Gute Lehrer sind…

solche, bei denen die Schüler gar nicht merken, dass ihnen etwas beigebracht wird.

Sechs von zehn ist nicht schlecht, oder?

Eine Klasse apathischer Schülerinnen begreift den Irrtum des moralischen Relativismus

Rabbi Yonason Goldon, Jewish World Review, 6. November 2008

Lehrer können mit ihrer ersten Stelle nicht wählerisch sein. Und so landeten meine Frau und ich im ungarischen Budapest.

Natürlich kamen wir mit zahllosen Geschichten und Anekdoten zurück, von denen viele amüsant, erstaunlich oder buchstäblich unglaublich sind, wenn man sie anderen erzählt. Trotzdem sticht aus einem Jahr, das angefüllt war mit Kulturschock, Frust, Hochstimmung, inspirierenden Erfolgen und die Seele zerreißenden Fehlschlägen eine 40-minütige Unterrichtsstunde stark aus dem Rest hervor.

Es handelte sich noch nicht einmal um meine Klasse. Ich vertrat eine Frau und übernahm eine Klasse, über die sie sich seit dem ersten Schultag beschwerte: ein Dutzend Zehntklässlerinnen, von denen jede einzelne dem Judentum, Bildung und dem Leben überhaupt nicht nur gleichgültig, sondern offen feindselig gegenüber stand. Darüber hinaus sprachen sie fast kein Englisch und hatten wenig Interesse am Lernen.

Ich betrat das Klassenzimmer zu einem allgemeinen Gesichtsverziehen. Ganz links saß Dora, die einzige der Truppe, die passables Englisch sprach. Ihr Freund, sagte sie, machte eine Ausbildung zum Rabbi. Dora wusste alles.

Mitten in der Klasse saß Andrea: frech, arrogant, kokett, die ihre Einstellung zum Triefen ausstrahlte. Ihr Blick warnte mich, ich solle sie nur ja nichts lehren wollen.

Ich warf einen Blick in den Halbkreis verlorener Seelen und fragte mich, welche Chancen ich wohl hätte ihnen irgendetwas zu vermitteln. Aber ich hatte meinen Angriff bereits geplant. Ich drehte mich ohne ein Wort gesagt zu haben um und schrieb auf die Tafel: „Stehlen ist in Ordnung, so lange niemand dabei verletzt wird.“

Es dauerte etwa fünf Minuten, bis jede im Raum verstand, was ich geschrieben hatte. Nachdem die Sprachbarriere schließlich gebrochen war, fragte ich die Klasse: „Stimmt ihr dieser Äußerung zu oder nicht?“

Ich war nicht sicher, was ich erwarten sollte. Überraschenderweise war es Andrea, die die Führung übernahm. „Nein“, sagte sie voller Überzeugung. „Es ist falsch.“
„Warum?“, fragte ich.
Ihre Antwort überraschte und erfreute mich: „Es steht in den Zehn Geboten.“
“Oh“, sagte ich mit großen Augen. „Du glaubst an die Zehn Gebote?“
“Natürlich“, sagte sich ohne zu zögern.
An alle?“, fragte ich.
Diesmal zögerte sie. „Nein“, sagte sie schließlich. „Nicht an alle.“
“An welche glaubt ihr?“

Es stellte sich heraus, dass die Klasse nur zwei der zehn nennen konnte, also schrieb ich die Liste auf die Tafel. „Okay“, sagte ich den Mädchen, die trotz ihrer Haltung jetzt engagiert dabei waren. „Welchen stimmt ihr zu?“

Nach einigem Hin und Her kam die Klasse zu einem Konsens von sechsen der zehn: die Verbote der Götzenanbetung, des Mordes, Diebstahls, Ehebruchs, falsches Zeugnis zu reden und dem Gebot seine Eltern zu ehren. Ich machte große Haken links von jedem, das sie auswählten.

„Mit diesen sechsen seid ihr einverstanden?“, fragte ich und alle nickten. „Die seid ihr bereit einzuhalten?“ Sie nickten wieder. „Und die anderen?“, fragte ich. Jede schüttelte mit gleicher Gewissheit den Kopf.

„Nun denn“, sagte ich und drehte mich zur Tafel um. „Wenn ihr diese sechs aussucht, dann werde ich mir diese sechs aussuchen.“ Ohne jeden Sinn hakte ich rechts neben den Geboten eine andere Auswahl von sechsen ab. „Das sind die Gebote, die ich einzuhalten bereit bin.“

Genauso gut hätte ich eine Bombe zünden können. Fast jedes Mädchen im Raum begann zu schreien, als hätte ich die schlimmste Form der Ketzerei begangen.

„Was regt ihr euch so auf?“, fragte ich so unschuldig wie möglich. „Ihr habt sechs ausgesucht, die ihr einhalten wollt. Warum kann ich nicht sechs aussuchen, die ich befolgen will?“

Wieder war es Andrea, die protestierte. „Aber Sie sind ein Rabbi!“

„Das verstehe ich nicht“, antwortete ich. „Müssen nur Rabbiner die Zehn Gebote einhalten?“

Sie wirkte einen Augenblick lang verwirrt, dann gewann sie wieder die Fassung. „Ja“, sagte sie überzeugt.

„Warum?“

Diesmal blieb der verwirrte Ausdruck länger, bevor sie die Taktik wechselte. „Aber sehen Sie, welche in Ihrer Liste fehlen. Was ist mit dem Sabbath? Was ist mit Mord?“ Sie wurde recht emotional und mit ihr der Rest der Klasse.

„Ihr habt eure sechs ausgesucht“, sagte ich ruhig. „Ich suche mir meine sechs aus.“

So ging es ein paar Mal hin und her; die Mädchen bestanden darauf, dass sie mit ihre sechs Gebote völlig zu recht ausgewählt hätten, während meine Wahl von sechs Geboten irgendwie ein Verrat an allem war, das heilig ist. Sie schienen es persönlich zu nehmen, dass ich es ablehnte alle zehn Gebote anzuerkennen und sie regten sich immer mehr auf, als ich freundlich lächelte und immer wiederholte, dass, wenn sie das Recht auf hätten auszusuchen, welche Gebote sie einhielten, ich ebenfalls das Recht hätte mir meine auszusuchen.

„Wie ist denn jetzt die Antwort?“, forderte Dora schließlich.

„Was war denn die Frage?“, fragte ich höflich. Sie sah mich an, als würde sie gleich explodieren. Als das Mädchen neben ihr buchstäblich die Fingernägeln in den Tisch bohrte, gab ich schließlich ein wenig nach. „Ihr seid frei euch eure eigenen Regeln zu machen“, erklärte ich. „Aber wenn ihr das macht, dann habt ihr nicht das Recht mit einem anderen zu streiten, dessen Regeln zu euren in Widerspruch stehen.“

Es klingelte. „Danke, meine Damen“, sagte ich. „Es war ein Vergnügen euch etwas beizubringen.“

„Moment mal!“, schrie Dora. „Sie haben uns gar nichts beigebracht.“

Ich lächelte beim Rausgehen. Natürlich hatte ich ihnen etwas beigebracht. Ich hatte ihnen ihre erste Lektion über den Irrtum des moralischen Relativismus gegeben, wenn auch der Begriff noch nicht populär geworden war. Wäre es zu viel verlangt zu hoffen, dass eine von ihnen vielleicht eines Tages schätzen würde, was ich sie gelehrt hatte?

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