas zu sagen:

1) Man kann und darf nicht mit ihnen [den islamischen Terroristen] reden, denn es gibt nichts, worüber man reden könnte. Schon mit ihnen zu reden eröffnet die Möglichkeit, dass ihre Agenda irgendwann verhandelbar ist – und das ist schon die halbe Kapitulation.

2) Mit Terroristen, die weiterhin morden und terrorisieren… [zu reden] ist ein Signal der Schwäche; es gibt den aktiven Terroristen volle Motivation die Gewalt hochzufahren.

3) [Mit] Al-Qaida, der Hamas, den Taliban oder dem Iran … würde sie nur stärken und unzählige Weitere für die Sache rekrutieren, aber es würde den moderateren Muslimen und muslimischen Reformern den Boden unter den Füßen wegziehen und den Extremisten die Macht übergeben.

Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Herr Lehming das will. Weshalb er dann vorschlägt, dass genau das vorangetrieben werden soll, ist mir schleierhaft. Aber vielleicht lässt er sich ja überzeugen, wenn er bei seinen Achse-Kollegen nachliest, was Gastautor Paul Nellen dort an Hamas-Verhandler Fritz Kuhn geschrieben hat.