Hass-Prediger im Talar

Es gibt Leute, die kotzen mich einfach an. Obwohl ich sie nicht kenne, einfach nur ihrer ignoranten Arroganz und ihres notorischen Halbwissens wegen, das sie nutzen, um zu verleumden, zu hetzen und Verbrecher zu rechtfertigen. Leider gehören zu dieser Gattung (Un-)Mensch eine ganze Reihe Vertreter z.B. der evangelischen Kirche – studierte Theologen, die weder ihre Bibel nur in Teilen kennen (und anerkennen), noch Ahnung von Geschichte haben. Folgen der „historisch-kritischen“ Methode?

Besonders schlimm wird es, wenn solche Leute halbe Wahrheiten (oder noch weniger) verbreiten und mit ihrer Ignoranz die Geschichte auf den Kopf stellen.

Ein solches Exemplar hat im Korrespondenzblatt, „herausgegeben Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern“ eine Hetzschrift gegen Israel veröffentlichen dürfen, die unter hier als pdf-Dokument (S. 102-103, im Dokument die 6. und 7. Seite) abrufbar ist, die vor geschichtlichen Verdrehungen und Falschaussagen nur so strotzt und den Mord an acht Talmudschülern in Jerusalem regelrecht verteidigt. Es fängt gleich gut an:

„Arabischer Terrorist erschießt acht Jugendliche in einer Jerusalemer Talmudschule!“ – und Israel schlägt verständlicherweise zurück. Soweit das gängige Deutungsmuster.

So fängt Dieter Helbig, Pfarrer i.R., seinen Artikel an – und verschweigt, dass Israel gar nicht zurückgeschlagen hat! Gut, er zieht sich auf „Denkmuster“ zurück – aber was soll das, wenn das „Muster“ dem Geschehen nicht entspricht? Dass Israel gerade nicht „zurückgeschlagen“ hat, hat nach den Anschlägen im Juli massive Kritik nach sich gezogen. Hätte man „zurückgeschlagen“, wäre es möglich gewesen, dass die drei Attentäter vom Juli es sich überlegt hätten, ob sie ihren Hinterbliebenen die Folgen zumuten wollten, so auch eine nicht ganz falsche Argumentation. Herr Pfr. i.R. Helbig mag so weit nicht denken, dann müsste er nämlich sein eigenes Denkmuster überdenken.

Die beiden israelischen Historiker Zertal und Eldar, die ein grundlegendes Werk über die jüdische Siedlerbewegung ab 1967 vorlegen, betonen die tiefe Zäsur, die diese Bewegung von allen früheren zionistischen Unternehmungen trennt.

Eine tiefe Zäsur, aha. Die die israelischen Historiker Zertal und Eldar feststellen. Mal abgesehen davon, dass Eldar kein Historiker ist, sondern politischer Journalist für Ha’aretz, der „palästinensischen Zeitung, die auf Hebräisch geschrieben wird“, fragt sich, welcher Historikergilde die zwei angehören. Pfr. i.R. Helbigs weitere Stütze ist allerdings der „neue Historiker“ Ilan Pappé, der für seine historischen Erkenntnisse auf Fakten und Archivarbeit verzichtet und nur das für Geschichte und wahr hält, was heute von Palästinensern erzählt wird (seine Definition von Geschichtswissenschaften); abgesehen davon, hält er immer noch einem lügenden Fälscher die Stange, der ein Massaker an „Palästinensern“ erfunden hat, dafür Interviews mit ehemaligen Bewohnern des massakrierten Dorfes fälschte, als die ihm nichts von einem Massaker erzählten und deswegen per Gerichtsbeschluss seinen Titel verlor – Pappé wütet heute deshalb heute noch.

Über Akiva Eldar liest man bei Powell Books weiter: Eldar schreibt Kommentarseiten für die New York Times, LA Times, den Philadelphia Inquirer, die International Herald Tribune und die New York Jewish Week. Zu letzterer kann ich nichts sagen, aber die übrigen gehören allesamt der Liste der Verdächtigen an, wenn es um Israel-Bashing und die übelsten Verdrehungen des Geschehens im Nahen Osten geht. Da ist dann kein Wunder, was der Pfr. i.R. zitieren kann.

