Zwiespältige WELT

DIE WELT gilt weithin als konservative Tageszeitung. Im Vergleich mit anderen Blätter ist sie das sicherlich auch. Und manchmal erscheint sie sogar recht mutig – macht aber dann dieses Bild auch direkt wieder kaputt.

Den verhältnismäßigen Mut zeigt die WELT z.B. im Abdruck eines CNN-Interviews (einen Tag später folgt die Berliner Morgenpost) mit Sarah Palin, in dem diese einige der Lieblings-Verleumdungen ihrer Gegner auseinander nimmt. Andererseits wird dieses Interview mit einer Überschrift versehen, die die Frau schlecht machen soll und dem Leser den gegenteiligen Eindruck dessen vermittelt, wofür Palin steht.

Die Palin-Negativliste führt die Zeitung dann in ihrem Online-Auftritt gleich selbst ein, indem sie „weiterführende Links zum Thema“ als Kasten in den Text einfügt; dieser enthält zehn Überschriften (verlinkte Artikel) mindestens neunmal Aussagen über Frau Palin, die diese nicht gut aussehen lassen; die einzige, wo das anders ist, kann auch als Angriff auf sie gesehen werden: „Sarah Palin zeigt John McCain ihre Krallen“ – das ist ja wohl mangelhaft loyal gegenüber ihrem „Chef“.

In der rechten Spalte finden sich ein Quiz nach dem anderen. Natürlich auch welche zum Thema. Und so wird gefragt: „Kennen Sie Sarah Palin? Die Frau, die ins Weiße Haus will“ und US-Wahlkampf. Wie gut kennen Sie John McCain“. Sarah Palin will ins Weiße Haus? Ich dachte, die ist „nur“ Vizepräsidentschafts-Kandidatin? McCain will ins Weiße Haus. Seltsam.

„Mutig“ ist wieder, dass im Bereich WELT ONLINE DEBATTE mit Daniel Pipes einer der meist verleumdeten Kolumnisten der USA zu Wort kommen darf. Jedenfalls dann, wenn es der Redaktion gefällt. Denn einige der knackigsten, interessantesten und informativsten Kolumnen des Mannes aus Philadelphia kommen nicht vor – die jüngste, die Barack Obama nicht gut aussehen lässt, auch nicht.

Am 24. Oktober kommt Ralph Giordano zu Wort und fordert „Stoppt die Großmoscheen in Deutschland“. Der Text wird von einer ausgewogeneren Auswahl an „weiterführenden Links“ zum Thema begleitet (von denen mindestens einer aber auch von Giordano stammt). Dazu gibt es eine Umfrage: „Hat gelungene Integration etwas mit der Religion zu tun?“ Die Leser haben eine mehr als klare Meinung, die sich offenbar nicht mit dem Kasten von den als Gegenpol eingefügten (?) wunderschönen Fotos deutscher Moscheen widerspiegelt. Diese Leser nehmen insgesamt weit klarer Stellung als die Zeitung selbst. Das zeigt sich bei Giordanos Text auch in den Kommentaren; dort hat ein Umay erst einmal losgekotzt – er bekommt (meist) sachliche Prügel für seinen Blödsinn und seine Falschaussage zu Christen und Kirchen in der Türkei. Und das lässt etwas vermuten:

