Der Jud’ ist Schuld – wahrscheinlich auch an den Knallchargen?

Die Redaktion der Hannover-Zeitung meint über den Holocaust zum Besten geben zu müssen: Aber dieses Verbrechen wurde vor 60 Jahren begangen und es ist langsam an der Zeit den Toten ihre Ruhe zu gönnen. Und das im Zusammenhang mit dem unsäglichen Pius-Bruder Williamson, der verkündet, die Gaskammern hätte es nicht gegeben und die Nazis hätten gerade mal 200.000 bis 300.000 Juden umgebracht.

Weil der Zentralrat der Juden in Deutschland deswegen die Kontakte zum Vatikan einfriert und überhaupt ständig bei Holocaust-Leugnung protestiert wird, schüren die Juden den Antisemitismus. Und überhaupt: Weil keiner Juden kennt, könne es keinen wirklichen Antisemitismus geben. Nun, bei den amerikanischen Südstaatlern konnte sich kaum einer Sklaven leisten, aber trotzdem waren die Südstaatler mehrheitlich rassistisch. Die neuen Bundesländer hatten einen extrem geringen Anteil an Ausländern, aber trotzdem waren sie zumindest die 1990-er Jahre über führend in der Ausländerfeindlichkeit.

Die Argumentation der Hannover-Zeitung stinkt zum Himmel. Und wenn dann noch nachgeschoben wird: Es ist traurig aber zu verstehen, das die Überlebenden des Holocaust nicht vergeben können, dann fehlen mir die Worte. Ich habe Holocaust-Überlebende kennengelernt; diese haben alle kein Problem mit dem Vergeben gehabt – jedenfalls den einfachen Menschen, 08/15-Deutschen. Und den nachgewachsenen Generationen haben sie überhaupt nichts vorzuwerfen. Aber sie reagieren sehr sensibel auf aktuellen Antisemitismus und Leute, die vielleicht selbst keine Antisemiten sind, aber diesen Vorschub leisten – auch und geraden, wenn solche Schmierfinken wie der Redaktion in Hannover ein derartiger Müll aus der Feder geht. Sie verlangen von uns, dass wir uns verantwortlich verhalten, damit das nicht wieder um sich greifen kann.

Deshalb ist Erinnerung notwendig. Deshalb ist Mahnung notwendig. Deshalb sind Aufklärung und Kampf gegen Irrsinn notwendig. Gerade gegen solche Irren wie die von der Hannover-Zeitung, die mit ihrer Haltung warnende Juden verleumden, den Opfern des Hasses die Verantwortung dafür zuschieben und den Holocaust verdrängen wollen. „Nie wieder!“ heißt dann: Schlussstrich im Sinne von Abschaffen und Wegwischen. Aber nicht im Sinne von: „Keinen neuen!“

Nein, der Holocaust ist nicht nur Geschichte. Er darf nie wieder passieren. Aber die Hannover-Zeitung ist offenbar der Meinung, dass man dafür nichts tun kann außer drüber zu schweigen und Juden Vorwürfe zu machen. Man arbeitet an etwas anderem: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie vergeben.“ Jawoll!

Die Redaktion wehrt sich gegen Vorwürfe. Sie sagt auf der Seite nicht, gegen welche. Ich mache ihnen einen: Sie geben mit solchen Texten Antisemiten Auftrieb, denn die sind ja ohnehin immer schon meinen, dass die Juden den Hass selbst verursacht haben und dieser somit nicht nur zurecht besteht, sondern auch richtig ist. Herzlichen Glückwunsch!

Glückwunsch auch an einen großen Teil der Kommentatoren dieses Meisterwerks. Deutschland erwacht. Wunderbar. Die Knallchargen melden sich immer mit geistigem Unrat zu Wort, wenn eine andere Knallcharge geistigen Unrat absondert.