Prof. Idith Zertal lehrt u.a. an der Hebräischen Universität und hatte Lehraufträge an „berüchtigten“ Universitäten in Chicago und Frankreich, sowie an „Forschungsinstituten in den USA, Europa und Israel“. Die hätte sie nicht erhalten, trüge sie nicht eine linke Haltung zur Schau, die Israel alles Unrecht in die Schuhe schiebt, das im Nahen Osten zu finden ist. Inhaltlich und in ihrer Grundhaltung muss sie zu Eldar passen, sonst hätten die beiden wohl kaum ein gemeinsames Buch gegen die Siedler in Judäa und Samaria geschrieben, das diese als mehr oder weniger alleiniges Übel beschreibt, das den Nahen Osten plagt und den Staat Israel einkassiert hat.

Das sind also die Historiker, auf die sich der Herr Pfarrer stützt. Eine hervorragende Gesellschaft, die solche Kracher hervorbringt wie diesen:

„Das Scharon und einige seiner Siedlerfreunde praktisch die einzigen Politiker des Westens (außer den slawischen Unterstützern Serbiens) waren, die militärische Maßnahmen zur Verhinderung der serbischen ethnischen Säuberungen in Bosnien und dem Kosowo waren, war kein Zufall.“

Es wird nicht ganz klar, ob dies jetzt ein Zitat aus dem Buch der beiden Autoren des vom Herrn Pfr. i.R. Helbig so gerne zitierten Buches ist oder vom Rezensenten. Ich vermute Letzterer zitiert oder übernimmt den Inhalt. Und der Blogger „Bob from Brockley“ (selbst erklärter Feind Sharons) zeigt deutlichst auf, dass diese Darstellung völliger Blödsinn ist, pure antiisraelische Propagandahetze. Herr Pfr. i.R. Helbig stützt sich ja auf unglaublich gute Quellen. Und so unparteiische – eine ansonsten reichlich positive Rezension in der New York Times stellt fest:

“Die Herren des Landes” ist überaus detailliert. Trotzdem hätte es von einem größeren Zusammenhang und breiterer Diskussion profitiert. Es gibt eine Verteidigung, die hier nicht zu finden ist. Sind z.B. die Siedlungen die unausweichliche Folge des Zionismus oder eine Abweichung, die durch die besonderen Umstände von 1967 entstand? Oder etwas von beidem? Israel war damals weit entfernt von der heutigen Militärmacht. Es kämpfte einen Krieg um sein Überleben, in dem der Sieg nicht sichergestellt war: Massengräber wurden in öffentlichen Parks vorbereitet; Hotels wurden in Erste-Hilfe-Stationen verwandelt. Der Triumphalismus nach 1967 hatte tragische Konsequenzen gehabt, aber das war vermutlich ebenfalls unausweichlich. Jeder von Feinden umzingelte Staat sucht nach strategischer Tiefe.

Ebenfalls sehr fragwürdig ist, insbesondere, wenn man die linken Ansichten der Autoren bedenkt, dass die Palästinenser in ihrem Buch kaum vorkommen, außer als passive Opfer von habgierigen zionistischen Siedlern und expansionistischen israelischen Regierungen. Den Palästinensern ist großes Unrecht getan worden, aber sie haben auch die Chance zu wählen gehabt und nur zu oft schlecht gewählt. Abgesehen vom Landraub, wurde der Sicherheitszaun nach einer Flut von Selbstmord-Bombenanschlägen gebaut und verhindert weitere Anschläge. Als Yassir Arafat im Jahr 2000 Ehud Baraks Angebot in Camp David ablehnte, schlug er aus, was vermutlich die größte Chance einer Eigenstaatlichkeit von Wert war.

Ein Grundproblem solcher Leute: Sie nehmen nur die tatsächlichen, vor allem aber eingebildeten Untaten Israels, völlig losgelöst von jedem Zusammenhang und prügeln auf den jüdischen Staat ein. Mit einer Selbstgerechtigkeit, die ihresgleichen sucht, werden Auslassungen betrieben, die eine Verblendung offenbaren, die kaum zu übertreffen ist.

Herr Pfr. i.R. Helbig übernimmt unkritisch, was ihm Zertal und Eldar sowie Pappe liefern. In der ganzen, langen Litanei wird von ihm nicht einmal hinterfragt, was die linken Pappnasen ihm da liefern. Es findet lediglich eine undifferenzierte Hetze gegen alles statt, was Israel ist, sich aber nicht historisch belegen lässt, sondern von den Dokumenten der Vergangenheit widerlegt wird. Ben Gurion wird zum extremistischen Fanatiker gestempelt, aus dem arabischen Vernichtungskrieg gegen die Juden wird ein zionistischer Eroberungskrieg, die Ablehnung des UNO-Teilungsplans und damit seine Unwirksamkeit wird nicht erwähnt.

