Lügen haben kurze Waffenstillstands-Beine

Barry Rubin, IsraPundit, 21. Dezember 2008

Wer verstehen kann, warum die Hamas ihren Waffenstillstand mit Israel beendet, kann die Politik des Nahen Ostens verstehen. Wer das nicht kann, kann es nicht.

Von einem westlich-moderaten, pragmatischen Standpunkt aus macht die Entscheidung der Hamas aus mehreren Gründen keinen Sinn:

– Die Hamas kann Israel militärisch nicht besiegen. Daher wird der Kampf die strategische Lage der Hamas weder verbessern noch den Sieg bringen.

– Israelische Gegenangriffe werden sowohl Verletzungen und materiellen Schaden im Gazastreifen anrichten, als auch dem Gebiet und den Untertanen der Hamas große Kosten aufbürden.

– Die Rückkehr zum Krieg wird sicher stellen, dass die Hamas politisch isoliert bleibt und internationale Anerkennung und Hilfe weiter blockiert werden, die ihr in ihrer Sache helfen und die Sanktionen gegen den Gazastreifen beenden könnten.

Der erste besteht darin, dass sie den Waffenstillstand beenden, während George W. Bush noch Präsident ist. Natürlich fühlt Israel sich jetzt feier gegen die Hamas zurückzuschlagen, als nach der Amtseinführung von Barack Obama, einfach deshalb, weil die neue Administration eine Krise würde vermeiden wollen, bevor sie ihre Pläne und ihr Team eingerichtet hat. Außerdem würden die Vereinigten Staaten vermutlich eine Ruhe bevorzugen, während sie beginnen sich aus dem Irak zurückzuziehen.

Zum zweiten wird die Waffenruhe am Vorabend einer wichtigen palästinensischen Krise ausgesetzt: PA-Chef Mahmud Abbas kündigt eine Selbstverlängerung seiner Amtszeit an. Man könnte meinen, die Hamas würde es vorziehen die Israel-Front eine Weile ruhig zu halten, um sich auf die Bekämpfung der Fatah und der PA zu konzentrieren.

Schließlich gibt es noch Israels Wahlkampf. Das macht zwar einen groß angelegten israelischen Gegenschlag nicht unvermeidbar, aber ein solcher Zug würde die gegenwärtige Regierung bei den Wählern beliebter machen.

Daher könnte ein Beobachter von außen einfach zu dem Schluss kommen, dass das Verhalten der Hamas „dumm“ ist. Aber nach dem Aufbau einer Massenbewegung, einer nicht unbeträchtlichen Armee, der Übernahme des Gazastreifens und dem Aufbau breiter Unterstützung in der arabischen und muslimischen Welt mag die Hamas aus nach Völkermord strebenden Fanatiker zusammengesetzt sein, aber nicht aus Dummköpfen. Was erklärt dann ihr offensichtlich dummes Verhalten?

Hier ist eine Fallstudie, wie Politik im Nahen Osten wirklich funktioniert:

  • Die Hamas glaubt wirklich an ihre eigene Propaganda, sie erwartet trotz aller Widrigkeiten. Kosten und Verluste sind irrelevant. Die Schlacht wird weiter gehen bis zum Sieg, selbst wenn das Jahrzehnte dauert. Das zeigt, dass die Hamas nicht moderater wird – dasselbe gilt für die Hisbollah, Syrien und den Iran.
  • Gleichzeitig ist die Hamas dem Wohlergehen der eigenen Leute gegenüber nicht gleichgültig; Fakt ist, dass sie versucht sie leiden zu lassen – als politische Strategie. Je schlechter es den Palästinensern geht, glaubt die Hamas, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie kämpfen und sterben werden. Dieses „Je schlechter die Dinge liegen, desto besser sind sie“ ist genau das Gegenteil der westlichen Perspektive.

Aber die Hamas geht noch weiter. Sie weiß, dass das Leiden auf Israel geschoben werden kann. Westliche Pragmatiker erklären: Die Palästinenser müssen offensichtlich Frieden, Wohlstand und Eigenstaatlichkeit den Vorzug geben. Das Ablehnungsverhalten muss deshalb wegen der Verzweiflung und dem Fehlen eines guten Angebots und guten Willens im Westen vorhanden sein. Tatsache ist also, dass die Lage nicht wegen unserer Fehler so ist, sondern weil sie es gezielt so wollen.

