Selbstmord, der Weg zur nationalen Erlösung

Amnon Rubinstein, Jerusalem Post, 21. Mai 2008

Gaza ist dabei zu einem Symbol zu werden. Wir betonen zurecht Israels Bedürfnis dem täglichen, sich immer weiter ausdehnenden Beschuss unserer Zivilsten ein Ende zu setzen; es ist in der Tat offensichtlich, dass Israel irgendwann militärisch einschreiten muss – kein Land könnte anders handeln – um die Gewehre und Raketenwerfer zum Schweigen zu bringen.

Ein weiterer Aspekt ist von gleicher Bedeutung und betrifft die Haltung der Hamas-Herrscher zu der steigenden Spannung: Einerseits verhandeln sie – mit Ägypten, nicht mit dem illegitimen zionistischen Gebilde – wegen einer zeitlich begrenzten Einstellung der Feindseligkeiten. Andererseits genehmigen sie die Vergrößerung der Reichweite ihrer Raketenangriffe, im vollen Wissen, dass die den Tag schneller herbeiführen wird, an dem Israel, egal, unter welcher Regierung, seiner Armee befehlen muss in den Gazastreifen einzumarschieren und der Hamas die Macht abzunehmen.

So sieht die Politik der Hamas aus: nicht nur ein endlos Blut vergießender Krieg gegen das zionistische Gebilde, sondern auch die Bereitschaft als Teil dieses Krieges ihren Zugriff auf den Gazastreifen zu verlieren. Das bedeutet die Bereitschaft nicht nur das Leben von Männern, Frauen und Kindern zu opfern, sondern auch die Bereitschaft genau das Regime zu opfern, das sie vor nicht allzu langer Zeit durch einen gewalttätigen Coup errichtet haben. Mit anderen Worten: Es ist ein stark zum Ausdruck gebrachter Prozess des politischen Selbstmords – nicht nur die Einzelperson ist Schahid, sondern das Regime selbst.

Das mag wie eine extreme Schlussfolgerung klingen, aber wie Ari Bar Yossef, Oberstleutnant a.D. und Administrator des Sicherheitskomitees der Knesset im Armee-Journal Ma’arachot schreibt, sind solche fälle islamistischen nationalen Selbstmords nicht ungewöhnlich. Er zitiert drei Beispiele von arabisch-muslimischen Regimen, die ihre Existenz auf irrationale Weise opfern, sich über ihren Instinkt des Selbsterhalts hinwegsetzen, um den wahrgenommenen Feind bis zum bitteren Ende zu bekämpfen.

  • Der erste Fall ist der des Saddam Hussein, der 2003 den Krieg und die Eroberung dadurch hätte vermeiden können, dass er den UNO-Inspektoren die Suche nach (den offenbar nicht vorhandenen) Massenvernichtungswaffen hätte erlaubte, wo immer diese das tun wollten. Doch der Herrscher des Irak entschied sich für den Krieg, im vollen Bewusstsein, dass er die Macht der USA zu spüren bekommen würde.
  • Der zweite Fall ist der des Yassir Araft im Jahr 2000; nach dem Fehlschlag in Camp David und den Gesprächen in Taba hatte er zwei Optionen: weiterhin mit Israel zu reden – das unter der Führung von Ehud Barak stand, der die moderateste und flexibelste Regierung leitete, die Israel je hatte – oder von Gewalt Gebrauch zu machen. Er wählte das Zweite, mit dem Ergebnis, dass alle Fortschritte hin auf eine palästinensische Unabhängigkeit blockiert waren. Der daraus folgende Verlust von Leben, auf beiden Seiten, bezeugt, wie Arafat Selbstmord dem Kompromiss vorzog.
  • Der dritte Fall ist der der Taliban. Nach dem 11. September hatte deren Führung zwei Möglichkeiten: in Verhandlungen mit den USA einzutreten mit der Aussicht darauf Osama bin Laden auszuliefern; oder Krieg und Vernichtung zu riskieren. Die Wahl, die sie trafen, war offensichtlich: Lieber bis zum Tod kämpfen als auch nur einen Zentimeter aufgeben.

In allen der drei Fälle ist die Schlussfolgerung einfach: in die Länge gezogener Krieg, Tod, Vernichtung und nationaler Selbstmord sind friedlichen Lösungen des Konflikts vorzuziehen: Der Tod ist Verhandlungen mit Ungläubigen vorzuziehen. Dieselbe Schlussfolgerung ist natürlich darauf anzuwenden, dass die Palästinenser für die Hamas und ihren selbstmörderischen Weg stimmten und für die Entscheidung des Iran sich mit seinem Bestehen auf den Erwerb von Atomwaffen gegen den UNO-Sicherheitsrat zu stellen.

Diese Fälle, auch wenn sie in den Annalen der Geschichte beispiellos sind, sollten nicht allzu sehr überraschen. Wenn man individuellen Selbstmord glorifiziert, dann ist der Tod der Schlüssel zu einem glücklichen Leben nach dem Tod; wenn der Krieg selbst heilig gemacht wird, warum sollte diese Vorstellung nicht vom Individuum auf das Kollektiv ausgedehnt werden? Auf das Regime selbst? Selbstmord ist der Weg zur persönlichen wie der nationalen Erlösung.

Glücklicherweise sind nicht alle arabischen oder muslimischen Regime so. Die riesige Mehrzahl der Araber wünscht sich Leben, Freiheit und Glück. Aber wenn es um das verhasste Israel geht, herrscht der Wahnsinn und das nicht nur bei den Iranern. Es ist eine Tatsache, dass das ausdrückliche Ziel des Iran „Israel von der Landkarte zu wischen“ mit der impliziten Drohung dafür Atomwaffen zu benutzen, von vielen Palästinensern unterstützt wird – obwohl auch sie dabei „weggewischt“ würden.

Selbstmord im Kampf gegen Israel hat einen Grad an Legitimität erworben, den der Westen nicht einmal ansatzweise begreifen kann.

Dieser unangenehme Folgerung muss entgegengetreten werden. Andererseits sollte es uns dringend dazu bringen unsere Anstrengungen zu verstärken eine Art modus vivendi mit der PLO zu finden, um den Einfluss der Fanatiker zu vermindern (trotz der Tatsache, dass jeder so erzielte Kompromiss vom Iran und seinen Kohorten zurückgewiesen werden wird); währenddessen sollte sich andererseits Israel, wie auch der Westen, auf einen langen, irrationalen und teuren Krieg vorbereiten, der anders sein wird als jeder, der in der Vergangenheit gekämpft wurde.

Der Autor ist Jura-Professor am Interdisciplinary Center (IDC) in Herzliya, ehemaliger Bildungsminister und Knessetabgeordneter und erhielt 2006 den Israel-Preis.