Herr Pfr. i.R. Helbig findet, dass eine von der Kirche festgelegte Haltung, keine Kritik an Israel üben zu dürfen, für die Zeit bis 1967 in Ordnung ist, danach nicht mehr. Welchen Unterschied macht es, vorher nicht kritisieren zu dürfen, jetzt aber um so heftiger zu geifern? Die Fortsetzung des „Landraubes“ seit 1967. Aha, „Landraub“ vor 1967 war in Ordnung, wegen des Holocaust. Wenn das keine ausgewogene Einstellung ist!

Herr Pfr. i.R. Helbig „muss hinnehmen“, dass seine arabischen Gesprächspartner sich von ihm verraten und verkauft fühlen, weil er findet, dass sie nicht vor die „Grenzen“ von 1967 zurück können. Das ist er den Opfern der Überlebenden der Shoa schuldig. Aha; dass die Araber das nicht akzeptieren, kann er wohl ertragen. Ihr Wunsch nach kompletter Vernichtung des jüdischen Staates ficht ihn nicht an, er ist ja anderer Meinung. Dass die „Meinung“ seiner arabischen Gesprächspartner kompromisslos ist und sich nicht ändern wird, ist ihm egal (wenn er es denn überhaupt begreift). Dass Israel sich auch nach 1967 in einem Überlebenskampf gegen unerbittliche Feinde mit absolutem Vernichtungswillen befindet und sich keine Niederlage leisten kann, wird er wohl abstreiten. Das passt nicht in sein Bild vom landräuberischen Judenstaat. Genauso wenig, wie er akzeptieren wird, dass der Rückzug aus dem Sinai, der aus dem Libanon, der aus dem Gazastreifen und der Teilrückzug aus dem nördlichen Samaria zeigen, dass Israel nicht Landräuber ist, sondern existenzgefährdende Kompromisse zu machen bereit war (Olmert & Co. wollen ja sogar immer noch weiter machen, obwohl es ausschließlich schlechte Erfahrungen hierzu gibt). Der Tonfall und die Argumentation der „Landräuber Israel“-Hetzer hat sich nach dem Abzug aus dem Gazastreifen nicht geändert. Das heißt, dass sie in ihrem blinden Hass absolut nichts zu lernen bereit sind.

Es lässt sich nicht genau erkennen, welche der Spiegelstrich-Absätze nun vom Herrn Pfr. i.R. selbst stammen und welche von Zertal/Eldar. Ist das Absicht? Damit er abstreiten kann, wenn man ihm vorwirft, was er da für einen verlogenen Mist fabriziert und auf die linken Schmierfinken verweisen kann, deren Machwerk er dargestellt hat?

Und so macht er dann die Juden für den Hass auf die Juden verantwortlich. Zugegebenermaßen vordergründig eine kleine Gruppe von Juden, eine Art Rat der Weisen von Zion, die sich im Westjordanland auf die Bergspitzen festgesetzt und damit den Staat Israel übernommen haben. Eine Gruppe Juden, die uns mit ihrer Existenz alle bedroht, weil sie der Al-Qaida den Nährboden liefert. Dass die Al-Qaida den arabisch-israelischen Konflikt nur als Nebenthema betrachtet und ihn als Marginalie am Rande des Kampfes gegen die USA einordnet – was macht das schon? Dass Al-Qaida aus der Gegnerschaft zu US-Streitkräften auf der Arabischen Halbinsel gegründet wurde – egal. Irgendwie muss man sich seine Argumentationsstränge zusammenschustern, damit das antiisraelische Bild zusammenfügt. Die Puzzleteile werden zurechtgeschnitten und die Lücken zugekleistert. Fertig.

Der Widerling hat „Verständnis“ für Juden mordende Palästinenser. So, wie er dieses äußert, muss davon ausgegangen werden, dass er das Morden als gerechtfertigt ansieht. In den beiden langen Seiten seines Einspruchs gegen den Staat Israel fällt nicht ein kritisches Wort zu den Terroristen, kein kritisches Wort über die arabischen Antisemiten, die nicht erst seit 1948 die Juden vernichten wollen, nein: Ausschließlich Israel ist das Übel und ihm wird nur ein Existenzrecht zugesprochen, weil Hitlerdeutschland den Holocaust am jüdischen Volk verübt hat. Wenigstens hier ist er konsequent: Die Araber müssen nach seiner Meinung ausbaden, was die Deutschen verbrochen haben. Was für ein Täter-Opfer-Verständnis soll das eigentlich sein? Übler kann man Antisemiten wie Ahmadinedschad keine Munition liefern.