So kann die Hamas gut zu dem Schluss kommen, dass der beste Weg, Israel unter Druck zu setzen und – zumindest nach ihrem Denken – Hilfe aus dem Westen zu bekommen, radikaler zu sein, nicht moderater.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Die als führende Zeitung Amerikas angesehene Zeitung berichtete kürzlich, dass beide Seiten den Waffenstillstand verletzen: Die Hamas feuert Raketen auf Israel; Israel übt Vergeltung, indem es die Grenzen schließt. Nach dieser Definition erlaubt die Tatsache, dass die Hamas und ihre Verbündeten Rakten auf israelische Zivilisten feuern, keinerlei Antwort Israels, sei sie nun militärisch oder anders. Das ist die Art Denken, das die Hamas fördern will.

Dann erwartet die Hamas auch, dass durch die Auslösung einer Krise Friedensschützer angezogen werden wie (ich war versucht hier das Wort „Fliegen“ oder die Redensart „Motten das Licht“ zu verwenden, verwarf das aber) hart arbeitende Ameisen anziehen, die Pressekonferenzen geben, auf denen sie darauf bestehen, dass „etwas getan werden muss, um die Krise zu entschärfen“. Dieses „etwas“ scheint gewöhnlich aus einseitigen israelischen Zugeständnissen zu bestehen. Kurz gesagt: Die internationale Gemeinschaft soll losstürmen um die Hamas oder die Palästinenser vor sich selbst zu retten.

Gleichzeitig glaubt aber die Hamas, dass ihre Unnachgiebigkeit und Aggressivität die Unterstützung in der arabischen und muslimischen Welt verstärken wird. Wie bei der Hisbollah macht einen Krieg zu führen und ihn als Sieg darzustellen – auch wenn die Fakten etwas anderes sagen – einen zum Helden und zieht Gelder an. Das ist auch ein Urteil zu palästinensischen Antworten. Es kann mehr öffentliche Unterstützung, indem man Märtyrer schafft, als durch die Schaffung höherer Lebensstandards. So wird die Hamas in ihrer Rivalität mit der PA besser fahren, wenn sie Israel bekämpft, als wenn sie die Armut bekämpft.

Ich sage nicht, dass diese Strategie voll aufgehen wird, aber sie hat in Teilen Erfolg. Wenn man glaubt, dass kurzfristig alles egal ist und man die Gottheit auf seiner Seite hat, dann sieht die Realität ziemlich anders aus. Zusätzlich bringt Macho-Militanz im Nahen Osten Popularität, innenpolitisch wie international. Das letzte Vierteljahrhunderts hat auch gezeigt, dass das westliche Mitgefühl manipuliert werden kann, indem man die Gewalt verstärkt und Lösungen des Konflikts auf eine Weise blockiert, die Israel angehängt werden wird.

Dennoch ist diese Weltsicht auch illusorisch. Das eigene Volk verarmen zu lassen und die Infrastruktur zu zerstören, über die man herrscht, macht solche Gruppen eher schwächer als stärker, besonders wenn Israel sich auf materiellen Gewinn konzentriert. Die Geduld des Westens mit den Palästinensern hat nachgelassen; die arabischen Staaten sind nicht so eifrig mit der Hilfe. Eine Strategie, die von Selbstmord-Bombern abhängig ist, ist letztlich selbstmörderisch.

Auch ist Ironie, was den Westen angeht, dass Islamisten nicht mit dem davon kommen können, was sich arabische Nationalisten leisten. Zu viele westliche Intellektuelle, Journalisten, Linke und sogar Politiker mögen sich von revolutionärer Romantik mitreißen und Yassir Arafat nur als hässliche Version von Che Guevara sehen lassen. Weit weniger betrachten radikale Islamisten als heldenhafte Befreier.

Die Quintessenz ist: Die Hamas wird isoliert und schwächer zurückbleiben, als sie es sein könnte, wenn sie die Dinge ruhig halten, ihren Griff auf den Gazastreifen konsolidieren, ihre Armeen und Unterstützungsbasis weiter aufbauen und mehr Geduld haben würde.

Aber die Hamas wird auch überleben, ideologisch unverfälscht, in der Lage Kriegsgeschrei darüber auszustoßen, dass sie Israel von der Landkarte wischen wird und vergiftet mit dem Glauben sie folge göttlichem Willen. Das reicht der Hamas-Führung und ihrer Gefolgschaft.