Es erscheint so, als würden die Redakteure nicht ganz hinter dem stehen, was in ihrem Blatt geschrieben und auf den Internetseiten eingestellt wird, sondern nur die Leserschaft bedienen, die sie über die Überschriften und Neben-Angebote umerziehen wollen, wie beim Palin- und das McCain-Quiz. Letzteres wird eingeleitet mit: John McCain – die Bilder seiner Kriegsgefangenschaft gingen um die Welt. Doch was wissen Sie noch über den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten? Testen Sie sich selbst. Ist es unverschämt, hier zu vermuten, dass „doch was wissen Sie…“ dem Leser sagen soll: Du weißt nicht wirklich und die Kriegsgefangenschaft ist kein Argument – als wenn sie je das einzige gewesen wäre. (Ich habe versucht das Palin-Quiz zu machen und bin im McCain-Quiz gelandet, wobei ich mir gleichzeitig das erste „falsch“ einhandelte, weil die Beantwortung der Frage, in welchem Krieg McCain Kriegsgefangener war, mir die Belehrung einbrachte, dass Sarah Palin Gouverneurin von Alaska ist. Als dann als nächstes die Frage kam welchen Beruf die Eltern McCains ausübten, habe ich das Quiz abgebrochen.) Wo ist das Obama-Quiz? Oder muss man diesen Kandidaten nicht besser kennenlernen? Und was ist mit seinem „Vize“, Joe Biden? Na ja, vielleicht zu gefährlich, interessierte Leser könnten auf die Idee kommen despektierliche Fragen zu stellen.

Zurück zu den Kommentaren der Leser: Bei Sarah Palins Interview frohlockt einer, dass endlich die Wahrheit über die Verleumdung des Amtsmissbrauchs ans Licht kommt. Weitere Pro-Palin/McCain-Kommentare folgen, aber auch Sinnfreies findet seinen Weg (“… und der Irak hat Massenvernichtungswaffen. Das ist alles so schmutzig!“ – was soll denn damit gesagt werden?). Die Leser machen also wohl aus, was inhaltlich in der WELT steht. Bis auf eines: Obamas Fragwürdigkeiten werden ausgeklammert. Kritisches zu McCain/Palin – so weit hergeholt oder unsinnig auch immer – wird gerne geschrieben oder übernommen. Die Obama-Probleme werden nirgendwo thematisiert. Eine Google-Suche mit dem Stichwort „Obama“ für die Seiten der WELT ergibt nicht einen Link zu etwas Kritischem. Dafür steht ein Link dort zu „Gemäßigte Republikaner entdecken ihre Liebe zu Obama“ (merke: Republikaner sind gemeinhin Extremisten) – die Hillary Clinton-Frauen, die gegen Obama sind, hat es dort vielleicht nie gegeben, jedenfalls führt die Suchmaschine nichts in dieser Richtung (vielleicht muss man erst die 465 weiteren Artikel durchforsten und Monate zurück gehen?).

Ein Link-Kasten zu „Wen die Hollywood-Stars wählen würden“ fördert „McCain-Helferin erfindet Angriff eines Schwarzen“ – was konservative Journalisten/Blogger wie Michelle Malkin schon bei der Meldung des angeblichen Angriffs vermuteten. Gibt es Artikel, die die reichlich vorhandenen Fälle falscher, selbst zugefügter Hass-Verbrechen gegen Linke berichten? Gibt es Artikel, die die wirklichen An- und Übergriffe gegen Anhänger von McCain/Palin weiter geben (jüngste Beispiele hier, hier und hier)?

Dafür wird die künstliche Aufregung um den von der Partei bezahlten neuen Kleiderschrank-Inhalt Palins intensiv durch’s Blatt gejagt, als würden damit Steuergelder verschwendet (dabei behält sie sie nicht einmal, sondern sie werden mit größter Wahrscheinlichkeit nach der Wahl mit Gewinn versteigert und der Erlös einer wohltätigen Sache gespendet!) – während die SpendenBetrügereien und die WählerregistrierungsFälschungen durch Obamas Team (Google-Suche) und ihm nahe stehende Organisationen kein Thema sind.

Ist das das Fazit, das wir ziehen müssen? Die „Springer-Presse“ als nur noch vorgeblich konservative Zeitung(en), die ihren Lesern zwar noch teilweise das geben, was die wissen wollen, sie aber versuchen umzuerziehen, indem sie ihnen Stimmung machende Schlagzeilen ins linke Propaganda-Lager liefern und teilweise Informationen vorenthalten? Indem sie nur vordergründig Kritisch-Konservatives bieten, mit linkem Mainstream-Denken und Parolen versetzen, damit das heraus kommt und vom Leser möglichst bald gedacht, was alle anderen auch in der veröffentlichten Meinung propagieren?