Ein solcher Hassprediger darf also im offiziellen Vereinsblatt der evangelischen Pfarrer Bayerns unwidersprochen seine Gülle ablassen. Das spricht nicht unbedingt für die Macher des Blattes oder den Verein, der es publiziert. Anscheinend sollte man die einmal intensiv auf seine Einstellungen hin untersuchen. Es gebe immer wieder Leute, die „extrem ausrasten“, meint der „verantwortliche Schriftleiter“ des Blattes. Soll das rechtfertigen, dass er diesen Hetztext zum Abdruck genehmigt hat? Rechtfertigt das, dass erst in der nächsten Ausgabe „Antworten“ auf Pfr. i.R. Helbigs Text erscheinen werden?

Was hier passiert ist, gleicht dem in den üblichen antisemitischen Hetzschriften abgedruckten Verleumdungs-Geschreibsel. Wer das vor Abdruck bei der Redaktion nicht gemerkt haben will, der lügt. Die Redaktion ist um keinen Deut besser als der Schreiber selbst. Aber sie können besser versuchen, sich aus dem Eklat herauszuziehen. Das sollte man ihnen genauso wenig durchgehen lassen, wie Herrn Pfr. i.R. Helbig seine exkrementalen Entgleisungen.

Nachtrag: Der Dummbeutel der Woche, der Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Bescheuertheit, geht an Ruhestandpfarrer Dieter Helbig für seinen Artikel im offiziellen Organ des bayerischen Pfarrvereins und dessen presserechtlich verantwortlichen Redakteur Dekan Martin Ost.

Henryk M. Broder hat natürlich eine kräftigere Formulierung für den Herrn Pfr. i.R. gewählt. Und sich dafür entschuldigt (aber nicht beim Pfarrer).

3 Gedanken zu “Hass-Prediger im Talar

  1. Ja, Typen wie dieser Helbig die ersetzen jedes Brechmittel. Schon diese selbstgerechte Attitüde ist zum kotzen. Das ganze trieft nur so vor lauter „Gerade ich als Deutscher, der ich aus dem Holocaust gelernt habe“-Logik. Helbig und Seinesgleichen missbrauchen ihr angebliches „Lernen“ aus der Shoa um sich eine moralische Autorität zu verleihen, die sie nicht haben.

    Verständnis haben diese Typen immer dann, wenn Juden (oder auch Amis) abgeschlachtet werden. Wenn demnächst aber einer öffentlich sagt, „Helbig, Du bist eine Antisemit“ dann werden ob dieser grausamen, menschenunwürdigen Verfolgung selbstmitleidige Krokodilstränen geheult.

  2. Welche Einstellung Idith Zertal hat, kann man am besten bei Daniel Mermet hören – und der hätte sie nicht interviewt, wenn es nicht gegen die Juden und Israel ginge. Ich habe in den Text nur reingehört und bin sofort auf die Stelle gestoßen, wo sie erklärt, zuviel Gedenken führe zur Amnesie, zum Gedächtnisschwund.

    Über Ilan Pappé, das Gewissen Israels …

  3. Prof. Idith Zertal hat übrigens seit ungefähr zwei Jahren eine Gastprofessur an der Uni Basel inne – ausgerechnet am Institut für Jüdische Studien.

    http://jewishstudies.unibas.ch/institut/personen/profil/portrait/person/zertal/

    Ihre Vorlesung mit dem Titel „History of Israel and Palestine“ war unerträglich ideologisch, aber dass sie mit Aussagen wie „Israel is a racist state“ bei der Studentenschaft auf Begeisterung gestossen ist, überrascht nicht weiter.

    Trotz wiederholtem Anraten anderer Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern, ihre Wortwahl bezüglich Israel ein bisschen zu überdenken, weil der linke Diskurs Israels in der Schweiz doch ein bisschen anders aufgefasst wird, war sie nicht der Meinung, dass daran etwas ändernswert sein könnte …

    Leider scheint es ihr in Basel sehr gut zu gefallen, weshalb sie ihren ursprünglich für ein halbes Jahr geplanter Gastauftritt weiter und weiter verlängert.

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