Wahlkampf und kein Ende

Offiziell ist der Wahlkampf in Israel natürlich noch nicht zu Ende. Aber „Schutzmaßnahmen“ fangen an zu greifen; so dürfen Umfragen zum Beispiel nicht mehr veröffentlicht werden, damit die Leute nicht davon beeinflusst werden – schließlich könnten diese Umfragen auch tendenziös sein (kennen wir ja überhaupt nicht!!!!).

In den letzten Tagen hatte es eine etwas überraschende Tendenz gegeben: Zwar liegt der Likud immer noch vorne, aber der Vorsprung vor Kadima und der Arbeitspartei ist beträchtlich geschmolzen. Dafür haben viele der Befragten angegeben, sie wollten die Partei von Avigdor Lieberman, Yisrael Beteinu, wählen, die als „rechts“ eingestuft wird. Sie gehört definitiv ins konservative Lager. Lieberman hat mit Aussagen auf sich aufmerksam gemacht, durch die viele Israelis ihn als prinzipientreu und standfester als alle anderen Parteiführer wahrnehmen. Sie scheinen sich zu erhoffen, dass er als Regierungsmitglied dafür sorgt, dass inakzeptable „Friedens“-Abenteuer nicht in Frage kommen. Sie trauen ihm das eher zu als Netanyahu, weil „Bibi“ schon einmal Ministerpräsident war und sich damals auch Druck von außen beugte, obwohl abzusehen war, wie das endet. Die Wahl ist wieder interessant geworden.

Das Ende des Wahlkampfes ist immer interessant, denn da versuchen manche Parteien, besonders, wenn sie in der Regierung sind, gerne einen Überraschungs-Coup, um noch einmal so richtig zu punkten und Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Schließlich gibt es immer eine große Zahl Unentschlossener, die sich dann spontan entscheiden, doch noch wählen zu gehen. Einen solchen Coup befürchtet die Organisation der Angehörigen von Terroropfern, Almagor, angesichts von Äußerungen des Verteidigungsministers Ehud Barak, Berichten aus der Türkei und arabischen Staaten sowie eines viel beachteten Treffens von Olmert, Livni und Barak am Samstagabend. Es könnte sein, dass die Regierung einen haarsträubenden Handel mit den Terroristen abschließt, um Gilad Shalit pünktlich zur Wahl frei zu bekommen. Sollte das geschehen, warnt Almagor, dann werden sich die Familien der Terroropfer mit Fotos ihrer ermordeten Familienangehörigen und Listen mit der Mörder sowie Fotos der 180 von frei gelassenen Terroristen ermordeten Terroropfern vor den Wahllokalen postieren.

Ich habe keine Ahnung, ob das in Israel als unzulässige Wahlkampf-Werbung gelten könnte. Aber es wäre einen Versuch wert eine hinterhältige und schändliche Last-Minute-Aktion der Regierung zu kontern, sollte sie tatsächlich stattfinden. So sehr ich Gilad Shalit wünsche, dass er endlich frei kommt (sollte er noch am Leben sein!) und so sehr die meisten Israelis bereit sind einen hohen und überaus gefährlichen Preis dafür zu zahlen: Daraus eine Wahlkampf-Aktion zu machen, wäre einfach zu viel.